Bekono | Salomés Zorn | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 246 Seiten

Bekono Salomés Zorn

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-406-80001-6
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 246 Seiten

ISBN: 978-3-406-80001-6
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Simone Atangana Bekono legt mit 'Salomés Zorn' ein erstaunliches Debüt über das Aufwachsen in einem rassistischen Umfeld vor. Mit der Geschichte der Jugendlichen Salomé, die ihre Wut nicht kontrollieren kann und sich zunehmend an den Rand der Gesellschaft manövriert, erzählt sie auf eindringliche Weise, wie stark das Gefühl des Fremdseins ein Leben dominieren kann. 'Du musst deiner Faust folgen', erklärte er und machte mir den Schlag vor. 'So, als ob du ein Loch in deinen Feind schlagen willst.' Salomés Vater weiß, was Rassismus bedeutet. Als Kameruner in der niederländischen Provinz hat er ihn oft genug am eigenen Leib erfahren. Für ihn liegt es auf der Hand, was er seiner sechzehnjährigen Tochter mit auf den Weg gibt: Du musst kämpfen. Seinen Blick voller Scham, als sie verhaftet wird, vergisst Salomé nicht. Die Jugendstrafanstalt, in die sie gebracht wird, ist kaum beklemmender als das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Doch muss sich Salomé hier zum ersten Mal wirklich mit dieser großen Wut auseinandersetzen, die ihr Handeln immer stärker bestimmt. Und das ausgerechnet mit dem Therapeuten Frits, den sie aus 'Hello Jungle' kennt, einer Trash-TV-Show, die mit den fremdenfeindlichen Vorurteilen ihrer Kandidaten auf Quotenfang geht. Aber mit Gewalt und Verachtung wird sie hier nicht weiterkommen, Salomé muss umdenken - und beginnt zu verstehen, dass ihre eigene Feindseligkeit nichts von dem aufwiegt, was sie selbst so verachtet.

Simone Atangana Bekono wurde 1991 in Dongen, Niederlande, geboren. Sie studierte Kreatives Schreiben an der ArtEZ Universität der Künste und schloss ihr Studium dort 2016 mit einer preisgekrönten Gedichtesammlung ab. 2020 wurde sie vom "de Volkskrant" zu einem der literarischen Talente des Jahres ernannt. "Salomés Zorn" ist ihr erster Roman.

Ira Wilhelm, 1962 in Lahr geboren, lebt als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin aus dem Niederländischen in Berlin. Zu den von ihr übersetzten Autor:innen zählen u.a. Anneke Brassinga, Stefan Hertmans, Ilja Leonard Pfeijffer.
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«Ich gebe zu», sagt Frits langsam, «dass ich das gar nicht mehr so genau weiß. Ich war schon so oft in Afrika gewesen und ich dachte, es wäre spaßig, bei einer Show mitzumachen, bei der es um etwas geht, das mich interessiert. Ich liebe Afrika, ich möchte, dass du das weißt.»

«Okay.»

«Das Ganze war ziemlich banal. Reine Unterhaltung. Nicht so mein Ding. Aber je mehr Zeit man in Gesellschaft von solchen Leuten verbringt, tja …» Er seufzt, und ich betrachte die Karte von Afrika, und die Reißnägel. «Bevor man was merkt, ist man mittendrin.»

Ich habe geglaubt, sagte Miriam, als ich sie nach den Jungs im Auto fragte, dass er mich mag.

Was für ein außergewöhnliches Mädchen, so besonders, so schlau.

Frits geht in einer der ersten Folgen der Show auf Bauer Bassa zu und fragt: «Do you know the tribe called the He-re-ro from Na-mi-bi-e?!»

Bassa schaut in die Kamera: «Glaubt der Idiot, dass er in Namibia ist?»

«You remind me of my friends there», sagt Frits fröhlich und deutet vage in die Ferne. «Such interesting people! Wunderschön dort. Wirklich. Beautiful

«Thank you», sagt Bassa.

Frits nickt heftig. Reckt den Daumen in die Luft.

«Mir reicht’s», murmelt Bassa und geht in seine Hütte: «Die halten das hier für einen Freizeitpark.»

Was er sagt, wurde natürlich erst später übersetzt.

«Alles ging auch so furchtbar schnell», sagt Frits. Er seufzt und streicht auf seinem Notizblock etwas durch. Und ich nicke. Und sage, dass ich das verstehen kann.

