E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Beckerhoff Ein Sofa voller Frauen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-887-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 238 Seiten
ISBN: 978-3-96655-887-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Florian Beckerhoff, geboren 1976 in Zürich, wuchs in Bonn auf. Nach seinem Studium der Literaturwissenschaften in Berlin und Paris promovierte er an der Universität Hamburg über literarische Schwerversprecher und arbeitete danach unter anderem als Sprachlehrer, Museumswärter und Werbetexter. Seinem Bestseller »Frau Ella«, der mit Matthias Schweighöfer verfilmt wurde, folgten zahlreiche Romane und Kinderbücher. Florian Beckerhoff lebt heute mit seiner Familie in Berlin. Bei dotbooks veröffentlichte Florian Beckerhoff seine Romane »Frau Ella« »Das Landei« »Ein Sofa voller Frauen« »Die Geschichtenerzählerin: Ein Sommer bei Gesomina« »Die Glückssuchenden: Herrn Haiduks Laden der Wünsche« - erscheint im Hörbuch bei Saga
Autoren/Hrsg.
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Vorspiel
Natürlich wusste ich, was synästhetisch bedeutet. Man schmeckte Blau, roch eine Durtonleiter oder hörte den Geschmack einer Wurst. Letzteres machte mir allerdings wirklich zu schaffen.
Der Auftraggeber wollte es noch knackschmatziger haben. So, dass die Endverbraucher am Radio auch mit vollem Tank und leerer Blase wie von selbst bei der nächsten Raststätte abfahren würden, um die unbändige Lust auf eine dieser eingeschweißten Würste zu befriedigen. Ich versprach bis Anfang nächster Woche Ergebnisse und legte das Telefon weg.
Kurz hielt ich inne, dann kletterte ich in meine schalltote Aufnahmebox, schloss die Tür hinter mir und riss die nächste Verpackung auf. Mit der Routine eines Akkordarbeiters entließ ich die in Kunstdarm gepresste Fleischmasse aus ihrem aromaversiegelten Gefängnis und führte sie zwischen meine Lippen. Ich spannte die Kiefermuskeln an, bis meine Zähne die Pelle platzen ließen und ins Wurstfleisch glitten. ? SCHMATZ! ?
Schnell spuckte ich das Wurstende in den Papierkorb. Dann hörte ich mir die Aufnahme an. ? SCHMATZ! ? Ich zögerte. Machte das wirklich Bock auf Bocki™, die geilste Bockwurst aller Zeiten? Ich klickte noch einmal zurück. ? SCHMATZ! ? Es klang noch immer zu wurstig. Ich brauchte mehr Biss, mehr Knack, nur funktionierte Möhre genauso wenig wie Kohlrabi und Paprika. Selbst wenn ich von all den aufgenommenen Gemüseklängen nur leicht dazumischte, wurde es zu rohkostig. Die Mitbewerber setzten auf das reine Knacken des Naturdarms, oft mit Hall stark verfremdet, als kaufe jemand Wurst, der eigentlich Möhren wollte. Ich brauchte beides: die gesunde Frische des Gemüses und die Lust am Fleisch. KNACK und SCHMATZ! Und die Zeit rannte davon.
Die Uhr auf dem Monitor raunte mir zu, dass ich mich von der Bockwurst losreißen musste, wenn ich nicht viel zu spät zum Kegeln kommen wollte. Aber noch konnte ich nicht. Ich spürte, dass ich kurz davor war. Es durfte nicht roh sein, aber auch nicht gekocht. Nicht Fleisch, nicht Fisch, nicht Gemüse. Da gab es etwas, doch ich kam nicht drauf. ? SCHMATZ! ? Noch einmal. ? SCHMATZ! ? Ja, da war etwas, ein Gefühl im Hinterkopf. ? SCHMATZ!
»Denk nach, Dickie, denk nach! Du bist ganz kurz davor!«, murmelte ich und spürte die erlösende Idee schon in mir, fühlte die vorfreudig ausgeschütteten Endorphine meinen Körper durchströmen, sah meine Hände vor lauter Glück zittern, als all das plötzlich verschwand, das Paradies seine gerade noch weit offen stehenden Pforten wieder verschloss. DAS DURFTE NICHT WAHR SEIN! Wer klopfte da an meiner Wohnungstür? Warum stellte man bitte seine Klingel ab?!
