Ben Jelloun | Das Schweigen des Lichts | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Ben Jelloun Das Schweigen des Lichts


3001. Auflage 2003
ISBN: 978-3-8270-7726-4
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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ISBN: 978-3-8270-7726-4
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Mann erzählt. Er heißt Salim und war Gefangener im Straflager Tazmamart im Süden Marokkos, verurteilt zu einem langsamen Sterben in Kälte, Schmutz und Angst. Im Gefängnis herrscht ewige Nacht. Um zu überleben lernt Salim, sich von den Bildern seiner Vergangenheit zu befreien, denn »sich erinnern heißt sterben«.

Tahar Ben Jelloun, geboren 1944 in Fès (Marokko), lebt in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb. 1987 wurde er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, 2004 mit dem renommierten  International IMPAC Dublin Literary Award. Im Jahr 2011 wurde ihm der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen. Seine Sachbücher »Papa, was ist ein Fremder?« (2000), »Papa, was ist der Islam?« (2001, Neuauflage 2013) und »Arabischer Frühling« (2011) waren Bestseller. Mit Cabu und Wolinski, die bei dem Attentat auf Charlie Hebdo ermordet wurden, verlor Ben Jelloun zwei Freunde.
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1Lange Zeit war ich auf der Suche nach dem Schwarzen Stein, der die Seele vom Tode reinigt. Wenn ich lange Zeit sage, denke ich an einen tiefen Brunnen ohne Grund, an einen Tunnel, den ich mit Fingern und Zähnen gegraben habe, in der hartnäckigen Hoffnung, nur für eine einzige Minute, für eine lange und ewige Minute einen Lichtstrahl zu erhaschen, einen Funken, der sich meinem Auge einprägen und den mein Innerstes wie ein Geheimnis in sich bergen würde. Dieser Funke würde in meiner Brust nisten, und ich würde in der Unendlichkeit meiner Nächte von ihm zehren, in jenem Grab dort, im tiefsten Inneren der feuchten Erde mit ihrem Geruch des Vergrabenen, seiner Menschlichkeit Entleibten, dem man die Haut heruntergerissen, den Blick, die Stimme und die Vernunft entzogen hat.

Doch was soll die Vernunft an jenem Ort, wo man uns begraben, vielmehr unter die Erde gebracht hat? Sie ließen uns ein Loch, gerade groß genug, um atmen zu können, damit wir lange genug lebten und genügend Nächte hatten, um die Verfehlung zu sühnen. Der Tod war so von einer raffinierten Langsamkeit, er sollte sich Zeit lassen, alle Zeit der Menschen, derer, die wir nicht mehr waren, und derer, die uns noch bewachten, sowie derer, die uns völlig vergessen hatten. Ach, diese Langsamkeit! Sie war unser Hauptfeind, der unsere geschundene Haut umhüllte und der offenen Wunde viel Zeit ließ, bevor sie sich zu schließen begann. Diese Langsamkeit, die unsere Herzen im friedlichen Rhythmus des kleinen Todes schlagen ließ, als müssten wir verlöschen wie eine Kerze, die weit entfernt von uns entzündet wurde und sich in sanftem Glück verzehrte. Ich dachte oft an eine solche Kerze, nicht aus Wachs, sondern aus einem unbekannten Material, die eine ewige Flamme vorgaukelt, das Symbol unseres Überlebens. Ich dachte auch an eine riesige Sanduhr, in der jedes Sandkorn ein Partikel unserer Haut ist, ein Tropfen unseres Blutes, ein Quäntchen Sauerstoff, den wir nach und nach verloren, in dem Maße, wie die Zeit in unseren Abgrund hinabsank.

Doch wo waren wir? Wir waren angekommen, ohne dass wir etwas hätten sehen können. War es nachts passiert? Wahrscheinlich. Die Nacht wurde uns zur Gefährtin, zum Territorium, zur Welt und zum Friedhof. Das war die erste Information, die ich empfing. Mein Überleben, meine Folter, meine Agonie waren mit dem Schleier der Nacht verwoben. Ich wusste es sofort, als habe ich es schon immer gewusst. Die Nacht, ach! Meine Decke aus gefrorenem Staub, meine Einöde aus schwarzen Bäumen, die ein eisiger Wind nur bewegte, um mir Schmerz in den Beinen und in den von einem Gewehrkolben zerquetschten Fingern zuzufügen. Die Nacht senkte sich nicht, wie man so schön sagt, sie war einfach da, die ganze Zeit. Sie war die Königin unserer Leiden, die sie uns immer wieder empfinden ließ, sollte es uns geglückt sein, nichts mehr zu fühlen, wie es einigen Gefolterten gelang, die sich durch eine starke Konzentration aus ihrem Körper herauskatapultierten und daher nicht mehr leiden mussten. Sie überließen den Folterern ihre Körper und begaben sich in ein Gebet oder einen inneren Rückzug, um all das zu vergessen.

