Berger | Die Wettesser | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Berger Die Wettesser

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7099-3675-7
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-7099-3675-7
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



ZUERST KOMMT DAS FRESSEN, DANN DIE MORAL. Der 4. Juli 2001 ist der Tag, der die Welt des Wettessens für immer umstürzt: Takeru Kobayashi, ein schmächtiger Japaner, stopft in 12 Minuten mehr Hot Dogs in sich hinein als je ein Mensch zuvor. Und demütigt damit seine amerikanischen Konkurrenten: Ed Krachie, ein weißer Automobilieningenieur, und Charles Hardy, ein schwarzer Besserungsoffizier, versinken in Selbstmitleid und Hass auf ihren japanischen Gegner. Als wäre das nicht genug, taucht dann auch noch Sandra mit ihrer veganen Clique beim Wettessen auf - und es kommt zu einem unausweichlichen Zusammenprall von Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten ... Mit großer Raffinesse und feinsinnigem Humor beleuchtet Clemens Berger die Normalität des Wahnsinns. Und liefert mit 'Die Wettesser' einen Roman, der an den Puls der Zeit fühlt, und sich äußerst unterhaltsam liest. 'Eine Parabel auf unsere Gesellschaft, die von Clemens Berger mit einer großen Portion Augenzwinkern und sprachlich ausgezeichnet erzählt wird!'

Clemens Berger, geboren 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, studierte Philosophie in Wien, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Zahlreiche Literaturpreise und Stipendien. Zuletzt erschienen 'Ein Versprechen von Gegenwart' (Luchterhand Literaturverlag 2013) und 'Paul Beers Beweis' (HAYMONtb 2015).
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4


Sandra war dreiundzwanzig. Sie haßte die Welt, wie sie war, und träumte von einer ganz anderen. Die ganz andere Welt, und deshalb saß sie mit ihren Freundinnen und Freunden zweimal wöchentlich beisammen, mußte mit der Befreiung der Tiere beginnen. Die Unschuldigsten, die Ausgebeutetsten, die Wehrlosesten, die von der Industrie gewinnbringend zu Nahrungsmitteln und Bekleidung verarbeitet wurden, hatten keine Stimme, keine Lobby, keine Rechte. Ein Urhuhn hatte zwei, drei Eier jährlich gelegt; seine hochgezüchteten Nachfahren mußten täglich Höchstleistungen erbringen. Männliche Küken wurden sofort ermordet und dem Futter für die weiblichen untergemischt. Die Hälfte der Geschlüpften. Warum sah das niemand? Warum hörte man den Aufschrei dagegen nicht? Daß man anderswo Hunde und Katzen fraß, erweckte Ekel; bei Hühnern und Rindern kam er nicht hoch. Verlogene Doppelmoral, gleichgültige Welt.

Dabei hatte schon Leonardo da Vinci gesagt, die Tötung eines Tieres werde dereinst genauso bewertet werden wie die eines Menschen. Franz Kafka war Vegetarier gewesen, der Sprintweltmeister Carl Lewis sogar Veganer, die Tennisspielerin Martina Navratilova Veganerin, Paul und Linda McCartney, Bob Dylan, Boy George, Danny de Vito, Lanny Kravitz, Kim Basinger lebten vegetarisch, Einstein, Buddha, Darwin, Gandhi, Thoreau, Newton, Pythagoras in der Ahnengalerie, wie viele andere noch. »Auch Hitler«, hatte Jeremy einmal gesagt. Sie waren ihm böse gewesen. Hitler sei, Andrew zufolge, nicht aus ethischen, sondern aus ernährungstechnischen Gründen Vegetarier gewesen. Wenn überhaupt. Wahrscheinlich habe Goebbels den Deutschen einen heldenhaften Asketen präsentieren wollen.

Wie in den Jahren zuvor waren sie am Vierten Juli nach Coney Island gefahren, wo sich die größten Dummköpfe der Welt versammelten, um Hot Dogs um die Wette zu fressen oder, was noch schlimmer war, dabei zuzusehen. »Du bist, was du ißt«, war auf einem ihrer Plakate gestanden, und darunter: »Ein Schwein«. Zwar hatte man sie böse angesehen und beschimpft. Aber es stimmte. Hunde waren das, nicht mehr und nicht weniger, allerdings entartete. Kein Hund fraß, bis er sich erbrach. Kein Hund fraß, um mehr als der andere zu fressen. Aber Hunde hatten auch keine Kultur. Wie viele Tiere, vollgepumpt mit Hormonen und Antibiotika, in abscheulichster Massenhaltung geschlachtet werden mußten, damit die größten Dummköpfe der Welt sie um die Wette verzehren konnten, war haarsträubend. Das eigentlich Himmelschreiende war, daß die noch größeren Dummköpfe dabei zusahen, klatschten, kreischten, jubelten, vor Ort oder auf dem Bildschirm zu Hause als selbstverständlich serviert bekamen, daß man Kadaver fraß. Daß nichts dabei sei. Das Morden in der Ordnung.