Wissend, wie unsinnig alles Klagen war, schickte ich den Rechner in den Halbschlaf und ging durch den Flur, um Ingo hereinzulassen, der mich zum Kegeln abholte. Ich schluckte den Ärger runter und tätschelte mit flacher Hand die Freundesschulter. Kein Wort von dem so plötzlich unterbrochenen Fluss meiner so kostbaren Kreativität, davon, dass er mich um die Frucht von Stunden harter Arbeit brachte. Nichts. Kegeln war heilig, so lästig der Club-Termin gelegentlich auch war.
An diesem Novembertag wäre ich besser zu Hause geblieben. Kaum waren die ersten Kegel gefallen, ging es wieder einmal darum, dass ich dringend weibliche Gesellschaft brauche.
»Ich sag’s dir, Dickie, das ist der Hammer«, rief Fissel und wischte sich den Bierschaum aus dem Bart. »Du siehst die Welt und kommst umsonst bei irgendeiner Alten unter!«
»Ich will nix von der Welt und von irgendeiner Alten sowieso nicht«, meinte ich und trank zügig mein erstes Bier.
»Du kannst sie dir ja vorher ansehen. Online stellen die alles rein. Für so ‘ne Lady in Kamtschatka ist das ein Riesending, wenn einer von uns auf dem Sofa pennt. Die zweite Nacht liegst du dann spätestens bei ihr im Bett.«
Fissel hielt es selten länger als zwei Wochen in der Heimat, seit er das Couchsurfen für sich entdeckt hatte. Unermüdlich bereiste er die einsamsten Gegenden der Welt auf der Suche nach noch einsameren Frauen. Seinen Erzählungen zufolge mit Erfolg. Wir taten beeindruckt, solange er donnerstags zum Kegeln kam.
Wir, das war der Club, eine Handvoll Jungs, die es vor ein bis zwei Jahrzehnten aus allen Teilen des Landes in alle möglichen Teile der Hauptstadt verschlagen hatte, wo unsere Wege sich so intensiv kreuzten, dass wir donnerstagabends fast immer vollzählig am selben Ort zu finden waren: im Chinarestaurant Kanton 7 mit seinen beiden Bundeskegelbahnen, von denen wir eine besetzen. Neben uns spielten die »Netten Kegeletten«, allesamt Damen um die sechzig mit bewegter Vergangenheit, deren Spuren der Fröhlichkeit in ihren Gesichtern jedoch keinen weiteren Abbruch taten. Gelegentlich spendierten sie uns eine Runde Schlangenschnaps, ansonsten kam das Verhältnis einer friedlich schamlosen Koexistenz sehr nahe. So auch an diesem Abend, an dem ich meine reisefeindliche Lebensweise Fissel gegenüber so heftig verteidigen musste, dass ich mir schon wieder den Finger quetschte, weil ich die rücklaufende Kugel ganz vergessen hatte.
»Autsch! Scheiße!«
»Was denn?«
»Scheiß Sofasegeln!«
»Hier, nimm ‘nen Schluck«, meinte Attila und reichte mir sein halbvolles Glas.
»Keine Getränke auf der Bahn!«, sagte Klaus.
»Mund zu, kalt wird das Herz«, sagte Attila.
»Couchsurfen heißt das«, korrigierte Fissel, der zuletzt von einer Eroberung in einem Dorf bei Birmingham berichtet hatte. »Aber Sofasegeln klingt auch nicht schlecht. Irgendwie elegant-frivol.«
»Kann man die auch zu sich herkommen lassen?«, fragte Klaus.
»Wie jetzt? So callgirlmäßig?«
»Nee, nur zum Kennenlernen. Bei den Hotelpreisen und wo doch gerade jeder nach Berlin will. Du hast doch genug Platz in deiner Bude.«
»Aber kein Sofa und auch keine Couch.«
»Was ist da überhaupt der Unterschied?«
»Daran wirds schon nicht scheitern.«
»Besten Dank«, sagte ich und hämmerte die Kugel mit aller Wucht in die Rinne. »Aber ich habe anderes zu tun, als Frauen aus Kamtschatka zu bewirten.«
»Ach komm«, sagte Attila und legte mir die Hand auf die Schulter. »Die Idee ist genial! Das ist die Therapie für deine Gynophobie!«
»Für seine was?«
»Vergiss es. Wenn ich mir was nach Hause kommen lasse, dann eine Pizza, aber sicher keine Frau.«
»Guck mal«, sagte Fissel und hielt sein Smartphone in die Runde. »Die war doch was für Dickie, oder nicht?«
Beim schlechten Empfang im Keller baute sich das unterbelichtete Bild einer jungen Frau nur sehr langsam auf. Am Leuchten ihrer Zähne erkannte man immerhin, dass sie lächelte.
