E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Bednar Ich bin also im Gepäcksnetz gestorben
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-6428-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Reisetagebücher
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-7557-6428-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich bin also im Gepäcksnetz gestorben - Reisetagebücher aus den wilden Jahren. Reisen in den 1970iger Jahren, quer durch Nordamerika und nilaufwärts in den Sudan, eine Arbeitsbrigade im revolutionären Kuba, die Erlebnisse als Schilehrer und eine Wanderung in der Provence. Ein Zeitdokument, wie Jugendliche damals die Welt erobern: ins Blaue fahren, meist per Autostop, praktisch ohne Geld, naiv und zu jeder Dummheit aufgelegt. Die Welt ist offen und weit, man braucht nur den Daumen auszustrecken und kann in Länder fahren, die man nur vom Hörensagen kennt. Viele träumen von einer Revolution, auch einer sexuellen Revolution, und Mädchengeschichten spielen eine wichtige Rolle. Alle Texte sind in ihrer Originalversion wiedergegeben, illustriert mit Originalzeichnugen von den jeweiligen Reisen.
Hans Bednar, geb 1948 in Steyr, von Jugend auf ein begeisterter Reisender, deshalb Studium der Geographie und Anglistik sowie developpement rural (in F). Beruflich als Lehrer und zeitweise in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Maler; Autor und Illustrator mehrerer Bücher, wohnhaft in einem der ältesten Gemeinschaftswohnprojekte in der Nähe von Wien. Passionierter Hobbywinzer.
Autoren/Hrsg.
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AUF NACH AMERIKA!
Per Autostopp über Paris nach Le Havre. Mit dem Schiff über den Atlantik. Einige Tage bei Freunden in New York. Besuch meiner Schwester in Traverse City, Michigan. Geldverdienen im Schlachthof und auf der Farm. Ein Abstecher nach Montreal, dann quer durch Kanada Richtung Vancouver. Freitag, 16. Juni 1967 Wir sitzen (bzw. liegen) gerade in einem Feld in der Normandie. Wir hatten gar nicht vorgehabt, uns hier umzusehen, aber das Stoppen ging so gut, daß uns viel Zeit blieb. Am Montag kamen wir bis Baden-Baden. Unser Regenschirm, auf den wir LE HAVRE - NEW YORK geschrieben hatten, wirkte vor allem auf Amerikaner. Auch in Karlsruhe ging es verhältnismäßig schnell weiter. Wenn es regnete, saßen wir immer in Autos. Gegen Abend wurde es schön. In Baden - Baden kontrollierte uns die Polizei, blieb aber harmlos. Wir schliefen in der Nähe der Autobahn in einem Föhrenjungwald. Dienstag, 13.6., hatten wir Glück und Pech. Zuerst nahm uns jemand direkt bis Strasbourg mit‚ dort standen wir 2 1/2 Stunden, wurden durch die Stadt geführt und erwischten ohne Warten ein Auto bis La Houguette. Dort warteten wir geschlagene 4 Stunden, dafür ging es dann bis Paris. Am Bahnhof am Montparnasse lassen wir das Gepäck (4 Franc). Wir durchstreifen in dieser Nacht das Quartier Latin und verlieren uns am Boulevard Saint Michel aus den Augen. Ich trinke ein Bier, lerne eine Deutsche kennen und komme daher nicht mehr rechtzeitig zurück. Nach einer durchlaufenen Nacht - zum Schlafen ist es zu kalt - hole ich mir den Schlafsack und lege mich ans Seine-Ufer. Nach 3 Stunden verjagt mich die Polizei. Ich zigeunere mit meinem Schlafsack an der Seine umher und treffe in einem Park bei der Notre Dame Christian. Es war vorauszusehen, daß wir uns auf einer Bank an der Seine treffen würden, da wir beide sowohl Schlaf als auch Sonne nötig haben. Also schlafen wir jetzt gemeinsam in der Sonne. Als es uns genügt, wollen wir Trine besuchen, die wir im Vorjahr kennengelernt haben. Auf