E-Book, Deutsch, 486 Seiten
Berger Der Troubadour des Kaisers
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-517-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman | Ein dramatisches Historienepos aus der Zeit Friedrichs II.
E-Book, Deutsch, 486 Seiten
ISBN: 978-3-98952-517-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Frederik Berger (geboren 1945 in Bad Hersfeld) studierte Literatur- und Sozialwissenschaften und lebte einige Zeit im englischen Cambridge und in der Provence. Er arbeitete als Literaturwissenschaftler und Journalist, bevor er hauptberuflich Schriftsteller wurde. Neben Gegenwartsromanen, Sachbüchern und zahlreichen Aufsätzen verfasste er verschiedene historische Romane über den Glanz und die Schatten europäischer Adelsfamilien. Frederik Berger reist viel und ist begeisterter Fotograf. Er lebt mit seiner Frau in Schondorf am Ammersee. Die Website der des Autors: frederikberger.de Der Autor auf Instagram: instagram.com/fritzgesing/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine historische Romantrilogie »Das Siegel der Farnese« mit den Bänden »Die Geliebte des Papstes«, »Die Tochter des Papstes« und »Die Kurtisane des Papstes«. Außerdem erschienen seine opulenten historischen Romane »Die heimliche Päpstin«, »Die Provençalin«, »Der Gang nach Canossa«, »Die Schwestern der Venus«, »Die Madonna von Forlì« und »Der Botschafter des Kaisers«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Als ich älter wurde, machte mir mein Vater eine große Freude: Er schenkte mir den Nestling eines Wanderfalken, den er aus einem Horst geholt hatte, um ihn für die Beizjagd abzurichten. Wir nannten den kleinen Vogel Peregrina, weil er ein Weibchen war, und ich lernte, wie man ihn pflegte und fütterte – mein Vater sagte statt füttern immer atzen –, wie man ihn auf einem Handschuh abtrug, an die Umgebung und an die Anwesenheit von Hunden gewöhnte, abspringen und wieder beireiten ließ. Ich hatte viel zu lernen, denn für alles gab es eigene Worte.
»Du bist Vater und Mutter für die kleine Peregrina«, erklärte mir mein Vater, »sie muss dir vertrauen, und später, wenn sie nicht mehr angebunden ist, muss sie für dich jagen und immer wieder zu dir zurückfliegen. Und jetzt sag mir, wie man dieses Verhalten fachmännisch ausdrückt!«
Ich lernte rasch und führte bald die ebenso rasch wachsende Peregrina Serena vor. Stolz trug ich den Lederhandschuh, den mir meine Mutter genäht hatte, ließ Peregrina darauf stehen, und wir zogen gemeinsam über das Burggelände, um sie locke zu machen und zu lüften, und dann über das Felsplateau, wo ich Peregrina ihre Jagdgründe zeigen wollte.
Entdeckte sie eine Taube, sprang sie nervös ab, konnte aber nicht wegfliegen, denn ich hielt sie an der Lockschnur. Immerhin erhielt sie ein Stückchen Atzung als Lockbissen, was sie dann neugierig umherschauen und kurz aufflattern oder ballieren ließ.
Serena wollte Peregrina gern streicheln, aber ich warnte sie vor dem harten Schnabel, mit dem sie nach ihr picken würde, wenn sie sich ihr zu sehr näherte.
Immer häufiger kam ein Kammermädchen der Siressa angerannt und holte Serena mit strengen Worten in die Burg zurück. Schließlich wurde mir mitgeteilt, Maria Serena habe von nun an überhaupt keine Zeit mehr für mich.
Ich begleitete wieder häufiger meinen Vater und dessen Wanderfalken, der bereits erfolgreich jagte und nach einem Pfiff auf den Arm meines Vaters beiritt. Doch oft verließ ich auch allein mit Peregrina die Burganlage, um ihr das Jagdrevier zu zeigen.
Seit einiger Zeit hatte ich mir angewöhnt, morgens mit dem ersten Hahnenschrei aufzuwachen, bei Tagesanbruch aus dem Bett zu kriechen und draußen im Val d’Enfer herumzustromern. Es war möglich, weil ich nicht mehr bei meiner Mutter schlief, sondern in einem kleinen Verschlag.