»Ihr seid total bescheuert«, sagte ich. »Als würde irgendeine Frau freiwillig bei einem fremden Typen wie mir pennen.«
»Na siehste«, sagte Fissel. »Das sind doch nur Details, die wir dann klären werden.«
Tatsächlich war ich niemand, der durch ein außerordentlich ausschweifendes Sexualleben auf sich aufmerksam gemacht hätte. Ganz im Gegenteil. Nachdem ich mit meiner Klassenkameradin Gesa vor mittlerweile fast zwanzig Jahren am Rande einer Scheunenparty ein Kind gezeugt hatte, pflegte ich zunächst eine ängstliche Abstinenz, aus der ich irgendwann trotz umfassender Kenntnis diverser Verhütungsmethoden einfach nicht mehr herausfand. Die Jungs konnten machen, was sie wollten, mir gelang es noch nicht einmal im Vollrausch, aus Versehen eine Frau anzusprechen. Und sie gaben wirklich alles, die Freunde, der Club, Fissel, Attila, Klaus und Ingo, die auch an diesem Abend wieder auf mich einredeten. Ich erkannte zu spät, dass ich mich längst auf ihr Spiel eingelassen hatte. Aber was sollten sie tun? Sie konnten mich schließlich nicht zwingen.
Während ich nach der nächsten Kugel griff, sah ich im Augenwinkel die bildhübsche Kellnerin durch die Tür in der dunkel vertäfelten Wand treten, und beschleunigte meinen Anlauf.
»Die dreiundzwanzig extra kross!«, rief ich zum Knallen der fallenden Kegel, die ich mit meinem fünften Wurf doch noch erwischt hatte.
»Musst du so reinhauen?«, fragte Ingo. »Jetzt, wo du bald Damenbesuch kriegst, könntest du ruhig auch mal abspecken.«
»Du kannst mich mal«, sagte ich und setzte mich, zufrieden mit meinem Wurf, zurück an den Tisch. »Räum du erst mal die Kegel ab.«
»So’n Wohlstandsbauch kommt international gar nicht so schlecht«, meinte Fissel. »Mich hat letztens eine gefragt, ob ich genug zu essen krieg. Das war in Island, glaube ich.«
»Kann ich bei dir auch ein neues Thema bestellen?«, wand ich mich verzweifelt an die Kellnerin.
»Du bist ja mal humorvoll«, sagte die. »Wetter geht immer. Wetter und Frauen, oder?«
»Siehste!«, rief Fissel ganz begeistert.
Die Kellnerin lächelte fast mütterlich und ließ uns allein, um sich bei den Damen auf Bahn zwei nach weiteren Wünschen zu erkundigen.
»Sag mal, hast du die gerade einfach angesprochen?«, fragte Ingo ungläubig.
»Wen jetzt?«
»Na, die Kellnerin. Du hast die einfach angesprochen, und dann auch noch humorvoll.«
»Noch ein Wort, und ich gehe«, sagte ich.
Mit einem Schulterzucken hob Ingo seine Hände in Unschuldsgeste in Richtung des gusseisernen Leuchters.
Der Rest des Abends war normal erträglich, ja, sogar ziemlich lustig, weil die Kegeletten es besonders fröhlich trieben und uns schließlich mitrissen. Schlangenschnapstrunken bollerten wir die Kugeln in gemischten Teams auf die zellulitös gedeihen Dielen. Niemand nahm keinen ernst, weswegen sich alle amüsierten und wir eine Platte Frühlingsrollen nach der anderen verschlangen, so dass die fettigen Finger die Kugeln kaum noch halten konnten. Es lief so gut, dass ich erst weit...