Als ich etwas später durch den ewig rechts abbiegenden Flur gehe, wird mir klar, dass ich es eigentlich überhaupt nicht verstehe und auch gar keine Lust habe, es zu verstehen. Ich habe Lust, loszuschreien und um mich zu schlagen.

Offener Mund, abgebrochene braune Zähne. Blut aus meinen Augen, Dampf aus der Nase. Ich explodiere. Wo ist die andere Salomé?

Wo treibt die sich rum, während ich hier draufgehe?

Unterwegs zum Innenhof treffe ich Zainab. Sie trägt rosa Flipflops mit weißen Socken, im rechten Socken ist beim großen Zeh ein Loch. Sie sieht mich an, bleibt stehen, mitten auf dem Flur, auch ich bleibe stehen. Ein stand-off wie im Western.

«Musst du nicht zum Unterricht?», fragt sie.

«Ich will eine rauchen», sage ich. Ich kriege es kaum raus. Mein Hals ist wie zugeschwollen.

Zainab beißt sich auf die Lippe, ihre Augen versteckt hinter dem schwarzen Haar.

«Ich komme mit», sagt sie.

Schweigsam gehen wir zum Innenhof. Keiner da. Ich biete ihr eine von meinen Zigaretten an, sie nimmt sie zögernd, lässt zu, dass ich das Feuerzeug ans Ende halte, so dass sie nur noch zu inhalieren braucht. Sie raucht schweigend, während ich hin und her gehe, von einer Mauer zur anderen. Mein Kopf füllt sich mit Scheiße. Scheiße Scheiße Scheiße, hätte ich am liebsten losgeschrien. Mein Körper wird ganz steif davon, in meinen Adern wuchert die Scheiße wie Krebs.

«Ich hasse es hier», sage ich und trete gegen die Aschetonne.

Sie wackelt gefährlich und Zainab macht einen Schritt zur Seite. Dann bleibt die Tonne doch stehen. Eine Wolke mit Asche schießt heraus.

«Tschuldigung», sage ich.

Zainab zuckt mit den Achseln. «Schon gut», sagt sie.

Wir lächeln einander an.

Die Frau aus meinem Traum, die mit den blutenden Augen, den riesigen schwarzen Flügeln, dem Maul, stürzt sich fucking irre von oben runter auf das Feld, kreischend wie eine Furie. Ich muss an Medusa denken. Medusas Blick hat die Menschen in Stein verwandelt. Man hat ihr schließlich den Kopf abgehackt. Ihr Haar bestand aus Schlangen und dazu die kalten, bohrenden Augen, der offene Mund, als würde sie dauernd etwas sehen, was ihr den Atem verschlägt.

Warum wurde Medusa eigentlich ermordet? Hatte sie es verdient? Ich weiß es nicht mehr. Wenn ich im Bett liege, sehe ich ihr Gesicht vor mir, und ich verstehe es. Ich verstehe es sogar sehr gut. Zumindest Medusa verstehe ich.

Unsere Griechischlehrerin Mevrouw Doormans hat uns erzählt, dass die Furien, die Rachegöttinnen, genauso furchterregend waren wie die Gorgonen. Sie bestraften Menschen, die fürchterliche Verbrechen begangen hatten, indem sie sie mit Wutgebrüll, ihrem abscheulichen Aussehen und dem stinkenden Atem in den Wahnsinn trieben. Sie kamen aus der Unterwelt, halb Frau, halb Vogel, und pendelten dauernd zwischen der Hölle und der Welt hin und her. Warum waren sie nur so wütend? Was hatte ihnen die Welt getan? Ich würde gerne wissen, wann sie zum ersten Mal losgebrüllt haben. Vielleicht waren sie schon wütend geboren worden und fanden in der Welt zu viele Anlässe zum Brüllen. Wären am liebsten immer in der Hölle geblieben, aber wir Menschen haben sie nicht gelassen, sondern sie immer wieder nach oben gezwungen.

Der Mann im wattierten Mantel. Scheißnegergöre. Affe. Es dreht sich nicht immer alles um dich. Wie Miriams Freund sie an der Kehle packt. Mit Tante Céleste auf der Veranda in Kamerun. J’ai peur. Très sec. Henny auf meinem Bett in ihrer blauen Hose. Frits mit seinen Freunden in Na-mi-bi-a. Das ständige Herumgemecker hier im Donut. Es hört nie auf, und besser wird‘s auch nicht.

Angefangen hat es, glaube ich, nach unserem Besuch bei der Familie in Kamerun, als wir wieder in den Niederlanden waren. Es war, als hätten sich die merkwürdigsten Bilder miteinander verbunden, Bilder, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten.

