E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Beckmann Fokus neues Gelenk
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96859-504-7
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Antworten zu Eingriff - Mobilisation - Nachsorge
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-96859-504-7
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Einsatz von Hüft- und Kniegelenksprothesen gehört heute zu den häufigsten Operationen. Doch trotz aller Routine ist der Gelenkersatz noch immer ein großer chirurgischer Eingriff. Prof. Dr. med. Johannes Beckmann beantwortet die häufigsten Patientenfragen zur Diagnostik und Durchführung von Operationen, beschreibt geeignete Nachsorge- und Reha-Maßnahmen und informiert über alternative Behandlungsmethoden. Außerdem finden Patienten hier Rat zu möglichen Risiken, Erläuterungen zu den wichtigsten Hilfsmitteln sowie Übungen zur Mobilisation und praktische Alltagstipps.
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Wie sieht ein Gelenk aus? Anatomische Grundlagen
Jedes Gelenk ist grundsätzlich die Verbindung zweier Gelenkpartner. Die einander zugewandten Anteile sind von Knorpel überzogen. Das geschilderte Wunderwerk des Knorpelüberzugs beider Gelenkpartner zusammen ermöglicht das Bewegen, Verschieben, Gleiten und/oder Rollen unter Belastung gegeneinander – und dies im normalen, gesunden Zustand ohne Geräusche und Beschwerden. Bei gesunden Gelenken sorgt die absolut glatte Oberfla¨che in Verbindung mit der Gelenkschmiere fu¨r ideale Gleiteigenschaften.
Sieht man sich die anatomische Zeichnung des Kniegelenks an, so erkennt man, dass es aus drei Gelenkanteilen aufgebaut ist: Es gibt einen innenseitigen (sog. medialen), einen außenseitigen (sog. lateralen) Gelenkanteil und einen dritten Gelenkanteil unter der Kniescheibe (sog. retropatellarer) mit der Kniescheibe (sog. Patella) selbst und ihrem Gleitlager am Oberschenkelknochen.
Das Kniegelenk ist hierbei die bewegliche Verbindung zwischen Oberschenkel und Unterschenkel und ermo¨glicht ein Abwinkeln bzw. Beugen des Knies bis zu einem Winkel von etwa 140 Grad. Mit zunehmender Beugung erlaubt das Gelenk auch eine geringe und kaum wahrnehmbare Drehung des Unterschenkels gegenu¨ber dem Oberschenkel, die allerdings nur fu¨r wenige Bewegungsabla¨ufe notwendig ist. Bei durchgedru¨ckten Knien ist normalerweise eine volle Streckung, im Bereich der Kniekehle sogar eine leichte U¨berstreckbarkeit von bis zu 10 Grad mo¨glich. Alle Knochen, der Oberschenkelknochen (sog. Femur), der Unterschenkelknochen (sog. Tibia), und die Kniescheibe (sog. Patella) sind durch den Kapselbandapparat verbunden. Das gesamte Gelenk wird von einer Kniegelenkkapsel umfasst. Die beiden Seitenba¨nder stabilisieren das Kniegelenk an seiner Innen- und Außenseite, daher werden sie auch Innen- bzw. Außenband genannt. Die beiden Kreuzba¨nder stabilisieren das Gelenk nach vorne und hinten und werden auch vorderes und hinteres Kreuzband genannt. Von enormer Bedeutung für Beweglichkeit und auch Stabilisierung sind natürlich auch die das Kniegelenk umgebenden Muskelgruppen mit der vorderen Streck- und hinteren Beugemuskulatur des Oberschenkels. Die Kniegelenkkapsel ist auf der dem Gelenk zugewandten Seite von Gelenkschleimhaut ausgekleidet, welche die Gelenkflu¨ssigkeit (Gelenkschmiere) produziert. Diese unterstu¨tzt die optimale Beweglichkeit des Gelenks und ermöglicht die Ernährung des Knorpels. Grundpfeiler für die reibungsfreie Gelenkbewegung ist aber der Knorpelüberzug der beiden Gelenkpartner. Dessen einzigartige glatte, das heißt gesunde, Flächen zusammen mit der Gelenkschmiere ermöglichen die reibungsfreie Bewegung gegeneinander. Zusa¨tzlich zur Knorpelschicht gibt es in den beiden Hauptgelenkanteilen zwischen Oberschenkel- und Unterschenkelknochen innen- und außenseitig mit dem Innenmeniskus und dem Außenmeniskus noch zwei weitere spezielle Knorpelstrukturen. Diese halbmondfo¨rmigen Gebilde bestehen aus einem knorpela¨hnlichen Fasergewebe und dienen dem Kniegelenk als zusätzliche Puffer und Stabilisatoren der Bewegung. Insbesondere verteilen sie die beim Gehen und Stehen einwirkende Last auf eine gro¨ßere Fla¨che und gleichen die unterschiedliche Form von Ober- und Unterschenkelknochen aus. Das Knie wird umgeben, stabilisiert und bewegt durch eine Vielzahl von Muskeln, durch den eigentlichen »Motor« des Knies.
