Bekker | Der Blutzeichner | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 11, 220 Seiten

Reihe: Hochspannung

Bekker Der Blutzeichner


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1029-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 11, 220 Seiten

Reihe: Hochspannung

ISBN: 978-3-7325-1029-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Sie hatten Tim gefunden. Sein Kopf war mit eigenartigen Zeichen bemalt, sein Körper geschunden, gequält. Eine Kinderleiche in einer stillgelegten Lagerhalle.'

Eine Serie von Kindermorden erschüttert Europa. Die Leichen sind mit Folterspuren übersät, die Köpfe kahlgeschoren und mit okkulten Zeichen versehen. Die Polizei tappt vollkommen im Dunkeln. Der Psychiater Norman Meyer glaubt nicht an ein sadistisches, sexuell geprägtes Tatmotiv - anders als der Rest des Ermittlerteams.

Meyer versucht, dem Täter auf eigene Faust auf die Spur zu kommen. Dabei trifft er auf Sandra Jürgens, die Mutter eines der ermordeten Kinder. Auch sie will den Kindermörder zur Strecke bringen. Doch sie will mehr. Sie will Rache. Und um ihr Ziel zu erreichen, ist sie bereit, alle Grenzen zu überschreiten.

Psycho-Thriller voller 'Hochspannung' - die neue Reihe von Bastei Entertainment! Bisher sind in der Reihe 'Hochspannung' folgende weitere Titel erschienen: Vincent Voss - Tödlicher Gruß; R. S. Parker - Raus kommst du nie; Christian Endres - Killer's Creek - Stadt der Mörder; Linda Budinger - Im Keller des Killers; Andreas Schmidt - Dein Leben gehört mir; Uwe Voehl - Schwesternschmerz; Jens Schumacher - Die Tote im Görlitzer Park; Timothy Stahl - Haus der stillen Schreie; Vincent Voss - Du darfst mich nicht finden; Christine Drews - Dunkeltraum

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2.


Es klingelte an der Tür.

Aus irgendeinem Grund schaute Sandra zur Uhr. Halb drei nachmittags. Marc konnte es noch nicht sein. Er war Studienrat an einem Gymnasium im Osnabrücker Umland. Sandra selbst war Grundschullehrerin.

Gewesen.

Es war ihr nach der Katastrophe mit Tim nicht mehr möglich gewesen, die Kinder anderer Leute zu unterrichten. Jedes Mal, wenn sie Jungen in Tims Alter sah – auf dem Schulhof, in der Klasse, wo auch immer –, wurde sie daran erinnert, dass ihr Sohn tot war. Es ging einfach nicht mehr mit dem Unterrichten. Deshalb war ihr schon damals klar gewesen, dass sie ihren Lehrerberuf nie wieder ausüben konnte.

Auch die Therapiestunden bei verschiedenen Psychologen hatten daran nichts geändert. Noch viel weniger die Beruhigungstabletten, Stimmungsaufheller und was sie sonst noch alles an pharmazeutischen Hilfen versucht hatte.

Marc hingegen schien in dieser Hinsicht keine Probleme gehabt zu haben. Er hatte sich in seinen Job gestürzt. Nach dem Schulunterricht leitete er Arbeitsgemeinschaften, engagierte sich für das Schulleben, war Vertrauenslehrer und betätigte sich schulpolitisch. Schüler und Eltern fanden stets offene Ohren bei ihm.

Sandra hatte schon lange das Gefühl, nicht mehr zu Marc durchzudringen. Wie schaffte er das alles? Wie konnte er die Kinder anderer Leute unterrichten, ohne daran denken zu müssen, dass Tim niemals das Alter seiner Schüler erreichen würde, weil ein perverser Mörder ihn getötet hatte?

Sie lebten im selben Haus und trotzdem in verschiedenen Welten, seit Tim tot war. Eine Scheidung hätte diese Trennung nur besiegelt.

Es klingelte ein weiteres Mal.

Wer kann das sein?, fragte Sandra sich kurz, versank aber gleich darauf wieder in Erinnerungen.

Sie dachte an den Tag, als die Kripobeamten gekommen waren. Da hatte sie auch erst nicht aufgemacht. Starr vor Angst war sie gewesen. Angst vor der Wahrheit, die sie aber schon erahnt hatte. Marc war es genauso ergangen.

