E-Book, Deutsch, Band 219, 64 Seiten
Reihe: Lore-Roman
Berger Lore-Roman 219
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8891-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Diese Augen lügen nicht
E-Book, Deutsch, Band 219, 64 Seiten
Reihe: Lore-Roman
ISBN: 978-3-7517-8891-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maren kämpft allein: Ihr kleiner Bruder Peter ist schwer krank, die Medikamente kosten ein Vermögen. Um ihn zu versorgen, arbeitet sie nachts in der Bar 'Halali'. Dort begegnet sie Karl Gustav Baron von Strehlen - einem älteren, zurückhaltenden Mann, der ihre Würde erkennt und ihr ein neues Leben anbietet. Auf seinem Gut findet Peter Erholung, und Maren erlebt zum ersten Mal seit Langem Sicherheit, Geborgenheit - und eine stille Liebe. Sie heiratet den Baron. Doch das Glück ist nicht von Dauer: Peter verstirbt, und auch bald danach muss sich Maren von dem Baron verabschieden, der nach einer OP nicht mehr aus der Narkose aufwacht. Die junge Witwe steht wieder allein da. Als eine Freundin sie in ein verschneites Berghotel einlädt, ahnt sie nicht, wem sie dort begegnen wird: Harro von Strehlen, dem Neffen ihres verstorbenen Mannes, der junge Mann, dem sie das Erbe gestohlen hat ...
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Diese Augen lügen nicht
Ein ungewöhnlicher Schicksalsroman
Von Eva Burger
Maren kämpft allein: Ihr kleiner Bruder Peter ist schwer krank, die Medikamente kosten ein Vermögen. Um ihn zu versorgen, arbeitet sie nachts in der Bar »Halali«. Dort begegnet sie Karl Gustav Baron von Strehlen – einem älteren, zurückhaltenden Mann, der ihre Würde erkennt und ihr ein neues Leben anbietet.
Auf seinem Gut findet Peter Erholung, und Maren erlebt zum ersten Mal seit Langem Sicherheit, Geborgenheit – und eine stille Liebe. Sie heiratet den Baron. Doch das Glück ist nicht von Dauer: Peter verstirbt, und auch bald danach muss sich Maren von dem Baron verabschieden, der nach einer OP nicht mehr aus der Narkose aufwacht. Die junge Witwe steht wieder allein da. Als eine Freundin sie in ein verschneites Berghotel einlädt, ahnt sie nicht, wem sie dort begegnen wird: Harro von Strehlen, dem Neffen ihres verstorbenen Mannes, der junge Mann, dem sie das Erbe gestohlen hat ...
Maren schlich auf Zehenspitzen an das Bett ihres Bruders und beugte sich zu ihm hinab. Er schlief! Tiefe, ruhige Atemzüge verrieten es ihr. Am liebsten hätte sie ihm über das immer etwas struppige, zerzauste Haar gestrichen, aber sie unterdrückte dieses Verlangen, denn sonst hätte sie den kleinen, tapferen Kerl vielleicht geweckt. So wandte sie sich müde um und verließ wieder auf Zehenspitzen den Raum.
Maren schlich auf Zehenspitzen an das Bett ihres Bruders und beugte sich zu ihm hinab. Er schlief! Tiefe, ruhige Atemzüge verrieten es ihr. Am liebsten hätte sie ihm über das immer etwas struppige, zerzauste Haar gestrichen, aber sie unterdrückte dieses Verlangen, denn sonst hätte sie den kleinen, tapferen Kerl vielleicht geweckt. So wandte sie sich müde um und verließ wieder auf Zehenspitzen den Raum.
Auf dem engen Flur atmete sie tief auf und warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Sie kam sich selbst immer so entsetzlich fremd vor, wenn sie abends zur Arbeit ging. Ihre nackten Schultern stießen sie ab, und ihre angemalten Lippen wirkten etwas aufdringlich. Maren presste sie unwillkürlich zusammen und hoffte, dass sie dadurch natürlicher wirkten. Dann seufzte sie und nahm den Mantel von der Garderobe. Sie setzte die Baskenmütze auf und verließ leise die Wohnung, um im nächsten Moment an der Nachbartür zu klingeln.
