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E-Book, Deutsch, Band 2411, 128 Seiten

Reihe: Beck'sche Reihe

Bergdolt Die Pest

Geschichte des Schwarzen Todes

E-Book, Deutsch, Band 2411, 128 Seiten

Reihe: Beck'sche Reihe

ISBN: 978-3-406-76070-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Pest war über Jahrhunderte eine der schlimmsten Seuchen der Menschheit. Die großen Pandemien dieser Krankheit haben den Lauf der Geschichte beeinflusst. Klaus Bergdolt stellt ihren weltweiten Siegeszug mit den gravierenden sozialen, politischen und mentalitätsgeschichtlichen Folgen dar. Erst spät wurde der Erreger entdeckt, doch auch heute ist die Krankheit noch nicht ganz besiegt.
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Pest und Pestforschung

Die Geschichte der Pest ist in den letzten Jahren in die Mühlen der Wissenschaftsideologie geraten. Die Zuwendung nicht weniger Historiker zu sozialgeschichtlichen Fragen lenkte das Interesse auf ein Forschungsgebiet, vor dem man, da es enge Bezüge zur naturwissenschaftlichen Medizin aufwies, lange zurückgeschreckt war. Das erwähnte Schlagwort der Brüche und Diskontinuitäten und der Einfluss des Dekonstruktivismus ließen dabei die Vorstellung einer sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen in ähnlicher Weise wiederholenden, von quasi identischen individuellen wie kollektiven Vorstellungen, Ängsten und Reaktionen begleiteten Epidemie obsolet erscheinen.
Während seit langem Konsens darüber besteht, dass es sich bei den antiken Seuchenbeschreibungen, darunter der berühmten Pest des Thukydides, nicht um durch den Erreger Yersinia pestis hervorgerufene Epidemien handelte, stellen einige Autoren inzwischen auch die Pestseuchen der Spätantike, des frühen Mittelalters, ja selbst des 16. Jahrhunderts infrage (Cohn). Dafür wird die in der Bibel erwähnte Pest der Philister (1 Samuel 5–?6) von einigen wieder als Pest im klassischen Sinn verstanden – eine kühne These, wenn man sich die Intention des alttestamentarischen Autors und die Rolle traditioneller Topoi der Seuchenbeschreibung vergegenwärtigt. Beulen (hebr. Apholim) mögen viele Epidemien begleitet haben, Ratten und Mäuse galten jahrhundertelang als Symbole des Bösen schlechthin. Die Frage, ob hinter Begriffen wie pestis (griech. loimós, hebr. deber) oder magna mortalitas, die seit der Frühen Neuzeit im Deutschen mit Pest, im Englischen mit plague, im Französischen und Italienischen mit peste übersetzt wurden, nicht andere gefährliche Seuchen subsumiert wurden, erhitzt allerdings wohl auch deshalb die Gemüter, weil sichere Antworten unmöglich sind.
Wie es kein guter Arzt wagen würde, allein aufgrund telefonischer Auskünfte eine definitive Diagnose zu stellen, wird auch kein Historiker oder Bakteriologe mit letzter Sicherheit behaupten können, dass es sich bei der Justinianischen Pest des 6. Jahrhunderts oder dem Schwarzen Tod, der Europa zwischen 1347 und 1352 heimsuchte, um eine wirkliche Pest handelte. Vor allem in den USA (Cohn) sowie in Deutschland (Vasold) kam es hier jüngst zu phantasiereichen Debatten. Zuweilen wurde dabei ein sonst unter Geisteswissenschaftlern eher verpönter Objektivismus des «nachträglichen naturwissenschaftlichen Wissens» beschworen. Umstrittene Ergebnisse von Biologen oder Bakteriologen, die sich nebenher mit historischen Fragen beschäftigten, wurden als naturwissenschaftliche Fakten gewertet und dazu benützt, traditionelle, aber mindestens ebenso plausible Erklärungen zu «widerlegen». Jüngst wurde auch die These vertreten, in der Antike, möglicherweise in Mesopotamien, seien einige Seuchen durch inzwischen ausgestorbene Viren verursacht worden, die eine Mutierung eines bestimmten Gen-Eiweißes (CCR5) bewirkt hätten, das zur Immunisierung gegen die «Pest» führte und – durch genetische Weitergabe – heute vor einer Aidsinfektion schützen soll (Duncan).
In Wirklichkeit erscheint die retrospektive Pestdiagnostik, die von den ärztlichen Positivisten des 19. Jahrhunderts favorisiert und von einigen Seuchenhistorikern wieder aufgenommen wurde, reichlich akademisch und weit weniger sensationell, als sie anmutet. Faszinierend an der Geschichte der Pest waren in Wirklichkeit stets – bereits die Quellenforschungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts belegen dies – deren soziale, politische und psychologische Implikationen sowie, ungeachtet einiger seit Thukydides tradierter Topoi, die dramatischen Alltagsbeschreibungen. Dass von der Antike bis zur Frühen Neuzeit möglicherweise auch Pocken, Typhus, Malaria, Dengue-Fieber und andere Seuchen als «Pest» umschrieben wurden, ist schon deshalb wahrscheinlich, weil sich die finalen Krankheitsbilder, z.B. Bluthusten, rasche Gewichtsreduktion, Benommenheit, Durchfälle, Geschwüre und Augenentzündungen, häufig glichen. Der