der Suche nach der norwegischen Botschaft (sie arbeitet dort) kommen wir zu Fuß durch halb Paris. Vom Palais Luxembourg wandern wir bis zur Rue Pigalle. Die Botschaft finden wir nicht. Jeder nennt uns eine andere Adresse, wir werden von einer Straße in die andere geschickt (zum Teil auch, weil wir das Französisch wenig verstehen), bis wir darauf kommen, daß die Botschaft in ein anderes Viertel übersiedelt ist. Das gibt uns den Rest. Wir geben auf und setzen uns in ein Lokal. Dort trinken wir Milch. Je mehr wir trinken, desto größer wird der Durst. Seit Linz haben wir nur eine Flasche Orangeade gemeinsam getrunken (in 2 1/2 Tagen). Wir trinken alles, was wir bekommen: Milch, Wasser, Orangeade‚ Wein. Nach einigem Suchen finden wir die Jugendherberge. Dort machen wir Bekanntschaft mit drei Amerikanern, die uns nach Kalifornien einladen. Am Abend streifen wir in der Gegend um den Place Pigalle umher. Um das letzte Geld kaufen wir eine Flasche Wein, eingelegte Heringe und Oliven. Ich schnorre dazu noch eine Handvoll Brot und dann kann es losgehen. Auf einer Bank sitzend lassen wir es uns gut gehen und unterhalten uns mit den Passanten (oder besser: auf Kosten der Passanten). Wir prosten allen zu und wollen die vorüberfahrenden Autos taufen (alle auf den Namen Fipsi). Ich glaube, wir sind die einzigen Touristen, die Paris feiern, ohne vom großen Touristennepp eingefangen zu werden. Wir machen uns unseren Spaß selber. Mit der halbvollen Flasche wandern wir weiter. Einem Clochard bieten wir einen Schluck Wein an, wir sind gleich gute Bekannte. Er meint, er hätte etwas für uns und packt ein paar Schuhe aus. Wir tauschen, er hat nun die Flasche und wir die Schuhe (Wir tragen sie noch heute, jeder einen, in unserem Rucksack mit. Sie sind gar nicht so schlecht, abgesehen davon, daß beide ein Loch haben). Jeder einen schwarzen und einen weißen Schuh an, laufen wir weiter. Mit unseren restlichen 20 Centimes wollen wir in ein Nachtlokal, können aber den Hinausschmeißer nicht dazu bewegen, uns hineinzulassen. Auch bei den Huren geht nichts um 20 Centimes. Die sind übrigens ganz hübsch in Paris, im Gegensatz zu Linz. Kurz vor Torschluß kommen wir in die Jugendherberge und schlafen uns dort endlich einmal aus. Donnerstag, 15.6. Wir beschließen, Paris zu verlassen. Es ist zu teuer, auch wenn man nichts ausgibt. Die Nacht hat 6 Franc gekostet. Wir gehen über den Montmartre (Sacré Coeur) zu einer Ausfahrtsstraße und kommen schnell weg. Unser Schiff nach New York fährt erst in fünf Tagen, wir haben also viel Zeit bis Le Havre. So betreiben wir das Stoppen nur nebenbei, wir lassen den Schirm für uns arbeiten. Wir selbst liegen in der Sonne oder sehen uns um Essen um. Neben unserem nächsten Warteplatz liegt ein Erbsenfeld. Erbsen allein werden auf die Dauer fad. Wir brauchen Brot, ich gehe daher zum nächsten Haus und frage. Die Frau gibt uns gleich eine ganze Stange, dazu ein Glas Marmelade und Käse. Das hebt unsere Stimmung noch mehr. Wir liegen auf einem Heuhaufen, essen, trinken und sonnen uns. Drei Autos (einer davon ist stehen geblieben, ohne daß wir stoppten) weisen wir ab, weil sie nur bis Pontoise fahren. Den vierten, auch nach Pontoise, nehmen wir. Von Pontoise kommen wir auch schnell weg, bis Richeville. Dort betreiben wir nur mehr Nobel-Stoppen. Wir stellen unser Zeug auf, legen uns in die Sonne, wenn ein Auto kommt, winken wir mit der Hand unter dem Schirm hervor. Wir wollen eigentlich nicht mehr weiter. So gefällt es uns: kein Zeitdruck, schönes Wetter, kein Hunger. Eine Flasche Bier hätte uns noch gefehlt. Die Umgebung ist recht