Frau Binder öffnete sofort, als habe sie bereits auf dieses Zeichen gewartet. Über das freundliche, gutmütige Altfrauengesicht glitt ein Lächeln.
»Ich dachte es mir doch gleich, dass Sie es sind, Fräulein Heidenbusch«, sagte sie. »Kommen Sie doch einen Augenblick herein.«
Maren schüttelte den Kopf. »Das kann ich leider nicht, Frau Binder. Ich muss los, sonst komme ich zu spät und verliere vielleicht sogar meine Arbeit. Das könnte ich mir nicht erlauben.«
»Ich weiß«, sagte Frau Binder.
»Ich wollte nur noch einmal an Peter erinnern. Jetzt schläft er zwar ruhig, aber man weiß ja nie, wie lange.«
Maren sah die Nachbarin mit ihren großen, ausdrucksvollen blauen Augen flehend an.
Die winkte beruhigend ab. »Aber ich sehe doch von Zeit zu Zeit nach Peter, Fräulein Heidenbusch, das wissen Sie doch. Außerdem ist Peter so verständig, dass man vernünftig mit ihm reden kann. Wir haben miteinander vereinbart, dass er an die Wand Klopfzeichen gibt, wenn er mich braucht.«
»Dann werden Sie unter Umständen ja wach, wenn Sie bereits im Bett liegen und schlafen!« Maren war ein bisschen erschrocken.
»Aber ich bitte Sie, das macht doch nichts. Eine alte Frau wie ich braucht nicht mehr so viel Schlaf. So wie ich Peter kenne, wird er ja auch nicht gleich klopfen, wenn er einmal wach wird. Aber es könnte ja sein, dass er sich schlecht fühlt und Medizin braucht, dann bin ich zur Stelle«, schloss sie.
Maren saß ein Schluchzen hinten im Hals.
»Sie sind so gut und hilfsbereit! Und ich kann Ihnen dafür nur ein ›Dankeschön‹ sagen«, gestand sie bekümmert.
»Darüber machen Sie sich nur keine Sorgen, Fräulein Heidenbusch. Wenn nicht mal wir uns gegenseitig helfen würden, wäre es schlecht um die Menschheit bestellt.«
»So denkt leider nicht jeder«, sagte Maren leise. Jetzt warf sie noch einen schnellen Blick auf ihre Armbanduhr. »Ich muss gehen. Auf Wiedersehen und vielen Dank! Den Schlüssel haben Sie ja«, vergewisserte sich Maren dann noch einmal.
»Aber ja, der hängt am Bord«, beruhigte Frau Binder sie.
Da huschte Maren fort. Die Nachbarin sah ihr sinnend nach und ging dann zu ihrem Mann ins Wohnzimmer.
***
Maren hatte inzwischen die Innenstadt erreicht. Der Name der Nachtbar stand mit leuchtenden Buchstaben über dem Eingang: »Halali-Bar«.
Maren seufzte. Sie nickte dem Portier zu und benutzte dann den Lieferanteneingang, wie es sich für die Angestellten der stadtbekannten und teuren Bar gehörte.
Sie hängte ihren Mantel in einem Hinterzimmer an die Garderobe und lächelte bitter. Ihr fiel immer wieder der Gegensatz zwischen dem exklusiven, schillernden Gastraum und dem winzigen Zimmer für die Angestellten auf, das wirklich schäbig war. Die Tapeten müssten längst erneuert und der Bezug der Stühle gewechselt werden. Aber dafür gab der Besitzer kein Geld aus.
»Guten Abend!« Ihre Kollegin Suzette kam. Suzette war immer gut gelaunt. Sie hielt es für ein großes Glück, hier in der ersten Bar am Platze arbeiten zu dürfen. Sie gab sich den Gästen gegenüber gern als Französin aus, obwohl sie mit Spreewasser getauft worden war.
»Guten Abend«, grüßte Maren.