Die Nacht kleidete uns. In einer anderen Welt könnte man sagen: Sie umhegte uns. Vor allem kein Licht. Niemals der kleinste Lichtstrahl. Doch unsere Augen hatten zwar den Blick verloren, aber sie hatten sich angepasst. Wir sahen in der Finsternis oder glaubten doch zumindest zu sehen. Unsere Bilder waren sich im Dunkeln bewegende Schatten, die sich anrempelten, den Wasserkrug umwarfen oder das Stück alten Brotes verschoben, das manche gegen Magenkrämpfe aufsparten.

Die Nacht war nicht mehr die Nacht, denn sie hatte keinen Tag mehr, keine Sterne, keinen Mond und keinen Himmel. Wir waren die Nacht. Wir waren endgültig nächtlich geworden: unsere Körper, unser Atem, das Herzklopfen, die sich mit Leichtigkeit von einer Wand zur anderen entlangtastenden Hände, der Raum war ja zusammengeschrumpft zu einem Grab für einen Lebenden – jedes Mal, wenn ich dieses Wort benutze, müsste ich Überlebenden sagen, doch in Wirklichkeit war ich ein Lebender, der das Leben in äußerster Entsagung erlitt, der eine Prüfung durchlebte, die nur mit dem Tod enden konnte, doch all das ähnelt merkwürdigerweise dem Leben.

Wir lebten nicht in irgendeiner Nacht. Unsere Nacht war feucht, sehr feucht, klebrig, schmutzig, verschimmelt, sie stank nach Menschen- und Rattenurin, eine Nacht, die auf einem grauen Pferd zu uns geritten war, verfolgt von einer Meute tollwütiger Hunde. Sie hatte uns ihren schweren Mantel über die Gesichter geworfen, die nun nichts mehr erstaunte, einen Mantel, der nicht einmal winzige Mottenlöcher aufwies, nein, es war ein Mantel aus feuchtem Sand. Eine mit Exkrementen von Tieren aller Art vermischte Erde legte sich uns auf die Haut, als hätten wir unser Begräbnis bereits hinter uns. Aber nein, der Wind, der durch den Mantel wehte, gab uns ein wenig Luft, damit wir nicht gleich starben, genau ausreichend, um uns fern vom Leben und in der Nähe des Todes zu halten. Der Mantel war tonnenschwer. Unsichtbar und dennoch fassbar. Meine Finger verloren die Haut, wenn ich ihn berührte. Ich verbarg meine Hände hinter dem Rücken, um nicht mehr mit der Nacht in Kontakt zu sein. So schützte ich sie, doch wie oft zwang mich die Kälte des feuchten Zements, meine Körperhaltung zu verändern, mich bäuchlings hinzulegen, mit dem Kopf an den Boden gepresst! Ich zog den Schmerz auf der kalten Stirn dem Schmerz in den kalten Händen vor. Sollte es also eine Wahl zwischen zwei Schmerzarten gegeben haben? Nicht wirklich. Der ganze Körper musste leiden, alle Teile, ausnahmslos. Das Grab war so eingerichtet (noch so ein Wort aus der Welt der Lebenden, doch wir müssen dem Leben wohl oder übel weiterhin kleine Dinge entlehnen), dass der Körper alle nur vorstellbaren Leiden erlitt, auf die möglichst langsamste Weise, und sich gleichzeitig am Leben erhielt, um noch länger leiden zu können.

