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Bender / Ruso / Kanitscheider | Gemeinsam oder allein | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 49, 342 Seiten

Reihe: Matreier Gespräche zur Kulturethologie

Bender / Ruso / Kanitscheider Gemeinsam oder allein

Dichotomie und/oder Übergang in Natur und Kultur
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-1571-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Dichotomie und/oder Übergang in Natur und Kultur

E-Book, Deutsch, Band 49, 342 Seiten

Reihe: Matreier Gespräche zur Kulturethologie

ISBN: 978-3-6951-1571-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Tagungsband der 49. Matreier Gespräche 2024 behandelt den Dualismus oder das Ineinander-Übergehen der Kategorien "gemeinsam" und "allein". Er vereint siebzehn Themen, die den Forschungsgebieten von Bio- und Ökologie, Ethologie, Anthropologie, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Semiotik, Archäologie, historischer und Wirtschaftsgeographie sowie Bauforschung entstammen, wobei mehrere Beiträge Brücken zwischen verschiedenen Fächern schlagen. Neben grundsätzlichen Überlegungen zur Abgrenzung und Klassifikation von Individuum versus Aggregat/Kollektiv beziehungsweise solitärem und sozialen Verhalten wird an einer Vielzahl konkreter disziplinärer und interdisziplinärer Beispiele ausgelotet, wie sich der Übergang zwischen beiden Polen in Natur und Kultur konkret vollzieht.

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Vorwort


In den vergangenen Jahren wurde unser eingefahrenes Verständnis scheinbar selbstverständlicher Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft auf eine Probe gestellt. Der von Bodo Wartke komponierte und den ‚Vokalhelden‘ (Kinder- und Jugendchor) der Berliner Philharmoniker im WorldWideWeb vorgetragene Song zum 1 (9.10.2020) legt ein beredtes Zeugnis davon ab. In der Pandemie waren wir alle mehr oder weniger allein, gemeinsam allein. Viele spürten erst damals, was es heißt, allein, isoliert und nur virtuell verbunden zu sein. Sind ‚gemeinsam‘ oder ‚allein‘ disjunkte Alternativen, kennzeichnen sie dynamische Perspektiven der Entscheidungsfindung? Stimmt die alte Weisheit, man sei schneller allein, komme aber in Gemeinschaft weiter?

Ohne Frage lässt sich der Übergang oder die Dichotomie zwischen ‚gemeinsam‘ oder ‚allein‘ von menschlichem Sozialverhalten auf jenes von Tieren und universell noch weiter auf die Beziehung und Erforschung von Ganzheiten und ihren konstituierenden Teilelementen ausdehnen. Mathematiker, Logiker und Philosophen versuchten sich schon seit langem an dieser Problematik. Bekannt ist das sogenannte Sorites-Paradoxon, das die Frage betrifft, ab wie vielen Sandkörnern man von einem Sandhaufen sprechen könne. Präziser wäre die Frage, wie viele Sandkörner (Menschen, Büffel) es braucht, um das Verhalten eines Sandhaufens (Mob, Stampede) zu zeigen.

In der klassischen Physik sind Atome (von altgriechisch ‚unteilbar‘, dem das lateinische entspricht) die Bausteine, die mit ihrer Fähigkeit, sich zu Molekülen und Körpern zu verbinden, somit unsere gesamte Materie und das ganze Universum zusammensetzen. Doch sind Atome nicht unteilbar, wie bei der Namensgebung angenommen, sondern aus noch kleineren Teilchen aufgebaut, die gar nicht mehr über die Eigenschaften von Materie verfügen. Jüngere physikalische Vorstellungen wie Einsteins relativitätstheoretisches Modell sehen Körper, Raum und Zeit als ein untrennbares dynamisches Gewebe, wobei die Massen von Körpern auch ‚nur‘ eine Form der Energie darstellen.

