E-Book, Deutsch, 292 Seiten
Reihe: Verlag Klingenberg
Benedict Das Haus am See
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-903284-66-1
Verlag: Verlag Klingenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Oberst Johams erster Fall
E-Book, Deutsch, 292 Seiten
Reihe: Verlag Klingenberg
ISBN: 978-3-903284-66-1
Verlag: Verlag Klingenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein nackter Justizwachebeamter mit Kopfschuss und ein flüchtiger Häftling erschüttern Anfang der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts den behaglichen Frieden einer kleinen niederösterreichischen Provinzstadt. Obwohl die Ermittlungen wegen angeblicher Aussichtslosigkeit ›von oben‹ rasch abgewürgt werden, lässt den ermittelnden Gendarmerie-Oberst der Fall nicht los. Als leidenschaftlicher Leser und Literaturkenner schlüpft er nun selbst in die gottverwandte Rolle des Romanciers und beginnt eine eigene Wirklichkeit zu schreiben, in der er den ins Auge gefassten Täter überführt. Denn Tatsachen, das hat er bei Don Quijote gelesen, sind die Feinde der Wahrheit, und vom Mann aus der Mancha weiß er auch, dass nur wer das Absurde versucht, fähig ist, das Unmögliche zu vollbringen.
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Freitag, 13. Juli — I
Die Erektion war das erste, das allen ins Auge stach, die den Tatort betraten. Es waren ausschließlich Männer, und jeder hatte Mühe, den toten Konkurrenten, obwohl er nun keiner mehr war, nicht dennoch zu taxieren und sich zu fragen, wer solcherart beglückt worden sein könnte.
Als erste hier gewesen waren die Beamten Grasbauer und Fink im Streifenwagen, keine fünf Minuten später waren mit dem zweiten verfügbaren Dienstfahrzeug, vom Kollegen Stadler chauffiert, Gendarmerieoberst Johann Joham und sein Assistent Albin Kübler eingetroffen. Doktor Hoflehner, praktischer Arzt und als Amtsarzt tätig, war dicht hinter den beiden Ermittlern mit dem eigenen Auto angekommen und wenig später hatte auch der Rotkreuz-Wagen den steinigen Weg herauf zum Panagl-Haus am Rand des militärischen Sperrgebiets geschafft. Zu tun gab es für die Sanitäter freilich nichts mehr.
Das peinliche Detail an der nackten Leiche irritierte Oberst Joham, den Leiter der Ermittlungen, und es wäre ihm nicht so unangenehm gewesen, hätte er den Justizwachebeamten aus der Strafanstalt In der Au, der da tot am Boden lag, nicht recht gut gekannt.
»Kann bitte einer den Kopal zudecken«, rief er, den selten etwas aus der Ruhe brachte ; und weil Kollege Kübler mit seiner Kamera beschäftigt war, ging einer der beiden Sanitäter, die ohnehin nutzlos herumstanden, vom Rettungswagen eine Plane holen, mit der sonst Patienten zugedeckt wurden, die den Transport in dem angejahrten Vehikel nicht überstanden hatten.
Nun, da des Toten Intimsphäre wieder gewahrt war, wandte Joham sich mit einer sich offenbar aufdrängenden Frage an den Arzt. »Dolce morte ?«, wollte er wissen.
»Schwer zu sagen«, meinte der Doktor und begann seine Tasche zu packen. »Totenstarre ist es nicht, aber sowas kommt vor. Spuren von einem finalen Höhepunkt gibt es keine.« Der Oberst nickte stumm.
»Mitten aus dem Leben gerissen, sozusagen«, sprach der Doktor dann und schloss seine Instrumententasche. »Dass er tot ist, hättet ihr übrigens selbst feststellen können. So ein Loch im Kopf überlebt keiner. Also. Meine Patienten warten. Totenschein folgt.«
Der Mann, der die Tat entdeckt und Gendarmerie und Rotes Kreuz verständigt hatte, saß, von den Sanitätern versorgt, im Schatten des Hauses auf einem Bretterhaufen. Einer der beiden hatte ihm einen kalten Umschlag in den erhitzt geröteten Nacken gelegt, der andere schenkte ihm einen Becher Eiswasser aus einer Thermosflasche ein. Den Schnaps, den er sich wünschte – und den die Sanitäter zweifellos dabei hatten –, verweigerten sie dem verstörten Mann. So fett wie er war – sie sagten freundlich »bei Ihrer Konstitution« –, sei bei dieser Hitze das Risiko eines Schlaganfalls viel zu groß. Der Mann blieb ungetröstet und sah sich nun auch den offenbar unangenehmen Fragen des Obersten ausgesetzt.
