E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Becnel Das Herz des Lords
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96148-159-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-96148-159-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rexanne Becnel ist gefeierte Autorin zahlreicher historischer Liebesromane. Während mehrerer Aufenthalte in Deutschland und England in ihrer Jugend begeisterte sie sich so sehr für mittelalterliche Geschichte, dass sie Architektur studierte und sich für den Denkmalschutz mittelalterlicher Gebäude einsetzt. In ihren Bestseller-Romanen haucht sie der Geschichte auf ganz andere Art neues Leben ein. Sie lebt glücklich verheiratet in New Orleans. Bei dotbooks erscheinen auch: 'Das Herz des Lords' 'Das Verlangen des Ritters' 'Der Pirat und die Lady' 'Das wilde Herz des Ritters' 'Ein ungezähmter Gentleman' 'In den Armen des Edelmanns' 'Rosecliff - Die Braut' 'Rosecliff - Der Ritter' 'Rosecliff - Die Herrin'
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Kapitel 1
London, 1. August 1818
Lockende Versuchung lag in der Luft: beschwingte Musik, berauschende Parfüms, das Rascheln von Seide, untermalt vom Lichtermeer unzähliger Kerzen. Ja, das romantische Beiwerk der Liebe, oder zumindest das, was die Londoner Gesellschaft damit verband.
Doch Olivia Byrde schwirrte nur der eine Gedanke im Kopf herum: Das kann nicht gut gehen.
Ihr Lächeln festgefroren, tanzte sie einen Wiener Walzer mit William DeLeary. Sie wiegte, wogte, wirbelte im Kreis, heimlich verzweifelt, wie Mr. DeLeary sie nur so anhimmeln konnte. Aus dem Augenwinkel heraus nahm sie die wohlgefällige Miene ihrer Mutter wahr.
Währenddessen brauste es im Takt der schwungvollen Melodie durch Olivias hübsches Köpfchen: Das kann nicht gutgehen. Niemals. Niemals. Den geisttötenden Mr. DeLeary zu ermutigen wäre ein folgenschwerer Fehler, denn wenn er sie nicht mit seinen Komplimenten umbrächte, würde sie ganz bestimmt an Langeweile sterben. Sobald die Tanzfolge endete, dankte sie ihm und flüchtete sich zu Clarissa, der nächstbesten Freundin, die sie im Gemenge erspähte.
»Jetzt müssen sie aber bald die Saaltüren schließen, damit es nicht noch voller wird«, seufzte Clarissa, die sich energisch Luft zufächelte.
»Hoffentlich«, erwiderte Olivia nach einem Blick durch den prunkvollen Ballsaal der Burlingtons, in dem sich ungefähr siebenhundert handverlesene Gäste drängten. Sehen und gesehen werden, es war stets das Gleiche, auf jedem Ball, Bankett, jeder Landpartie. Die jungen Damen putzten sich heraus, weil sie hofften, damit einen ganz bestimmten Verehrer zu bezirzen. Die jungen Herren sprühten vor Charme, immer bestrebt, ihre Herzdame zu beeindrucken. Umschwirrt von ihren Müttern, die alles zu ihrer eigenen Zufriedenheit zu arrangieren suchten.
Olivia wiegte nachdenklich den Kopf. Seit drei Jahren nahm sie nun schon an diesen oberflächlichen Vergnügungen teil. Drei Saisons, und immer wieder das gleiche Possenspiel! Wären da nicht ihre Eheanbahnungs-Projekte, sie hätte längst den Verstand verloren. Jedenfalls ödete sie dieser ganze Hokuspokus mehr und mehr an.
Sie überflog ihre Tanzkarte. Drei Tänze waren noch frei. Sie hatte schon zwei Männern einen Korb gegeben, was ihrer Mama bestimmt nicht recht war. Zum Glück war ihre Mutter, die lebenslustige und elegante Lady Dunmore, soeben mit einem ihrer vielen Bewunderer beschäftigt.