Und dann, eines Morgens, geschah das Unglück.
Sanfter Schimmer überzog bereits den Himmel, als ich aufwachte. Leise schlüpfte ich in einen kratzigen Kittel und zog mir Sandalen über, warf einen Blick auf meine Eltern. Mein Vater lag frei und schnarchte, von meiner Mutter sah ich nur ihr schwarzes Haar. Draußen war es noch kühl, aber im Tal sangen die Nachtigallen. Sie schmetterten ihre Melodien hoch zu den hellen Felsen, hoch zu dem violetten Himmel, der sich langsam rosa färbte.
Diese frühen Stunden gehörten nur mir. Ohne meine Eltern aufzuwecken, holte ich den Handschuh, schlich ins Freie, misstrauisch beäugt von Krähen, die bereits auf den ersten Abfall warteten. Ein paar Hunde schlugen an. Kein Mensch war zu sehen. Peregrina war ebenfalls schon wach und kam mir auf dem Reck in ihrer Falkenkammer freudig entgegengeflattert. Ich hatte beschlossen, sie an diesem Morgen ihren ersten Wildflug ausführen zu lassen, und steckte mir genügend Lockbissen für sie ein.
Durch eine von mir entdeckte Öffnung in der östlichen Mauer verließ ich mit ihr das Burggelände, kletterte hinab zum Weg. Ich zitterte leicht vor Kälte, aber nun sandte die Sonne ihre ersten Strahlen wie eine Monstranz über den Himmel, die Nachtigallen flöteten und trillerten weiter, Hähne schrien, in der Ferne bellte ein verschlafener Wachhund, andere antworteten ihm, und einer heulte langgezogen, als wollte er seine Freiheit im Wolfsrudel betrauern.
Ich folgte dem Weg, der nach Saint-Remy führte, und stieg dann durch die Felsen, an Ginster-, Salbei- und Rosmarinbüschen vorbei, bis ich unter dem Schatten von Steineichen meine geheime Lieblingsstelle erreichte. Über mir reckten sich zerklüftete Felsen mit Löchern, die den Blick in den grenzenlosen Himmel freigaben, und der helle Kalk war nun in das morgendlich goldene Licht getaucht.
Mittlerweile war ich überzeugt, dass Peregrina mich auch ohne Lockschnur und Fessel nicht verlassen würde, denn sie sah mich immer vertrauensvoll an und schien mir mit ihren Giggig- und Kijaklauten etwas sagen zu wollen. Ich löste daher die Fessel und ließ sie zu ihrem ersten Wildflug aufsteigen. Sie flog auf den Ast einer knorrigen Eiche und pickte nach der Bell und dem Geschüh. Ich holte schon einmal die Lockbissen aus der Tasche, setzte mich dann auf den Boden und schaute zu ihr hoch. Peregrina erwiderte meinen Blick, drehte dann ihren Kopf nach allen Seiten, hüpfte hin und her, flatterte kurz, als müsste sie das Fliegen wieder lernen.
Die Bell klingelte leise, ich schloss kurz die Augen, ein leiser Wind sang in den Zweigen, die Nachtigallen flöteten mehrstimmig, und ich glaubte wieder den Gesang der Troubadoure zu hören, sah die Tänzerin mir zuwinken und wünschte mir, Serena würde sich über mich beugen und mir einen Kuss geben.
Die Sonne wärmte bereits die Luft, und ich hörte in der Ferne die Burg erwachen. In diesem Moment tiefsten Friedens wollte ich noch eine Weile vor mich hin träumen.
Als ich neben dem Geklingel Flügelschlagen hörte, öffnete ich erschrocken die Augen. Peregrina hatte sich in die Lüfte geschwungen, saß nun auf einer Felsenspitze und beobachtete aufmerksam irgendetwas, das ich nicht sehen konnte. Ich pfiff, rief und hielt ihr die Lockbissen hin, wollte dann, als Peregrina keine Anstalten machte, wieder beizureiten, den Felsen hochklettern, doch es war zu spät: Peregrina schwang sich in die Luft, gewann rasch an Höhe, und dann sah ich sie auf eine Wildtaube hinabstoßen.