Joham wollte wissen, wie es kam, dass der Mann, Emil Proidl hieß er und er war ein Kollege des Toten, Zeuge des Verbrechens werden konnte.
Er habe unten bei der Vermurung der Straße nach Wanzenreith mit zwei anderen Kollegen Dienst gehabt, wo zwei Dutzend Männer aus der ›Au‹ mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt waren. Der Kollege Kopal habe, unterstützt vom Einsitzenden Zöchling, das Essen angeliefert und die beiden seien dann zurück in die Anstalt gefahren. Er selbst wäre kurz danach ausgeschickt worden, um mehr kaltes Wasser für die in der sommerlichen Hitze schwer arbeitenden Männer zu holen. Auf dem Motorrad zur Anstalt unterwegs, habe er hier oben vor dem verfallenen Haus den Land Rover des Kollegen Kopal gesehen und sei heraufgegangen, um zu fragen, warum die beiden nicht wieder in die Au zurückgekehrt waren, wie das vorschriftsmäßig der Fall hätte sein sollen.
Kurz bevor er oben angelangt war, zu Fuß wie gesagt, denn der Weg war mit der Maschine schlecht zu befahren, habe er einen Schuss gehört und dann, als er das Haus betreten hatte, die am Boden liegende, nackte Leiche gesehen. Aus dem hellen Sonnenlicht ins Halbdunkel des Raumes getreten, habe er den Toten zunächst für Zöchling gehalten, weil er dachte, der über die Leiche gebeugte Mann in Uniform wäre der Kollege Kopal. Erst als der Uniformierte mit jugendlicher Sprungkraft durch das Fenster geflohen sei, habe er seinen Irrtum bemerkt.
Er sei hinausgestürzt und habe mehrere Schüsse auf die Reifen des Land Rover abgegeben, um den ins angrenzende Militärgelände hinter dem Haus Flüchtenden aufzuhalten. Aber immer schon ein schlechter Schütze, sei ihm das misslungen, er habe statt der Räder offenbar die Heckscheibe des Fahrzeugs getroffen, und der Flüchtende sei (hinter dem Schranken, den er seitlich umfahren hatte) mit großem Tempo im Sperrgebiet verschwunden. Er selbst sei dann zur Straße hinuntergerannt und mit dem Motorrad zurück zur Truppe, wo ein Kollege über Funk die Gendarmen und das Rote Kreuz verständigt habe. Mit Grasbauer und Fink sei er dann zurück an den Tatort gekommen.
Und jetzt, da er von den Vorkommnissen förmlich erschlagen sei, wolle er nichts anderes als nur nach Hause gebracht werden. Die Sanitäter, für die es hier nichts mehr zu tun gab, unterstützten dieses Begehren. Joham nickte Einverständnis, der Rotnacken Proidl wurde in den Rettungswagen verfrachtet und in die Au gefahren, wo er den Herrn Direktor unverzüglich ins Bild setzen sollte.
Inzwischen war auch Ewiger Frieden eingetroffen, der Bestatter der Stadt. Kübler zog – mühsam wegen des Staubes auf dem schmutzigen Boden – mit einem gewaltigen Fettstift noch rasch Kopals Kontur nach, dann hoben Vater und Sohn Franz und Franz Wurmbauer die Leiche in eine Blechwanne, um sie in die Pathologie des Krankenhauses zu bringen. Samt Plastikplane, als fürchteten sie, Kopal könnte frieren, so nackt und bloß.
»Das wird aber dauern«, informierte Vater Wurmbauer den Oberst noch im Abgehen. »Der Herr Professor macht Urlaub auf Mauritius.« Joham meinte, einen boshaften Unterton vernommen zu haben.
Der Tatort, das Panagl-Haus, ein Abbruchobjekt, stand allein oben am Hang und mit dem Rücken zum militärischen Sperrgebiet am Stausee. Beim verlotterten Teil der lokalen Jugend war das halb verfallene Gebäude als Treffpunkt überaus beliebt. Hier wurde gesoffen, gekifft und gevögelt, was das Zeug hielt. Gendarmerie, die sich von der Straße her näherte, war leicht zu erkennen, und bis die Ordnungshüter das Haus er reichten, waren alle corpora delicti verschwunden, und es saß fröhliche Kleinstadtjugend bei Cola und Sinalco beisammen und sang Volkslieder. Joham hatte aufgrund dieser Erfahrungen verfügt, dass solche Einsätze zu unterlassen wären, weil sie nichts brachten.
Der Eigentümer des Objekts – es gehörte dem Drogisten Gattringer, dessen Gespür für Profit stadtbekannt war – kümmerte sich nicht darum. Ein Käufer war dafür nicht zu finden, und vermutlich hoffte er, dass die Jugendlichen die Bude früher oder später in Brand stecken würden, sodass der Abtransport der noch vorhandenen Reste der wertlosen Möblierung entfallen und die Abbruchkosten sich so minimieren könnten.
