Beer | Requiem für einen blutroten Stern | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 470 Seiten

Beer Requiem für einen blutroten Stern


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95991-618-9
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 470 Seiten

ISBN: 978-3-95991-618-9
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



London, 1873. Cedric Edwards ist Konzertpianist, Klavierlehrer an der Royal Academy of Music - und sterbenskrank. Eine noch weitgehend unbekannte und unheilbare Krankheit droht sein Leben auf wenig verbleibende Jahre zu verkürzen. Doch nachdem ein Jahr zuvor bereits seine Frau verstarb, ist Cedric fest entschlossen, alles zu tun, damit seine Kinder nicht auch noch ihn verlieren. Als ihm seine Ärztin eine ungewöhnliche Therapie vorschlägt, die ihn nicht nur heilen, sondern sogar unsterblich machen soll, kann er daher nicht anders, als zuzustimmen - ohne zu ahnen, dass er sich damit mehr Blut und Dunkelheit ins Haus holt, als er sich je hätte ausmalen können ...

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Kapitel Eins


»Pathétique«; Piano Sonata No. 8, Op.13; Ludwig van Beethoven

Havencourt Stadtresidenz, 23 Oxford Street, West End, London

Stopp! Fehler!«

Der weiche Klang des Flügels verstummte. Aus großen Rehaugen sah Miss Elaine Rimbaur of Havencourt zu Cedric auf. Das Nachmittagslicht, vielfarbig gebrochen durch die Buntglasfenster im Salon von Havencourt House, leuchtete auf ihren braunen Locken wie ein Heiligenschein. »Bitte um Verzeihung, Maestro. Können Sie mir das näher erklären?«

Cedric ließ den Taktstock gegen die Seitennaht seiner Hose schlagen. »Sie können nicht einfach spielen, wie es Ihnen passt, Miss. Glauben Sie, ein Komponist wie Beethoven hätte sich nicht bei jeder Note etwas gedacht? Was hätte er wohl gesagt, wenn er gehört hätte, wie Sie ständig nach Lust und Laune gleich zwei oder drei davon auslassen oder dazuerfinden? Pathétique bedeutet Leidenschaft, nicht Ignoranz. Noch mal von vorn. Nein, warten Sie.« Ein grimmiges Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln. »Spielen Sie im zweiten Satz ab Zeile drei, das modulierte Thema bis zur Coda. Con brio, freudestrahlend, auf, auf, Miss!«

Elaines Unschuldsmiene verrutschte sichtlich. Sie beugte sich vor und blätterte fahrig durch die Seiten, ehe sie sich mit glühenden Wangen wieder zu ihm umwandte. »Das ist unfair, Cedric. Ich finde diese Stelle nicht.«

Cedric atmete angestrengt durch und schob sich die schwarzen Strähnen aus den Augen, die sich schon wieder aus dem Schleifenband gelöst hatten. »Natürlich nicht. Weil nichts davon in dieser Partitur steht. Und hättest du dir in den letzten Wochen die Mühe gemacht, endlich Noten lesen zu lernen, statt dich nur auf dein formidables Gehör zu verlassen, wüsstest du das auch.« Mit einem scharfen Klacken legte er den Taktstock auf dem Rahmen des Flügels ab. »Ich habe genug. Wir setzen den Unterricht fort, wenn du vorhast, ihn ernst zu nehmen.« Er begann, die Notenblätter einzusammeln und in seiner Tasche zu verstauen.

Elaine erhob sich mit hastigem Kleiderrascheln und sah Hilfe suchend zu ihrem Bruder, der im Lehnstuhl am Fenster saß, eine Meerschaumpfeife paffte und die Szene mit unübersehbarer Belustigung verfolgte. »Das kann nicht dein Ernst sein. Rob, sag ihm, dass er das nicht darf. Wir haben ihn doch schon für die nächsten Monate bezahlt!«

Cedric warf ihr einen finsteren Blick zu. »Auf diesem Niveau unterhalten wir uns jetzt also. Ohne mich.« Er klemmte seine Tasche unter den Arm und verließ den Salon, ohne sich noch einmal umzusehen.

