E-Book, Deutsch, Band 2, 350 Seiten
Bellem Maske des Mondes
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95991-902-9
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 350 Seiten
Reihe: Die Fälle des Lewis van Allington
ISBN: 978-3-95991-902-9
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stephan R. Bellem hat schon früh die Liebe zum geschriebenen Wort entdeckt. Sein erstes Wort war Füller und sein zweites Papier. Er lebt in einem hohen Turm, aus dem er sporadisch durch einen halb durchsichtigen Vorhang auf die Welt hinabblickt und über die Irrungen der Menschen sinniert.Er Was für ein gestelzter Unsinn!Okay, ich schreibe wahnsinnig gern. Habe mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht. 1981 geboren, verbrachte ich meine Kindheit mit Lego, Nintendo und frischer Luft. Witzigerweise habe ich erst als Teenager viel gelesen, aber dann nicht mehr aufgehört.Ich teile wie man aus der Danksagung weiß mein Leben mit einer wundervollen Frau, wundervollen Freunden und einer ebenso tollen Familie. Ich liebe Comicverfilmungen, den Herrn der Ringe und so ziemlich alles geekige da draußen. Und ich lasse mich da auch von niemandem beirren.In meiner Freizeit koche ich gerne, verbringe Zeit mit oben genannten wundervollen Menschen, gehe mit der Kamera auf Fotojagd und sammle Ideen für die nächste Geschichte.Kurz, ich kann mich sehr glücklich schätzen.Und dafür bin ich jeden Tag dankbar.Dass ich das tun darf, was ich am meisten liebe.
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Kapitel 2
Montag, 7. Oktober 1895
08:12 Uhr
Sonnenstrahlen kitzelten Lewis’ Nase und er bemühte sich, nicht die Augen zu öffnen. Zu stark war das Verlangen in ihm, direkt in die Schublade seines Nachtschranks zu greifen und darin nach der rettenden Flasche zu suchen.
Der Flasche, die dort nicht mehr war.
Und er wusste genau, dass jenes Verlangen einzig und allein seinem Verstand entsprang. Seiner Vorstellungskraft, die ihm weismachte, dass ein Schluck jener wohlig brennenden Flüssigkeit alle seine Sorgen und Ängste vertreiben würde.
Doch genau das wollte er nicht mehr.
»Ich möchte mit offenen Augen durch die Welt gehen«, sagte er leise in die Einsamkeit seines Schlafzimmers.
»Dann hoffe ich, dass der Herr diesen Wahlspruch befolgt, bevor er das nächste Mal in Pferdemist tritt«, ermahnte ihn die scharfe Stimme seines Butlers.
»Herrgott, Dietrich, wie oft sage ich dir, du sollst dich nicht an mich anschleichen?« Lewis setzte sich kerzengerade im Bett auf und blickte direkt in das kantige Gesicht des Deutschen. Zu seiner Überraschung umspielte der Ansatz eines Lächelns dessen Mundwinkel. »Und glaubst du, ich weiß nicht, was du hier machst?«
Dietrich zog fragend eine Augenbraue hoch. »Wenn Sie damit meinen, dass ich meine Pflicht als Ihr Leibdiener mit höchstmöglicher Sorgfalt ausführe, dann ja.«
Lewis legte den Kopf leicht schief und gestattete sich ein halbes Lächeln. »Ich hätte es eher Kontrolle genannt, aber ich weiß deine Sorge um mich zu schätzen.«
Dietrichs Miene zeigte keinerlei Regung, als er antwortete: »Mitnichten. Doch wenn der Herr wieder zur Unpässlichkeit neigt, muss ich Chester ausführen. Ich möchte nur den Tagesablauf planen. Ein Hund braucht feste Strukturen.«
Lewis fuhr sich durch die vom Schlaf zerwühlten Haare. »Manchmal glaube ich, dass du ihn und mich verwechselst.«
»Wenn der Herr besser auf seine Schuhsohlen achtet als der Hund auf seine Pfoten, wird diese Gefahr minimiert.«
»Ich habe mich doch gestern schon dafür entschuldigt.«
Dietrich deutete auf die Badezimmertür, ohne auf die Erwiderung einzugehen. »Ich war so frei, die Wanne bereit zu machen. Miss Claire richtet das Frühstück wie gewünscht für halb neun an.«
»Danke.« Er stand auf und tapste ins Bad. Das dampfende Wasser duftete herrlich nach Zitrus und Zedernöl. Zudem hatte Dietrich ihm bereits Kleidung auf einem kleinen Hocker bereitgelegt.