Das Grab war eine drei Meter lange und anderthalb Meter breite Zelle. Sie war vor allem niedrig, ein Meter fünfzig bis sechzig. Ich konnte nicht aufrecht stehen. Ein Loch zum Urinieren und Scheißen, ein Loch von zehn Zentimeter Durchmesser. Das Loch war Teil unseres Körpers geworden. Man musste seine Existenz sehr schnell vergessen, den Gestank nach Scheiße und Urin verdrängen, gar nichts mehr riechen. Aber sich bloß nicht die Nase zuhalten, nein, man musste die Nase frei halten und nichts mehr riechen. Anfangs war das schwierig. Es war eine Lernerfahrung, ein notwendiger Irrsinn, eine unbedingt zu bestehende Prüfung. Dort sein ohne dort zu sein. Seine Sinne verschließen, sie woandershin lenken, ihnen ein anderes Leben geben, als sei ich ohne meine fünf Sinne in dieses Loch geworfen worden. So war es: Ich musste tun, als habe ich meine Sinne in einem Schließfach am Bahnhof abgestellt, in einen kleinen Koffer gepackt, fest in Baumwolle oder Seide gehüllt, in Unkenntnis der Folterer, in Unkenntnis aller Welt beiseite geschafft. Ein Pfand für die Zukunft.

Wie ein Sandsack fiel ich in die Grube, wie ein Paket mit menschlichen Zügen, ich fiel und spürte nichts. Ich spürte nichts und hatte nirgendwo Schmerzen. Doch diesen Zustand erreichte ich erst nach jahrelangen Qualen. Ich glaube sogar, dass der Schmerz mir geholfen hat. Ich litt so große Schmerzen, so heftige Qualen, dass ich mich langsam aus meinem Körper herauslöste und mir beim Kampf gegen die Skorpione in der Grube zusah. Ich stand darüber. Ich war auf der anderen Seite der Nacht. Doch bevor ich dorthin gelangte, musste ich jahrhundertelang durch die Nacht des endlosen Tunnels gehen.

Wir hatten keine Betten, nicht einmal ein Stück Schaumgummi als Matratze, nicht einmal einen Stroh- oder Heuballen, auf dem die Tiere schlafen. Sie gaben jedem von uns zwei graue Decken mit der aufgedruckten Zahl 1936. War es das Herstellungsjahr oder eine besondere Kennzahl für zum langsamen Tod Verdammte? Die Decken waren leicht und fest. Sie rochen nach Krankenhaus. Bestimmt hatte man sie in ein Desinfektionsmittel getaucht. Wir mussten uns daran gewöhnen. Im Sommer waren sie nicht sehr nützlich. Im Winter aber waren sie unzureichend. Ich faltete die eine zusammen und bastelte mir eine sehr schmale Matratze. Ich schlief seitlich. Wenn ich mich auf die andere Seite legen wollte, stand ich auf, um die Deckenfalten nicht auseinander zu schieben. Dabei stieß ich besonders zu Anfang immer mit dem Kopf an die Zellendecke.

Ich hüllte mich in die andere Decke und atmete das Desinfektionsmittel ein, das einen hartnäckigen Kopfschmerz produzierte. Es waren vergiftete Decken!

Wie oft war ich überzeugt, die Erde werde sich auftun und mich verschlingen! Alles war bis ins kleinste Detail geplant. Wir bekamen zum Beispiel fünf Liter Wasser am Tag. Wer hatte ihnen diese Zahl mitgeteilt? Wahrscheinlich irgendwelche Ärzte. Dabei war das Wasser nicht wirklich trinkbar. Ich hatte einen Plastikkrug, in den ich das Wasser goss; einen Tag ließ ich es lang abstehen. Am Grund des Kruges bildete sich ein Satz aus Staub und schleimigem Schmutz.

Weil sie an alles gedacht hatten, war der Steinboden der Zelle vielleicht so eingelassen, dass er nach einigen Monaten oder Jahren nachgeben und uns in ein Massengrab genau unter dem Gebäude katapultieren würde?

2Seit der Nacht des 10. Juli 1971 bin ich ohne Alter. Ich bin weder älter geworden, noch habe ich mich verjüngt. Ich habe mein Alter verloren. Man kann es nicht mehr meinem Gesicht ablesen. In Wirklichkeit bin ich gar nicht mehr da, um meinem Alter ein Gesicht zu geben. Ich habe auf der Seite des Nichts angehalten, wo die Zeit abgeschafft ist, bin dem Wind hingegeben, dem riesigen weißen, in einer leichten Brise flatternden Laken...



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