Beer | Leben Lieben Pilgern | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 348 Seiten

Beer Leben Lieben Pilgern

Eine Frau sucht ihren Weg
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-4440-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Frau sucht ihren Weg

E-Book, Deutsch, 348 Seiten

ISBN: 978-3-7557-4440-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als die traumatisierte, jugendliche Ausreißerin im Haus von Martha und Carlos aufwacht, erinnert sie sich an nichts. Das Ehepaar gibt ihr den Namen Victoria und ein neues Zuhause. Victoria verleugnet ihre Familie, auch als die Erinnerung längst zurückgekehrt ist. Sie hadert mit der eigenen Wertschätzung, an der auch ihr Erfolg als Klavierspielerin und ihre Heirat nichts ändern. Nach einer kurzen Wanderung auf dem spanischen Jakobsweg begegnet sie ihrer großen Liebe. Ihr turbulenter Alltag scheint sich gerade wieder zu beruhigen, als sie von ihrer sterbenden Mutter Erschreckendes erfährt. Nach Antworten suchend wandert sie als Rucksackpilgerin den Camino Portuguès. Eine Reise, die sie nicht nur mit sich selbst versöhnt, sondern auch ihrem Leben eine Wende gibt.

Monika Beer, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern, war Standesbeamtin und lebt in der Nähe von Mainz. Als Rucksackpilgerin ist sie immer wieder auf den Jakobswegen in Deutschland, Spanien, Frankreich und Portugal unterwegs. Ihre Jakobswegromane "Eine Socke voller Liebe" und "Die Schwestern, der Weg und das Meer" sind ebenfalls bei Books on Demand erschienen.