Die Wandlung des Toten zu einer abstrakten Linie am Fußboden bedeutete Erleichterung für Joham. Er konnte den Tatort nun gelassener betrachten. Aufsaugen wäre ein besseres Wort, denn er hatte ein photographisches Gedächtnis. Er prägte sich den türkisen Overall ein, der neben der weißen Kontur lag, den leeren Holster auf der Kommode und davor den Schlüsselbund, der beim Ausziehen zu Boden gefallen sein mochte. Kübler wäre im Grunde entbehrlich gewesen, aber die Vorschrift verlangte eben Bilder auf Papier im Akt und nicht im Kopf eines Ermittlers. Dabei waren diese Bilder im Kopf des Obersten die weitaus tauglicheren Hilfsmittel für die Aufklärung von Verbrechen. Joham hatte den Raum schon einmal gesehen, vor ein paar Jahren.
»Albin, wissen Sie noch, wie wir damals hier waren ?«, wandte er sich an Kübler, der, ohne sich in seiner Pirsch nach Close-ups beirren zu lassen, schweigend nickte.
Albin Küblers Photographien von damals lagen noch in seinem privaten Archiv im Sekretariat. Für Joham waren sie entbehrlich. Er hatte den Raum noch genau im Kopf und das Bild des seinerzeitigen Zustands überlagerte das gegenwärtige. Da war das Zimmer noch möbliert gewesen, wie Schlafzimmer einfacher Leute hier in der Gegend eben eingerichtet waren : ein Doppelbett von Nachtkastln flankiert, gegenüber Kleiderkästen und zwischen den Fenstern die unvermeidliche Psyche, ein Schmink- und Frisiertisch, den die Käthe Panagl ihr Lebtag wohl nie benutzt hatte. Nun lag sie in Johams Erinnerung da, in der rechten Betthälfte, den Schädel mit einer Axt präzise mittig gespalten, alles versaut mit Blut. Auch ihren Mann – einen im Umgang mit der Hacke erfahrenen Forstarbeiter – hatte der Oberst noch immer genau vor Augen, so, wie er am Dachboden vom Balken herabhing und aus den Hosenbeinen Urin und Scheiße troffen. Nein danke. Verglichen damit, dachte er, war eine Erektion geradezu eine Wohltat, wenn auch eine peinliche.
Die Panagls, die damals auf diese Weise ins Paradies eingingen, waren die Schwiegereltern des Drogisten gewesen. Seither galt das Haus als verflucht. Alte Weiber wollten wissen, dass die tote Käthe in blutverschmiertem Nachthemd umging in der Nacht, je einen halben Kopf unter jedem Arm. Grund genug, die schauerliche Stätte zu meiden. Lediglich die Jugendlichen scheuten sich nicht, die vom Fluch geschützte Unterkunft für ihre verbotenen Exzesse zu nützen.
Vom einstigen ehelichen Schlafzimmer, wie Joham es im Kopf hatte, war nicht mehr viel übrig. Die Betten waren auseinander genommen worden, die Matratzen in Nebenräume verschleppt – wozu konnte sich jeder denken –, und die Betthäupter und Fußenden sowie die Längsverbindungen lehnten nun samt den hölzernen Querbrettern an der Wand, sodass die Nachtkastln beziehungslos verloren dastanden. Joham öffnete gedankenlos das Türl des ihm nächsten, auf dessen Oberfläche der Staub verwischt war, als wollte er kontrollieren, ob ein Nachttopf bereitstand. Er nickte, als er den Porzellanscherm erblickte, schloss das Kastl wieder und dachte an ein sibirisches Nachtkastl, in dem Gold versteckt war und von dem ihm sein Schwiegersohn erzählt hatte. Doch das war Literatur und für die Ermittlungen nicht relevant.
Auch der Spiegel der nutzlosen Psyche lehnte an der Wand, unten war ein dreieckiger Teil ausgebrochen, der Rest verstaubt und gegen den Rand hin erblindet, ohne Bedeutung für den Fall, von dem Joham noch nicht wusste, ob er ihn den ›Fall Kopal‹ oder den ›Fall Zöchling‹ nennen sollte. Gewöhnlich wurde nach dem aktiven Teil der Angelegenheit archiviert, also nach dem Mörder. Gab es mehrere Opfer, war das einleuchtend. Bei einem einzelnen Opfer hätte man auch nach dem duldenden Teil der Sache beschriften können. Wahrscheinlich aber war hier die Hierarchie der beteiligten Personen ausschlaggebend, und so musste es wohl der ›Fall Julius Kopal‹ sein. Für sich zog Joham die Bezeichnung als Fall Zöchling vor ; warum konnte er nicht sagen. Gesehen hatte er jedenfalls genug.
