E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Reihe: Piper Edition
Bedford Zu Besuch bei Don Otavio
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99131-5
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine mexikanische Reise
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Reihe: Piper Edition
ISBN: 978-3-492-99131-5
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sybille Bedford, geboren 1911 in Berlin als Tochter des Barons von Schoenebeck und seiner englischen Gattin, wuchs in Deutschland, England, Italien und Frankreich auf. Als junges Mädchen lebte sie mit ihrer Mutter und deren zweitem Ehemann, einem Italiener, an der Côte d'Azur, dem Zufluchtsort für viele europäische Künstler und Intellektuelle der Zeit. Alle ihre Romane und Reiseerzählungen schöpfen aus ihrem reichen biographischen Hintergrund. Sybille Bedford hat außerdem viele Jahre als Gerichtsreporterin berühmten Prozessen beigewohnt und darüber für Esquire und Life berichtet. Sie starb 2006 in London.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel
Von New York nach Nuevo Laredo
Ô le pauvre amoureux des pays chimériques!
Der obere Teil der Grand Central Station ist groß und prächtig wie die Caracallathermen.
»Ihre Zimmer sind an der Isabel de la Catolica«, sagte Guillermo.
»Wie nett von Ihnen«, sagte ich.
»Pension Hernandez.«
»Wie ist’s denn dort?«
»Der Manager ist sehr unfreundlich. Er wollte mich nicht mal meine Kleider mitnehmen lassen, als ich verhaftet wurde. Aber Sie werden keinen Ärger haben.«
»Sonst noch was?« sagte ich.
»Schwer zu sagen«, meinte Guillermo. Seine Mutter war eine mexikanische Dame; sein Vater, so sagt Guillermo, war Schotte gewesen. Guillermo sah aus wie ein streunender Kater, nicht eben gepflegt; die Kunst des Überlebens schien seine einzige Stärke. »Freunde werden sich um Sie kümmern.«
»Was für Freunde?«
»Freunde. Sehr lieb und hilfreich.« Seine fiesen Fliegenaugen schweiften über den Boden. »Erwähnen Sie meinen Namen in der Pension nicht.«
»Ja, das wird wohl besser sein.«
»Viel besser«, sagte Guillermo.
Nach etlichen Jahren in den Vereinigten Staaten, wo man eine Eintrittskarte für einen erfolgreichen Film sechs Wochen im voraus bestellen muss und die Reservierung eines Hotelzimmers viel Geduld und Geschick verlangt und dann doch nur in letzter Minute und mit viel Glück gelingt, erwartet man schon nicht mehr, dass man sich wieder würde frei bewegen können. Nicht einmal für viel Geld und gute Worte könne man im Reforma in Mexiko-City etwas bekommen, hieß es beim American Express. Man wolle ja gar nicht ins Reforma, erklärte man. Ja, aber im Ritz sei es genauso schlimm. An diesem Punkt gab man auf Daher also Guillermo, daher die Pension Hernandez. Guillermo war einsam und diensteifrig und überschlug sich, jeden unerdenklichen Wunsch auf eine denklich unerwünschte Weise zu erledigen.
»Wie wär’s mit einem Gläschen?« fragte er.
Wir saßen in der Bahnhofsbar und warteten. Zeit hatten wir genug. Die Koffer waren in den Händen von Gepäckträgern, und nach tagelangem Gehetze gab es mit einem Mal nichts mehr zu tun. Wir empfingen. Das heißt, alle möglichen Leute kamen vorbei, um uns zu verabschieden und uns und einander auf ein Glas einzuladen. Leute, die wir seit Jahren nicht gesehen hatten. Ankunft und Abreise sind die beiden großen Angelpunkte, um die sich in Amerika das gesellschaftliche Leben dreht. Man kommt an. Man hat sein Empfehlungsschreiben parat. Man ist augenblicklich von einer großen, vagen Erwartung umgeben. Man mag berühmt sein; man mag schön sein, geistvoll oder reich; vielleicht sogar liebenswürdig. Was jedoch zählt: man ist neu. In Europa, wo menschliche Beziehungen ebenso dauerhaft sein sollen wie Kleider, muss man etwas aushalten können. In Frankreich muss man interessant, in Italien angenehm sein, in England muss man »sich einfugen«. Hier, wo der Umgang von Mensch zu Mensch keine Abstufungen kennt, sans lendemain ist, wo ausländische Besucher Konsumgüter sind, ist es eine Sache des Umsatzes. Man wird aufgenommen, ausgeführt, mitgenommen, eingeführt, Partys werden für einen gegeben, und schwupps, bevor man noch sagen kann, man lebt in Amerika, sind schon die Abschiedspartys und die Proviantkörbe für den Dampfer da. Es werden einem die Wangen geküsst, die Schultern geklopft, die Hände gedrückt; man bekommt Flaschen, Präsente und Blumen geschickt, denn man »segelt« ab. Das große, leere Rad der Gastfreundschaft hat seine Umdrehung vollendet.
