E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Behrens Feindbild China
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-360-51050-1
Verlag: edition ost
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was wir alles nicht über die Volksrepublik wissen
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-360-51050-1
Verlag: edition ost
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Uwe Behrens, geboren 1944, ist promovierter Transportökonom. Er arbeitete im DDR-Verkehrswesen und ging 1990 nach China. Dort war er bis 2017 für verschiedene Logistikunternehmen tätig. Behrens lebte lange genug in China und mit den Chinesen, dass er die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des letzten Vierteljahrhunderts ebenso aus der Nähe verfolgen konnte wie das alltägliche Zusammenleben. Zurück in Deutschland, kontrastiert er nun seine Beobachtungen und Erfahrungen mit den Stereotypen der deutschen Medien und den Vorhaltungen der deutschen Politiker an die Adresse Pekings. Entstanden ist eine erfrischend kenntnisreiche und kompetente Beurteilung des neuen China.
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Auf nach China
Ende November 1989 rief mich der Direktor einer bundesdeutschen Spedition an. Ich hatte bereits in den vergangenen Jahren beruflich mit Militzer & Münch in Hof zu tun gehabt. Jetzt, wo doch die Mauer gefallen sei, wäre dies die Chance für einen flexiblen Manager, aus der Enge des DDR-Außenhandels auszubrechen. Er sähe für mich eine große Chance in China, aber auch für seine Spedition. Schließlich hätte ich in den vergangenen Jahren Eisenbahntransporte zwischen der Volksrepublik und der DDR besorgt, da würde ich mich doch auskennen. Kurz und gut, er schlage mir vor, in China für sein Unternehmen eine Repräsentanz zu übernehmen.
Nun war mir klar, dass er dieses Angebot nicht selbstlos unterbreitet hatte. Er wollte sich meine Verbindungen und meine Erfahrungen nutzbar machen. Auf der anderen Seite stellte er natürlich in Rechnung, dass auch ich mir Gedanken machte über die Zukunft meines Betriebes und des Landes, für das ich arbeitete. Denn nachdem die Grenze offen war, stand seine Zukunft nicht mehr in den Sternen. Als Ökonom war ich mit den Gesetzen des Marktes hinlänglich vertraut, ich konnte mir ausrechnen, was nun passieren würde.
Ich zögerte dennoch.
Beim zweiten Anruf machte er es dringlich, dadurch war ich in einer taktisch günstigeren Situation. Sein Unternehmen habe bereits ein Büro in Peking, doch der Repräsentant wolle so schnell wie möglich nach Hause. Die Unruhen im Frühsommer hätten bei ihm bleibende Spuren hinterlassen. Er habe gesehen, wie randalierende Studenten Soldaten massakriert hätten, dort auf dem Platz des Himmlischen Friedens und in den Straßen der Innenstadt. Das wäre für den ruhigen Schweizer zuviel Aufregung gewesen. Er habe fristgerecht gekündigt, im April 1990 werde er das kommunistische China verlassen.
»Sie haben doch keine Angst vor den Kommunisten?«, erkundigte er sich. »Sie sind doch bestimmt selber einer.«
Eigentlich hatte ich mich bereits durchgerungen, den Job anzunehmen. Doch nach dieser abwertend gemeinten Ansage musste ich ablehnen.
Als sei alles in trocknen Tüchern, rief am Montag seine Sekretärin bei mir an. Schöne Grüße vom Chef, er habe das nicht so gemeint und würde sich freuen, mich zum Gespräch im westdeutschen Headoffice zu begrüßen. Mein Flieger gehe am Mittwoch, das Ticket sei in Tegel hinterlegt, Flug und Hotel seien bereits bezahlt.
Ich ließ mich überrumpeln.
Für den Kommunisten entschuldige er sich, sagte der Direktor, und schmeichelte mir. Ich hätte schließlich herausragende Erfahrungen als Spediteur und kommerzieller Eisenbahner, nur das zähle. Gute Leute würden überall gebraucht.
