E-Book, Deutsch, 190 Seiten
Berger Unter dem Schleier des Nullmeridians
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-99130-756-3
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 190 Seiten
ISBN: 978-3-99130-756-3
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Berger ist 1968 in Oberösterreich geboren und mit katholischem Hintergrund aufgewachsen. Er besuchte ein Jesuiten-Kollegium und maturierte im Jahre 1986, bevor er seine medizinische Laufbahn einschlug. 1992 wurde er Doktor der Medizin, anschließend Facharzt für Allgemeinmedizin und Orthopädie im Jahre 2002 und schließlich Dozent für Orthopädie im Jahre 2007. Christian Berger lebt mittlerweile in Klosterneuburg bei Wien, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. In seiner Freizeit geht er sportlichen Aktivitäten nach und hat eine Leidenschaft für Oldtimer, Geschichte, Kochen und Handwerken. Nach 'La Patera. Das weiße Fell der Ziege' ist dies bereits die zweite Veröffentlichung des Autors im novum Verlag.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 3
Das Bauwerk
Konstantinopel (41° 1’ N, 28° 58’ O)
im Jahre 532 n. Chr.
Petrus Sabbatius war zum wiederholten Male in seiner Regentschaft als oströmischer Kaiser Justinian I. mit ernsten Problemen konfrontiert. Seit der Rückkehr von Hypathius, dem Neffen des kinderlosen Kaisers Anastasius, brodelte es in der Stadt. Justinian residierte im „Palatium Magnum“, dem Großpalast, direkt neben dem Hippodrom der Stadt. Der Großpalast war seit Theodosius II. Sitz der byzantinischen Kaiser und lag auf sechs Terrassen, die das Gefälle zum Marmarameer überbrückten. Das Hippodrom von Konstantinopel war unter Lucius Septimus Severus Pertinax im Jahre 203 n. Chr. nach dem Vorbild des Circus Maximus in Rom erbaut worden. Es erstreckte sich 430 Meter von Südwest nach Nordost und hatte eine Breite von 120 Metern. Das Bauwerk lag zwischen der Seemauer am Sophienhafen und dem Areal, das Justinian für den Bau der neuen Basilika vorgesehen hatte. Justinian hatte schon in den Jahren zuvor alle Häuser schleifen lassen und sich dadurch den Zorn der dort beheimateten Zirkusparteien zugezogen. Justinian schob die Gedanken an die Unruhen beiseite. „Vorerst sind es nur kleine Scharmützel in den Straßen, die Excubitoren werden dem aufsässigen Treiben bald ein Ende bereiten“, dachte der Kaiser. Seine wahre Passion sollte in wenigen Augenblicken erstmals das Licht der Welt erblicken. Er hatte die Architekten Isidor von Milet und Anthemios von Tralleis damit beauftragt, eine Basilika zu entwerfen, die ihresgleichen in der Welt suchte. Aus bescheidenen Verhältnissen in Tauressium stammend war er unter der Ägide seines Onkels Kaiser Justins I. rasch die Karriereleiter der Armee aufgestiegen und nach seiner Ernennung zum Magister militum im Jahre 520, seit nunmehr fünf Jahren alleiniger Herrscher über das Oströmische Reich. Als Soldatenkaiser wusste er um die Notwendigkeit, sich der Loyalität des Heeres zu versichern. Wie Konstantin der Große, der in Byzanz 20 seine imperialen Träume verwirklichte, würde auch er, Justinian, durch dieses Bauwerk der Menschheit ein Zeichen seiner Größe hinterlassen.
Isidor und Anthemios hasteten die Stiegen zur Residenz des Kaisers empor. Nach Monaten der Planung und unzähligen Berechnungen war das Bauwerk in seinen Grundzügen fertig.
„Seid vorsichtig mit dem Entwurf!“, schrie Isidor. Vier Sklaven hatten die Aufgabe, das aus Balsaholz gefertigte Modell der neuen Basilika zu tragen. Am Ende der Treppe angelangt, öffnete ein Diener den beiden Architekten die pompöse Eichentür und wies ihnen den Weg ins kaiserliche Tabulinum.