Diese letzten Tage haben Atmosphäre und Intensität, alles nimmt quantitativ zu, die Partys, die Menschen, die Drinks. Und bei all ihrer oberflächlichen Herzlichkeit ist diese Betriebsamkeit doch nicht ohne Bedeutung. Die Wärme, die plötzliche Intimität, die Gefühle sind nicht unecht, sondern Ritual. Für die Amerikaner ist das »Segeln« ein Symbol. Symbol vergangener und künftiger Reisen, ihrer Fahrnis und ihrer Sicherheit, Symbol für Isolierung und Flucht. Sie bleiben und sind in Sicherheit; aber sie können auch das Land verlassen und sich selbst beweisen, dass sie frei sind. Der gefährliche, der ersehnte, der verachtete und bewunderte Kontinent Europa liegt nur ein paar Tagereisen jenseits des Meeres. Das tritt ins Bewusstsein, wenn man wieder einmal »segelt«. Abschiede sind Ersatz für Magie: In Amerika hält man noch immer viel vom adieu suprême des mouchoirs.
Zwischen Ankunft und Abreise liegt – falls man taktlos genug ist zu bleiben – ein gesellschaftliches Niemandsland, in dem es einem selbst überlassen ist, sich Freunde zu suchen und sein Leben zu führen. Das Land ist groß, und ebenso groß ist die Auswahl. Selten lebt und findet man seine Freunde unter den gastfreundlichen Gestalten der ersten, turbulenten Wochen. Manche verschwinden einfach, und wenn man sie zufällig wiedertrifft, versagen sie sich aus Freundlichkeit die Frage: »Was, immer noch hier?« Statt dessen heißt es: »Rufen Sie doch mal an.« »Ja, das werd’ ich tun«, sagt man, und dabei bleibt es, auf ein weiteres Jahr.
Andere werden zu Inventarstücken, zu den Gesichtern, denen man den Winter über auf denselben New Yorker Partys begegnet, ohne sie wahrzunehmen. Man spricht sie beim Vornamen an, man reicht einander Gläser, aber man bleibt sich fern.
Wenn man schließlich abreist, macht man eine gesellschaftliche Auferstehung durch. Es schneit Einladungen und Delikatesskörbe für den Dampfer, als wäre man die Sitwells und nur fünf Wochen geblieben. In meinem Fall nur eine teilweise Auferstehung, weil eine Abreise zu Lande nicht ganz das Richtige und mit Mexiko nicht viel Staat zu machen ist: derselbe Kontinent, oder doch beinahe.
Die Bar war klimatisiert. Was bedeutet, dass man zuerst fröstelt, dann friert und schließlich vor Kälte zu zittern beginnt. Dann wird einem wieder warm, und man fühlt sich ziemlich klebrig; dann beginnt die Luft nach Stahlmessern zu schmecken, in den Ohren fangt es zu summen an, das Atmen fallt schwer; dann bricht einem kalter Schweiß aus, und dann ist es Zeit, aufzubrechen.
