E-Book, Deutsch, 176 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 205 mm
Behnken Demut
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8312-7091-0
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hymne an eine Tugend
E-Book, Deutsch, 176 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 205 mm
ISBN: 978-3-8312-7091-0
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Annette Behnken ist Theologin, Pastorin, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Loccum sowie Fernsehmoderatorin der kirchlichen Sendereihe »Das Wort zum Sonntag«. Sie ist davon überzeugt, dass Glaube nicht abseits, sondern mitten im Leben passiert. Die Mutter von drei Töchtern lebt mit ihrer Patchworkfamilie in der Nähe von Hannover.
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WINDROSE
Es wurde dunkel. Am Strand war kaum noch was los. Aus den kleinen Bars schwappten Licht, Stimmen, Musik zu mir herüber. Ich saß am Wasser und ließ es im Rhythmus des Ozeans über meine Füße fließen, hautwarm. Hier, auf der anderen Seite der Welt, sah der Himmel anders aus. Schräger Mond, die Spitzen seiner Sichel zeigten nach unten. Alles andersherum und fremd. Farben, Formen, Gerüche, Geräusche, Menschen – meine Sinne feierten es. Nase, Augen, Ohren und die Windungen meines Gehirns, durchgepustet von all diesen Seltsamkeiten. Und jetzt: Abschied von Indien. Ein paar warme Regentropfen, leichter, warmer Wind. Ein umarmendes, irres Land.
Ich hatte kurz vor der Reise mein Abitur gemacht, Geld zusammengejobbt und mich nach 14 Jahren Schulgefängnis – ich habe die Schule gehasst! – mit meiner Freundin ins Flugzeug gesetzt. Ohne Plan, welche der tausendundeinen Wunderorte wir auf diesem höchst eigenartigen Subkontinent besuchen wollten. Ein gewisses Maß an Planlosigkeit gehörte zum Abenteuer, welches hieß: Hauptsache, weg von allem, so weit wie möglich, Hauptsache, alles anders, Hauptsache, keiner kann mich finden. Nachts hatte ich Albträume von Verwandten und Lehrern, die mir nachreisten und mich zurück nach Deutschland zwangen. Morgens wachte ich von Flöhen zerstochen erleichtert auf und atmete die Freiheit ein, die in den Straßen von Delhi nach Sandelholz und Pisse roch, und mein Herz machte Hüpfer in Solkattu. Genauso sollte es sein!
In Poona stritten meine Freundin und ich – in meiner Erinnerung das einzige Mal während der ganzen dreimonatigen Reise –, weil sie Sorge hatte, ich könnte dort bleiben wollen. Inzwischen aber waren wir mit Motorrädern in Südindien gelandet, ich schwerst verliebt in einen Hippie aus Kopenhagen, obwohl mein Freund ein ausgesprochen feiner Kerl war und in Deutschland auf mich wartete. Indien setzte alles außer Kraft. Zusammen mit zwei Norwegerinnen, zwei Dänen und zwei Engländern hatten wir ein gelbes Haus gemietet. Alle Uhren und Kalender waren aus dem Haus verbannt, Handys hatten wir noch nicht. Zeitlose Zeit. Ich wollte nie zurück. Und wäre mein Visum nicht abgelaufen, wäre ich geblieben.
Mich durchflossen Heim- und Fernweh zugleich, fielen in mir zusammen in einer nicht definierbaren Sehnsucht. Und wenn ich hineinging in das Sehnen, dann tauchte dahinter wie in einem Unendlichkeitsspiegel schon die nächste Sehnsuchtsschicht auf. Selbst hier, oder: vor allem hier, weit weg, am Indischen Ozean, in den gerade die Sonne sank. Bilder der vergangenen Monate zogen vorbei: kleine bunte Tempel am Straßenrand. Darin eine Gottheit. Meist knallbunt, pink oder türkis, zärtlich mit Blüten geschmückt, eingehüllt in Duft-Schwaden von Räucherkerzen. Brahma-Schöpfer, Vishnu-Bewahrer, Shiva-Zerstörer. Die kreative Sarasvati, die schöne, glückliche Lakshmi und die mütterliche Parvati. Kali, die Todesgöttin. Durga, die schwer Begreifliche, schwer Zugängliche … Ob ich an Gott glaubte, konnte ich gar nicht sagen, aber dass er viele Gesichter hat, war klar.