Die Evolutionsbiologie zeigt, wie sich nach Milliarden Jahren, in denen es nur einzellige Lebensformen gab, Organismen zu Systemen mit neuen, überraschenden Eigenschaften zusammenschlossen und die Entwicklung weiterer kompetitiver und kooperativer Systeme fortlaufend Neues hervorbrachte. Dies kommt letztlich in den vielfältigen sozialen Beziehungen der Tiere und Menschen zum Ausdruck – Paar, Familie, Gruppe, Gemeinschaft, Gesellschaft – die unter verschiedenen Prämissen in Biologie und Anthropologie, Ethologie, Soziologie und Ethnologie analysiert werden.

In Biologie und Ökologie wurde dieser Zusammenhang mit Einbeziehung des Pflanzenreichs auf Lebensgemeinschaften/Biozönosen erweitert. Ganzheiten und ihre Beziehungen zu ihren Teilen stellen nicht zuletzt die Ökologie vor große Herausforderungen. Die Ansichten dazu gehen weit auseinander. Da gibt es jene, die darauf hinweisen, dass angeblich ein autotrophes zusammen mit einem heterotrophen Bakterium schon ein Ökosystem bilden könnten, und jene, die von der unverzichtbaren Rolle eines jeden Organismus in einem Ökosystem schwärmen.

Analogien zu gesellschaftlichen Systemen drängen sich auf. Es scheint so zu sein, dass gewisse Arten/Personen Schlüsselrollen spielen und andere eher Mitläufer sind. Den Schutz oder das Management der Ganzheit versucht man mittels besonders populärer Arten/Menschen voran zu treiben. In den historischen Wissenschaften wird die Geschichte von bedeutenden Einzelpersonen ebenso wie die der Strukturen und Massen geschrieben. Noch im 19. Jahrhundert war das Konzept ‚Persönlichkeiten – seinerzeit vornehmlich Männer – machen Geschichte‘ (als ‚Leader‘ in Politik und Wirtschaftsleben) dominant, das sich bis heute in der Literaturgattung ‚Biographie‘ widerspiegelt.

Zentral für die Religionswissenschaften sind die Beziehungen zwischen Göttern, Gläubigen und Glaubensgemeinschaften. Die Psychologie untersucht individuelles Verhalten, Emotionen und mentale Prozesse. Sie kann erklären, warum manche Menschen lieber allein sind, während andere Gemeinschaft suchen. Gesundheitliche Auswirkungen von Dichtestress und vor allem Einsamkeit sind Thema in der Medizin. Solidarität und Menschlichkeit stellen zentrale Anliegen dar, die in der Philosophie diskutiert werden.

Ein spezielles Thema in Ökonomie, Wirtschafts- und Sozialgeographie bilden gemeinschaftliche Nutzungsformen (Allmende, ), die jeweils einer konkreten Gruppe von Nutzern zur Verfügung stehen, sowie Gemeingüter, die für alle potenziellen Nachfrager frei zugänglich sind und die von mehreren oder sogar allen gleichzeitig genutzt werden können. Bevölkerungsdruck und zunehmende Ressourcenknappheit stellen uns aktuell vor die Herausforderung, dass die Nutzung auch der Gemeingüter gesellschaftlich ausgehandelt und nachhaltig geregelt werden müsste, wenn wir unsere Zivilisation erhalten wollen. Doch politisch steuert unser Jahrhundert auf die große Auseinandersetzung zwischen kollektivistischen und individualistischen Systemen zu, die eine gemeinsame Bewältigung brennender globaler Probleme zu gefährden droht.

In den vorangestellten Absätzen wurde schlaglichtartig beleuchtet, wie das Rahmenthema ‚Gemeinsam oder allein‘ in vielen disziplinären Kontexten eine bedeutende Rolle spielt. Die Teilnehmer der 49. Matreier Gespräche begaben sich im Dezember 2024 auf die Suche nach dem, was das Alleinund/oder gemeinsam Sein ausmacht, bedingt und bewirkt, wobei beide Formen allein oder miteinander, als Gegensatzpaar oder als (fließender) Übergang thematisiert werden konnten.

