Benfey Roter Sand, schwarzer Stein, weißer Ton
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-552-05710-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Familiengeschichte
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-552-05710-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christopher Benfey ist Professor für Englisch am Mount Holyoke College und schreibt regelmäßig für 'The New York Times Book Review', 'The New Republic' und 'The New York Review of Books'. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten und lebt in Amherst, Massachusetts.
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DER BAMBUSHAIN
1. Kapitel
Eine geologische Kluft durchschneidet North Carolina von Süden nach Norden, mit sandigen Hügeln auf der östlichen Seite der Grenzscheide und rotem Ton im Piedmont Richtung Westen. Mein Urgroßvater John Abner Thomas lebte direkt an dieser Trennlinie, im Weiler Cameron, und bestritt seinen Lebensunterhalt mit Sand und mit Ton. Im Frühling und Sommer baute er im weißen Sand Broadleaf-Tabak an, im Herbst und Winter legte er auf den Farmen und in den Dörfern rund um das nahe gelegene Sanford, die selbsternannte Ziegelhauptstadt der USA, in deren Randbezirken heute noch die Backsteinfabriken stehen, rote Ziegel. Abners Vater war ebenfalls Maurer gewesen, und er wiederum brachte seinem Sohn, meinem Großvater, das Maurerhandwerk bei. Rote Ziegel, könnte man sagen, bis weit zurück.
Abner hatte ein Doppelhaus, kunstvoll mit Schindeln im Fischschuppenmuster verkleidet und weiß angestrichen. Man betrat es durch die umlaufende, von sechs schlanken Säulen getragene Veranda. An einer Seite der Eingangstür stand ein doppelsitziger Schaukelstuhl, an der anderen ein grauer Whiskykrug mit genarbter Salzglasur. Berührte man die Oberfläche des Krugs, fühlte sie sich wie eine Orangenschale an. Die beiden vorderen Stuben – Wohn- und Esszimmer – waren dazu da, um Gäste zu empfangen und Eindruck zu machen. Zwischen den Stuben befand sich ein Mittelgang, ein sogenannter Dogtrot, ein überdachter offener Durchgang, der die vorderen Räume mit einem identischen zweiräumigen Gebäudeteil hinten verband: der Küche und dem Elternschlafzimmer. Hinter dem Haus standen Nebengebäude aus roh behauenen Fichtenstämmen, voller schwarzer Pechstreifen, die aussahen wie Kindergekritzel: eine Räucherkammer, ein Stall für Tiere – Schweine, Kühe und ein Maulesel – und etwas weiter entfernt der Tabakschuppen, wo der Tabak getrocknet wurde.
Über dem vorderen Teil des Hauses lag ein Dachboden, wo meine Mutter und ihre zwei Schwestern Nancy und Velma May (Punk genannt) sowie ihre beiden Brüder und John Wesley spielten, wenn sie an den Sonntagen zu Besuch kamen. Dort oben stand eine Kiste voller alter Kleider und Anzüge. Meine Mutter und ihre Schwestern holten die Kleider heraus und probierten sie an. Dann tanzten sie auf dem Dachboden herum und ließen abwechselnd einen alten Schirm wie einen Parasol kreiseln – es war der einzige Regenschirm, den meine Mutter je zu Gesicht bekommen hatte.
Wenn wir meinen Urgroßvater Abner besuchten, der langsam an Diabetes starb, verließ er niemals sein Bett. Damals waren ihm schon beide Beine amputiert worden, der seiner Gliedmaßen beraubte Rest lag unter schweren dunklen Decken verborgen. Ich war damals erst fünf, sechs Jahre alt, aber ich erinnere mich noch an das düstere Wort Gangrän, das den Raum erfüllte wie ein erstickender Gestank. Für mich strömt dieses Wort immer noch den schweren, süßlichen Geruch der Tabakblätter aus, die im pechgestreiften Schuppen trockneten.