Anatomie des Kniegelenks
Anatomie des Kniegelenks
Dieser Aufbau und vor allem das koordinierte Zusammenspiel sind äußerst komplex und damit leider auch verletzungsanfällig. Das Kniegelenk kann nur problemlos funktionieren, wenn alle Gelenkpartner schädigungsfrei zusammenpassen und von den ebenso komplexen umgebenden, stabilisierenden Strukturen (Bänder, Sehnen und Muskeln) genauso schädigungsfrei unterstützt werden. Entsprechend augenscheinlich erscheinen die Bedeutung jedes einzelnen Teils und der entsprechende Erhalt oder Ersatz im Falle der Schädigung. So werden unter anderem stabilisierende Bänder substituiert und geschädigte Gelenkanteile ganz oder teilweise ersetzt. Ansonsten ist das Knie wie ein ausgeschlagenes oder unrund laufendes Kugellager und nimmt langfristig Schaden. Die einzelnen Strukturen muss man sich wie die Glieder einer Kette vorstellen: Versagt ein Glied, versagt die Kette.
Die Komplexität der Anatomie des Kniegelenks erfordert eine genaue Kenntnis aller Strukturen. Da – mit sehr wenigen Ausnahmen wie z.B. bei angeborenen Fehlbildungen – nichts so gut wie das Original ist, sind zum einen der Erhalt und zum anderen der frühzeitige Ersatz von möglichst jeder einzelnen Struktur im gesamten Zusammenspiel so immens wichtig.
Denn durch seinen komplexen Aufbau ist das Knie leider auch anfällig für Verletzungen. Die häufigste ist die Innenbandverletzung, gefolgt von Meniskusrissen und Kreuzbandrissen. Auch Knorpelschäden können durch Unfälle entstehen.
Faszination Knorpel
Es ist ein faszinierendes Material, welches die Natur hervorgebracht hat. Knorpel besteht zu u¨ber 80 Prozent aus Wasser (der große Rest besteht aus Kollagenfasern und Zellen), und trotzdem kann der Knorpel extreme Belastungen aushalten. Pro Quadratzentimeter – das sind lediglich vier kleine Ka¨stchen auf einem Blatt karierten Papiers – kann der Knorpel einen Druck von 150 Kilogramm abpuffern. Kommt ein normalgewichtiger Mensch nach einem Sprung wieder auf dem Boden auf, muss sein gesamtes Knie rund 1000 Kilogramm abfangen, also etwa eine Tonne Gewicht. Landet ein u¨bergewichtiger Zeitgenosse nach einem Sprung auf seinen Fu¨ßen, ist die Belastung noch ho¨her. Knorpel und Knie sind nicht fu¨r andauernde U¨berlastungen geschaffen. Als der Homo sapiens vor vielen Hunderttausend Jahren entstand, war sein Ko¨rperbau ziemlich perfekt auf die damaligen Anforderungen abgestimmt. Unsere Vorfahren legten ta¨glich lange Strecken zu Fuß zuru¨ck, harte Bo¨den aus Stein, Asphalt oder Marmor waren unbekannt. Sportlich motivierte U¨berlastungen der Gelenke infolge des Trainings fu¨r den na¨chsten Marathon waren ihnen fremd, und hinsichtlich ihrer Erna¨hrung spielte das Pha¨nomen U¨bergewicht keine Rolle.