»Hast du schon gehört?«, raunte Olivia ihrer Freundin zu. »Prinny will noch vor dem Frühstück seine Aufwartung machen. Lady Burlington ist völlig aus dem Häuschen. Wirklich schade, aber die arme Anne ist vom Verlauf dieses Abends vermutlich nicht so begeistert wie ihre Mutter.«
»Wieso denn nicht?« Clarissa winkte einer Bekannten. »Anne hat keinen Tanz ausgelassen. Ihre golddurchwirkte Abendrobe von Madame Henri ist einfach umwerfend, und die Familiensaphire passen fantastisch dazu. Sie ist die ungekrönte Königin des Abends. Was will sie mehr?«
»Lord Dexler«, murmelte Olivia so leise, dass es nur für die Ohren ihrer Freundin bestimmt war. »Sie und ihre Mutter sind völlig auf ihn fixiert. Lady Burlington schwebt als Schwiegersohn ein zukünftiger Graf vor. Nun, und bei Anne befürchte ich, dass sie tatsächlich in ihn verliebt ist.«
»Und ich dachte, er fände sie überaus anziehend! Hat er sein Herz an eine andere verloren? Ach bitte, Olivia, nun erzähl schon. Du weißt in solchen Dingen immer am besten Bescheid.«
»Ich vertraue schlicht und einfach meinen Beobachtungen. Die Sache hat nämlich folgenden Haken: Er ist ein notorischer Geizkragen, genau wie sein Vater. Was soll er da von einer Frau halten, die nur so zum Zeitvertreib dermaßen verschwenderische Abendgesellschaften ausrichtet?«
Clarissa verzog das Gesicht. »Oha. Du hättest sie warnen sollen.«
»Das habe ich getan. Aber Anne hört nur auf ihre Mama, und du weißt ja selbst, dass Lady Burlington keine andere Meinung als ihre eigene gelten lässt.«
Clarissa kicherte. »Ts, ts. Du darfst zwar Ratschläge geben, trotzdem kannst du niemanden zu seinem Glück zwingen.«
Daraufhin lachte Olivia, wenn auch ein bisschen gequält. »Meine gelegentlichen Kuppeleien sind mir wohl zu Kopf gestiegen – und du und Robert, ihr seid mein größter Erfolg. Anne vergöttert Lord Dexler. Aber wenn sie die Extravaganzen ihrer Mutter geerbt hat, dann passen die beiden einfach nicht zusammen.«
»Wie heißt es doch so schön, aus Fehlern wird man klug. Aber hör mal«, fuhr Clarissa unbeirrt fort, »du machst dir Notizen von allen passablen Ehekandidaten und gibst deinen Freundinnen wertvolle Tipps. Wann ist denn endlich dein Traummann dabei, Olivia? Die Herren der Schöpfung liegen dir reihenweise zu Füßen, doch das scheint dich kalt zu lassen. Oder kenne ich den Glücklichen bereits?«
Olivia grinste trocken und schwieg. Sie nestelte an der zweireihigen Perlenkette um ihren Hals. Grundsätzlich hatte sie ja gar nichts gegen eine Heirat. Aber selbst nach drei Ballsaisons war ihr der Richtige noch nicht begegnet.
Einer nach dem anderen hatten ihre Freunde zusammengefunden. Rosa und Merrill, Dorothy und Alfred, und jetzt auch Clarissa und Robert. Olivia war mächtig stolz auf sich, dass sie ihnen geholfen hatte, ihr Eheglück zu finden. Gleichwohl fühlte sie sich mit diesen Erfolgen mehr und mehr wie ein spätes Mädchen. Gerade einmal einundzwanzig, kam sie sich mitunter wie eine alte Jungfer vor.
Was nutzte da die atemberaubende aquamarinblaue Ballrobe mit dem goldgestickten Saum und dem tiefen, verschwenderisch mit Spitze eingefassten Dekolleté, die ihre Mutter ihr aufgeschwatzt hatte? Olivia wusste, dass sie fabelhaft aussah, aber wozu sich eigentlich herausputzen? Hier im Saal war niemand, den sie hätte beeindrucken mögen.
Das Fatale war, dass man auf sämtlichen Festen immer wieder denselben Männern begegnete. Olivia kannte die jungen Herren, die gut tanzten, die sich lieber am Spieltisch vergnügten und jene, die aufdringlich oder ausfallend wurden, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hatten. Und sie wusste noch vieles mehr, weil sie aufpasste und lauschte und alles in ihrem Tagebuch vermerkte, das ihre Freunde scherzhaft als ihr kleines Partnerbrevier bezeichneten. Sie beobachtete die umschwärmten jungen Männer – natürlich auch die jungen Frauen – und hatte nach drei Saisons ein gutes Gespür dafür, welche Paare zusammenpassten.