Die Sonne war rot geworden. Ich war so weit weg von zu Hause wie noch nie. Sehnsucht ohne Wohin – aber sie setzte ein Wollen in Bewegung: das Leben ausloten wollen bis in alle Tiefen und Untiefen, Höhen und Ekstasen, in die ganze Weite und in feinste Verästelungen hinein. In unserer Gesellschaft ist es Verrückten und Künstlern vorbehalten, das Leben in all seine Richtungen auszuloten. So ungefähr soll es Anaïs Nin gesagt haben. Ich las damals eine Biografie über sie und war fasziniert, wie leidenschaftlich und waghalsig sie sich durchs Leben und die Liebe improvisierte. Dieser Satz blieb hängen, bis heute. Zwar halte ich mich weder für eine Künstlerin noch für verrückt. Aber das wollte ich: das Leben ausloten.
An diesem Abend entschied ich: Das würde ab jetzt meine Lebensmission werden, mein Leben ganz und gar zu leben. Weil ich mein Leben als so großes Geschenk empfand. So groß, dass es manchmal wehtat, weil mir eine adäquate Antwort, eine angemessene Dankbarkeit in Haltung, Tun und Leben so unmöglich schien. Wie konnte das gehen, diese übergroße Gabe an mich zu nehmen? Ganz und gar das Leben leben, so, wie es mir geschenkt war, wie ich es vorfinde, wie ich mich vorfinde. Mich reinschmeißen. Nichts abschneiden, keine kleinste Facette. Und irgendwann einen inneren Ort finden, von dem aus ich in Gänze anwesend wäre, und von dort in die Welt hineinwirken. So ungefähr stellte ich es mir vor damals.
Heute denke ich: Welch pubertäre Anmaßung zu glauben, dass das ginge. Und dass es darum ginge! Klar, dass ich daran scheitern musste. Und dann wieder finde ich es genau so genau richtig. Die richtige Geste der Bereitschaft, das Lebensgeschenk ganz anzunehmen.
An diesem Abend ging ich am Strand in ein kleines Tattoo-Studio, einen Holzverschlag, in dem ein Inder Touristinnen Om-Zeichen an alle möglichen Stellen tätowierte. Ich fand das albern und kitschig. Aber das war jetzt egal. Es fühlte sich an, als würde ich ein Gelübde ablegen, als ich mir meine Sehnsucht unter die Haut stechen ließ. Seitdem gibt es eine kleine stilisierte Windrose auf meinem rechten Unterarm.
»Und es handelt sich darum,
alles zu leben.«2
Das Wort Demut spielte in meinem Kosmos damals keine Rolle.
HUMILITAS
Ich schiebe meine Finger in einen kleinen Hügel Erde. Sie ist wärmer, als ich dachte, sammelt sich zwischen meinen Fingern und schiebt sich unter die Fingernägel. Ich greife eine Hand voll. Vor der Geste, die dann folgt, habe ich jedesmal Respekt. Ebenso vor den dazugehörigen Worten: »Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube.«
Dreimal werfe ich Erde ins Grab und höre, wie sie auf das Holz des Sarges oder auf die Urne rieselt. Ein Moment, in dem ich erwarte, dass mich die Endgültigkeit des Todes trifft. Aber diese Wirklichkeit ist zu groß, für mich, in diesem Moment.
Dass wir aus Sternenstaub sind und wieder zu Sternenstaub werden, um neu zu leuchten, sage ich dann manchmal. Den Gedanken, dass sich in unseren Leibern mikroskopische Teile aus Äonen des Universums verkörpern und immer wieder neu zusammensetzen, finde ich spektakulär.
