E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: Julia
Bell Erobert auf der griechischen Trauminsel
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7337-1676-9
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: Julia
ISBN: 978-3-7337-1676-9
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich werde mich niemals verlieben, glaubt die junge Schneiderin Claire - bis sie auf der griechischen Insel Santorin für Marco Fortini einen Anzug umarbeiten soll. Denn dieser Traummann scheint entschlossen, sie von der Liebe zu überzeugen und die Mauer um ihr Herz einzureißen ...
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1. KAPITEL
Claire war nervös und sah sich immer wieder um, doch niemand war hinter ihr. Natürlich nicht. Um diese Zeit war Venedig wie ausgestorben. Reiß dich zusammen, dachte Claire und schüttelte verärgert den Kopf. Das ungute Gefühl wurde sie trotzdem nicht los. Zu solch einer merkwürdigen Stunde an einen Ort gerufen zu werden, den sie nur von der Landkarte her kannte, war unheimlich. Da half auch alles rationale Denken nicht. Normalerweise litt sie nicht unter Verfolgungsängsten, aber diese ganze Situation verursachte in ihr ein starkes Unwohlsein.
Ihre liebste Stammkundin Sofia Fortini hatte sie für fünf Uhr dreißig zur Ponte dell'Accademia bestellt. Warum, hatte sie ihr nicht verraten. Die betagte Italienerin hatte lediglich gesagt, es sei wichtig, und dabei sehr seltsam geklungen. Geheimnisvoll, verschwörerisch. Der Ort, an dem sie sich treffen wollten, verstärkte Claires merkwürdiges Gefühl noch, von der Uhrzeit ganz zu schweigen.
Die Ponte dell'Accademia hatte sie bislang noch nie gesehen – und das, obwohl sie bereits vier Monate in Venedig lebte. Vom Stadtleben hatte sie in dieser Zeit so gut wie noch nichts genießen können. Wie denn auch, mit Ricardo und all seinen Dramen?
Seit Claire in Venedig angekommen war, hatte sie eigentlich nur die alte Änderungsschneiderei gesehen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann übernommen hatte. Innerlich zuckte sie zusammen, als ihre Gedanken zu Ricardo wanderten. Es war eine Schnapsidee gewesen, hierherzuziehen, aber wie immer hatte sie Ricardo den Wunsch nicht abschlagen können. Ihm war England zu dunkel, zu regnerisch, und er hatte sich nach seiner alten Heimat gesehnt. Also waren sie nach Venedig gezogen, Hals über Kopf. Ein Freund von einem Verwandten eines Bekannten hatte ihnen die alte Schneiderei in einer kleinen Seitengasse verkauft, so wie es in Italien nun einmal üblich war. Hier kannte jeder irgendwen mit irgendwelchen Beziehungen. Nur dass der Laden überhaupt keinen Kundenstamm vorweisen konnte und es aus dem Gully vor der Tür stank wie die Hölle, das hatte man vergessen zu erwähnen.
Wieso hatte sie nur nicht Nein zu diesem Umzug gesagt? Wieso hatte sie sich so gedankenlos darauf eingelassen? Sie hasste es, dass sie immer wieder nachgab, doch irgendwie konnte sie auch nicht aus ihrer Haut. Ihre Mutter hatte sie so erzogen: brav sein, keine Widerworte geben, darauf hören, was die Männer sagten. Das waren die Leitlinien ihres Elternhauses gewesen. Und was hatte es ihr gebracht, immer alles brav mitzumachen? Nichts. Bei dem Gedanken an ihre Mutter stellten sich automatisch die Härchen auf ihrem Arm auf. Ihre Mutter … Wenn sie herausfand, dass die Ehe ihrer Tochter gescheitert war und diese auf ganzer Linie versagt hatte … Nein, darüber wollte Claire nicht weiter nachdenken. Vor allem, weil sie auch schon so genug Probleme hatte.