Suzette lachte schon wieder wie ein Zwitschervogel. »Du machst ja schon wieder so ein ernstes Gesicht! Du musst dich unbedingt noch mehr schminken, sonst bekommst du Ärger mit dem Chef.«
Maren zuckte unwillkürlich heftig zusammen.
»Schäfchen, was hast du nur dagegen, deine Vorzüge ein bisschen mehr als gewöhnlich herauszustreichen? Und du hast Schönheit zu bieten.« Suzette seufzte. »Ich wollte, ich hätte deine herrlichen großen blauen Augen, dein seidiges Blondhaar und deinen pfirsichfarbenen Teint, ganz abgesehen von deiner Figur.«
Maren war verlegen und winkte ab.
Suzette lachte wieder. »Jetzt machst du wieder Augen, als wenn dir irgendein Kavalier ein Kompliment macht. Weißt du, zuerst habe ich gedacht, das sei deine Masche – das Blümchen Rühr-mich-nicht-an, weißt du. Aber allmählich glaube ich fast, das ist echt!«
Was hätte Maren darauf antworten sollen? Sie lächelte nur hilflos.
»Aber ich gebe dir einen guten Rat!« Jetzt flüsterte Suzette und beugte ihren Kopf vor. »Übertreibe deine Distanz nicht, der Umsatz leidet darunter, und dann wird der Alte stocksauer. Am fünfzehnten wird dann der Erste für dich sein.«
»Meinst du?«, murmelte Maren erschrocken. »Dabei gebe ich mir ehrlich Mühe, jeden Kunden freundlich zu bedienen.«
»Das genügt nicht, etwas entgegenkommender müssen wir schon sein. Himmel, du musst doch auch an deinen Verdienst denken. Verdient der Alte gut, ist es dein Schaden auch nicht, denn wir arbeiten schließlich auf Prozente.«
»Ich kann nicht zu jedem Mann zuvorkommend sein«, rang sich Maren ab.
»Ick schätze fast, det stimmt«, sagte Suzette plötzlich im echten berlinerischen Dialekt. »Aber der Chef hat dich eingestellt, weil du im Gegensatz zu uns ein anderer Typ bist. Er versprach sich garantiert dadurch eine Umsatzsteigerung. Wenn du ihn aber immer enttäuschst ... Versuche es noch mehr als sonst, schwer ist es doch nicht. Die Männer, die zu uns kommen, sind doch durchweg alle sehr nett, viele lustig, andere wollen sich bei uns aussprechen, für die sind wir halt so etwas wie Ersatzmütter. Nimm sie, wie sie sind, und du kommst bestimmt gut zurecht.«
Maren dachte an Peter, an seine teuren Medikamente und an die geplante Reise mit ihm. Sie wollte, sie könnte das Leben so leicht wie Suzette nehmen. Für die gab es sichtlich keine Probleme.
Und sie musste ihren Job behalten, so verzweifelt sie sich auch innerlich dagegen wehrte! Wie sollte sie sonst Peter gerecht werden? Wo konnte sie sonst noch so viel verdienen wie hier? Sie hatte ja schließlich keinen Beruf erlernt, und für eine ungelernte Arbeiterin wurden keine hohen Löhne gezahlt.
Suzette hängte ihren eleganten Pelzmantel an die schäbige Garderobe.
»Schick – nicht?«, sagte sie und strich liebevoll über das weiche Fell.
»Ja, sehr schön.«
»Sonst ziehe ich ihn ja nicht zur Arbeit an, aber heute erwarte ich den Herrn, der ihn mir geschenkt hat. Da muss ich das gute Stück tragen.«
»Du hast dir diesen Mantel schenken lassen?«, fragte Maren fassungslos.
Über Suzettes stark geschminktes Gesicht lief ein ärgerlicher Zug.
»Sollte ich abwehren, als er unbedingt für mich eine stattliche Summe ausspucken wollte?«
Maren senkte den Kopf. Suzette verstand sie nicht und würde sie niemals verstehen, das begriff sie in diesem Moment. Es...