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Marie
1992 Jemand rüttelte an ihrer Schulter und drehte ihren Körper auf den Rücken. „Mädchen! – Hörst du mich? – Aufwachen! Du kannst hier nicht liegen bleiben.“ Eine warme Hand klopfte wieder und wieder auf ihre Wangen. Die Männerstimme wiederholte ständig dasselbe Wort: „Aufwachen! Aufwachen!“ Sie blinzelte. Dicht über ihr schwebte ein Gesicht unter einer Mütze. Es verschwamm im Nebel. Ihre Augenlider waren bleischwer. Irgendwer hob sie hoch, trug sie auf seinen Armen fort. Sie zitterte. Er legte sie ab. Ein Hund bellte. Ein Motor sprang an. Sie wurde durchgeschüttelt. Ihr Kopf prallte gegen etwas Hartes. Sie war unfähig, sich zu bewegen, ließ alles geschehen und fiel zurück in das Nichts aus weißen Wolken, das sie wie ein schützender Kokon umgab. Gerne wäre sie dort geblieben. Aber ein zweites Mal zerrte jemand sie heraus aus diesem Nirgendwo. Wieder wurde sie getragen und abgelegt. Sie hörte aufgeregte Stimmen und öffnete die Augen. Eine Frau huschte geschäftig hin und her. Ein Mann stand neben ihr. „Jetzt bist du in Sicherheit“, sagte er. Dabei strahlten seine wässrig blauen Augen sie an, als würde er sich freuen. Die grauen Haare waren straff aus dem Gesicht gekämmt, und das Ende eines dünnen Pferdeschwanzes wippte auf seiner Schulter. Sie drehte den Kopf zur Seite. Warum freute er sich so? Sie kannte ihn doch gar nicht. Sonnenlicht drang durch vier kleine Fensterscheiben. Dahinter war ein Hausdach. Der Schnee darauf glitzerte silbrig. Die Helligkeit blendete. Sie schloss die Augen wieder. Ihr Kopf schmerzte. „Martha“, hörte sie den Mann sagen, „wir müssen ihr die feuchten Sachen ausziehen. Mach du das. Ich hole eine Wärmflasche.“ Wer war der Mann? Und wer war Martha? - Wo war sie überhaupt? Sie versuchte, den Kopf zu heben. Ihr wurde schwindelig, und der Kopf fiel zurück auf die Matratze. Eine Frau beugte sich über ihr Gesicht, hob ihren Kopf vorsichtig an und schob etwas unter ihren Nacken. Sie spürte, dass es weich und warm war. Ein bunter Ringelpullover erhob sich vor ihren Augen und die rundliche Frau mit kurzen, grauen Stoppelhaaren fragte sie: „Ist es besser so?“ „Ja“, krächzte sie leise. „Ich zieh dir jetzt deine Kleider aus, damit sie trocknen können“, sagte die Frau und zog ihr in Windeseile die Arme aus der Strickjacke, das Shirt über den Kopf und die Hose von den Beinen. Wortlos rubbelte sie Arme und Beine mit einem warmen Tuch ab und legte ihr eine weiche Decke über den Körper. Der Mann kam zurück, und die Frau drückte ihr eine Wärmflasche auf die Füße, bevor sie sie mit einem dicken Federbett zudeckte. „Ich habe dir einen Tee gekocht“, sagte der Mann. Die Frau hielt ihr die Tasse an die Lippen. „Nimm einen Schluck“, sagte sie. „Das wird dir guttun.“ Das Mädchen drehte den Kopf zur Seite und kniff die Lippen zusammen. „Dann eben später“, sagte die Frau und stellte die Tasse auf den Nachttisch. „Ich bin übrigens Martha, und mein Mann heißt Carlos. Und wie heißt du?“ „Ich?“ In ihrem Kopf dröhnte und hämmerte es. Sonst war da nichts. „Weiß nicht!“, sagte sie. „Hast du Kopfweh?“, fragte Martha. „Ja.“ „Und deine Füße und Hände?“ Gefühllose Klumpen, in denen es pochte und piekte. „Sie tun weh“, antwortete sie und holte ihre weißen Finger unter der Decke hervor. „Bleib ruhig liegen und versuche zu schlafen“, sagte Martha und nahm eine goldene Glocke aus dem Gesteck von Tannenzweigen, das auf einem Tischchen stand. „Wenn dir übel wird oder sonst etwas nicht in Ordnung ist, läute bitte oder ruf ganz laut. Ich lasse die Tür geöffnet.“ „Danke!