E-Book, Deutsch, Band 2, 789 Seiten
Reihe: Das Siegel der Farnese
Berger Die Tochter des Papstes
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-878-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman - Das Siegel der Farnese 2 | Historienroman über die Dynastie von Papst Paul III.
E-Book, Deutsch, Band 2, 789 Seiten
Reihe: Das Siegel der Farnese
ISBN: 978-3-98690-878-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Frederik Berger (geboren 1945 in Bad Hersfeld) studierte Literatur- und Sozialwissenschaften und lebte einige Zeit im englischen Cambridge und in der Provence. Er arbeitete als Literaturwissenschaftler und Journalist, bevor er hauptberuflich Schriftsteller wurde. Neben Gegenwartsromanen, Sachbüchern und zahlreichen Aufsätzen verfasste er verschiedene historische Romane über den Glanz und die Schatten europäischer Adelsfamilien. Frederik Berger reist viel und ist begeisterter Fotograf. Er lebt mit seiner Frau in Schondorf am Ammersee. Die Website der des Autors: frederikberger.de Der Autor auf Instagram: instagram.com/fritzgesing/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine historische Romantrilogie »Das Siegel der Farnese« mit den Bänden »Die Geliebte des Papstes«, »Die Tochter des Papstes« und »Die Kurtisane des Papstes«. Außerdem erschienen seine opulenten historischen Romane »Die heimliche Päpstin«, »Die Provençalin«, »Der Gang nach Canossa«, »Die Schwestern der Venus«, »Die Madonna von Forlì« und »Der Botschafter des Kaisers«.
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Kapitel 1
Rom, Palazzo Farnese ~ 10. April 1513
Costanza Farnese genoß ihr Leben. Draußen grollte ein Gewitter, und heftiger Wind rüttelte an den Fensterläden, aber alles Rütteln und Grollen kümmerte sie nicht, nicht einmal ein plötzlicher, berstend-krachender Donner, dem ein lauter Kinderschrei ganz in der Nähe folgte.
In Rom herrschte seit der Wahl des neuen Papstes Leo X. aus dem Hause Medici eine ausgelassene Stimmung, die sich auch auf die Familie Farnese übertragen hatte. Costanzas Vater Alessandro, seit zwanzig Jahren Kardinal, war zwar selber nicht zum Pontifex maximus gewählt worden, hatte aber dem Freund der Familie die Tiara auf das Haupt setzen dürfen und erwartete, wie die meisten Römer, goldene Zeiten: locker sitzende Dukaten, Aufträge an die großen Künstler, Unterhaltung durch Prozessionen, Theater und Musik. Roma aeterna, schon durch die vergangenen Päpste aus dem Schlaf düsterer Jahrhunderte geweckt, entwickelte sich zum Zentrum der Welt und Ziel aller Pilger, und sie, die einzige Tochter und der Liebling ihres Vaters, wuchs hinein in den Glanz und die Pracht, in die Macht und Herrlichkeit der führenden römischen Familien.
In bester Stimmung tänzelte sie durch ihren Schlafraum und bewunderte sich in dem goldumrahmten Spiegel, der an der Wand lehnte. Stolz glitt ihr Blick über ihr neues, mit Lilienmustern besticktes azurblaues Seidenkleid, dessen purpurner Samtkragen ihren schlanken Hals streichelte und dessen Ausschnitt den Blick auf ihre sprossende Weiblichkeit lenkte. Sie sah wie eine Gräfin aus, und als solche wollte sie sich am morgigen großen Festtag präsentieren.
Eigentlich sollte sie ein Auge haben auf ihre beiden Brüder Paolo und Ranuccio, die im Waschzuber plantschten. Aber wozu gab es Kammerfrauen und Mägde! Als zukünftige Contessa hatte sie Besseres zu tun, als Kindermädchen zu spielen und die übermütigen Brüder zu beaufsichtigen. Ranuccio, der Jüngste, fünf Jahre alt, war am schwersten zu zähmen. Wie ein junger Hund tollte er häufig durch die Räume, immer kleine Freudenschreie ausstoßend, oder umkreiste sie auf einem Steckenpferd und schwang dabei kämpferisch sein Holzschwert. Jetzt war er allerdings verschwunden, hatte sich vermutlich zu Paolo begeben, um mit ihm Plantschkriege zu spielen. Gewöhnlich war der neunjährige Paolo ruhig und gut zu haben, er benötigte selten Aufsicht – nur wenn er in den Waschzuber gesteckt wurde, spritzte und tobte er gerne.