Als sie beide sich kurz angeschaut hatten an jenem schrecklichen Tag, gab es einen Moment der Gemeinsamkeit zwischen ihnen: die Angst um ihren Sohn. Und die aufdämmernde Erkenntnis, dass jede Hoffnung vergeblich war …

Es klingelte ein drittes Mal.

Damals, erinnerte Sandra sich, hatte es auch dreimal geklingelt, ehe Marc zur Tür gegangen war. Sie hätte das nicht geschafft. Sie war wie eingefroren gewesen, starr, wie tot. So hatte sie es bis heute in Erinnerung.

Marc war schon damals schneller mit den Umständen fertig geworden als sie. Er hatte einfach gehandelt, hatte weiter funktioniert wie eine Maschine. Egal, ob es darum ging, Kripobeamten die Tür zu öffnen, die vermutlich eine schlechte Nachricht zu überbringen hatten, oder darum, seinen Job als Lehrer weiterzumachen, obwohl der Umgang mit Kindern und Jugendlichen auch ihn eigentlich jeden Tag an den Tod des eigenen Kindes erinnern musste. An all die Jahre, die dieses Kind niemals haben würde, weil es einem Wahn zum Opfer gefallen war.

Marc schien das alles halbwegs überwunden zu haben.

Sandra nicht. Damals nicht und heute nicht.

Sie gab sich einen Ruck und ging zur Haustür.

Es war selten geworden, dass Besucher den Weg zu ihrem Haus fanden. Die Trauer um ein verlorenes Kind konnte auf andere wie eine ansteckende Krankheit wirken. Jeder hatte Mitleid, aber niemand wollte etwas damit zu tun haben. Deshalb hielten alle so viel Abstand, wie sie nur konnten.

Sandra öffnete die Tür.

Und erschrak.

Das Gesicht kam ihr bekannt vor. Die tief liegenden Augen, die vollen Wangen, der harte Zug um die Mundwinkel, der Entschlossenheit verriet – das alles gehörte zu den Merkmalen, die sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten.

»Guten Tag, Frau Jürgens. Erinnern Sie sich an mich?«

Sandra starrte den Besucher an, für den Moment sprachlos.

»Ich weiß, dass es für Sie eine Zumutung sein muss, aber ich würde gerne noch einmal mit Ihnen sprechen. Wenn Sie es nicht wünschen, hätte ich Verständnis dafür, aber ich habe den Fall nie zu den Akten gelegt. Er beschäftigt mich immer noch. Ich werde nicht eher ruhen, bis dieser Fall aufgeklärt ist.«

Sandra konnte es immer noch nicht fassen. Vor ihr stand Norman Meyer, Mitte vierzig, Psychiater und Spezialist für Täterprofile. Er hatte eine Ausbildung beim FBI in Quantico absolviert, hatte Lehraufträge an mehreren Universitäten und wurde bei besonderen Fällen von der Polizei als Berater hinzugezogen. Insbesondere, wenn es um Taten ging, die einem Serienmörder zugeschrieben wurden oder bei denen es eine Verbindung zu einer Mordserie gab. Es gab im deutschsprachigen Raum, vielleicht in ganz Europa, wohl keinen angeseheneren Experten auf diesem Gebiet als Norman Meyer. In der kriminalistischen Wissenschaft war er so etwas wie das Maß aller Dinge.

Aber auch er hatte Tim nicht retten können. Vielleicht, weil es von Anfang an aussichtslos gewesen war. Zumindest konnte man Meyer nicht zum Vorwurf machen, dass er nicht alles versucht hätte. Sein Einsatz war bewundernswert gewesen, das hatte Sandra damals schon so empfunden. Er war ein Mann, der nicht lockerließ und auch dann noch einer Spur folgte, wenn andere schon aufgegeben hatten. Und er scheute sich nicht, auch eine Minderheitenposition vehement zu vertreten, was ihn nicht überall beliebt machte. Aber Norman Meyer war ein Mann, dem es nicht wichtig war, ob man ihn mochte oder nicht.

»Darf ich hereinkommen?«, fragte er.

Wie könntest du ihm das abschlagen, nach allem, was er für dich getan hat, dachte Sandra. Für dich, für Tim und dafür, dass für diese abscheuliche Tat vielleicht doch noch jemand zur Rechenschaft gezogen wird.

»Natürlich«, sagte sie.