Nur für sich selbst hatte sie noch nicht den Richtigen gefunden.
»Also«, bohrte Clarissa hartnäckig weiter, »gibt es da jemanden?«
»Aber nein. Oh, schau mal«, versetzte sie rasch und deutete mit ihrem Fächer auf die Gästeschar. »Sind Judith und Mr. Morrison nicht ein schönes Paar? Er ist kaum weniger schüchtern als sie, trotzdem scheinen sie sich gut zu amüsieren«, meinte Olivia aufgekratzt. Das junge Paar war nämlich die bislang letzte von ihr angestiftete Romanze. Alle anderen hatten geglaubt, dass diese beiden scheuen Mäuschen sich nichts zu sagen hätten. Sie dagegen hatte gleich gewusst, dass die jungen Leute nur ein ruhiges Plätzchen brauchten, wo sie ungestört plaudern könnten. Und so hatten sie schließlich zusammengefunden.
Olivia seufzte, gleichsam überzeugt, dass es für jeden den passenden Partner gebe, auch für sie. Manchmal dauerte es eben etwas länger, bis man seinen Traummann fand.
»Miss Byrde?« Eine zögerliche Männerstimme riss sie aus ihren verzückten Betrachtungen.
Sie drehte sich um, ihr Lächeln gekünstelt. »Lord Hendricks.«
Strahlend beugte sich der junge Mann über ihre Hand. »Ich glaube, Sie haben mir diesen Tanz versprochen.«
»So ist es«, antwortete Olivia, ihre Enttäuschung geschickt überspielend. Derzeit favorisierte ihre Mutter Vicomte Hendricks als Schwiegersohn, und sie hatte Olivia strikte Anweisung zu geben, ihn in seinem Werben zu ermutigen.
»Viel Spaß, ihr beiden«, meinte Clarissa mit einem wissenden Blick zu Olivia. Olivia verdrehte die Augen. Gleichwohl fasste sie Lord Hendricks' Arm und ließ sich aufs Parkett führen. Die Quadrille war ihr Lieblingstanz und Hendricks ein vortrefflicher Tänzer, anders als die meisten Herren, die eher pflichtschuldig ihre Schrittfolgen absolvierten. Überdies hatte er einen Adelstitel, ein ansprechendes Einkommen und einen ausgezeichneten Hochschulabschluss in Cambridge vorzuweisen.
Olivia musste zugeben, dass sie ein fabelhaftes Paar abgegeben hätten, zudem machte er kein Geheimnis aus seiner Bewunderung für sie. Sie hingegen vermochte ihm lediglich freundschaftliche Gefühle entgegenzubringen.
Wirklich verblüffend, denn sie war kein verblendetes kleines Mädchen, das einer großen Leidenschaft nachjagte. All das Herzflattern und Atembeben gab es in Romanen, aber doch nicht im wirklichen Leben! Sie hatte sich hartnäckig einzureden versucht, dass sie mit Lord Hendricks glücklich werden würde, aber vergebens. Sie erwartete mehr von einem Gemahl, als er ihr jemals geben könnte. Was das allerdings sein sollte, war ihr selber ein Rätsel.
Das Streichquartett stimmte die Melodie an, und während sie die kunstvollen Figuren tanzten, erhaschte Olivia das zustimmende Nicken ihrer Mutter.
Olivia straffte die Schultern. Sie würde irgendetwas unternehmen müssen, und zwar bald. In ihrer ersten Saison hatte sie drei Heiratsanträge, in der zweiten fünf und in diesem Jahr schon zwei abgelehnt. Das machte ihr wahrlich keinen Spaß, da sie weder sich noch die ernsthaften Brautwerber in Verlegenheit bringen wollte! Das letzte Mal hatte ihre Mutter ihr wochenlang Vorhaltungen gemacht.
Vielleicht brauchte sie eine räumliche Veränderung, überlegte sie, während sie sich im Kreis drehten. Ihre Röcke bauschten sich anmutig, und...