Als älteste Schwester dreier Brüder hatte sie es wirklich schwer. Nicht nur weil Ranuccio ihr so wenig gehorchte. Es gab auch noch Pierluigi, der drei Jahre nach ihr auf die Welt gekommen war, in einem schmutzigen Stall wie einst das Jesuskind, dem er allerdings in keiner Weise ähnelte. Jesus war ein lieber blonder Lockenkopf gewesen, Pierluigi dagegen war unter seinen struppigen dunklen Haaren bösartig, verlogen und gemein. Er quälte gerne Tiere und seine jüngeren Geschwister, am liebsten Paolo, der sich nicht zu wehren wußte. Selbst an sie, die Ältere, wagte er sich heran. Wenn niemand zusah, puffte und knuffte er sie. Als sie ihm als Antwort einmal eine Ohrfeige verpaßte, trat und schlug er sie derart heftig, daß ihre Nase blutete. Daraufhin ließ ihm der Vater eine Tracht Prügel verabreichen, ohne daß allerdings eine Besserung eingetreten wäre.
Pierluigi hatte bereits der Mutter bei der Geburt fast das Leben gekostet, und jetzt schien es so, als trachte er seinen jüngeren Geschwistern nach dem Leben. Paolo nahm er häufig in den Schwitzkasten und würgte ihn so lange, bis er blau anlief. Zum Glück gab es nur selten Augenblicke, in denen sie sich allein in einem Raum aufhielten und er unbeobachtet sein böses Spiel treiben konnte. Meist lief irgendein Diener durch die Gänge oder stand eine Magd herum. Die famiglia Farnese bestand sicherlich aus über hundert Personen. Aber da ihr Palazzo groß war, umgebaut und erweitert wurde, seit sie sich erinnern konnte, da ihr Palazzo im Grunde eine einzige unübersichtliche Baustelle war, die zu häufigen Umzügen nötigte und die Dienerschaft beschäftigte, gab es doch genügend unbeaufsichtigte Momente.
Noch immer war keins der Mädchen zu sehen, kein Ranuccio, zum Glück auch kein Pierluigi, keine Mamma – Costanza drehte sich lächelnd vor dem Spiegel und rückte die Perle zurecht, die über der Stirn, genau im Haaransatz, den Scheitelansatz betonte. Es war nicht einfach gewesen, sie zu befestigen; Bianca, das Kammermädchen, hatte ihr geholfen, war aber anschließend verschwunden.
Perlmuttern glänzte die Perle über der reinen, hohen Stirn.
Costanza beugte ihr Knie, neigte ihren Kopf, als wollte sie den Ring eines unsichtbaren Papa küssen, sie streckte sich wieder, schaute hoheitsvoll wie eine Gräfin in die Ferne ...
Plötzlich ein weiterer Schrei. Diesmal allerdings ohne Blitz und Donner. Das Gewitter schien sich verzogen zu haben.
Costanza lauschte: Nicht nur ein Schrei, mehrere jetzt, schrille Hilferufe, Jammerlaute, ein Rennen ... Sie eilte in die Richtung des Lärms, der aus dem Bad stammen mußte, überall Menschen, selbst Pferdeknechte hetzten die Treppe hoch – Costanza fiel wieder ein, daß sie eigentlich auf Ranuccio und Paolo hatte aufpassen sollen, weil Baldassare Molosso, der Lehrer und Erzieher, heute nicht im Palazzo war, weil die faulen Mädchen immer Ausflüchte vorbrachten und lieber mit den Handwerkern scherzten ...
Um den Zuber herum drängelte sich die famiglia, da war auch Ranuccio, heulte, Hunde bellten, und noch bevor Costanza die Mutter entdeckte, sah sie Paolo auf dem Boden liegen, nackt und naß, bewegungslos und blaß, erschreckend fahl, ja totenbleich.
Nun erschien auch ihr Vater. Er flog regelrecht herbei in seiner Soutane, stürzte vor Paolo auf die Knie, nahm seinen Kopf, barg ihn an der Brust. Aus Paolos Mund floß Wasser – Wasser, kein Blut. Aber er hustete nicht, die Arme hingen schlaff herunter, die Augen starrten blind an die Decke.
