Buch, Deutsch, 390 Seiten, Format (B × H): 142 mm x 212 mm, Gewicht: 486 g
Beiträge zu einer vergleichenden Sozial- und Kulturgeschichte
Buch, Deutsch, 390 Seiten, Format (B × H): 142 mm x 212 mm, Gewicht: 486 g
ISBN: 978-3-593-38717-8
Verlag: Campus
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Inhalt
Unterwegs und Zuhause in Europa
Charlotte Tacke, Jörg Requate, Oliver Müller, Christina Benninghaus
Die politische Gestaltung Europas -
(historische) Analysen und Zwischenrufe
Fortschrittsmotor Krieg:
Krieg im politischen Handlungsarsenal Europas im 19. Jahrhundert und die Rückkehr der Idee des bellum iustum in der Gegenwart
Dieter Langewiesche
Vom Verschwinden und Entstehen politischer Grenzen in Europa: Das Beispiel der Antiterrorpolitik
Andrea Kirschner, Barbara Kaletta, Wilhelm Heitmeyer
Sechs Notate zum europäischen Prozess gewaltgetränkter Zivilisation
Wolf-Dieter Narr
Grenzen und Identität Europas bis zum 21. Jahrhundert
Hans-Ulrich Wehler
Der neue Stellenwert des Territoriums:
Regionen und die Geschichte des europäischen Staates
Michael Keating
Überlegungen zum Problem der territorialen Identitäten:
Provinz, Region und Nation im Spanien des 19. und 20. Jahrhunderts
Xosé-Manoel Núñez
Das andere Europa: Soziale Bewegungen und europäische Institutionen
Donatella Della Porta
Gewalt in der europäischen Sozialgeschichte
Religion oder Rebellion?
Konfessionsstreit und innerstädtische Konfliktaustragung in Danzig und Marienburg um 1600
Michael G. Müller
Städtische Rebellionen in Frankreich -
Sozial bedingte Gewalt oder politisch motivierte Ausschreitungen?
Michelle Zancarini-Fournel
Polizeikultur und Polizeipraxis in den 1960er und 1970er Jahren: Ein (bundes-)deutsch-englischer Vergleich
Klaus Weinhauer
Konsum in der europäischen Sozialgeschichte
"Kurze Unterbrechung - Bitte entschuldigen Sie die Störung":
Zusammenbruch, Zäsur und Zeitlichkeit als Perspektiven einer europäischen Konsumgeschichte
Frank Trentmann
Startrampe für die Gesellschaft des Massenkonsums: Verbreitung und Entwicklung der Selbstbedienung in Europa nach 1945
Thomas Welskopp
Transnationale Sozialgeschichte und ihre methodischen Herausforderungen
"North Atlantic Civilization" -
Konzeptioneller Aufbruch zu einem neuen Verhältnis zwischen den USA und Europa in den 1920er Jahren
Adelheid von Saldern
Arbeit - Ein transnationales Objekt?
Die Frage der Zwangsarbeit im "Jahrzehnt der Menschenrechte"
Sandrine Kott
Katechismen für Arbeiter
Klaus Tenfelde
Europäische und nationale Netzwerke: Vorstand und Verwaltungsrat der Banca Commerciale Italiana, 1894-1915
Peter Hertner
Die europäische Stadt in der Moderne -
eine Herausforderung für Sozialgeschichte, Stadtgeschichte und Stadtsoziologie
Friedrich Lenger
Konstellationen der Interdisziplinarität
Jürgen Kocka
Autorinnen und Autoren
Kurze Unterbrechung - Bitte entschuldigen Sie die Störung: Zusammenbruch, Zäsur und Zeitlichkeit als Perspektiven einer europäischen Konsumgeschichte
Frank Trentmann
Es stank zum Himmel: In Mr. Kyffins Textilgeschäft im Londoner East End waren im Juli 1895 die Toiletten verstopft und nicht zu benutzen. Seit die Wassergesellschaft ihren Dienst unterbrochen hatte, gab es nicht mehr zu allen Tageszeiten fließendes Wasser. Mr. Kyffin und seine Angestellten konnten nicht mehr austreten. Einige erkrankten sogar. Für Kyffin and andere Bewohner des East End war es eine Rückkehr zum "stinknormalen" Leben in Zeiten der Wasserknappheit.
Kyffin und seine Zeitgenossen lebten nicht in einem "unterentwickelten" Teil der Welt, sondern in der Hauptstadt der entwickeltesten und wohlhabendsten Gesellschaft Europas. Das ihm widerfahrende Problem und die damit zusammenhängenden Unannehmlichkeiten stellten nichts Außergewöhnliches dar. London und der Süden Englands litten in den Jahren 1890-91, 1893-96 und 1898 unter einer Reihe von Dürren. Die zeitweilige Einstellung der Versorgung mit einem Basiskonsumgut wie Wasser blieb bis weit ins 20. Jahrhundert eine alltägliche Erfahrung.