Wir stiegen in die Mosaikenhalle hinauf. Hier dampfte es wie in einer chinesischen Wäscherei, und die Hitze fiel wie mit Keulenschlägen über uns her. Der Sommer in den großen amerikanischen Städten ist eine üble Sache. Er ist negativ, gnadenlos und tot. Er ist überaus heiß. Die Hitze, die von Beton und Stahl ausstrahlt, ist synthetisch, unfreiwilliges Menschenwerk, eines der vielen Abfallprodukte der industriellen Revolution. Diese Großstadthitze lässt nichts wachsen; sie wärmt nicht, sie peinigt nur. Man kann kaum glauben, dass sie vom Himmel kommt. Sie hat nichts vom Zauber, nichts von der Kraft der Sonne in einem heißen Land. Sie gehört weder zur Natur noch zum Leben, das Leben ist nicht auf sie eingerichtet, und die Natur zieht sich zurück. Dem Geist und der Wirklichkeit, der Architektur und den Gewohnheiten nach ist die Ostküste der Vereinigten Staaten ein nördlich-raues, ein kaltes Land geblieben, das unter der Geißel der Hitze leidet.
Tagsüber drückt ein grauer, bleierner Deckel auf New York. Auch der Sonnenuntergang bringt keine Linderung. Die Nacht ist ein luftloser Schacht; in der Dunkelheit steigt die Temperatur noch an; von überallher strömt unsichtbar die Hitze aus; sie kommt von unten, von oben, von den düsteren Brutöfen aus hitzegesättigtem Stein, erhitztem Metall. In der Mitte der Nacht erreicht sie ihren Höhepunkt; jeder Bewohner liegt, da menschliche Berührung unerträglich ist, für sich allein auf einer Matratze, eingeschlossen in einem schwarzen Hitzeloch, bis in den unratbedeckten Straßen und in den Zimmern über den Unerfrischten die Dämmerung heraufzieht wie ein besudelter Vorhang.
Solches Dulden ist ganz ohne Sinn. Es kräftigt den Körper nicht, es ermattet ihn nur. Und doch duldet man weiter. Büroangestellte träumen von tiefen, kalten Seen, von einem Zeltplatz in den Adirondacks oder einer Fischerhütte in Maine, wo man, der Sage nach, unter einer Decke schlafen muss, um nicht zu frieren. Aber niemand tut etwas dagegen. Niemand weiß, was man dagegen tun könnte. Es sind schon zu viele Schafe im Stall.
Wir gingen nach unten, wo unter der Erde in grauen Betontunnels die Züge ungeduldig warteten. Guillermo war noch immer an unserer Seite. Obwohl er keineswegs abreiste, trug er eine braune Reisetasche in der Hand. Ein Gepäckträger wollte sie ihm abnehmen, Guillermo wehrte ab. In der Tasche klirrte etwas. Er spähte hinein.
»Ich hätte ein bisschen Papier mitnehmen sollen«, sagte er. Ich spähte ebenfalls hinein. Drinnen lagen, von einer Badematte halb bedeckt, ein paar Zahnputzgläser, etliche Kleiderbügel, einzelne Mottenkugeln, eine metallene Teekanne, Glühbirnen und eine Rolle Löschpapier.
»Guillermo?«
»Aus Ihren Zimmern«, sagte er. »Machen Sie sich keine Gedanken, meine Liebe, Ihr Vermieter legt bestimmt keinen Wert darauf«
Guillermo verwaltet seinen Kaninchenbau von Zimmern in einem abbruchreifen Sandsteinhaus in den East Thirties. Und auf diese Weise möbliert er sie wohl.
Die zwischen den Flüssen liegende Insel Manhattan ist keine Durchgangsstation, sondern ein Sackbahnhof. New York mit der Eisenbahn zu verlassen hat etwas vom Krebsgang an sich. Unser Fahrtziel liegt im Südwesten, aber wir müssen die Stadt in nördlicher Richtung unterfahren. In der 96. Straße taucht man an die Oberfläche. Der Saint-Louis-Express rollt über dem Straßenniveau auf einer Art Rampe dahin wie eine Hochbahn. Harlem. Bahnhof 125. Straße, dieser absurde, kleine, wellblechüberspannte Haltepunkt dicht über den Dächern der Häuser. Die Straßen der einfachen Leute. Niedrige Backsteinhäuser, in den Fenstern Wäsche zum Trocknen, Männer...