Wie ich später erfuhr, hatte er bereits mit sieben seiner Landsleute gesprochen, die alle abgesagt hatten. Ich war der achte und letzte Kandidat, da musste er sich krumm machen.
Am 1. März 1990 schon sollte ich fliegen.
Ich sagte zu und kündigte in meinem DDR-Betrieb, wo ich, keineswegs überraschend, Hausverbot erhielt. Wäre ich an der Stelle des Generaldirektors gewesen, hätte ich vermutlich ebenso gehandelt. Dadurch aber hatte ich Zeit gewonnen, mich auf China vorzubereiten.
Was wusste ich über China?
Dass Mao die Kulturrevolution angezettelt hatte, die Sowjetunion und die DDR nicht gerade gute Beziehungen mit der Volksrepublik unterhielten, Peking enge Kontakte mit den USA aufbaute, dass der DDR-Außenhandel billig Textilien importierte, unter anderen Herrenunterhosen, die für DDR-Ärsche viel zu eng waren.
Ich versuchte mir auch zu erklären, warum China ein so schlechtes Ansehen in der Welt besaß. Das hing nicht allein mit dem 4. Juni 1989 zusammen. Schon vor diesem Datum hatte »der Westen« wenig nur mit »Rotchina« am Hut. Lag es allein am Antikommunismus, am tradierten Rassismus, der sich nicht nur vor der roten, sondern auch vor der »gelben Gefahr« fürchtete? War daran die christlich-abendländische Kultur Schuld? Die hatte ja auch die Kultur Nordamerikas und Australiens geprägt, und sie unterschied sich fundamental von der weitaus älteren chinesischen Kultur. China schaute auf über fünftausend Jahre zusammenhängende Zivilisationsgeschichte zurück und hatte die Menschheit mit einer Vielzahl von Entdeckungen und Erfindungen vorangebracht. Doch das zählte alles offenbar wenig aus »westlicher« Sicht, Europa war Maßstab und Nabel der Welt.
In den Monaten vor meiner Abreise ins Reich der Mitte frischte ich mein Schulenglisch auf und traf mich mit Mitarbeitern meines künftigen Arbeitgebers, die für China zuständig waren. Sie arbeiteten in verschiedenen Speditionsniederlassungen in der Bundesrepublik und in der Schweiz und betrachteten mich als Exoten. Ich sah ihnen an, was sie über mich dachten: Aha, aus dem Osten. Geht freiwillig nach China, wo Menschen von den Kommunisten auf der Straße erschossen werden. Der muss es ja nötig haben … Naja, lange wird der’s auch nicht machen.
Die ansonsten sehr höflichen Speditionsmitarbeiter gaben mir jede Chance, nichts von dem zu erfahren, was ich eventuell für meinen Job in China gebrauchen könnte. Sie behielten ihr Wissen für sich und gaben es nicht her. Das war eine ganz neue Erfahrung.
Der Flug wurde auf Ende März verschoben. Direktflüge von Berlin nach Peking gab es noch nicht. Ich flog nach London, von dort nach Hongkong und weiter in die chinesische Hauptstadt. Nach 34 Stunden traf ich dort ein. Grau war mein Gemüt, grau mein Gesicht, grau die Luft. Der Schweizer, der mich vom Flugplatz abholen sollte, war nicht erschienen, er hatte aber jemanden geschickt, der in der winzigen Empfangshalle, kaum größer als die in Tegel, ein Schild mit meinem Namen reckte. Er steuerte ein Shuttle des Hotels, in das er mich brachte.
Die Fahrt war der erste Kulturschock. Die zweispurige Straße mit breiten, staubigen Randstreifen teilten sich die Autos mit Radfahrern und Lastkarren. Sie wurde gesäumt von blattlosen, grauen Bäumen. Der Taxifahrer quälte den alten Toyota im vierten Gang im Schritttempo. In mir wuchs das Gefühl, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Umkehren, sagte ich mir. Nach schier unendlich langer Fahrt erreichten wir die Stadt. Mein Gefühl verdichtete sich. Im Hotel empfing mich der überaus höfliche Direktor, ein Manager aus Hongkong. Er zeigte mir mein Apartment und lud mich zu meinem ersten wirklich chinesischen Essen ein. Das versöhnte mich ein wenig, das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung begann zu schwinden, aber es blieb.