»Albin, schau bitte noch, ob hinter dem Haus was zu finden ist«, wies er Kübler an, der erfreut nickte, denn er schätzte das Privileg, als de facto nur Schreibkraft und also ganz ohne amtliche Legitimation hier Spuren dokumentieren zu dürfen. Photographieren war eine Leidenschaft des sonst leidenschaftslosen Mannes, und auf Kosten der Behörde teures Filmmaterial belichten zu können, beflügelte ihn ungemein. Die Begeisterung für die Lichtbildnerei war übrigens eine Beschäftigung, die ihn mit dem Toten verbunden hatte, denn auch Julius Kopal war ein begeisterter Photograph gewesen und hatte jeden Photowettbewerb Unsere Schöne Heimat gewonnen, den das Kulturreferat der Stadtgemeinde Jahr für Jahr ausrief.
Joham ließ sich von Grasbauer und Fink zurück ins Amt bringen, der Stadler wartete auf Kübler, denn der, dessen war sich Joham sicher, würde noch länger in der Umgebung umherstreifen und Spuren auf Film sichern, um das muffige Vorzimmer des Obersten auf dem Posten möglichst lange meiden zu können. Auf diesen amtlichen Filmstreifen fanden sich dann bisweilen auch romantische Landschaftsbilder, tauperlende Spinnennetze im Gegenlicht und dergleichen mehr, was mit Beweisaufnahme nur wenig zu tun hatte.
»Mitten aus dem Leben gerissen«, zitierte Fahrer Fink den Doktor, aber da der Chef nicht darauf einging, wurde die Fahrt schweigend fortgesetzt.
Ja, mitten aus dem Leben gerissen, dachte auch Joham. Vor allem die Mitte fand er passend, denn Vierzig dürfte Kopal schon gewesen sein. Mitte Vierzig war ebenfalls denkbar, obwohl auch der Rest des Leibes einen sehr strammen Eindruck gemacht hatte.
Beamte in diesem Alter und hieroben am Rande der bewohnten Welt – an deren Arsch, sagten manche – tendierten dazu, weidlich Fett angesetzt zu haben, ständig hüstelnd von zu vielen Zigaretten und mit glasig schwimmendem Blick ihren Dienst zu versehen. Nicht so der Justizwachebeamte Julius Kopal. Er war ein eifriger Sportler gewesen, hatte Jahr für Jahr die Stadtläufe so leicht wie Unsere Schöne Heimat gewonnen, war an dienstfreien Tagen so gut wie immer mit dem Rad unterwegs und bei miesem Wetter turnte er in der Anstalt, ein erfolgreiches Vorbild für viele der Insassen. Lediglich Fußball hatte er nie gespielt, was ihm einige sehr verübelt hatten, denn alle waren davon überzeugt, dass er einen großartigen Kicker abgeben würde. Nur, er wollte nicht.
Erinnerungen an den Ermordeten waren das eine, wichtiger schien Joham jedoch die Frage, weshalb Zöchling, nachdem er den Kopal erschossen und von Proidl auf sozusagen frischer Tat ertappt worden war, nicht auch auf diesen unerwünschten Zeugen geschossen hatte, bevor er durchs Fenster zum Wagen gesprungen und davongefahren war. Dass er für seine Flucht, die er sich vermutlich in die andere Richtung vorgenommen hatte, zum Wagen passend die Uniform seines Opfers angezogen hatte, leuchtete ein. Warum er dem Kopal aber nicht einmal seine Unterhose gelassen hatte, war rätselhaft, ebenso, warum er ihn überhaupt erschossen hatte. Und all das kaum drei Wochen vor seiner Entlassung.
Joham war nicht abergläubisch, aber er meinte, er könnte es werden. Freitag, ein Dreizehnter, und am selben Ort ein zweiter Mord ; und verglichen mit dem schlicht gespaltenen Schädel der Käthe Panagl auch noch ein überaus rätselhafter.
Klarheit würde nur eine Aussage Zöchlings bringen, die – glaubte man Proidl – nur ein Geständnis sein konnte. Zöchling aber war auf und davon, und ob er überhaupt jemals gefasst werden konnte, höchst ungewiss. Das Naheliegendste nämlich, jetzt im Sperrgebiet nach ihm zu suchen, hätte eine arge Kompetenzüberschreitung bedeutet, weil dazu ein Bescheid des Ministeriums erforderlich gewesen wäre, der am Freitag Nachmittag aber nicht mehr zu bekommen war.