hübsch. Nicht die Landschaft, aber die Dörfer mit den kleinen Fachwerkhäusern mit einem oft sehr gepflegten Hof. Viele Häuser sind mit Wein verwachsen und so wirken die Dörfer alt und verschlafen. Mir gefällt das richtig. Im Zentrum steht meist eine gotische oder normannische Dorfkirche. Wir entschließen uns, von einem Dorf ins andere zu gondeln, bis wir in Le Havre ankommen. Christian will unbedingt ans Meer zum Baden. (Heute, Freitag, waren wir am Meer. Uns war sogar im dicken Walkjanker kalt.) Während wir uns schon um eine Schlafstelle umsehen, klaubt uns eine sehr nette Lehrerin auf. Sie führt uns in ein anderes, genauso verschlafenes Dorf. Wir wollen unbedingt von ihr eingeladen werden (sie hat auch eine hübsche Tochter), so stoppen wir an einer möglichst ungünstigen Stelle und führen dabei noch recht ein Theater auf. Während wir singen und mit dem Hut wacheln, bleibt ein Autobus stehen und nimmt uns mit, bis 50 km vor Le Havre. Wir sind fest davon überzeugt, daß uns die Lehrerin eingeladen hätte, wenn wir noch länger gestanden wären. Einmal kam sie aus dem Haus, wir warteten auf die Einladung, sie aber sagte uns nur, daß wir sehr ungünstig stehen. Wir übernachten in Yvetot auf der Tribüne eines Fußballplatzes. Freitag, 16. 6. Dort schliefen wir sehr lange, bis uns ein Arbeiter aufweckte, der zu mähen anfing. Wir packten schnell zusammen, als wir fertig waren, sah er uns. Wir verflüchtigten uns, als ob nichts gewesen wäre, und stoppten direkt vor den Fußballplatz. Wieder nahm uns eine - diesmal junge - Lehrerin mit, die nach Fecamp fahren wollte. Wir änderten unseren Plan und stiegen ein. Sie zeigte uns die Stadt, ein richtiges Fischernest‚ in einer Bucht umrahmt von steilen Kreidefelsen. Der Wind blies kalt, die Wellen schlugen ans Ufer, alles zusammen rau und gewaltig. Es wäre sehr schön gewesen, dort zu bleiben, wenn das Wetter freundlicher wäre. Aber hier bläst es dauernd. Wir blieben daher der Lehrerin treu und gelangten so ins Landesinnere. Wo sie uns absetzte, machten wir es uns auf einem Strohhaufen gemütlich, kochten, schliefen und schreiben jetzt Tagebuch. Mit einem Wort: wir faulenzen. Soeben kam die Lehrerin mit ihren Schülern vorbei. Sie wurde ganz rot. Samstag,17.6. Gestern legten wir uns bald nieder und schliefen wieder lange (bis 9h) in unserem Strohhaufenquartier. Es wird hier ca. um eine Stunde später finster, das fällt mir erst jetzt auf. Weil es zu nieseln begann, brachen wir auf und stoppten von Goderville weiter nach Le Havre. Vor Le Havre fanden wir einen Heustadel, in dem wir bis Montag wohnen werden. Wir essen, schlafen und lesen den ganzen Tag. Linz kommt uns zeitlich schon recht weit weg vor. Trotzdem muß ich jetzt, da wir so viel Zeit haben, immer wieder an einige Dinge denken, die ich unerledigt ließ. So fiel mir heute ein, daß der Zaun nicht fertig geschnitten ist und es im Keller noch nach dem letzten Fest ausschaut (ich glaube es war das mit Christian, Evelyn, Inge und mir). Damals war die Sache mit Inge. Ich habe sie seither nicht gesehen. Auf kurze Zeit habe ich jetzt das Schreiben unterbrochen. Wir haben uns gerade mit den Kühen, die hier weiden, und mit einem Hund unterhalten. Außerdem würfelten wir, wer Wasser holen müßte. Ich verlor, aber wir gingen beide. Außer dem Kochen und den Tieren gibt es keine Abwechslung. Wir freuen uns schon beide auf das Schiff, auf gutes Essen und Unterhaltung. Mit dem Essen steht es jetzt sehr schlecht. Seit Paris haben wir kein französisches Geld mehr. Hier finden wir auch keine Möglichkeit zum Wechseln. Daher leben wir von unseren eigenen Vorräten:...