Sie war eine einsame Engländerin in einer fremden Stadt. Verlassen und betrogen vom eigenen Ehemann. Sie war zum Gesprächsthema Nummer eins ihrer Nachbarschaft geworden. Nur Sofia hatte zu ihr gehalten, obwohl sie sich kaum gekannt hatten.
Treulose Ehemänner könne sie nicht leiden, hatte sie erklärt – und ihr seitdem eine Kundin nach der nächsten angeschleppt.
Daher wusste Claire, was sie an der älteren Dame hatte. Sie als Freundin zu bezeichnen, wagte sie jedoch noch nicht. Dazu war sie ihr zu fremd, und sie verstand viele Dinge nicht, die sie ihr in schnellem Italienisch erzählte. Ihr eine Bitte auszuschlagen, wäre Claire jedoch niemals in den Sinn gekommen. Außerdem konnte sie es sich nicht leisten, ihre einzige wirkliche Stammkundin zu verprellen. Selbst mit Ricardos Unterstützung im Laden hatten sie sich gerade so über Wasser halten können. Ohne ihn musste sie an ihr Erspartes gehen. Und das würde bald aufgebraucht sein. Noch in diesem Monat. Deshalb war sie jetzt frühmorgens hier, in den Straßen von Venedig, mit einem Stadtplan in der Hand und wenig Orientierung.
Sie fragte einen Gondoliere, der gerade mit seinem Kahn anlegte, um Rat. Er beschrieb ihr den Weg und lächelte freundlich, als er die Erleichterung in ihrem Gesicht sah. Nicht mehr weit. Nur noch diese Gasse entlang, dann nach links, schon war sie da.
Die Straßen waren fast unheimlich leer. Die Touristen schliefen friedlich in ihren Betten und träumten von steinernen Brücken, die sich über die Flüsse bogen, von Bootsfahrten und den vielen Billigmasken, die es in jedem zweiten Laden zu kaufen gab. Sie würden bald aufwachen, doch bis dahin war noch etwas Zeit. Claire hatte Venedig deshalb fast für sich allein. Fast.
Sie entdeckte Sofia, die auf einer hölzernen Brücke stand und auf das Wasser hinunterblickte. In einiger Entfernung dahinter sah Claire die beeindruckende Kuppel der barocken Kirche Santa Maria della Salute an der Einfahrt zum Canal Grande. Sie wusste von ihrem Stadtplan, dass diese Brücke die Stadtteile San Marco mit Dorsoduro verband und geradewegs zum bekanntesten Museum in Venedig führte. Nicht, dass sie schon einmal da gewesen war. Die Stadt war ihr fremd, genauso wie ihr neues Leben.
Die alte Dame hatte sie wohl bemerkt, denn sie wandte sich ihr zu. An der Brüstung lehnte ihr dunkelbrauner Gehstock, der deutlichste Hinweis auf ihr Alter. Trotzdem. In dieser Sekunde sah sie so mädchenhaft verträumt aus, dass man sie niemals auf 79 Jahre geschätzt hätte. Vor allem, als sie lächelte.
„Buongiorno, Signora Daventi“, begrüßte die Italienerin sie herzlich und gab ihr rechts und links zwei angedeutete Küsschen auf die Wange. Claire hatte sich an diese Art der körperlichen Begrüßung zunächst gewöhnen müssen, aber mittlerweile mochte sie dieses südländische Ritual sogar ganz gerne. „Wie schön, dass Sie gekommen sind.“ Die Seniorin hatte einen seltsamen Glanz in den Augen, als sie sich wieder dem Kanal und damit dem atemberaubenden Anblick der noch schlafenden Stadt zuwandte.
„So früh am Morgen liebe ich Venedig am meisten. Mein Mann und ich kamen immer hierher, denn diese Brücke ist etwas ganz Besonderes für uns. Hier haben wir uns kennengelernt. Ich hatte im Gedränge meinen Schuh verloren, er hob ihn auf und gab ihn mir zurück. Seitdem ist das unsere Brücke.“ Den letzten Rest hatte sie fast geseufzt, und Claire vernahm die Trauer in ihrer Stimme. Sofias Mann war vor zwei Jahren verstorben. Es musste schwer für sie sein.