Neben der großartigen Pufferwirkung verfu¨gt Knorpel u¨ber eine einzigartige Gleitfa¨higkeit, die der von Eis auf Eis entspricht. Bei dem Satz: »Das la¨uft ja wie geschmiert« sollte man zuallererst an einen gesunden Knorpel denken. Kein von Menschenhand geschaffenes Material weist diese hohe Belastbarkeit in Kombination mit der extremen Gleitfa¨higkeit auf.
Hüfte
Sieht man sich die anatomische Zeichnung des Hüftgelenks an, so erkennt man deutliche Unterschiede zum Kniegelenk. Die Form des Hüftgelenks ähnelt dem Kugelgelenk und ist damit deutlich »einfacher«.
Der Aufbau der straffen Kapsel und die Formgebung führen zu einer Art Formschluss. Damit ist auch die Verletzungsanfälligkeit geringer. Am Knie hingegen ist die Verbindung durch diverse einzelne Bänder und eine dünnere Kapsel gehalten. Damit ist dieser deutlich geringere »Formschluss« anfälliger für Verletzungen.
Anatomie des Hüftgelenks
Das Hüftgelenk ist die bewegliche Verbindung zwischen dem Becken und dem Oberschenkelknochen (Femur). Es ermöglicht ein Abwinkeln bzw. Beugen bis zu einem Winkel von etwa 140 Grad. Als »Kugelgelenk« erlaubt das Hüftgelenk auch Drehbewegungen (die sog. Rotation) von etwa 30 bis über 60 Grad sowohl nach innen wie nach außen sowie ein Abspreizen (sog. Abduktion) und Anspreizen (sog. Adduktion) des Beins von jeweils 20 bis über 50 Grad. Die Gelenkpfanne ist der Teil des Beckenknochens, in den der kugelrunde (gesunde) Hüftkopf eingebettet ist. Diese Pfanne überdacht den Hüftkopf idealerweise nur zu 70 bis 80 Prozent und ist am Rand umkleidet mit einer Gelenklippe (dem sog. Labrum), einer faserknorpeligen Struktur ähnlich dem Meniskus am Knie. Diese Gelenklippe vergrößert die Gelenkpfanne wie eine Art Spoiler und stabilisiert es. Durch Zug und Druck bzw. Einklemmung kann sie Schaden nehmen. Das gesamte Gelenk ist wiederum durch die sehr straffe Hüftgelenkkapsel umkleidet, aufgebaut aus teils ringförmigen Bandstrukturen. Auf der dem Gelenk zugewandten Seite ist die Kapsel wie bei jedem Gelenk von Gelenkschleimhaut ausgekleidet, welche die Gelenkflu¨ssigkeit (Gelenkschmiere) produziert. Diese unterstu¨tzt die optimale Beweglichkeit des Gelenks und ermöglicht die Ernährung des Knorpels. Grundpfeiler für die reibungsfreie Gelenkbewegung ist aber der oben genannte absolut glatte (gesunde) Knorpelüberzug der beiden Gelenkpartner. Als Besonderheit am Hüftgelenk ist der Unterdruck im Gelenk zu erwähnen. Die kugelige Form zusammen mit der randbildenden Gelenklippe bildet über die Gelenkschmiere eine Art abgeschlossenes System. Dies ist vergleichbar mit einer Kontaktlinse, die an sich fest auf dem Auge anhaftet, aber dennoch verschiebbar ist. Ein weiteres Beispiel sind zwei sehr glatte Oberflächen, z.B. Kunststoffoberflächen, mit einem geringen Flüssigkeitssaum dazwischen. Man kann diese beiden Partner dann schwer voneinander abheben, aber gut verschieben. Die Physik lässt grüßen.
Das Hüftgelenk wird umgeben, zusätzlich stabilisiert und vor allem bewegt durch eine Vielzahl von Muskeln, dem eigentlichen »Motor« der Hüfte. Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Gesäßmuskeln. Sie müssen nicht nur das Becken in der Waagerechten halten, sondern es auch noch aufrichten und zudem die Beinachse stabilisieren. Ungenügende Muskelkraft im Gesäß führt so fast zwangsläufig zu einem Hinken sowie Einknicken ins X-Bein. Dies hängt vom Grad des Ausfalls und dem...