»Cedric!« Elaine klang nun ernsthaft verzweifelt, weil sie nicht schnell genug aus der Rolle herausfand, die sie an diesem Tag für den Klavierunterricht eingenommen hatte – und auch ein wenig verletzt, weil er darauf keine Rücksicht nahm. Natürlich kannte er sie eigentlich besser. Das war ja das Schlimme daran. Die Tür zum Salon fiel geräuschvoll hinter Cedric ins Schloss.

Erst auf der Straße blieb er stehen, legte den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel. Es war viel weniger sonnig hier draußen, als es das Lichtspiel der Buntglasfenster im Salon ihn hatte glauben machen wollen. Der Novembernebel zog bereits schwer von der Themse herüber. Jenseits der feuerfarbenen Ahornblätter am Hanover Square ragten Fabrikschlote düster in den beginnenden Abend und trieben ihre Rußschwaden über die Londoner Innenstadt.

Hinter Cedric ging erneut die Haustür. Er seufzte leise. Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, dass Robert ihn einfach ziehen lassen würde. Der junge Baron of Havencourt hatte an dem Auftritt gerade sicher seinen Spaß gehabt. Aber mit einem hatte Elaine recht: Dass Cedric seinen Lohn für die nächsten Klavierstunden, inklusive des heutigen Desasters, bereits erhalten hatte. Freundschaft war eine Sache. Geld eine andere. Und zwar selbst dann, wenn diese Freundschaft bis in ihre Kindertage zurückreichte, als Cedrics Vater Robs Klavierlehrer gewesen war und sie beide gemeinsam unterrichtet hatte. Gerade weil es schon immer dieses Machtgefälle gegeben hatte, war es Cedric wichtig, dass Geld nie zu einem Argument zwischen ihnen wurde.

»Willst du das Honorar zurück?«, fragte er, als Rob neben ihm stehen blieb, in der einen Hand noch immer die Pfeife, die andere locker unter dem zurückgeschlagenen Sakko in die Hosentasche gesteckt. Cedric wusste nie, ob Rob sein Bild des kultivierten jungen Upperclass-Gentleman besonders gewissenhaft pflegte oder es doch eher zu karikieren versuchte. Vielleicht etwas von beidem.

»Natürlich nicht.« Rob nahm einen Zug von seiner Pfeife, fuhr sich durch die dunkelbraunen Locken und sah dem Rauch hinterher, wie er durch die nasse Luft davontrieb. »Ich hätte mir für deine Performance heute allerdings etwas mehr Contenance gewünscht, mein Freund.«

»Es ist eine Farce.« Cedric rieb sich erschöpft über die Augen. »Hör zu, ich verstehe, dass eure Familie Elaine am Konservatorium sehen möchte, und ich bin dir dankbar, dass du auf der Suche nach einem Lehrer an mich gedacht hast. Aber wozu plötzlich dieses Theater?«

Robert grinste sein jungenhaftes Grinsen. »Weil es ihr gefällt, wenn du dein strenges Gesicht machst. Und weil es mir gefällt zu sehen, wie du dich ihr annäherst.«

»Ich nähere mich ihr nicht an«, erklärte Cedric ärgerlich. »Ich bin verheiratet.«

Rob hob eine Braue. »Du warst verheiratet.«

Ein dumpfer Schmerz regte sich bei den so leicht dahingeworfenen Worten in Cedrics Brust. Er überging es. Diesmal. »Und ich bin es wieder.«

Rob zuckte die Schultern. »Mit einer Frau, die du nicht ausstehen kannst. Was spricht also dagegen, euch beide davon zu befreien? Eine Ehe mehr oder weniger macht doch wirklich keinen Unterschied.«

Das machte Cedric für einen Moment wirklich sprachlos. »Ich denke, wir beenden diese Unterhaltung besser«, brachte er nach einigen mühevollen Atemzügen hervor. »Wir sehen uns am Freitag.«

