Berger Paul Beers Beweis
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7099-3648-1
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7099-3648-1
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Clemens Berger, geboren 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, studierte Philosophie in Wien, wo er als freier Schriftsteller lebt. Zahlreiche Literaturpreise und Stipendien, u.a. das Österreichische Staatsstipendium für Literatur. Zuletzt erschien 'Ein Versprechen von Gegenwart' (2013).
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Wie es sich verhielt, würde das Essen rechtzeitig fertig. Im Topf auf dem Gasherd köchelten seit einiger Zeit Gemüse und Tafelspitz samt Knochen. Ursula Steiner saß an einem kleinen runden Tisch in ihrer Küche und schälte Champignons zu einem Hörspiel im Radio. »Das Geheimnis von Meditation und Yoga. Der Weg zum Ich beim Champignonschälen.« Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
Wie Fäden sich verknüpften. Anfangs war ein hagerer Mann in unregelmäßigen Abständen vor ihren Regalen gestanden, daß sie befürchten mußte, sein Genick versteife sich beim Entziffern der Buchrücken. Zeit schien er zu haben, unendlich viel Zeit. Er nahm ein Buch aus einem der hohen Regale, rückte sich einen Holzschemel zurecht und begann zu lesen, während Ursula Steiner hinter ihrem Tisch Bilanzen erstellte oder Figuren beim Wort nahm. Der Mann, der immer öfter kam und immer länger blieb, hielt sein Buch in der auf dem Schenkel ruhenden Hand und blätterte mit der anderen. Bisweilen blickte er auf, starrte das Regal an, strich sich fahrig übers schüttere Haar und murmelte, den Finger der einen Hand als Lesezeichen, das Gesicht in die andere gestützt »Genau! Ganz genau!« und schien seinen Worten nachzusehen, bis er wieder verschwand. Verschwand? fragte sich die Antiquarin, nachdem er jedesmal zumindest ein Buch mitnahm. Langsam ließ sich ein Bild zeichnen, abwägend und sorgfältig die Konturen. Allmählich setzte es Fleisch an.
Und dann, einmal, die Antiquarin hatte gesehen, wonach er gegriffen hatte, als der Mann etwas heftiger »Genau!« murmelte, sagte sie: »Man mag vieles gegen den Menschen einwenden. Aber daß er sich hinsetzt und mit einem Mal im siebzehnten Jahrhundert ist, läßt zumindest hoffen.« Er hatte sich umgedreht und mit weit ausgestreckten Armen geantwortet: »Erst der erlösten Menschheit fällt ihr gesamtes Erbe zu.« Als er einige Tage später wieder eintrat, ließ sie ihn erst gar nicht an die Regale. »Trotzdem rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser und erst recht kein Generalsekretär.« Beer hatte sich an den Kopf gegriffen, bevor er die Arme erhob. »Sagen wir: Erst der sich erlösenden.«
»Darunter würde ich meinen Namen setzen.«
Sie sitzend, er stehend, sie lachten, draußen war es kalt, es schneite. Und er schien etwas ungeschickt.
»Der übrigens Steiner ist, Ursula.«
»Ich bin Paul Beer«, sagte er und wollte schon in den Literaturbezirk.
»Bin oder heiße?«
»Bin, ich bin Paul Beer.« Er wandte sich ihr zu und führte den Zeigefinger an den Mund. »Meine Eltern haben mich nach jenem Bekehrten benannt. Manchmal suche ich den Weg zurück zum Saulus.«
»Sie wollen ein Verfolger sein?«
»Ich will nur nicht all die Zeit vor der Bekehrung wettmachen müssen. Diese Überkompensation, schrecklich.«
»Wer hat aus den Wolken gerufen?«
»Marx? Der Kommunismus?«
»Sie ließen sich rufen?«
»Ich war drei Tage blind, dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.«
»Was?«
»Daß ich nur einmal lebe.«
»Wer ließ Sie von der Stadtmauer?«
»Ich weiß nicht, ob ich schon unten bin.«
Es war das erste und letzte Mal, daß Paul Beer der Antiquarin, nicht versteckt hinter Vermutungen oder Zitaten, von seiner Geschichte erzählte. Was in der Ordnung war, wie sie dachte, oder gegen sie, in einer verkehrten Zeit. Einst hatten sie geschrien, gerade das Private sei das Öffentliche. Heute, da die Kaufgewohnheiten mit dem vernetzt wurden, was die Festplatten über eine gespeichert hatten, galt es zumindest ein kleines Eigenes vor der schamlosen Aufmerksamkeit zu retten, die einmal Dienst am Kunden, ein andermal größtmögliche Sicherheit verhieß. Es war grotesk. Vor anderthalb Wochen hatte die Antiquarin zwei Neuerscheinungen über den größten Anbieter im Netz bestellt, der kein Porto extra verrechnete. Die Bücher kamen rasch, unversehrt, vom Konto wurde nicht mehr genommen als abgemacht. Als sie die Seite wieder besuchte, wurde sie herzlich begrüßt. »Guten Tag, Ursula Steiner (wenn Sie nicht Ursula Steiner sind, klicken Sie hier), hier geht es zu Ihrem persönlichen Angebot.« Zuoberst hatte man ihr –Lenin angeboten.
Lange annähernde Gespräche mit Paul Beer folgten. Über Schreibende und ihre Bücher; über Gedankengebäude und wie es sich heute darin leben lasse; über die Passage, in deren Dunkel man lebe; über Menschliches und wieviel davon unveränderlich sei. Bis Ursula Steiner mit den Sätzen begann. Von da an wurde es spannend. Von gleich zu gleich sprechen hieß, den anderen kritisieren; andernfalls sie auf zwei Sesseln nebeneinander die Hände im Genick verschränken, die Füße auf den Tisch legen und einander zunickend schweigen könnten. Zwar wäre das wunderbar, Ekstase des Schweigens, wo der Blick allein sich orientiert, die aufgeblätterten Seiten des anderen, in denen zu lesen gleich einfach wie abwechslungsreich ist. Allein die Zeiten, die waren nicht so. Vielleicht war auch sie nicht so. Über diese aber sprach sie oft und gerne mit Beer.