Man begeht einen Mord und drei Furien verfolgen dich, bis du wahnsinnig wirst. Drei Schwestern, Frauen, Jungfrauen, die nur darauf warten, dass jemand einen Fehler macht. Das ist der rote Faden. Verschiedene Ursachen, gleiche Folgen.

Als ich wieder zu Hause war, verstand ich die Regeln nicht mehr. Es war nicht so, dass ich zerbrach. Ich schrumpfte einfach. Es wurde zu einem Problem, dass ich die Regeln nicht mehr kannte. Und dieses Problem nahm mir die Sprache. Ich brüllte nicht los. Nein, ich verstummte. Genau das passierte. Nicht mehr und nicht weniger.

Und dieses Problem bestand aus einem Französisch-Sprachkurs auf CD-ROM. Das Problem war très sec. Das Problem war ein Mann in einem wattierten Wintermantel vor dem Zaun der Geflüchtetenunterkunft. Und dass man dem Mann Münzen vor die Füße warf. Und das Problem wurde so groß wie ein Dorf. Es kam ins Fernsehen. Es sagte Affe. Ich äffe dich nach. Es schrie und hatte kurze, weiße Zähne, lange, schiefe, gelbe. Es hatte einen blutrünstigen, furiosen Mund. Es sprach meinen Namen ständig falsch aus, wurde riesig und gemein und rief mir manchmal aus einem Auto etwas nach. Es jagte sogar Miriam einen Schrecken ein. Packte sie am Hals, lag als Sonderangebot im Schaufenster. Es war etwas dämlich geschnitten. Ich versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen, duckte mich weg, verhielt mich still. Als der Mann auf der Straße mit der Tränensuppe in den Augen sagte: «Will-kom-men in den Nie-der-lan-den», sagte ich, ohne zu zögern: «Danke schön.» Doch danach stand ich auf und sagte: «Niemals!»

Ich passte nicht mehr in den Raum, in dem ich vorher war. Nichts war mehr so, wie ich glaubte, es verstanden zu haben. Ich sah nicht mehr, was ich geglaubt hatte zu sehen. Das Problem verschwand nicht. Es schwelte weiter und schlug um sich. Das Problem war ein Angriff auf mich, also erhob ich mich, mit einem Stock in der Hand. Und ich brüllte. Brüllte furchtbar laut. Ich hatte hart gearbeitet, mich nicht beklagt, aber es war nicht genug gewesen.

Als wir am Samstag auf den Sportplatz gehen, ist alles still. Stiller als sonst. Denn sonst spielen die Jungs Basketball oder Fußball oder gamen auf eingeschmuggelten Handys vor den Nasen der Betreuer. Wir haben den Platz für uns allein. Viele Stunden lang. Keine Fußballspiele der Abteilungen gegeneinander. Kein Rap aus den offen stehenden Fenstern. Keiner tritt mit Sneakern gegen die großen Eisentore zum Platz. Marissa spielt allein mit sich Basketball. Ein paar der Mädels sitzen auf dem Boden. Die Sonne scheint, zum ersten Mal seit Wochen. Es riecht nach Blumen, obwohl hier keine wachsen. Am Sonntag ist es immer noch sonnig. Und still. Auch drinnen. Die Möbel, die Betreuer, die Krähen, das Gras, der Zaun, alles schläft. Und auch die Jungs in den anderen Abteilungen um uns herum schlafen.

Marissa hat Marco um Erlaubnis gebeten und der hat es mit dem Direktor besprochen. Sie darf jetzt offiziell in mein Zimmer. Sie hat eine Flasche mit rosafarbener Creme bei sich, zwei große Kämme, zwei Haarclips und ein paar Gummis und wirft alles aufs Bett. Dann nimmt sie meinen...


Simone Atangana Bekono wurde 1991 in Dongen, Niederlande, geboren. Sie studierte Kreatives Schreiben an der ArtEZ Universität der Künste und schloss ihr Studium dort 2016 mit einer preisgekrönten Gedichtesammlung ab. 2020 wurde sie vom "de Volkskrant" zu einem der literarischen Talente des Jahres ernannt. "Salomés Zorn" ist ihr erster Roman.

Ira Wilhelm, 1962 in Lahr geboren, lebt als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin aus dem Niederländischen in Berlin. Zu den von ihr übersetzten Autor:innen zählen u.a. Anneke Brassinga, Stefan Hertmans, Ilja Leonard Pfeijffer.



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