“, sagte das Mädchen und blickte der Frau nach, die hinter der alten, weiß glänzenden Tür verschwand. Dann ließ sie ihre Augen langsam durch das Zimmer wandern. Neben der Tür hing ein Gemälde in einem Goldrahmen. Ein Mädchen in einem weißen Kleid spielte auf einem schwarzen Flügel. Unter dem Bild stand ein Tischchen mit zwei Korbstühlen. Daneben ein verschnörkelter Kleiderschrank, dunkelgrün angestrichen. Auf jede Tür hatte jemand ein leuchtend rotes Herz gemalt. Die Schmerzen in Armen und Beinen wurden immer schlimmer. Der Rücken brannte wie Feuer. Sie drehte den Kopf. Tränen schossen ihr in die Augen, so dass die mit Büchern vollgepackten Regalbretter neben dem Fenster verschwammen und die bunten Kissen auf dem Sofa darunter zu einem farbigen Brei verschmolzen. Wo war sie? Wer waren Martha und Carlos? Und wer war sie? Warum fiel ihr ihr Name nicht ein? Sie hörte Marthas aufgeregte Stimme und den beruhigenden Ton von Carlos. Die beiden standen offensichtlich im Flur. Satzfetzen drangen an ihr Ohr. „… Viel zu lange… Telefonzelle besetzt…“ „…Krankenhaus Mainz?“ „Unmöglich… kein Durchkommen…“ „… wer weiß… selbst kümmern…“ „… du weißt doch, wie…“ „… später… sehen wir …“ Die Stimmen wurden leiser. Ihr Herz klopfte aufgeregt, und ihre Gedanken irrten ziellos umher. Sie war durstig und nahm die Teetasse hoch. Sie entglitt ihren gefühllosen Händen und zersprang auf dem Fußboden. Der Tee spritzte. Martha stürzte ins Zimmer. „Ach, du meine Güte! Ich hätte dir helfen müssen. Das ist meine Schuld.“ „Nein! Ich habe…, ich wollte…“ „Ist schon gut, mein Kind. Ich mache dir einen neuen Tee.“ Ich bin nicht dein Kind, dachte das Mädchen. Oder? Martha verließ das Zimmer und kam bald darauf mit einem Wischlappen und einer Tasse Tee zurück. Sie setzte sich auf die Bettkante. Das Mädchen spürte ihre Wärme, als die Frau ihr sanft mit einem feuchtwarmen Tuch über Stirn und Wangen strich, und versank in dem wohligen Gefühl, umsorgt zu werden. „Du hast ja eine Verletzung an der Stirn! Tut das weh, wenn ich darüberfahre?“, fragte Martha. „Ein bisschen“, antwortete das Mädchen. Mit dem Löffel flößte die Frau ihr den Tee ein. Dann besprühte sie die Hautabschürfung mit einer stinkenden Flüssigkeit. „Bald wird es besser. Vielleicht kannst du ein wenig schlafen“, sagte sie. „Ich lasse dich wieder allein.“ Das Mädchen schloss die Augen. Wirre Träume ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Sie rannte durch dichtes Schneegestöber. Etwas Böses verfolgte sie. Überall war Schnee. Auch ihre Augen waren voll davon. Er ließ sich nicht wegwischen. Plötzlich steckte sie fest. Zentimeter für Zentimeter versank sie im Tiefschnee. Sie hatte Angst. Wollte schreien. Aber aus ihrer Kehle kam nur ein Krächzen. Als sie die Augen aufschlug, stand Martha neben ihrem Bett. „Du hast gerufen“, sagte sie. „Hast du noch Schmerzen?“ Das Mädchen nickte. „Wieso bin ich hier?“, fragte sie. „Weil Carlos dich in Oppenheim am Rheinufer gefunden hat. Eigentlich bleibt er meistens hier in Nackenheim, wenn er mit dem Hund spazieren geht. Aber er hatte in Oppenheim etwas zu erledigen. Du hast großes Glück gehabt, dass Bella dich gesehen hat“, sagte Martha. „Ja“, sagte sie nur. Was war davor gewesen? Wo war sie hergekommen? Oppenheim? Nackenheim? Martha holte einen Schlafanzug und Socken aus dem grünen Schrank. Sie ließ die Tür aufstehen. Innen war ein Spiegel. „Das sind Sachen von unserer Tochter. Die müssten dir passen“, sagte sie. „Ihre Tochter? Wo ist sie?“ „Sie ist tot. Sie war vierzehn, als sie im Weiher ertrunken ist. Sie wollte mit Freunden Schlittschuhlaufen. Aber das Eis war nicht stark genug.“ Das Mädchen schluckte und sah Martha sprachlos an. Ihr fiel nichts ein, was sie dazu hätte sagen können. „Das ist fast zwölf Jahre her.“ Marthas Stimme klang rau. Sie räusperte sich: „Übrigens: du musst mich nicht siezen. Es ist doch viel einfacher, wenn du mich auch duzt.“ „Wenn du das möchtest“, sagte das Mädchen. Martha legte die Sachen auf das Bett. „Ich habe einige von Carlottas Lieblingsstücken aufgehoben. Kannst du aufstehen? Ich helfe dir beim Anziehen.“ Das Mädchen betrachtete seinen Körper im Spiegel der Schranktür. Das runde Gesicht mit den grünen Augen und die roten Locken. Den viel zu kleinen Busen, den runden Bauch und die dicken Oberschenkel, die aneinanderstießen. Martha stand hinter ihr und starrte auf zwei blutrote Striemen, die quer über ihren Rücken liefen. An einer Stelle...



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