»Ist Ihr Mann auch zu Hause?«

»Nein. Er ist noch in der Schule.«

»Ich habe gehört, Sie sind nicht mehr im Dienst.«

»So ist es.«

»Beurlaubt oder krank geschrieben?«

Sandra hatte ihren unerwarteten Besuch inzwischen ins Wohnzimmer geführt. »Es gibt da ein paar beamtenrechtliche Tricks, um sich erworbene Rechte noch eine Weile zu sichern und die Tür nicht gleich endgültig zuzuschlagen«, sagte sie. »Mein Mann hatte mir dazu geraten, und er hat sicher recht damit gehabt. Allerdings ändert das nichts an den Tatsachen.«

»Und die wären?«

Sandra schaute Meyer an, begegnete dem direkten, festen Blick, der es einem schwermachte, etwas zu verbergen. Woran das letztlich lag, hatte Sandra schon damals, vor einem Jahr, nicht zu erklären vermocht. Irgendwie war dieser Blick so etwas wie Meyers persönliches Markenzeichen.

»Ich werde nie wieder eine Schule betreten«, sagte sie.

»Vielleicht nicht als Lehrerin«, sagte Meyer, »aber …«

»Als Mutter?«

»Sie sind noch jung genug, dass es zumindest nicht ausgeschlossen ist.«

»Doch, ist es«, widersprach Sandra heftiger als beabsichtigt.

Er macht das sehr geschickt, ging es ihr durch den Kopf. Ein paar dieser unverschämt direkten Fragen, die niemand anders mit solcher Hemmungslosigkeit zu stellen wagt, und er weiß das Wichtigste über mich und meinen Zustand. Er weiß jetzt schon, wo ich stehe und wie weit ich damit gekommen bin, Tims Tod zu verarbeiten.

Wie weit sie damit gekommen war?

Beinahe hätte Sandra bitter aufgelacht. Sie stand damit noch ganz am Anfang, das wusste sie – und jetzt auch Meyer. Sie sah es in seinem Gesicht.

»Was halten Sie davon, wenn wir uns setzen?«, sagte sie.

»Gute Idee.« Meyer versuchte, eine entspannter Miene aufzusetzen, nachdem er auf der Couch Platz genommen hatte. Aber es blieb bei dem Versuch. Ein Versuch, der obendrein nicht einmal gelungen war.

Meyer war einfach nicht der Typ, dem man einen entspannten Gesichtsausdruck abnahm. Der angestrengte, entschlossene Zug in seiner Miene schien zu seiner Persönlichkeit zu gehören. Ein Mann wie er, der sich täglich in die schlimmsten Gewaltverbrecher hineinversetzte, der die schrecklichsten Taten in seiner Vorstellung bis ins Detail nachvollzog, um dem Täter auf diese Weise auf die Spur zu kommen – ein solcher Mann konnte nicht lächeln.

Sandra hatte nur einmal in einen dieser düsteren Abgründe blicken müssen, und auch ihr war das Lächeln vergangen. Sie konnte verstehen, dass dies sehr viel mehr für jemanden wie Norman Meyer galt.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte Meyer.

Sandra zuckte mit den Schultern und rieb die Handflächen aneinander. Sie hatte sich noch immer nicht gesetzt, schien vielmehr von einer plötzlichen inneren Unruhe erfüllt zu sein, die sie davon abhielt. »Es geht so.« Sie seufzte und fügte eine Bemerkung hinzu, die eigentlich alles, was es zu diesem Thema zu sagen gab, auf den Punkt brachte: »Ich lebe noch.«

»Wie geht es Ihrem Mann?«

»Der hat seinen Job und ist nicht viel zu Hause.« Sandra zuckte abermals mit den Schultern und setzte sich schließlich doch. »Irgendwie kann ich sogar verstehen, dass er so wenig Zeit wie möglich hier verbringt. Was erwartet ihn denn auch? Eine trübsinnige Frau, die einfach nicht vergessen kann, dass sie mal ein Kind hatte. Ein Kind, das ermordet wurde.«

»Es ist kein Wunder, dass die damaligen Ereignisse und alles, was im weiteren Sinn damit zu tun hat, zu Problemen in Ihrer Partnerschaft geführt haben«, sagte Meyer. »Sind Sie in guten therapeutischen Händen?«

Sandra schüttelte den Kopf. »Ich brauche keine Therapie. Und ich werde diese Art von Hilfe auch nicht mehr in Anspruch nehmen.«

»Was bringt Sie zu dieser negativen Einschätzung? Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich Ihnen damals einen Kollegen...



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