We are stardust. We are golden.3
Asperum et astrum.
Himmelswesen. Erdwesen.
Sprache ist schlau. Dass wir Erdwesen sind, weiß die hebräische Sprache: Adamah ist die Erde, Adam der Mensch, aus Erde gemacht und beseelt mit göttlichem Odem. Die Menschlichkeit, humanitas, ist schon ethymologisch nicht vom Humus zu trennen, vom Boden, der Erde, dem Schmutz und Dünger. Das lateinische Wort für Demut, humilitas, zeigt: Die Demut ist bodenständig. So sieht es auch der Benediktiner-Mönch David Steindl-Rast: »Eigentlich bedeutet demütig … irdisch oder erdig. … Es ist … mit ›human‹ und ›Humor‹ verwandt. Wenn wir die irdischen Qualitäten unserer menschlichen Kondition akzeptieren und annehmen (und ein bisschen Humor ist dabei durchaus hilfreich), dann werden wir feststellen, dass wir das mit demütigem Stolz tun. In den besten Augenblicken unseres Lebens ist Demut einfach ein Stolz, der zu dankbar ist, um auf jemanden herabzublicken.«4
Auch für die Vinzentinerin Schwester Teresa gehören Stolz und Demut zusammen. Aber, sagt die Ordensfrau mit Nachdruck: »Demut ist Humilitas! Das ist viel mehr als Dien-Mut, wovon immer so die Rede ist! Es geht um den Humus! Den Grund! Den Acker, aus dem wir geschaffen sind. So zu sein, wie wir sind, wenn nichts hinzugetan wird und nichts weggenommen.«
Sie sagt diese Sätze, als ich sie zwischen Tür und Angel ihres Klosters nach der Demut frage. Und ich merke: Das ist die Richtung, in die mein Suchen geht. Das sind Worte, die mir vom Hirn schnell ins Herz rutschen: »… so sein, wie wir sind, wenn nichts hinzugetan wird und nichts weggenommen«. Nur: Geht das? Wir sind doch immer schon Geprägte, werden andauernd verändert, das Leben wirkt ja permanent auf uns ein, von Anfang an. Später haben Schwester Teresa und ich uns mit mehr Zeit über die Demut unterhalten, das Gespräch können Sie am Ende des Buches nachlesen.
Demut ist Bodenhaftung. Der Boden, die Erde ist bewohnt von Organismen, Bodenbakterien, die permanent alles stofflich umbauen. Humus ist Stoffwechsel. Humus lebt. Jede Bäuerin, jeder Gärtner weiß, wie kostbar Humus ist und wie fruchtbar die Saat in guter Erde gedeiht. Und wer dem menschlichen Humus erfahrbar begegnet, also seiner, ihrer eigenen Erdhaftigkeit, der Wahrheit also, dass ich von Erde genommen bin und wieder zu Erde werde, weiß: Der Weg dieses Wissens aus dem Kopf ins Herz ist nicht leicht.5
Vom kognitiven zum erfahrenen Wissen geht es über fruchtbare, schmerzhafte, kreative und zugerümpelte Strecken, durch strotzende, kranke, blühende, verlassene, wuchernde, zugemüllte Seelenlandschaften. Es bleibt wohl nicht aus, dass ich auf dem Weg der Humilitas nicht nur meinen Sternenstaub-Wunderbarkeiten, sondern auch meinem Psycho-Schrott und Seelen-Mist begegne, alten Wunden und inneren Verirrungen, und mich fragen muss: Was mache ich damit?
Der Theologe und Mystiker Johannes Tauler plädiert dafür, den eigenen Psycho-Mist als Demutsdünger zu verwenden: »Das Pferd macht im Stall den Mist, und wiewohl der Mist Unflat und Gestank an sich hat, zieht dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Anstrengung auf das Feld, und daraus wächst edler, schöner Weizen und der edle, süße Wein, der niemals so wachsen würde, wäre der Mist nicht da. – Ebenso trage deinen Mist – das sind deine eigenen...