Die 1. Einheit ‚Gesellschaftliches‘ beleuchtet gesellschaftliche und politische Fragen. Max Liedtke zeichnet die historische Entwicklung des Menschenrechts auf Bildung unter kulturethologischen Aspekten nach. Roland Girtler beschreibt aus autobiographischer Perspektive Momente der Gemeinsamkeit und Einsamkeit in der klassischen Klosterschule. Armin Würker liefert mit einer wirkungsanalytischen, methodisch am sogenannten ‚Szenischen Verstehen‘ Lorenzers angelehnten Analyse der Trump-Rede vom 6. Jänner 2021 und des sogenannten ‚Sturms auf das Capitol‘ Erklärungsansätze dafür, wie sich Einzelne als Masse oder Mob in Bewegung setzen lassen. Martin Kiesewetter liefert einen Appell zur Stärkung der Wehrmotivation der Gesellschaft und der Krisentauglichkeit der Streitkräfte, um den Anforderungen einer postulierten Zeitenwende zu begegnen.

Die 2. Einheit verbindet ‚Biologisches und Ökologisches‘. Hans Winkler erörtert anhand der ‚Paradoxie‘ des Haufens den Übergang vom individuellen Objekt/Subjekt zum Aggregat, Haufen oder Schwarm beziehungsweise vom Einzel- zum kollektiven Verhalten; damit werden aus naturwissenschaftlicher wie auch philosophischer Sicht grundlegende Aspekte des Rahmenthemas diskutiert. Bernhart Rusos Fallbeispiel aus der Biologie zeigt mit dem kooperativen Brüten beim Eichelspecht evolutionäre Wege zur Gemeinsamkeit auf, während sich Kurt Kotrschal mit dem konfliktbeladenen Verhältnis von Wolf und Mensch befasst, die in ihren Ansprüchen, Anlagen und Verhaltensweisen über (zu) viele Gemeinsamkeiten verfügen. Auf der Basis jahrzehntelanger eigener Forschungen bietet er fundiertes Wissen zur Versachlichung der aktuell leidenschaftlich in der Öffentlichkeit ausgetragenen Debatte, ob und wie ein künftiges Zusammenleben mit dem vormals nahezu ausgerotteten Wolf gelingen kann.

Die 3. Einheit ‚Anthropologisches und Ethologisches‘ verbindet Themen aus diversen disziplinären Kontexten. Doris Schamall und Friedrich Jelinek erklären die Embryonalentwicklung siamesischer Zwillinge und schildern konkrete biographische Beispiele. Auf dieser Basis erörtern sie die Auseinandersetzung der Zwillinge untereinander und mit der Gesellschaft, deren Reaktion teils in mythische und religiöse Aspekte umgedeutet wird. Uwe Krebs skizziert das Sozialverhalten und dessen Ursachen bei Wölfen, Tigern, Menschenaffen und Menschen zwischen den Kategorien ‚solitär‘ und ‚sozial‘ bis hin zur Entstehung hochkomplexer kollektiver Organisationsformen, wie sie die modernen Flächenstaaten darstellen. Im Beitrag von Dagmar Schmauks schließlich werden Aspekte von Gemeinsamkeit und Einsamkeit bei Mensch und Tier auf der Grundlage von Redewendungen semiotisch ausgedeutet.

Die 4. und 5. Einheit widmen sich schließlich historisch-geographischen beziehungsweise ethnologischen Fragestellungen und Fallbeispielen vornehmlich in den Alpen. Der Archäologe Andreas Putzer untersucht das Schnalstal (Südtirol) als Interaktionsraum prähistorischer Gemeinschaften und liefert damit neue Erkenntnisse, ab wann und wie der Hochgebirgsraum durch sesshafte menschliche Gruppen in eine Kulturlandschaft umgeformt wurde sowie als räumliche Basis der Entwicklung komplexer arbeitsteiliger Gemeinschaften diente. Rolf Peter Tanner demonstriert sehr anschaulich und an vielen räumlichen Beispielen, wie sich unterschiedliche Regelungen, den Besitz an Grund und Boden, Haus...



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