Sandra war mit Jeremy, Sophie und Andrew angereist. Im Auto waren sie wieder über die Frage aneinandergeraten, was man gegen die Fleischfresser tun könne. Eigentlich müßte man einen erschießen, hatte Jeremy gesagt, nachdem Andrew von Überzeugung und Aufklärung und fehlendem Problembewußtsein geschwafelt hatte, und dabei Sandra leicht in die Schulter gezwickt, als wollte er sagen: Was wird er jetzt antworten, unser Herr Umsichtig? Sandra hatte gehofft, Jeremy würde seine Hand noch länger auf ihrer Schulter lassen, Sophie hatte gelacht und Andrew geschwiegen, bis Jeremy nachgelegt hatte.

Eigentlich müßte man jeden Menschen erschießen, der jährlich mehr als eine bestimmte Menge Fleisch esse, und diese bestimmte Menge sei die Obergrenze für verblendete Dummheit, sozusagen ein Index der höchstzugelassenen Idiotie. Vielleicht sollte man sich nicht mit Menschen abgeben, hatte Andrew gesagt und auf die Fahrbahn gestarrt, die eine bedenkliche Nähe zum Faschismus hätten. Und Sandra hatte gesagt, ehe Jeremy auf Andrew losgehen und Sophie beide zu Idioten hatte erklären können, Andrew und Faschismus, das sei die lächerliche Hoffnung, den Faschisten gut zuzureden, doch bitte nicht so gemein zu sein. Dann war es lange still gewesen, bis Jeremy die Stöpsel seines Discmans in die Ohren gesteckt hatte. »Ist ja wahr«, hatte Andrew gesagt, und Sophie hatte gelacht.

Sandra studierte seit ein paar Semestern Recht und hatte den anderen die Situation auseinandergesetzt. Was zu tun sei, wenn man von privaten Sicherheitskräften angegriffen werde, welche Nummern zu wählen seien, um im Fall einer Festnahme einen engagierten Anwalt bereitgestellt zu bekommen, wie man sich auf der Wachstation zu verhalten habe. Im Vorhinein hatten sie Transparente bemalt und Flugblätter vervielfältigt. »Fleisch ist Mord. Du bist, was du ißt. Zehn Gründe für ein fleischloses Leben. Die Lügen der Todesindustrie. Der vergessene Holocaust. Werdet jetzt vegan.«

Das waren sie alle, Sandra und ihre Bekannten. Beinahe alle Menschen, mit denen sie zu tun hatten und die sie mochten, lebten vegan. Was das war, mußte man den Durchschnittsbürgern immer noch erklären, obwohl es schleichend besser wurde. In Großbritannien waren Lebensmittel längst als vegetarisch oder vegan gekennzeichnet, es gab entsprechende Reiseführer, immer mehr vegane und vegetarische Restaurants. Sie aßen nicht nur keine toten Tiere; sie nahmen überhaupt nichts Tierisches zu sich. Sie verwendeten auch keine tierischen Produkte. Kein Leder, keine Seide, keine an Lebewesen getesteten Kosmetika. »Auch keinen Honig?«, wurde sie dann regelmäßig gefragt. Natürlich nicht. Wo war da der Unterschied zu Milch? Das eine wurde wie das andere denen weggenommen, für die es da war. »Und du hast keine Mangelerscheinungen?«, wurde dann nachgehakt, »das kann ja nicht gesund sein, ich esse auch nicht viel Fleisch, aber Menschen sind nun mal Allesfresser.« Genau darauf wartete Sandra nur. Carnivoren, Omnivoren – alles Stumpfsinn, meistens Rechtfertigung, Gewissensberuhigung. Da setzte ihre Gegendarstellung an, Argument folgte auf Argument – mit Quellenangabe, wenn es jemand trotzdem nicht wahrhaben wollte. Nur blieben die Quellen kaum angezapft, obwohl alles längst an die Oberfläche drängte.

