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E-Book

E-Book, Deutsch, 194 Seiten

Reihe: narr STUDIENBÜCHER

Berg Wort - Satz - Sprache

Eine Hinführung zur Sprachwissenschaft
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8233-0365-7
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Hinführung zur Sprachwissenschaft

E-Book, Deutsch, 194 Seiten

Reihe: narr STUDIENBÜCHER

ISBN: 978-3-8233-0365-7
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wir alle nutzen Sprache, kompetent und ganz selbstverständlich. Aber was das genau heißt und was für komplexe Strukturen und Systeme dahinterstecken, ist den meisten Laien unklar, denn wir können auf dieses Wissen nicht direkt zugreifen. Hier setzt dieser Band an. Ausgehend von authentischen Sprachdaten stellt er den Leser:innen interessante und faszinierende Aspekte aus ganz unterschiedlichen Bereichen vor. Jedes Kapitel widmet sich allgemeinverständlich und auf Basis aktueller linguistischer Forschung einem anderen sprachlichen Aspekt: ausgestorbene und aussterbende Wörter, Sprachwandelprozesse, sprachliche Zweifelsfälle, Trends bei der Vornamengebung und vieles mehr. Mit Phänomenen, die erstaunen und überraschen, führt der Band Studieninteressierte und Studierende an die Linguistik heran und macht neugierig auf einen ebenso spannenden wie vielseitigen Untersuchungsgegenstand: die deutsche Sprache.

Prof. Dr. Kristian Berg ist Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Linguistik an der Universität Bonn.
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1 Die Grenzen ausloten: Neue Wörter


Warum brauchen wir neue Wörter, obwohl es schon so viele gibt? Wie wird der Bedarf gedeckt? Was macht ein Wort erfolgreich?

Man könnte den Eindruck haben, dass wir vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Wenn wir sprechen lernen, ist die Sprache schon lange fertig. Wörterbücher und Grammatiken sind gedruckt. Die Sprachgemeinschaft, in die wir geboren werden, hat alles bereits ausgehandelt. Wir haben kaum Mitspracherecht und müssen uns fügen, wenn wir so kommunizieren möchten, dass wir verstanden werden wollen. Natürlich können wir statt auch „Brims“ sagen; niemand kann uns das verbieten. Wenn wir allerdings verstanden werden wollen, müssen wir die üblichen Formen nutzen, und die üblichen Formen sind alt – oft sehr, sehr alt.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die meisten Wörter stehen zwar fest; das Deutsche erweitert seinen Wortschatz dennoch. Um solche neuen Wörter geht es in diesem Kapitel: Warum brauchen wir sie überhaupt, und woher bekommen wir sie? Welche neuen Wörter setzen sich durch, welche nicht?

Wortschätze Durchschnittliche erwachsene Sprecherinnen und Sprecher des Deutschen kennen wahrscheinlich zwischen 25.000 und 250.000 Wörter. Das ist der sogenannte passive Wortschatz, also Wörter, die im Gehirn gespeichert sind und die verstanden werden.

Passiver, aktiver und kollektiver Wortschatz

Der Umfang des passiven Wortschatzes variiert aus zwei Gründen so stark. Erstens hängt er entscheidend davon ab, was und wieviel die Personen lesen, was sie beruflich machen usw. Und zweitens ist die Sprachwissenschaft uneins; unterschiedliche Methoden kommen zu sehr unterschiedlichen Inventaren. Was heißt es denn überhaupt, ein Wort zu kennen? Reicht es, ein Wort einmal gehört zu haben? Zweimal? Dreimal? Muss man in der Lage sein, die Bedeutung anzugeben? Je nachdem, wie die Antworten auf diese Fragen ausfallen, ist der Wortschatz größer oder kleiner. Wir werden uns wohl damit abfinden müssen, dass das mentale Lexikon (also das „Wörterbuch“ in unserem Kopf) keine scharfen Grenzen hat. Wir wissen z.B., dass schon sehr wenige Begegnungen mit einem neuen Wort ausreichen, um eine Spur im Gehirn zu hinterlassen (streng genommen muss schon die erste Begegnung einen Effekt haben; ansonsten wäre die zweite Begegnung die erste, hätte auch keinen Effekt, man bräuchte die dritte etc. – so wäre Lernen unmöglich, vgl. z. B. Goldberg 2019: 13f.).

