Benke | Geist & Leben 2/2025 | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 116 Seiten

Benke Geist & Leben 2/2025

Zeitschrift für christliche Spiritualität
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-429-06795-3
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zeitschrift für christliche Spiritualität

E-Book, Deutsch, 116 Seiten

ISBN: 978-3-429-06795-3
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



GuL 98 (2025), Heft 2 April-Juni 2025 n. 515 Notiz Margarete Gruber OSF Christus, die Gebärende [113-114] Nachfolge Michael Höffner Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks. 'Caussades' Alltagsmystik in theologischer Relecture I [116-124] Theresa Denger Utopisch und hoffnungsvoll glauben. Ignacio Ellacurías SJ spirituelles Erbe [125-132] Stefan Gärtner 'Herr, wann haben wir dich...?' Matthäus 25 als Inspiration für diakonische Spiritualität [133-141] Jochen Mündlein Von stillen Lehrern und verborgenen Mystikern. Zum Gedenken an Gerhard Wehr [142-148] Nachfolge | Kirche Dag Heinrichowski SJ Die Herausforderungen der Welt und das Herz Jesu [149-157] Vincent Hoffmann Gottes Handeln heute erfahren. Spirituelle Impulse aus den liturgischen Feiern zum Heiligengedenken [158-165] Anna Slawek Interventionsmöglichkeiten bei spirituellem Missbrauch - ein Tagungsbericht [166-170] Nachfolge | Junge Theologie Lennart Luhmann 100 Jahre Russischer Pilger. Die breite Rezeption eines schmalen Buches [171-176] Reflexion Daniel Remmel Medium der Gottesnähe Ein phänomenologischer Zugang zur Pneumatologie [178-187] Paula Schütze Zwischen den Zeilen als Ort der Erkenntnis. Möglichkeiten nichtidentifizierender Gottesrede [188-196] Klaus Vechtel SJ Von Himmel und Hölle [197-206] Lektüre Martin Kammerer OSB Das geistliche Testament von Sammy Basso (1996-2024) [208-212] Gotthard Fuchs 'Mit dem ganzen Herzen'. Zur Etty Hillesum-Biographie von Judith Koelemeijer [213-216] Buchbesprechung [217-220]

Christoph Benke, geb. 1956, Dr. theol., Priester der Erzdiözese Wien, in der Studentenseelsorge tätig.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Michael Höffner | Münster

geb. 1971, Dr. theol. habil., Professor für Theologie der Spiritualität an der PTH Münster und am CTS Berlin

hoeffner@bistum-muenster.de

Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks


„Caussades“ Alltagsmystik in theologischer Relecture I1

„Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.“2

Ein zeitdiagnostischer Blick auf die Gegenwartskultur zeigt, dass der gegenwärtige Augenblick darin eine bedeutende Rolle spielt, und das in verschiedenen Facetten. Zwei Blitzlichter sollen das exemplarisch erhellen.

Der gegenwärtige Augenblick – zwei Blitzlichter

Das erste Blitzlicht: Seit geraumer Zeit wirbt die französische Zigarettenfirma Gauloises auf ihren Plakaten mit dem Slogan „Vive le moment“, wahlweise unterlegt mit dem Untertitel: „Und die Welt steht still“ bzw. „Für Momente, die dir gehören.“ „Vive le moment“ lässt sich zweifach übersetzen, als Hoch auf den Augenblick („Es lebe der Augenblick“) oder als Aufforderung („Lebe den Augenblick“). Illustriert wird das mit einem jüngeren Mann in tiefenentspannter, liegender Haltung, mit geschlossenen Augen; die Geräuschkulisse des Alltags, die akustische Umweltverschmutzung wird ferngehalten durch Kopfhörer, durch die wahrscheinlich entspannende Musik zu hören ist. Der Moment, der zu leben ist, ist also ein herausgehobener, besonderer Augenblick, ein Rückzugsmoment vom Alltag, dessen Dichte und Intensität man sich hingeben und lustvoll auskosten soll.