Ich glaubte schon, dies könnte ihre erste erfolgreiche Jagd werden und sie würde mir die Beute bringen, doch kaum hatte sie die Taube geschlagen, griff sie wie aus dem Nichts ein mächtiger Geier an, und die beiden tauchten hinter einem in die Höhe ragenden Felsen ab. Ich hörte nicht einmal wildes Flügelschlagen und auch sonst keine Kampflaute, doch als ich schließlich über den Felsen geklettert war, hinter dem die Vögel verschwunden waren, entdeckte ich lediglich ein paar helle Federn – und drei hellrote Blutstropfen auf dem gleißenden Weiß der Kalkfelsen.
Wie gelähmt, konnte ich mich nicht von dem Anblick lösen. Dann rief und pfiff ich nach Peregrina. Der Geier hatte ihr vermutlich nur die Taube entrissen. Doch alles Rufen half nichts. Peregrina blieb verschwunden. Sie hatte mich verlassen. Ich war zu unvorsichtig gewesen, hätte sie noch nicht losbinden dürfen. Es war meine Schuld.
Als ich schließlich zu unserem Häuschen zurückkehrte und mit verschmiertem Gesicht in meinen Verschlag kriechen wollte, begegnete mir mein Vater. Mit einem Blick begriff er, dass etwas geschehen sein musste.
»Ist Peregrina auf dem Reck?«, fragte er streng.
Ich stammelte »beim Wildflug«, unfähig, einen ganzen Satz zu bilden.
Wortlos zog er mir den Handschuh vom Arm und schlug ihn mir mehrmals um die Ohren. Es tat nicht einmal weh.
Meine Mutter war inzwischen zu uns getreten.
»Arnaut, lass den Jungen, er hat nichts Böses getan«, wandte sie sich mit ihrer dunklen Samtstimme an ihn. »Der Falke liebt auch nur seine Freiheit.«
»Ja, du und dein Sohn«, gab er zurück und zog mich zu sich heran, bis ich nur noch seine düsteren, grauen Augen unter den buschigen Brauen sah. Leise knurrte er: »Wo ist dein Falke?«
»Peregrina hat eine Taube geschlagen, doch dann kam ein Geier ...«
Mein Vater schaute mich tief enttäuscht an. »Nie wieder wirst du einen Falken von mir bekommen«, sagte er leise und wollte sich schon abwenden, als er sich besann und in strengem Ton anfügte: »Da ist noch etwas: Ich verbiete dir, allein das Burggelände zu verlassen. Ich habe nur einen Sohn, und dieser Sohn soll sich nicht herumtreiben, bis er von Wölfen angefallen oder von einem hergelaufenen Wegelagerer erschlagen wird.« Erneut zog er mich am Kittel zu sich heran, seine Augen näherten sich meinen, seine Stimme wurde leiser: »Ich will auch nicht, dass du mit der Tochter unseres Senhers zusammenhockst, es gehört sich nicht und bringt Unglück.«
Dabei hatte ich sie seit langem nicht mehr gesehen.
Von diesem Zeitpunkt an sprach er nicht mehr von Peregrina, nahm mich aber auch nicht mehr zum Abtragen seiner Falken mit.
Stattdessen versuchte er, aus mir einen Schmied zu machen. Ich sollte Hufeisen herbeiholen und dann den Blasebalg bedienen. Bald schon verließen mich die Kräfte. Zum Auskehren der Schmiede war ich aber noch gut.
Abends sank ich wie tot auf meine Strohsäcke und war eingeschlafen, bevor mir meine Mutter noch einen Trost- und Gutenachtkuss geben konnte.
Auch die nächsten Tage musste ich meinem Vater in der Schmiede zur Hand gehen, biss die Zähne zusammen, wenn mir am Blasebalg meine Arme abzufallen schienen. Dann sollte ich ihm sogar am Amboss helfen, mit einer Zange ein Eisenstück halten. Es flog davon und landete, rotglühend, wie es war, auf seinem linken Unterarm. Er brüllte vor Schmerzen, ließ erst einmal wutschnaubend die Funken sprühen, dass ich schon glaubte, er wollte die Schmiede in Brand setzen, und tauchte seinen Arm schließlich in den Wassertrog. Ich entschuldigte mich, dennoch stieß er mit zusammengepressten Zähnen aus: »Du bist nicht mein Sohn.«
Als er meine...