Die Engländerin war unsicher, wie sie auf Sofias so offensichtlichen Schmerz reagieren sollte. Sie schwieg deshalb und sah mit ihr zusammen auf den Kanal. „In drei Wochen werde ich achtzig“, sagte die Italienerin leise und legte Claire die Hand auf den Arm. „Es wäre schön gewesen, wenn mein Francesco diesen Tag noch mit mir gefeiert hätte, aber manchmal hat das Leben andere Pläne.“
Ja, das stimmte. Manchmal lief das Leben ganz anders als geplant. Claire schauderte innerlich, als sie an das Chaos in ihrem Leben dachte. Natürlich hätte sie einfach nach England zurückkehren können, doch auch da erwartete sie niemand. Ricardo hatte sie von ihren Freunden isoliert und das so geschickt gemacht, dass sie nicht einmal registriert hatte, wie ihr das Leben entglitten war.
Wie hatte sie nur so naiv sein können? Wieso hatte sie immer das getan, was er wollte? Manchmal war sie kurz davor gewesen, zu protestieren, doch dann hatte sie die Stimme ihrer Mutter gehört. Sei brav. Sei kein störrischer Esel. Jetzt stell dich nicht so an. Obwohl diese Worte nur in Claires Kopf zu hören waren, konnte sie gar nicht anders, als zu gehorchen. Jetzt hatte sie den Preis erkannt. Jetzt, wo es zu spät war.
Sie verdrängte die unliebsamen Gedanken und konzentrierte sich auf das Gespräch.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie Sofia und hoffte, dass das nicht zu direkt war. Sie war einfach neugierig.
„Ich möchte, dass Sie für meinen Enkel den alten Hochzeitsanzug von meinem Francesco umnähen. Marco ist so viel kräftiger als mein Mann. Der Anzug passt ihm garantiert nicht. Ich möchte jedoch, dass er ihn auf der Feier zu meinem achtzigsten Geburtstag trägt. Ich weiß, es ist ein alberner Gedanke, aber ich habe Francesco so gerne in diesem Anzug gesehen, und jetzt, wo er nicht mehr da ist …“ Die alte Dame verstummte, lehnte die Arme auf das Geländer und blickte mit müden Augen auf das Wasser hinunter.
„Diese Aufgabe übernehme ich sehr gerne“, sagte Claire sanft. „Wann hätte ihr Enkel denn Zeit, sich mit mir zu treffen?“
„Das ist das Problem. Marco hat sich nach dem Tod seines Großvaters erst in die Arbeit gestürzt und dann zunehmend zurückgezogen. Wenn er durchatmen möchte, flüchtet er sich nach Santorin. Dort hat er eine große Villa und Ruhe vor der Hektik von Venedig.“
„Santorin? Die griechische Insel Santorin meinen Sie?“, fragte Claire verblüfft.
„Ja, Marco liebt Griechenland, genau wie sein Großvater es tat. Ich glaube, er hat manchmal genug von den Italienern und zieht sich dorthin zurück. Er trägt hier viel Verantwortung, wissen Sie? In Italien kennt jeder seine Familie, jeder weiß, was er macht. Auf Santorin kann niemand etwas mit dem Namen Fortini anfangen.“
Um ehrlich zu sein, wusste Claire auch nicht viel über die Fortinis. Sofia sah definitiv aus, als hätte sie mehr als genug Geld, dementsprechend kleidete sie sich auch. Aber in welchen Kreisen genau sie sich bewegte, war der Schneiderin bislang egal gewesen.
„Wann kommt er denn wieder zurück?“, hakte Claire nach. „Von einem Tag auf den anderen kann ich den Anzug nicht umnähen.“
„Das ist das...