Die Morgensonne schien sanft durch die luftigen Vorhänge und tauchte den Raum in goldenen Schein. Die Ruhe eines morgendlichen Bades – Lewis konnte noch immer kaum glauben, dass er jenen Hochgenuss so lange Zeit im Nebel des Alkohols erstickt hatte. Neben der Wanne stand ein kleiner Beistelltisch auf Rollen. Darauf befand sich eine Tasse mit einer dunklen Flüssigkeit, deren Aroma sich angenehm mit dem des Badewassers verband.
Dietrich hatte ihn auf den Geschmack von Kaffee gebracht – jenem teuflischen Getränk, das die Gemütlichkeit aus den Leben der Städter trieb, wenn man den Zeitungen Glauben schenkte. Immer wieder echauffierte sich ein Journalist darüber, dass der Kaffee dem Müßiggang und Genuss des Teetrinkens den Kampf angesagt hätte und in seiner Form für eine ungesunde Beschleunigung des täglichen Lebens sorgte.
Was schon an Ironie grenzte, wenn man bedachte, dass Kaffeehäuser eingeführt worden waren, um der arbeitenden Bevölkerung einen Ort der Entspannung ohne Alkoholausschank zu ermöglichen.
Lewis konnte solchen Gedanken nicht zustimmen. Für ihn lag ein tiefes Gefühl der Ruhe darin, morgens eine Tasse heißen Kaffee in der Badewanne zu trinken und sich ganz seinem weichen Aroma hinzugeben.
Man kann alle Dinge aus mehreren Blickwinkeln betrachten, dachte er und nahm einen ersten Schluck, während er sich tiefer ins warme Wasser gleiten ließ. Am Ende kommt es darauf an, was man daraus macht.
Genau mit jenem Satz hatte Dietrich einst einen Artikel gegen das Kaffeetrinken kommentiert, fiel ihm ein. Der Gedanke an seinen Butler zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht – ein Ausdruck, der ihm in letzter Zeit immer häufiger über die Züge huschte.
Der Deutsche mochte sich wie ein alter Miesepeter aufführen, doch Lewis wusste, dass er in dem geheimnisvollen Mittfünfziger einen wahren Freund hatte. Eine Freundschaft, die er in den letzten zwölf Jahren viel zu wenig zu schätzen gewusst hatte.
Ein tiefer Schluck aus der Tasse, und in seinem Körper breitete sich eine wohlige Wärme aus. Keine, die ihn so angenehm betäubte, wie es der Alkohol früher getan hatte, aber nichtsdestotrotz fühlte Lewis sich besser. Er hielt sich die Tasse noch ein wenig unter die Nase, um seine Sinne mit dem Kaffeeduft zu fluten.
Dietrich hatte ihm eine dunkelgraue Hose und ein weißes Hemd herausgesucht. Dazu eine zur Hose passende Weste, die Lewis mit einer silbernen Taschenuhr aus seiner Sammlung komplettierte. Die Kette war abwechselnd mit großen und kleinen Gliedern gearbeitet, was ihr den Anschein von nebeneinander schwebenden Ringen verlieh. Ein rotes Halstuch bildete den abrundenden farblichen Akzent.
Als Lewis den Treppenabsatz erreichte, wurde er bereits freudig von Chester begrüßt. Der große Dürrbächler hechelte ihn fröhlich an und rieb den massigen Kopf so lange an Lewis’ Hosenbein, bis dieser sich zu dem Hund hinabbeugte und ihn hinter den schwarzfelligen Schlappohren kraulte.
Erst als der Hund ein zufriedenes Seufzen von sich gab, ließ Lewis von ihm ab und ging in die Küche, wo Dietrich und Claire bereits am Tisch saßen.