Der passive Wortschatz ist der Wortschatz einer Person. Wir können aber auch den Wortschatz einer ganzen Sprachgemeinschaft untersuchen; dieser Wortschatz wird der kollektive Wortschatz genannt. Es ist der Wortschatz von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, von Jugendlichen; der Wortschatz der Quantenmechanik und der Kraftfahrzeugmechatronik, der Forstwirtschaft und der Epidemiologie. Kurz: Der kollektive Wortschatz ist die Summe aller einzelnen Wortschätze, die wir in einer Sprache identifizieren können. Das heißt aber auch, dass es niemanden gibt, der alle Wörter des kollektiven Wortschatzes kennt und verwendet. Er ist um ein Vielfaches größer als die passiven Wortschätze einzelner Sprecherinnen und Sprecher. Der kollektive Wortschatz des Deutschen umfasst wahrscheinlich einige Millionen Wörter (vgl. z. B. Ulrich 2011: 33). Der aktive Wortschatz hingegen ist deutlich kleiner und lässt sich viel genauer bestimmen als der passive oder der kollektive Wortschatz. Goethe z.B. hat im Laufe seines langen Lebens in all seinen Schriften etwa 90.000 verschiedene Wörter genutzt (ob er mehr und vor allem andere Wörter hat, ist eine interessante Frage – das werden wir aber wohl nie erfahren).

Obwohl wir also als Sprachgemeinschaft über Millionen von Wörtern verfügen, stößt unser Vokabular oft an seine Grenzen und muss erweitert werden. Motivation für neue Wörter Der naheliegendste Grund ist, dass wir etwas Neues benennen möchten. Das kann eine konkrete technische Erfindung sein (wie ) oder ein neues abstraktes Konzept, mit dem wir unsere Welt besser beschreiben können (wie oder ) – oder etwas ganz anderes (z.B. ein neuer Tanzstil wie ). In diesen Fällen brauchen wir neue Wörter, weil sich die Welt weiterentwickelt und wir das Bedürfnis haben, alles sprachlich zu bezeichnen und zu gliedern.

Anders liegen die Dinge, wenn es schon etablierte Wörter für Konzepte, Sachen oder Personen gibt, wir sie aber als diskrimierend empfinden. Stattdessen nutzen wir unbelastete neue Wörter wie (statt ) oder (statt ) und versuchen so, die Benannten sozial aufzuwerten.

Noch häufiger als diese Fälle sind solche, bei denen es um Informationsverdichtung in Texten geht: Es ist deutlich knapper und sparsamer, wenn man von einer schreibt statt von einer :

(1)

Er gab aber an, American Airlines wolle einen Anteil von 30 Millionen Dollar (rund 27 Mio Euro) im Rahmen der Gewinnbeteiligungsstrategie an die Mitarbeiter weitergeben. (ZEIT online, https://www.zeit.de/news/2020-01/07/boeing-einigt-sich-mit-american-airlines-auf-schadenersatz)

Diese Informationsverdichtung ist charakteristisch für die geschriebene Sprache, vor allem für Fachtexte. Auf die Spitze getrieben wird sie in extrem langen Wörtern wie dem (zu notorischer Bekanntheit gelangtem) , einem der längsten tatsächlich verwendeten Wörter des Deutschen (63 Buchstaben). Hier wird gleichzeitig der Nachteil der Verdichtung deutlich: Je länger die Wörter, desto schwieriger sind sie zu verarbeiten.