Solche Episoden des Zusammenbruchs passen schlecht zu den üblichen Darstellungen der "consumer society." Sie fügen sich nicht nahtlos ein in die populäre Geschichte von der zunehmenden Ausbreitung von Waren und Dienstleistungen, sich verändernder Geschmäcker und Gewohnheiten, von Wohlstand und Überfluss, von einer die Köpfe der Menschen vereinnahmenden Spirale von Begierden und Versuchungen, welche uns - vielen gegenwärtigen Autoren zufolge - egozentrisch, kurzsichtig und unglücklich macht.
Modell und Leitbild der Studien über die "Konsumgesellschaft" sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Forschung steht dabei in der Tradition der in den 1950er und 1960er Jahren formulierten einflussreichen Warnungen von J.K. Galbraith, Vance Packard und David Riesman und geht auf die Ängste vor dem schädlichen Einfluss des Kommerziellen auf das öffentliche Leben zurück, die in manchen Formen bis in die Antike reichen. Der Export des US-amerikanischen Modells nach Europa und in den Rest der Welt steht für europäische Historiker im Vordergrund ihres Interesses und hat jüngst einen neuen Anschub erhalten durch Victoria de Grazias Auseinandersetzung mit der Frage, wie das amerikanische ›market empire‹ die europäischen Gesellschaften eroberte.
Charakteristisches Merkmal dieser Studien ist die Vorstellung der unaufhörlichen Verbreitung eines gemeinsamen ökonomischen Systems und Lebensstils - gleich einer Welle, die alle Hindernisse überspült, bis das soziale Leben von ihr vollständig erfüllt ist. Es gibt jedoch auch Möglichkeiten, Konsum anders zu analysieren, so dass Ungleichzeitigkeit und Vielfalt, Unterbrechungen und Verwerfungen ebenso wie Kontinuitäten mitbetrachtet werden. Vergleichende Geschichte ermöglicht einen multi-perspektivischen Zugang, der Höhen und Tiefen einschließt, für regionale und Klassenunterschiede und für europäische Einflüsse auf die Vereinigten Staaten von Amerika sowie umgekehrt offen ist.
In diesem Essay möchte ich mich den Unebenheiten des Konsums in drei Perspektiven nähern. Entworfen wird dabei ein neues Bild von Konsumkultur, das statt Homogenität und Konvergenz, Vielfalt, innere Spannung und gesellschaftliche Dynamik hervorhebt. Die erste Perspektive richtet sich auf das räumliche und soziale Relief des Konsums in der Moderne: Eine am Modell dreidimensionaler Landkarten orientierte Konsumgeschichte zeigt, dass die Landschaft der Konsumkultur regionale und soziale Unebenheiten aufweist und von Bergen und Tälern, von trennenden Klüften wie von verbindenden Wasserstraßen geprägt ist. Eine zweite Fragerichtung betrifft den unterbrochenen Fluss des Konsums. Die zeitliche Ordnung des Konsumalltags ist ständigen Unterbrechungen und Störungen ausgesetzt, ein Gesetz, das für "entwickelte" moderne Konsumgesellschaften ebenso gilt wie für sozialistische oder andere Gesellschaften. Unterbrechungen und die aus ihnen entspringenden Beschwerden und Konflikte sind ein normaler Teil des modernen Konsums. Sie lenken unser Interesse auf eine dritte Dimension: die heterogene Zeitlichkeit des Konsums selbst. Denn Konsum beschränkt sich nicht auf den Moment des Kaufs und betrifft nicht nur einen materiellen Gegenstand, Konsum besteht vielmehr aus einer großen Anzahl alltäglicher Praktiken und Routinen, die unterschiedlichen Rhythmen folgen und von verschiedener Dauer, Intensität, Frequenz und Geschwindigkeit sind. Konsumieren heißt daher, Praktiken zu koordinieren. Dabei wandeln sich die üblichen zeitlichen Muster des Konsums nicht nur im Laufe der Zeit, sondern sind auch innerhalb von Gesellschaften durchaus verschieden.
Zusammen deuten diese Perspektiven auf die Ungleichzeitigkeit des Konsums, deren Erforschung uns ihrerseits zur Mikropolitik des Konsumalltags führt. Dabei ergeben sich interessante Anknüpfungspunkte zu jüngeren soziologischen Theorien der Praxis sowie zum älteren Projekt der Erkundung des Alltäglichen. Anstelle der kulturpessimistischen These der "consumer society" oder des Amerikanisierungsmodells, in dem Kulturindustrie, Werbung, und Materialismus der Zivilgesellschaft den Sauerstoff rauben und Bürger in private, selbstgenügsame Kunden verwandeln, erhellt unsere Perspektive mit Problemen des alltäglichen Konsums zusammenhängende Momente von Spannung und Konflikt, gesellschaftlichen Handelns und sogar politischer Mobilisierung. Es lässt sich hier eine Politik der kleinen Dinge erkennen, die es verdient, ernst genommen zu werden.