Das zweite Blitzlicht: im Spätherbst 2023 erschien die deutsche Übersetzung einer Studie der niederländischen Philosophin Joke J. Hermsen mit dem Titel „Kairos – Vom Leben im richtigen Augenblick – Für ein neues Zeitempfinden.“ Hermsen kontrastiert die lineare, quantitative und physikalisch messbare Zeit des Chronos in ihrem Voranschreiten mit der qualitativ verstandenen Zeit des Kairos als einem Intervall, einem Intermezzo. Bis zum Ende der Renaissance habe sich die Gestalt des Kairos und das ihr entsprechende Zeitverständnis in Philosophie und Kunst großer Beliebtheit erfreut, danach aber sei es in den Hintergrund getreten und erst bei Nietzsche Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufgetaucht, um dann bei Heidegger, Bloch, Benjamin und Charles Taylor und der Sache nach auch bei Henri Bergson und Hannah Arendt neue Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie spricht mit Giorgio Agamben3 von der Notwendigkeit, den rechten Augenblick hervorzubringen, um Krisenzeiten zu einem Wendepunkt bzw. Sprungbrett in Neues werden zu lassen und zur richtigen Intervention zur richtigen Zeit zu gelangen. Dazu sei es notwendig, ein Moment der Unbeweglichkeit und Reflexion zu schaffen, das kleine Gebiet der „zeitlosen Zeit“ bei Hannah Arendt, also die Herrschaft des Chronos zu durchbrechen, ein Moment, in dem es zum Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Zukunft kommen und aus diesem Zusammenstoß etwas Neues entstehen kann.4 So könne, mit Hannah Arendt gesprochen, die Natalität des Menschen zum Durchbruch kommen und ermöglicht werden, mit vorherrschenden Einsichten zu brechen und von solchen Ideen gefunden zu werden, die über das Bisherige hinausgehen. Auf diese Weise will Hermsen ein Gegengewicht zur Mechanisierung und Technologisierung unseres Menschen- und Weltbildes liefern5, durch das Menschen eher gehandelt werden als selbst handeln.6

Bebildert die Gauloises-Werbung und bedenkt die philosophische Ermutigung zum Leben des Kairos auf säkularisierte Weise das, was ein Klassiker der französischen Mystik des frühen 18. Jahrhunderts das „Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks“ genannt hat?

Ein Buch und seine spannende Geschichte

Das schmalformatige Werk mit dem Titel „L'Abandon à la Providence divine7 ist auf abenteuerliche Weise an die Öffentlichkeit gelangt8: Es ist wohl in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts als geistliche Briefsammlung für Konvente von Visitandinnen in Nancy entstanden, also für jenen Orden, den Franz von Sales und Franziska-Johanna von Chantal gemeinsam gegründet haben. Von Nancy aus scheint das kleine Werk in Form von Abschriften in einigen französischen Konventen der Visitandinnen zirkuliert und die Französische Revolution überstanden zu haben. Denn Mitte des 19. Jahrhunderts wird Mère de Vaux, die damalige Generaloberin des Ordens, im Konvent von Montmirail auf das Manuskript aufmerksam. Im Unterschied zu anderen erhaltenen Manuskripten enthält es auf dem Deckblatt die Zuschreibung an Jean-Pierre de Caussade als Autor. Dieser Jesuit war in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts Seelsorger im Visitandinnenkonvent von Nancy. Wer auch immer diesen Namen auf das Manuskript gesetzt hat und wann auch immer es geschehen ist: War diese Attribution hilfreich, weil nur das „Patronat“ eines Jesuiten Zugang zu einem Werk eröffnete, das brisante Themen bot – nach dem Quietismusstreit und dem folgenden Schisma von Aszetik und Mystik? Die Generaloberin hielt die Schrift jedenfalls für geeignet, zum Lebensstil glaubender Menschen beizutragen. Trotzdem bleibt sie unsicher, was eine Publikation betrifft, und legt daher die kompilierten Briefe mehreren Jesuiten vor, um deren Urteil zu erfragen. 1861 wurde das Büchlein nach etlichen Ablehnungen und vielen Hindernissen zum ersten Mal veröffentlicht, allerdings nur in bearbeiteter Form. Von der Erstauflage 1861 bis zum Jahr 1930 erreichte es allein in Frankreich 22 Auflagen mit einer Gesamtstärke von 78.000 Exemplaren. Vermutlich hat nur die „Histoire d'une âme“ von Thérèse von Lisieux einen weiteren Verbreitungsradius erreicht. Nicht wenige bedeutende Gestalten wurden davon geprägt: Charles de Foucauld, Romano Guardini, Hans Urs von Balthasar, Simone Weil. Seit den 1980er Jahren wird das schmale Werk allerdings mit guten Gründen nicht mehr dem Jesuiten Jean-Pierre de Caussade zugeschrieben. Der gegenwärtige Editor Dominique Salin lässt völlig offen, ob der Verfasser männlich oder weiblich, Laie, Priester oder Ordenschrist war. Vieles, zum einen die Themen, aber auch der Stil, spricht dafür, den Autor oder die Autorin im Wirkungskreis von Jeanne-Marie Guyon anzusiedeln – eine der Galionsfiguren des Quietismus. Wie Madame Guyon präsentiert das Werk eine Mystik, die nicht herausgehobene geistliche Erfahrungen bedenkt, sondern den Alltag mit seinen Herausforderungen. Sie rotiert um den Begriff des gegenwärtigen Augenblicks: 28-mal taucht dieser Begriff auf. Gleich zu Beginn wird der Fokus deutlich: „Gott spricht auch heute noch so, wie er einst zu unseren Vätern sprach, als es weder einen [geistlichen] Führer noch eine Methode gab. Der Augenblick des Befehls Gottes machte die ganze Spiritualität aus.“9 Einmal wagt das Werk sich vor und spricht sogar vom „Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks“. Dieser Passus findet sich in einem Abschnitt über den Alltag von Maria und Josef:

„Aber von welchem Brot nährt sich der Glaube von Maria und Josef, was ist das Sakrament ihrer heiligen Augenblicke? Was entdecken sie dort unter dem gemeinsamen Anschein der Ereignisse, die sie erfüllen? Das Sichtbare ist ähnlich wie das, was den übrigen Menschen widerfährt, aber das Unsichtbare, das der Glaube darin entdeckt und entbirgt, ist nichts Geringeres als Gott, der sehr große Dinge bewirkt. O Brot der Engel, himmlisches Manna, Perle des Evangeliums, Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks! Du schenkst Gott unter so geringen Erscheinungen wie dem Stall, der Krippe, dem Heu und dem Stroh […]. Gott offenbart sich den Kleinen in den kleinsten Dingen, und die Großen, die nur an der Rinde hängen, entdecken ihn nicht einmal in den großen Dingen. Aber was ist das Geheimnis, um diesen Schatz, dieses Senfkorn, diese Drachme zu finden? Es gibt keines; dieser Schatz ist überall, er bietet sich uns zu jeder Zeit und an jedem Ort an […]. Das göttliche Wirken überflutet das Universum, es durchdringt alle Geschöpfe, es überschwemmt sie; wo immer sie sind, ist es auch dort; es geht ihnen voraus, es begleitet sie, es folgt ihnen. Man muss sich nur von ihren Wellen mitreißen lassen.“10

„Caussade“ geht also davon aus, dass der gegenwärtige Moment, der auf den Menschen zukommt, insofern Sakrament ist, als er – mit den viel zitierten Worten Alfred Delps – „Gottes so voll“11 bzw. mit dem Religionsphilosophen Richard Schaeffler gesprochen jeder Augenblick eine „transparente Gegenwartsgestalt des Heiligen“12 ist. Er ist von Gott bewirkt und Träger einer göttlichen Botschaft, eines Impulses, einer Gabe. Wie wird der Klassiker diesbezüglich in der Gegenwart rezipiert?

Anklänge an die „Achtsamkeitskultur“?

Gerade diese Formulierung vom Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks wird heute vielfach zitiert, z. B. bei Richard Rohr.13 Sie scheint unmittelbar anschlussfähig für Spiritualitätsszenen der Gegenwart, die neu entdeckt haben, wie kostbar die Präsenz im Augenblick ist. Spuren davon lassen sich in der eingangs erwähnten Werbeindustrie entdecken.

Die Parallelen zur gegenwärtigen Achtsamkeits- und Kontemplationskultur sind jedenfalls frappierend. Dort geht es um ein (Wieder-)Erlernen der Fähigkeit, überhaupt im gegenwärtigen Augenblick verweilen und präsent sein zu können. Simon Peng-Keller spricht z. B. davon, den „Aktivitätsmodus“ zu unterbrechen und in den „Präsenzmodus“14...


Christoph Benke, geb. 1956, Dr. theol., Priester der Erzdiözese Wien, in der Studentenseelsorge tätig.



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