Verwandt mit dem Bedürfnis nach Verdichtung ist das Bedürfnis nach Flexibilität: Manchmal passt ein Adjektiv syntaktisch einfach besser und eleganter in den Textzusammenhang als das entsprechende Substantiv, manchmal braucht man eher ein Verb als ein Adjektiv – und dann können wir neue Wörter „erschaffen“, die aber eigentlich nicht wirklich neu sind, wie z. B. das Wort im folgenden Beleg:

(2)

So ließe sich noch eine Weile weiter herummäkeln, z. B. an der aufgeblasen betulichen Suhrkamphaftigkeit einzelner Beiträge […] (Jungle World 1999/30, https://jungle.world/artikel/1999/30/die-versuhrkampung-des-pop)

Hier wird ein Buch über Popkultur besprochen, das im Suhrkamp-Verlag erscheint, und der Autor bemängelt, dass der Stil der Beiträge zu sehr dem anderer Suhrkamp-Veröffentlichungen ähnele, dass er zu sei. Dieses Adjektiv ist bereits 1977 belegt; es scheint also etwas an Suhrkamp-Texten zu sein, das charakteristisch ist und das bezeichnet werden will. Nun hätte der Verfasser einfach dieses Adjektiv verwenden können, z. B. auf folgende Weise: „So ließe sich noch eine Weile weiter herummäkeln, z. B. daran, dass die einzelnen Beiträge aufgeblasen-betulich-suhrkamphaft sind“. Mit der Substantivierung ist der Verfasser aber besser in der Lage, die übrigen Adjektive anzubinden – und außerdem braucht er nicht die etwas umständliche Korrelatskonstruktion . Neue Wörter können also auch den syntaktischen Bedürfnissen entgegenkommen, sie schmieren die syntaktische Maschine.

Wir haben also aus ganz unterschiedlichen Gründen einen ständigen Bedarf an neuen Wörtern. Nisten sich neue Wörter in unserem Lexikon ein, werden sie auch als Neologismus Neologismen bezeichnet – zumindest, so lange Sprecherinnen und Sprecher sie für neu halten, solange sie also einen Neuwortgeruch verströmen.

Zum Begriff: Neologismus

Der Begriff war selbst mal einer, nämlich eine Übertragung des französischen Neologismus’ , der wiederum eine Lehnwortbildung aus gr. + ist, was (wenig überraschend) ‚neues Wort‘ bedeutet. Der Begriff war bis ins 20. Jahrhundert negativ besetzt. Es wurde benutzt, um vermeintlich überflüssige Wörter zu bezeichnen, die die schöne deutsche Sprache verwässern.

Wie wird der Bedarf gedeckt, wie kommen wir an neue Wörter? Das kann prinzipiell auf drei Wegen geschehen, durch Wortschöpfung, Entlehnung oder durch Wortbildung.

Mit Wortschöpfung Wortschöpfung ist gemeint, dass ein Wort nicht einfach aus vorhandenen Teilen neu zusammengesetzt wird, sondern dass es komplett neu erfunden wird. Diese Art, den Wortschatz zu erweitern, ist heute extrem selten und vor allem auf Markennamen beschränkt (z.B. , , ). Die Markennamen werden dabei tatsächlich am Reißbrett ‚entworfen‘, und mit erfolgreicher Wortschöpfung kann man reich werden. Die Namenskandidaten werden ausgiebig an der Zielgruppe getestet. Sie müssen angenehm klingen und gegebenenfalls an positiv besetzte Wörter erinnern. Gleichzeitig sollte geprüft werden, ob der Name in anderen Sprachen bereits als Wort existiert. Sonst läuft man Gefahr, dass die positiven Aspekte und die Neuheit des Namens überlagert werden, wie beispielsweise beim Audi A3 e-tron: Im Französischen gibt es ein sehr ähnliches Wort () mit einer sehr negativen Bedeutung...



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