Man konnte deutlich sehen, dass es ihr noch immer unangenehm war, gemeinsam mit dem Herrn des Hauses an einem Tisch zu essen. Dennoch folgte sie seinem Wunsch ohne Widerspruch.
Die letzte Zeit war nicht einfach gewesen. Vor allem für die junge Frau, die sich mit so bewundernswerter Courage wieder in ihren Alltag kämpfte. Aus diesem Grund hatte Lewis sich entschlossen, im Umgang mit Claire wieder etwas mehr Höflichkeitsabstand zu halten. Es war nur ein Gefühl, doch es schien ihr leichterzufallen, wenn sie sich in gesellschaftlich angemessener Distanz begegneten.
Der Duft frisch gebackener Scones stieg ihm in die Nase und er klatschte freudig in die Hände. »Claire, Sie haben sich mal wieder selbst übertroffen.« Er setzte sich ans Kopfende des kleinen Tisches?– Lewis lehnte es ab, allein an seiner großen Tafel zu speisen – und Chester machte es sich am noch warmen Ofen gemütlich.
»D… Danke«, erwiderte Claire und errötete leicht.
Lewis entging nicht, dass sie seinem Blick noch immer auswich, wenn sie konnte. So auch an diesem Morgen. Sie reichte ihm den Korb mit den warmen Scones und deutete auf das Schälchen mit Clotted Cream, das bereits vor seinem Teller stand.
»Also«, begann Lewis schließlich nach einem Moment der Stille, »ich erwarte Lord Treville. Er möchte mich zu einer Auktion als Berater mitnehmen.«
»Der Herr nimmt also wieder am öffentlichen Leben teil, wie nett«, bemerkte Dietrich, wobei er keinen Gesichtsmuskel bewegte.
»Ganz recht, Dietrich«, überging Lewis die Spitze und lächelte ihm dabei süffisant ins Gesicht. »Vielleicht ersteigere ich sogar ein Stück.«
»Wunderbar! Mehr Staubfänger.«
Claire ließ vor Schreck ihr Messer klappernd auf den Teller fallen, was Chester dazu veranlasste, neugierig den Kopf zu heben. Lewis bewunderte den Hund für seinen Enthusiasmus, wenn es um mögliche Essensreste auf dem Boden ging. »Verzeihung«, sagte Claire im Flüsterton und lief dabei rot an.
Lewis schüttelte den Kopf. »Claire … es gibt nichts, das Ihnen peinlich sein muss.« Er machte eine kleine Verrenkung, um ihren Blick mit seinem einzufangen. »Verstehen Sie? Gar nichts.«
Sie nickte, doch aus ihren Augen sprühte die blanke Panik. »Ich?… muss mich um die Wäsche kümmern. Ich wünsche Ihnen schöne Geschäfte und einen erfolgreichen Tag … oder so.« Damit stand sie überhastet auf und floh aus der Küche und die Treppe hinauf.
Lewis seufzte und blickte dann Hilfe suchend zu Dietrich. »Habe ich was Falsches gesagt?«
Das Gesicht des Deutschen war wie immer unlesbar. »Sie braucht noch Zeit.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Der Herr brauchte zwölf Jahre, ehe er seine Dämonen besiegen konnte.«
»Dann hoffen wir besser, dass sie einen stärkeren Charakter hat als ich.«
»Davon bin ich überzeugt.«
»Charmant wie immer.« Ein Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln. »Vermutlich hast du recht.« Chester war bereits aufgesprungen, bevor die Türklingel ertönte. »Das wird Paul sein.«
Dietrich erhob sich ergeben und verließ die Küche. Angesichts der Vergangenheit des Mannes konnte Lewis oft noch immer nicht fassen, dass er sich mit der Rolle des Butlers begnügte – und sie auch noch so perfekt ausfüllte.
»Dietrich, alter Freund!«, begrüßte Paul den Deutschen überschwänglich.
»Lord Treville, welche Ehre.«
»Ach, nicht so förmlich! Wie oft hast du mich schon besoffen in meine Kutsche getragen?«...