„Ah, endlich, meine Basilika“, sagte Justinian. „Tretet näher, meine Herren, und platziert das Modell auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes.“ Isidor und Anthemios befahlen den Sklaven, das Modell abzulegen und sich daraufhin zu entfernen. Justinian ging auf das Modell zu und kraulte seinen Bart. Er war sichtlich beeindruckt von der schieren Größe und einmaligen Konstruktion. „Sind die Relationen maßstabsgetreu?“, fragte der Kaiser. „Sehr wohl, Caesar. Alles ist so, wie Ihr es gewünscht habt“, antwortete Isidor. „Und das Problem mit der Kuppel?“ „Haben wir durch den Einbau von Pendentifen 21 gelöst“, antwortete Anthemois. „Die Kuppel wird größer und höher als diejenige im Pantheon in Rom“, fuhr Isidor voller Stolz fort. „Sie wird den Naos komplett überdachen.“ „Ich hoffe, Ihr habt Eure Kalkulationen auf der Basis des byzantinischen Fußes 22 durchgeführt. Ihr wisst, welch großes Anliegen mir diese Tatsache ist“, sagte Justinian mit ernster Miene. „Alles wurde so berechnet, wie Ihr es vorgesehen habt, Caesar“, antwortete Isidor.
„Ich werde die Basilika der göttlichen Weisheit widmen. Dieser Entwurf übertrifft die von Anicia Juliana gestiftete Polyeuktoskirche in allen Dimensionen“, sagte Justinian mit einem Hauch von Überheblichkeit. Isidor und Anthemois waren erleichtert, dass ihr Modell den hohen Ansprüchen des Kaisers gerecht wurde. Justinian war gerade in die Ausführungen der beiden Architekten über Grundriss und geometrische Eigenheiten der Konstruktion vertieft, als sich unvermittelt die Tür des Tabulinums öffnete und ein Leibgardist mit den Worten „Theodora Augusta“ das Kommen der Kaiserin ankündigte. Bereits kurz nach seiner Machtübernahme hatte Justinian seiner Frau den Titel Augusta, Mitkaiserin, verliehen. Theodora war so schön wie am ersten Tag, als sie ihn im Hippodrom in ihren Bann gezogen hatte. Mit einem Schmunzeln erinnerte sich Justinian an den Tag, als er seinen Onkel Justin und dessen Frau Euphemia über seine Absicht informiert hatte, eine Schauspielerin zur Frau zu nehmen. Euphemia war bestürzt über das Vorhaben ihres Neffen gewesen. „Du weißt, dass diese Frauen immer eine Vorgeschichte haben. Gerüchtehalber soll sie sich in Ägypten und den östlichen Provinzen herumgetrieben haben. Wer weiß, mit wem sie dort verkehrt hat.“ „Ich bin mir dieser Tatsache wohl bewusst, werte Tante, doch das Faktum einer niederen Geburt sollte einer Vereinigung nicht im Wege stehen.“ „Wenn Du mit dieser Äußerung auf die Tatsache anspielst, dass meine Mutter eine versklavte Barbarin war, so muss ich Dich mit aller Vehemenz darauf hinweisen, dass ich mein ganzes Leben in den Dienst des Reiches gestellt und nicht ein Dasein als Herumtreiberin geführt habe. Selbst der Bischof in Rom steht in permanentem Kontakt mit mir. Sei gewarnt Justinian, ich werde mich dieser Verbindung, solange ich lebe, entgegenstellen. Was meinst Du Justin?“, fragte Euphemia den Kaiser. „Wie es scheint, bist Du in Rechtssachen nicht gut informiert, Neffe. Als Senator des Reiches ist es dir untersagt, eine Schauspielerin zu ehelichen“, antwortete Justin. „Wir werden sehen“, mit diesen Worten hatte Justinian die Unterhaltung beendet. Tatsächlich hatte er die Liebe seines Lebens erst nach dem Tod von Euphemia und einer Gesetzesänderung heiraten können. Doch nun stand sie in voller Blüte vor ihm.