Und doch schien ihr, als ob er durch seine Einfühlung hindurch, die sie schätzte und derentwegen sie sich gern mit ihm unterhielt, das Erfühlte zu wenig gegen das Licht hielt. Er verstand. Er erklärte, und er verstand. Da war etwas Wegwerfendes in diesem Verstehen, ein Vonobenherab, das den Elefanten in der Ebene als Maus erscheinen ließ. Über der Sache zu stehen hieß ja nichts anderes, als nicht in ihr zu sein. Alles verstehen, und diesen Satz unterschrieb sie ebenfalls, hieß alles entschuldigen. Und jetzt, als sie das Radio abdrehte, weil schlechte Musik ein mäßiges Hörspiel ablöste, legte sie die köstlichen Pilzköpfe auf einen Teller, von dem jener hagere, auf dem Holzschemel vor den Regalen in Büchern blätternde Mann einen nach dem anderen auf seinen eigenen laden würde. »Ausgezeichnet«, würde er sagen.
Sie waren ausgezeichnet, die Pilzköpfe. Und wenn das Fleisch zu Wort würde, und das Wort unter den Menschen lebte – die Verhältnisse würden umgeworfen. Wenn nicht die Bombe fiel.
»Vielleicht«, sagte Paul Beer, als er beschwingt in den Vorraum einer Altbauwohnung in Wien-Neubau trat und, an seinem Kragen nestelnd, ein in Packpapier gewickeltes Buch aus seiner Tasche nahm, »vielleicht kann man auch einer Antiquarin ein Geschenk machen.«
Ursula Steiner und Paul Beer standen einander etwas verlegen gegenüber. Gekleidet, wie man es voneinander gewohnt war. Doch hatte ihr langes schwarzes Haar mit seinen grauen Strähnen ein paar Bürstenstriche mehr erfahren. Sein Gesicht war um eine Spur glatter, es duftete schon im Vorraum, das weiße Hemd steckte etwas sorgfältiger in der beigen Hose. Gleichzeitig streckten sie ihre Rechten aus und reichten einander erstmals die Hände. Lächelnd übergab Beer der Antiquarin sein Päckchen, gleichzeitig wollte er die Schuhe abstreifen, was untersagt wurde, und Steiner bat ihn weiterzukommen.
Das Wohnzimmer ähnelte seinen Vorstellungen. Tagelang hatte er sich auszumalen versucht, wie die Antiquarin lebe. Sich vorzustellen, wie andere lebten, was hinter diesen Mauern, hinter jenen Türen geschehen mochte, war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Ein hoher Raum, mattweiß gestrichen; die gesamte linke Wand, mit Ausnahme einer Tür, die offen stand und in die Küche führte, war von Regalen eingenommen, auf denen Bilder vor manchen Büchern ihre Verfasserinnen und Verfasser verrieten; eine schön gearbeitete Holzstiege auf Rädern ließ sie zu den oberen Reihen gelangen; an die gegenüberliegende Wand, die mit Bildern behangen war, war ein gedeckter Holztisch gerückt; drei große Fenster an der hinteren Wand gingen auf die Straße, vor ihnen, gruppiert um einen runden Glastisch, wartete eine abgewetzte dunkelbraune Ledergarnitur; in einer Ecke erspähte Beer eine Stereoanlage; in einer anderen einen geflochtenen Korb, in dem Zeitschriften aufbewahrt wurden.
Paul Beer ging schnurstracks an die Fenster, blickte hinaus, lobte die Stukkaturen am Haus gegenüber, die Helle des Zimmers, die ruhige Lage, drehte sich um und blieb vor einem Bild stehen, das die Antiquarin vor Jahren einer unbekannten Malerin abgekauft hatte. Auf dem Nachhauseweg war sie zufällig in eine Vernissage geraten, von dem Bild angezogen worden, sie hatte es haben müssen. Zwei schrecklich lachende, naiv gezeichnete blasse Mädchen mit bunten Schleifen im Haar sprangen auf einer weißen Puppe herum, deren Hände ebenso ausgerissen waren wie ihre Beine. Im Hintergrund strich, einen angebissenen Arm im Maul, dunkelblau glitzernd ein Fuchs um einen Hühnerstall.
»Was sieht der Kunstkritiker?«
»Den Eimer, den man in der Kindheit übergestülpt bekommt, und dessen Inhalt einem ein Leben lang herunterrinnt.«
»Sie sprechen aus eigener Erfahrung?«
»Nein, ich war ein glücklicher Paul.«
»Ich glaube Ihnen kein Wort.«
»Sollten Sie aber.«
»Den Rest dürfen Sie nachher besichtigen. Ich bin hungrig.«
Paul Beer nahm Platz und sah sich entzückt um. Er pries noch einmal die Wohnung, die Einrichtung, die Farben, das Rundherum und kam aus dem Loben gar nicht mehr heraus.
»Riecht vorzüglich.«
»Nicht ausgezeichnet?«
Die Antiquarin grinste bedeutungsvoll, als müßte er wissen, was sie damit meinte.
»Auch, auf jeden Fall.«
Vielleicht war das richtig, vielleicht falsch.
»Einen Moment.«
Die Antiquarin verschwand durch die geöffnete Seitentür, und Beer dachte an jenen vorgestellten und erzählten Tisch, an dem Marianne und Josef Kelemen...