2. Kapitel
Der Vater meiner Mutter, Alexander Raymond Thomas, gab das Geschäft mit dem Tabak auf, um sich auf Ziegel zu konzentrieren. Er besuchte eine unweit von seinem Elternhaus gelegene Berufsschule und lernte dort, die großen Ziegelöfen zu bauen, in denen in Sanford und anderswo die Ziegel gebrannt wurden. Er reiste bis nach Texas, um solche Öfen zu fertigen, aus Ziegeln errichtete Brennöfen, in denen wiederum Ziegel gebrannt wurden. Gegen Ende seines Lebens tat er sich mit meinem flotten Onkel Alec zusammen, dem er das Maurerhandwerk beigebracht hatte. Zusammen gründeten sie eine Fabrik für handgefertigte Zierziegel.
In einem Frühjahr – es muss um 1960 gewesen sein – lud Großvater den Kofferraum seines weißen Cadillacs mit schönen weißen Ziegeln voll, fuhr zu unserem Haus in Indiana und legte dort den Kaminsims. Während ich die Ziegel Stück für Stück aus der langflossigen Limousine herbeischaffte, erkannten meine Hände, was Maurer seit tausend Jahren wissen: dass Ziegel Menschenmaß besitzen, handgemacht, um in die Hand zu passen. Mein Großvater zeigte mir, wie ich den Mörtel, mit einer spitz zulaufenden Kelle wie die Glasur auf einem Kuchen verstrichen, genau richtig hinkriegte. Er war ein Kenner, wenn es um kunstfertig gelegte Ziegel ging; mit seinem Stummel von Zeigefinger zeigte er mir die Mängel an Mauern und Gebäuden. Nie entgingen ihm einfallslose Versuche, eine schlampige Ausrichtung der Ziegel oder einen lausigen Umgang mit dem Mörtel zu kaschieren. Er glaubte – glaubte es in seinen Fingerspitzen –, dass Aufrichtigkeit bei Ziegeln ebenso wichtig war wie Aufrichtigkeit bei jeder anderen Unternehmung.
Seinen fehlenden Zeigefinger bezeichnete mein Großvater als seinen »Abzugsfinger«, und ich glaubte immer, er habe ihn im Krieg verloren – in welchem, wusste ich nicht genau, vielleicht im Amerikanischen Bürgerkrieg. Später erfuhr ich, dass er ihn als Teenager verloren hatte, als er Maiskolben in einen Shredder fütterte. Mein Großvater war Maurer in zweierlei Hinsicht, jemand, der Ziegel aufeinanderschichtete, und Freimaurer. Sein Freimaurerabzeichen trug er beim Gottesdienst der Methodisten am Sonntag.
3. Kapitel
Wenn man zum Haus meines Großvaters Raymond am U.S. Highway 1 in Cameron kam, ähnelte das einem Phantasiebild aus Oz. Von der Hauptstraße aus schlängelte sich eine mit roten Ziegeln im Fischgrätenmuster gepflasterte Zufahrt hinauf, wie ein gewundener Wegweiser, der den Beruf meines Großvaters ausposaunte. Als junges Mädchen hatte meine Mutter geholfen, diese Zufahrt zu pflastern, und die roten Ziegel in ein Bett aus weißem Sand versenkt. Die Zufahrt führte hinauf zu dem weißen Holzrahmenhaus, das Raymond während der Wirtschaftskrise mit eigenen Händen erbaut hatte, als niemand sich seine Dienste als Maurer leisten konnte.
In diesen harten Jahren in den 1930ern chauffierte Raymond einen mit Obst und Gemüse aus North Carolina beladenen Lastwagen zum Fulton Market in New York, wobei er nur stehen blieb, um zu tanken. Wegen etwas anderem anzuhalten, vor allem in einer Stadt, war gefährlich, denn die Steigen mit Pfirsichen und Kartoffeln waren leichte Beute für Diebe. Während Raymond seinen Lastwagen durch das Zentrum von Philadelphia lenkte, saß mein Onkel John Wesley mit einem Baseballschläger bewaffnet hinten und bedrohte jeden, der eine Kiste klauen wollte.