Zusammenbruch der körpereigenen Immunabwehr rief jedenfalls eine mehr oder weniger einheitliche Symptomatik hervor, die rasch zum Tode führte. Auch schwächte die Pest die Menschen derart, dass sich, während sie grassierte, leicht andere Krankheiten ausbreiten konnten. Lymphknotenschwellungen mögen ferner als «Pestbeulen» missgedeutet worden sein, ebenso «dunkle Flecken» und Unterblutungen der Haut. Freilich sollte die Empirie der alten Ärzte nicht unterschätzt werden. Ihre therapeutische Effektivität war, wie schon Petrarca, einer der wichtigsten literarischen Zeugen der spätmittelalterlichen Pest, kritisierte, minimal, ihr diagnostischer Blick allerdings beachtlich. Ihnen zu unterstellen, sie hätten Seuchen nicht einmal grob unterscheiden können, erscheint kühn. Dies schließt nicht aus, dass zuweilen, nicht weniger als heute, fundamentale Fehldiagnosen gestellt wurden (Rodenwaldt).
Der Verführbarkeit durch die retrospektive Diagnostik steht allerdings die nicht minder problematische diagnostische Relativierung gegenüber. Die Lektüre vieler Seuchenchroniken vom Spätmittelalter bis zur Frühen Neuzeit lässt nämlich nach wie vor vermuten, dass hier doch jene «Geißel Gottes» thematisiert wird, deren Erreger Alexandre Yersin 1894 in Hongkong entdeckte und die sich im praktischen Epidemiealltag durch die Symptome der Lungen– wie der Beulenpest auszeichnete. In Deutschland kommt vor allem Dinges und Schlich das Verdienst zu, die Debatte um historische Seuchen neu eröffnet zu haben, nachdem sie bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren durch Bulst und andere vorbereitet worden war. Zahlreiche in den letzten Jahren erschienene Sammel- und Tagungsbände (Dinges/Schlich 1995, French 1998, Ulbricht 2004, Meier 2005) sowie einige Monographien (Bergdolt 1994, Naphy/Spider 2002, Cohn 2002, Vasold 2003, Benedictow 2004) belegen das zunehmende Interesse am Thema. Unter dem Einfluss sozialhistorischer Diskurse wurden die Defizite bisheriger Forschungen herausgestellt, etwa im Hinblick auf die inzwischen stark aufgearbeitete Patientensicht bzw. das subjektive Erleben von Krankheiten (Stolberg) oder die faszinierende Interaktion von «Seuchen und Gesellschaft» (Ulbricht). Nicht alle Ergebnisse der sozialhistorisch akzentuierten Pestforschung waren, vergleicht man sie mit älteren Arbeiten, wirklich sensationell. Häufig wurden nur (was allerdings gutes Recht des Historikers ist!) altbekannte Dokumente neu interpretiert und gewichtet. Einige Autoren zogen dabei die Forschungsqualität der bisher praktizierten Seuchengeschichte überhaupt in Zweifel. Sie war – und hier setzte die Kritik an – bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts mehrheitlich von der fast mystischen Vorstellung eines progredienten Fortschritts der medizinischen Erkenntnisse getragen, der sich gerade in der Seuchenbekämpfung manifestiert habe. Dass in der Pestgeschichte andererseits gerade auch Ärzte – man denke an Rodenwaldts großartige Venedig-Studie! – hervorragende Quellenforschungen präsentiert hatten, wurde übersehen. Die Skepsis gegenüber medizinisch ausgebildeten Seuchenhistorikern, die man als in der Geschichtswissenschaft dilettierende Laien betrachtete, verband sich nicht selten mit der Kritik an professionellen Heilern und Ärzten, die sich seit der Aufklärung einen erstaunlichen gesellschaftlichen und politischen Einfluss gesichert hatten. Dinges entwarf in diesem Zusammenhang ein interessantes «sozialhistorisches» Modell der Seucheninterpretation, das sich auf vier Säulen stützte: den Kranken, die inhomogene (wenn auch von Ärzten dominierte) Gruppe der Heiler, die Obrigkeit und schließlich bestimmte gesellschaftliche Fraktionen wie «Industrie» oder «Vereine», die sich im Katastrophenalltag durch eine bestimmte Interessenlage auszeichneten. Diese Gruppen schufen mit ihren jeweiligen Diskursen und Praktiken eine Vielfalt von Beziehungen und Gewichtungen, die den individuellen wie gesellschaftlichen Umgang mit den Seuchen prägten. Letztere wurden damit erneut als soziale Konstruktionen aufgefasst.
Eine allzu kritiklose Einschätzung eigener Methodiken und Paradigmen legte bei einigen Autoren allerdings die Frage nahe, ob die bei anderen kritisierte Sichtweise historischer Seuchenkatastrophen, etwa aufgrund heute obsoleter Diskurspräferenzen, nicht durch neue, nicht weniger rigide Paradigmen ersetzt wurde, die das Geschehen der Vergangenheit dem sozial- bzw. «kulturhistorischen» Paradigma – und hier besonders...


Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Bergdolt ist emeritierter Professor für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln. Er ist Verfasser desWerkes "Der Schwarze Tod. Die große Pest und das Ende des Mittelalters." (insges. 7 Auflagen).


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