„Wo befindet sich das Gynäkeion, das du mir versprochen hast?“, fragte Theodora ihren Ehemann. Dieser blickte zu Isidor, woraufhin der Architekt die Kuppel des Modells entfernte und mit einem kleinen hölzernen Stab auf die Galerie an der rechten Seite des Narthrex wies. „Hier, meine Kaiserin, es wird Platz für 100 Frauen bieten.“ „Und wird das Dach der Kuppel mit purem Gold bedeckt sein, auf dass man schon aus der Ferne die Größe des Imperiums zu erkennen vermag?“, fragte Theodora fordernd. „Wir haben die Kalkulationen hinsichtlich der Traglast des Gewölbes so durchgeführt, dass wir auch diesem Wunsch der Augusta entsprechen können“, antwortete Anthemios mit besonnener Stimme. Justinian blickte zufrieden in Richtung der beiden Architekten und küsste seine Frau auf die Wange. „Wie Du siehst, sind sie nicht umsonst die besten Mathematiker und Ingenieure unserer Zeit. Ihr dürft Euch entfernen, aber lasst das Modell hier“, befahl der Kaiser den Architekten.
„Wie gedenkst Du, die Kosten für die Basilika aufzubringen?“, fragte Theodora, nachdem Isidor und Anthemois das Tabulinum verlassen hatten. „Ich habe Narses angewiesen, die Steuern in den Provinzen verdoppeln zu lassen. Die letzten Ernten waren gut und der Süden Iberiens hat sich unseren Truppen ergeben. Ich denke, die Finanzierung sollte kein Problem darstellen.“ „Was sagte der Senat dazu?“ „Ich bin es leid, dem ermüdendem Geschwafel alter ausgetrockneter Männer zu lauschen“, entgegnete Justitian genervt. „Und Hypathius?“ Theodora warf ihrem Mann einen fragenden Blick zu. „Wie du selbst weißt, ist Hypathius noch nie ein großer Feldherr, geschweige denn ein gewiefter Stratege gewesen. Alle militärischen Unternehmungen unter seinem Kommando sind gescheitert. Die Excubitoren sind in Alarmbereitschaft. Sie werden sich um das Problem kümmern.“
Justinian sollte sich irren.
Flavius Hypathius traf sich in der Abgeschiedenheit seiner Villa jenseits des Goldenen Horns mit Anführern der Zirkusparteien. Seit den Zeiten der großen Caesaren übten die Zirkusparteien große Macht im Römischen Reich aus. Von den ursprünglich vier Parteien, den Roten, den Grünen, den Blauen und den Weißen, waren im Verlauf der Jahrhunderte nur zwei übrig geblieben. Die Weißen hatten sich mit den Roten verbrüdert und die Grünen „Venetoi“ mit den Blauen. Schon Marcus Aurelius hatte seinem Sohn Lucius Commodus an seinem Sterbebett den Rat: „Bevorzuge keine der Parteien“ mitgegeben. Die Zirkusparteien 23 waren über die Jahrhunderte ein bestimmender Machtfaktor im römischen Staatsgefüge.
Hypathius hielt vor den versammelten Anführern der Parteien eine flammende Rede: „Habt Ihr den Kaiser in den letzten Monaten im Hippodrom gesehen?“ Die Anführer senkten verneinend ihre Köpfe. „Jeder Statthalter hat gemäß dem Gesetz die Verpflichtung, sich in der Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen zu zeigen und die Stimmung des Volkes zu spüren. Justinian regiert zunehmend autokratisch. Wollt Ihr das einfach so hinnehmen?“ „Nein“, antworteten die Anführer der Parteien unisono. „Und hat er nicht durch die Steuererhöhung den Unmut seiner Untertanen auf sich gezogen und Eure Häuser vernichtet?“ Durch ein einträchtiges Nicken bestätigten die Anwesenden seine Behauptung.
„Wiegelt das Volk auf, untergrabt seine Autorität bei den...