Wenn unser himmelblauer Opel-Kombi einen anderen Gang einlegte, um langsam über die ziegelbelegte Auffahrt hinaufzukriechen, wussten meine beiden älteren Brüder und ich schon, welches Ziel wir ansteuern würden: die Schaukel im Bambushain. Im weißen Sand neben seinem Haus stand eine riesige Eiche, groß und stark wie mein Großvater selbst. Von einem der oberen Äste hing ein dickes Seil mit einer Brettschaukel. An einem Ende der Flugbahn war der Kamin meines Großvaters, aus denselben roten Ziegeln gemauert wie die Zufahrt und anmutig nach oben verjüngt, mit dem treppenartigen Diagonalmuster, wie es auf bestimmten Bildern von Vermeer und De Hooch zu sehen ist. Am anderen Ende der weit geschwungenen Schaukelkurve lag das Bambuswäldchen meines Großvaters, ein exotischer Hauch Asien zwischen den ordentlichen Tabakpflanzenreihen von North Carolina.
Mein Großvater war ein leidenschaftlicher Angler, und er hatte den Bambus gepflanzt, um sich mit Angelruten zu versorgen, die er sich während der Wirtschaftskrise nicht leisten konnte. Er hatte am Bach unten beim Straßendamm der alten Route 1, einer Geisterstraße aus gesprungenem, mit Unkraut überwuchertem Asphalt, einen Damm gebaut und setzte in den Teich, der sich dort füllte, Barsche und Blaue Sonnenbarsche ein. Wenn er mich zum Fischen mitnahm, ein Höhepunkt bei jedem Besuch, versah er den Haken geschickt mit einem Köder, einem fetten rosa Regenwurm, der sich am Haken krümmte wie sein verlorener Finger.
In diesem Fischtümpel war meine Mutter mit ihren Geschwistern geschwommen und hatte zwischen dem Röhricht am Bach Ausschau nach Wassermokassinottern gehalten. An der alten Straße gab es viele Schlupfwinkel und Verstecke, eine Herausforderung für die kindliche Phantasie. Die drei Mädchen spielten mit Papierpuppen, die sie aus den Katalogen von Sears Roebuck ausgeschnitten hatten. Aus Schuhschachteln und Papier bastelten sie Möbel und Autos. An der alten Straße trat ein riesiges Stück Quarzgestein zutage, in dessen Spalten Moos und kleine Pflanzen wuchsen. Dort bauten sie kunstvolle Häuser aus Blättern und Blumen für ihre Papierpuppen.
Beim Schaukeln im Bambuswäldchen bestand, wenn man sich mit den Füßen ordentlich vom Kamin abgestoßen hatte, die Belohnung darin, dass man in eine grün-golden gefleckte Welt aus Bambusblättern und Sonnenlicht hinaufflog. Dann musste man seinen Körper sofort drehen, um sich noch einmal abzustoßen, oder man schlug sich an den harten Ziegeln den Rücken an. Zwischen Ziegeln und Bambus, so vollzogen sich Reise und Rückkehr. An den nackten Fußsohlen machte man die Erfahrung, dass dies zwei unterschiedliche Materialien waren, zwei verschiedene Prinzipien von Stärke: der harte rote Ziegel und der nachgiebige grüne Bambus.
Die Schaukel war eine Quelle komplexer Freuden, besonders wenn John Wesleys vier Töchter gleichzeitig zu Besuch waren wie wir. Sie wohnten ebenfalls in Richmond, wenn auch ihr Richmond in Virginia lag und unseres in Indiana. Sonntags trugen sie weiße Kleider mit Petticoats: Theresa, Debbie, Betty und Sharon. Es war lustig, zuzusehen, wenn ihre weißen Petticoats wie sich entfaltende Blüten in die Bambusblätter hinaufschwebten.
4. Kapitel
Der Bambushain war offensichtlich auch für meine Eltern ein romantisches Plätzchen gewesen, denn sie...