Mein Vorgänger begrüßte mich mit der rhetorischen Frage: »Wie gefällt Ihnen Peking?«
Ich winkte ab. »Ich fliege wieder zurück. Alles grau hier – ich liebe die Natur. Außer dem Hoteldirektor spricht niemand Englisch, ich verstehe kein Wort Chinesisch …«
Der Schweizer nickte verständnisvoll. Mir war jetzt klar, weshalb er vorzeitig und das schon nach einem Jahr seine Zelte hier abbrach.
»Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Büro.«
Es befand sich in einem einzigen Geschäftshaus für ausländische Firmenvertreter. Es handelte sich um ein ehemaliges Hotel. Der Fußbodenbelag, vormals gewiss sehr schön, war ausgeblichen und wies zahllose Brandflecken von ausgetretenen Zigaretten auf. An manchen Stellen lösten sich die Blumentapeten von den Wänden, in den Ecken warteten Spucknäpfe auf ihre Benutzung.
Alles sehr anheimelnd und einladend.
Das Büro, ein Apartment mit Bad, entsprach ganz dem Charakter des Hauses. Das Bad selbst war, bis auf die Dusche, zugestellt mit nicht mehr brauchbaren Hotelmöbeln. Und unter der Brause stand eine Chinesin. Der Schweizer erklärte mir, dass dies die Sekretärin sei, sie habe in ihrer Wohnung, wie die meisten Chinesen, kein Bad. Und oft auch kein warmes Wasser.
Frisch geduscht, mit einem Strahlen im Gesicht, begrüßte mich meine künftige Mitarbeiterin, Frau Shen, in einem besseren Englisch, als ich es sprach. Der zweiter Mitarbeiter, Herr Yin, traf wenig später mit dem Fahrrad ein. Ein junger aufgeschlossener Mann, voller Tatendrang und mit dem Willen, die Welt zu erobern, wie ich schon bald merkte.
Nun hatte ich vier Wochen Zeit, von meinem Vorgänger und meinen beiden Mitarbeitern zu lernen, wie »das Chinageschäft« für eine deutsche Speditionsfirma in einer lokalen Repräsentanz so lief. Vieles war nicht neu für mich. Ich wusste, dass eine Repräsentanz kommerziell selbst nicht tätig werden durfte, sie agierte als Liaison-Vertretung, d.h. sie bahnte Verträge an. Unser Partner war das zentrale Büro der staatliche Spedition der VR China. Diese Institution war sehr darauf bedacht, dass wir keinerlei direkte Kontakte zu chinesischen Industriebetrieben aufnahmen, nicht einmal fürs Marketing. Natürlich durften wir auch nicht mit lokalen Niederlassungen der Speditionsorganisation kooperieren. Bei Verstößen, so hieß es warnend, würde die Repräsentanz geschlossen werden.
Die wöchentliche Arbeitszeit erstreckte sich über sechs Tage, aber meine zwei Mitarbeiter würden nur fünf Tage anwesend sein, da sie jeweils samstags politisch geschult würden, erklärten sie mir.
Das also war der Rahmen, in welchem ich mich künftig bewegen sollte.
Mein erster Besuch galt unserem Partner Sinotrans, der Gastgeber-Organisation: gesonderter Zugang zu Verhandlungsräumen, diese schlicht, ein Tisch, sechs Stühle. Auf dem Tisch chinesische Teetassen mit Untersetzer und Deckel, eine große Thermosflasche mit heißem Wasser.
»Nihao.« Ein älterer Herr und ein jüngerer sowie eine junge Dame mit wunderschönen langen schwarzen Haaren begrüßten mich. »Sie kommen aus der DDR, haben bei Deutrans gearbeitet?«
Ich...