Anfangs war es nicht einfach gewesen, richtig vegan zu leben. Sie hatten den Sprung gemeinsam gewagt, nachdem alle vier jahrelang vegetarisch gelebt hatten. Sie hatten Bücher gelesen, Broschüren studiert, im Netz recherchiert und monatelang diskutiert. Natürlich hatten sie anfangs viele Fehler gemacht. Es war ja kein kleiner Schritt. Man mußte sehr genau hinsehen, jedes Produkt aufmerksam auf seine Zusammensetzung prüfen, wissen, daß Gelatine aus Rinderknochenmark hergestellt wurde, daß Sojalecithin schon, herkömmliches nicht vegan war. Dazu gab es eine Liste jener Konservierungsmittel, die tierische Elemente enthielten, ein kleiner Zettel, auf dem alle unreinen Emulgatoren vermerkt waren. Man konnte nur ausgewählte Toilettenartikel verwenden, um sicher zu sein, daß sie nicht in Horrorkabinetten an Tieren ausprobiert worden waren. Man mußte sich in Kleinstädten in jedem Lokal beschreiben lassen, was die Speisen enthielten, ob ein Ei zur Bindung verwendet, die Sauce mit Milch gemacht werde – hunderttausend Kleinigkeiten, die man den Leuten so schwer erklären konnte, die ihnen Entsetzen in die Gesichter zauberten, obwohl sie so einfach waren. Im Ausland war es ohnehin besser, selbst zu kochen oder einen Ratgeber zu befragen. Man mußte ein neues Leben beginnen. Ohne neues Leben keine neue Welt. Ohne neue Welt kein richtiges Leben.

»Wir sind gescheitert.« Jeremy trommelte die Finger gegen den Tisch. »Wir hätten uns die Transparente von diesen Arschlöchern nicht wegnehmen lassen dürfen.«

»Das ist gegen die Meinungsfreiheit«, sagte Sandra, »gegen das Recht auf Versammlungsfreiheit.«

»Das auf privatem Boden nicht gilt.« Andrew zog die Brauen hoch.

»Na und? Es gibt nur noch privaten Boden.«

»Ich sag ja nur. Wenn fünf Vertreter der Fleischindustrie in deine Wohnung stürmen, um gegen deinen Lebensstil zu protestieren, wirst du auch auf die Versammlungsfreiheit pfeifen.«

»Ist das nicht etwas anderes?« Jeremy schüttelte den Kopf.

»Wir müssen nur wissen, wie unsere Feinde denken.«

»Um so beschissen zu werden wie sie«, sagte Sophie.

»Um beim nächsten Mal besser gewappnet zu sein.«

Sandra lehnte sich zurück. Andrew hatte nicht unrecht. Nur ärgerte sie, daß er immer alles aus allen Perspektiven betrachtete. Solange der Bewerb auf Nathans Grund und Boden stattfand, konnten sie entfernt werden. Da half kein Schreien, kein Treten, die Stiernacken waren in jeder Hinsicht mehr. Sie müßten auf der Straße weiter protestieren, und auf der Straße bräuchten sie eine angemeldete und genehmigte Demonstration. So ging das nicht. So ging das alles nicht.

Was sie im Winter von ihren Freunden aus London gehört hatten, war deprimierend. Zwei Aktivisten der Animal Liberation Front waren auf dem Flughafen Stansted von Antiterrorkräften mit vorgehaltenen Sturmgewehren abgeführt worden. Nur weil sie Kapuzenpullover mit dem ALF-Schriftzug getragen hatten. Der ALF lastete man prinzipiell jeden Brandanschlag auf Großschlachthöfe, jeden zerstochenen Reifen eines Geflügeltransporters, jede eingeschlagene Metzgereischeibe mit zurückgelassenen »Werdet vegan!«-Flugblättern und natürlich jede aufgestoßene Tür, jeden aufgezwickten Käfig, jeden durchbrochenen Zaun zur Freiheit an.

Andererseits tat es gut, im Netz täglich von direkten Aktionen in aller Welt zu lesen, zu denen sich lokale ALF-Gruppen bekannten. »Hier lebt eine Mörderin«, an die Fassade...


Clemens Berger, geboren 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, studierte Philosophie in Wien, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Zahlreiche Literaturpreise und Stipendien. Zuletzt erschienen "Ein Versprechen von Gegenwart" (Luchterhand Literaturverlag 2013) und "Paul Beers Beweis" (HAYMONtb 2015).



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