Die Mutter warf sich auf beide, riß dem Vater Paolo aus dem Arm, schüttelte ihn, schlug ihm auf die Wangen, drückte ihn an sich, küßte ihn, rief immer wieder verzweifelt seinen Namen ...
Paolo rührte sich nicht.
Paolo wachte nicht mehr auf.
Paolo war tot.
Langsam und vorsichtig legte ihn die Mutter auf den Boden, schluchzte heftig auf und verbarg ihr Gesicht hinter einem Tuch.
Das Geschrei und Gedränge verstärkte sich, es wurde nach einem Arzt gerufen.
Der Vater schloß Paolos gebrochene und leere Augen, machte ein Segenszeichen, griff nach seiner Hand und legte sie an seine Wange.
Es nützte alles nichts.
Er ließ sie zurückgleiten, schloß die Augen, legte vor seinem Gesicht die Hände wie zu einem Gebet zusammen. Aber er sprach nicht, nicht einmal seine Lippen bewegten sich. Nach einer Weile gab er den Befehl, Paolo in helles Leinen zu wickeln. Als dies geschehen war, hob er ihn auf, trug ihn langsam, begleitet von der in Tränen aufgelösten Mutter, in die Hauskapelle. Das Jammern rundum verstärkte sich. Vorsichtig legte er ihn vor den Altar und schlug das Tuch zurück. Behutsam faltete er Paolos Hände auf der Brust, sprach leise ein Gebet, strich ihm die Strähnen aus der Stirn und gab ihm einen Kuß auf die Augen.
Neben ihm kniete die Mutter, drückte Paolo noch einmal an sich und ließ ihn zögernd auf den Boten gleiten. Als sie sich erhob, fing Costanza einen tränenverschleierten Blick auf, der sie erstarren ließ.
Stumm schlich sie durch die marmorglänzende Galleria in ihr Zimmer. Sie spürte Mutters Blick im Nacken, er schmerzte wie ein Brandmal. Gehorsam hatte sie eine Weile auf die beiden Kleinen aufgepaßt, so daß sich Bianca, die Paolo baden sollte, glaubte entfernen zu können. Vielleicht wollte sie nur ein vorgewärmtes Badetuch holen. Unerwartet war Pierluigi aufgetaucht, mit diesem höhnischen Ausdruck, der nichts Gutes versprach, er spritzte sie, Costanza, naß und drückte Paolo unter Wasser. Es war immer dasselbe, Pierluigi mußte alle Welt piesacken.
Sie trug bereits das Seidenkleid für den possesso, für den feierlichen Umzug des neuen Papstes und das nachfolgende ausgelassene Fest, und wollte nicht naßgespritzt werden; sie haßte zudem Nässe. Daher ließ sie Paolo mit seinen Brüdern allein – Bianca mußte ja bald zurückkommen, und überhaupt, wie konnte man denn in einem Badezuber ertrinken?
Sollte etwa Pierluigi ...? Vielleicht ungewollt ...?
Und wohin hatte sich Ranuccio eigentlich verdrückt?
Wie konnte man ertrinken, selbst wenn man einmal kurz unbeaufsichtigt blieb? Paolo war mit seinen neun Jahren doch kein Kleinkind mehr.
Costanza warf sich auf ihr Bett. Tränen schossen ihr in die Augen – sollte sie wirklich schuld am Tod ihres Bruders sein? Paolo war immer so lieb gewesen, so leise und anschmiegsam, daher konnte er sich gegen Pierluigi nie wehren, ganz abgesehen davon, daß Pierluigi ein Jahr älter und stärker war – womöglich hatte Pierluigi ihn in einem unbeobachteten Augenblick so lange unter Wasser gedrückt, bis er ...
Absicht war es sicherlich nicht gewesen.
In ihrem Kopf drehte es sich, Schweiß stand ihr auf der Stirn. Es konnte nur so gewesen sein. Aus Ärgern und Piesacken war plötzlich Ernst geworden.
Als das Kissen, auf dem ihr Gesicht lag, naß war, wurde sie gerufen. Rosella stand in der Tür: »Dein Vater erwartet dich im Studio.« Das entstellte einäugige Gesicht von Mutters alter Dienerin starrte versteinert auf sie herab.
Costanza duckte sich an der hoch aufgerichtet stehenden Rosella vorbei und schlich ins Studio ihres Vaters, wo die Eltern warteten. Costanza wollte sich ihrer Mutter weinend in die Arme werfen, aber ein barscher Ruf...