»Warte.« Robert legte ihm die Hand auf die Schulter, ehe er sich ganz abwenden konnte. Auf seinen Zügen lag aufrichtige Reue. »Ich bin zu weit gegangen. Bitte verzeih.«

Cedric furchte die Stirn, aber er sagte nichts. Robert redete schneller, als er dachte, das war schon immer so gewesen. Als ältester Sohn aus reichem Hause hatte er schließlich nie ernsthafte Konsequenzen für sein Handeln erfahren und deshalb auch nicht gelernt, sich zurückzunehmen. Auf der anderen Seite saß Cedric selbst zweifelsohne im Glashaus, was schonungslose Direktheit betraf. Ihre Freundschaft beruhte auf vielen Werten – übermäßiges Taktgefühl war keiner davon. Einen verbalen Tiefschlag wie diesen einfach wegzustecken, erforderte dennoch mehr Versöhnlichkeit, als er in diesem Moment in sich hatte.

»Bitte, Cedward. Lass uns so nicht auseinandergehen. Komm wieder mit rein und trink einen Portwein mit mir. Ich habe gestern erst eine neue Lieferung erhalten, einfach wunderbar, sage ich dir.«

Endlich entschied sich Cedric, den Kopf zu schütteln. »Danke, heute nicht. Ich werde es dir nicht nachtragen, keine Sorge. Und Elaine auch nicht. Aber meine Familie erwartet mich zum Tee, und ich möchte vorher noch bei der Post vorbeischauen. Dr?Shaw hatte?…« Er räusperte sich, weil seine Stimme unwillkürlich belegt klang. »Er hatte mir ein neues Buch bestellt. Über Schwindsucht.«

Darauf erwiderte Robert eine Weile nichts. Er sah Cedric nur sehr nachdenklich an, und Cedric fragte sich, ob sein ältester und bester Freund seine monatelangen Lügen trotz aller Mühen wohl inzwischen durchschaute. Ob er ahnte, dass es Cedric längst nicht mehr darum ging, die Trauer um seine verstorbene Frau zu verarbeiten, indem er weiterhin regelmäßig die Arztpraxis aufsuchte und alles über die Krankheit lernte, die Adele getötet hatte. Falls dem so war, entschied sich Rob allerdings auch heute dagegen, es anzusprechen.

»Komm zurück ins Leben, mein Freund«, sagte er schließlich bloß und klopfte Cedric auf die Schulter. »Elaine und ich erwarten dich Freitag zum Tee. Einen guten Tag dann noch.«

Die Tür schloss sich mit einem hohlen Laut hinter ihm. Und oben im ersten Stock fiel ein dicker Vorhang zurück an seinen Platz.

Cedric blieb noch einen Moment stehen und sah zum Fenster hinauf. Zu allem Überfluss begann es nun auch noch zu regnen. Warum nur war er nicht überrascht?

Er zog seine Taschenuhr aus der Westentasche und ließ den Deckel aufspringen. Sieben Minuten nach vier. Gerade genug Zeit, um bis nach Camden Town zum Postbüro zu laufen und von dort zurück ins West End, um pünktlich zum Tee daheim zu sein. Der Doktor hatte ihm immerhin zu viel Bewegung an frischer Luft geraten. Bei dem Gedanken entwischte Cedric tatsächlich ein zynisches Lachen, dem ein unangenehmer Husten folgte. Frische Luft. Ausgerechnet hier.

Wie mechanisch strich er mit dem Daumen über den Schriftzug, der in die Innenseite des Uhrendeckels geprägt war. In Liebe. Adele.

Noch ein Husten. Einatmen, ausatmen. Bis sich das Brennen und Stechen in seiner Kehle wenigstens etwas gelegt hatte.

Cedric schloss den Uhrendeckel und rang sich einen letzten tiefen Atemzug ab, ehe er sich auf den Weg machte.

»Komm zurück ins Leben, mein Freund.«

...



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