Becker Everybody's Darling, everybody's Depp
2. Auflage 2005
ISBN: 978-3-593-40155-3
Verlag: Campus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tappen Sie nicht in die Harmoniefalle!
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-593-40155-3
Verlag: Campus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Irene Becker ist seit über einem Jahrzehnt selbstständig als Managementtrainerin für Großunternehmen tätig. Sie führt außerdem regelmäßig Seminare und Coachings durch. Bei Campus erschien von ihr bisher »Lieber schlampig glücklich als ordentlich gestresst«, »Everybody's Darling, everybody's Depp« und »Endlich Rose statt Mimose«.
Autoren/Hrsg.
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Inhaltsverzeichnis
1Einleitung 7
2Harmoniesucht: Was ist das eigentlich?12
Harmonie und Disharmonie: darum geht's 12
Angriff und Flucht: das passiert14
Erziehung und Prägung: daher kommt's17
Monika und Maja: ein Fall(en)beispiel26
3Praxisteil: Raus aus der Harmoniefalle!38
Test mit intimen Fragen: Sitzen Sie drin?39
Testergebnis43
Die vier Ws: eine ehrliche Selbstanalyse45
4Wissen, was man will: Definieren Sie Ihre Ziele!47
Vier-Schritte-Programm für die Zukunft49
Ein neues Leben vor dem inneren Auge entwerfen50
Einen gedanklichen Grundstock für die Zukunft legen54
Eine persönliche Vision entwickeln57
5Wissen, was man fühlt: Hören Sie auf Ihre Gefühle!59
Die ganze Palette der Empfindungen59
Das explosive Gefühlsgemisch65
Das Gefühlstagebuch68
Das Gefühlskarussell stoppen72
6Wissen, was man kann: Erkennen Sie Ihre Vorzüge!79
Stärken-Schwächen-Bilanz80
Wie man seine Stärken stärkt91
Wie man seine Schwächen schwächt94
7Wissen, wie es geht: Trainieren Sie Ihre innere Stärke!100
Konditionstraining und Handlungsstrategien 103
Körpersprache und selbstsicheres Auftreten106
Klartext reden und eigene Vorstellungen einfordern111
8Grenzen setzen: Die hohe Schule des Neinsagens126
Selbstanalyse der inneren Saboteure126
Die Prinzipien des Neinsagens143
9
Harmonie und Konflikte: Private und professionelle
Beziehungen im Kreuzfeuer148
Kleine Streitschule150
Kritik und Gefühle konstruktiv ansprechen154
Umgang mit destruktiver Kritik156
Krisenmanagement - wenn's richtig kracht162
10
Kampf den Bestien: Die endgültige Befreiung
aus der Harmoniefalle172
Das blökende Schaf oder: Nein zu Manipulation!174
Der schnaubende Stier oder: Nein zu Aggression!177
Der ängstliche Hase oder: Nein zur Mitleidsmasche!187
Der schlaue Fuchs oder: Nein zur Gehirnwäsche!200
11Geschafft: Somebody's Darling, nobody's Depp211
Register213
Einleitung
Es war einmal vor langer Zeit, da waren die Machtverhältnisse in Paarbeziehungen noch klar definiert, und Emanzipation war nichts weiter als ein Fremdwort. Dazu sei ein Artikel aus der britischen Zeitschrift Housekeeping Monthly, Ausgabe vom 13. Mai 1955, zitiert:
"Anleitung für die gute Ehefrau
oHören Sie ihm zu. Sie mögen ein Dutzend wichtiger Dinge auf dem Herzen haben, aber wenn er heimkommt, ist nicht der geeignete Augenblick, darüber zu sprechen. Vergessen Sie nicht, dass seine Gesprächsthemen wichtiger sind als Ihre.
oDer Abend gehört ihm. […] Versuchen Sie, seine Welt voll Druck und Belastungen zu verstehen.
oSorgen Sie dafür, dass Ihr Zuhause ein Ort voller Frieden, Ordnung und Behaglichkeit ist, wo Ihr Mann Körper und Geist erfrischen kann.
oBegrüßen Sie ihn nicht mit Beschwerden und Problemen.
oBeklagen Sie sich nicht, wenn er spät heimkommt oder selbst wenn er die ganze Nacht ausbleibt. Nehmen Sie dies als kleineres Übel, verglichen mit dem, was er vermutlich tagsüber durchgemacht hat. […]
oDenken Sie daran: Er ist der Hausherr, und als dieser wird er seinen Willen stets mit Fairness und Aufrichtigkeit durchsetzen. Sie haben kein Recht, ihn infrage zu stellen.
oEine gute Ehefrau weiß stets, wo ihr Platz ist."
Mittlerweile ist gut ein halbes Jahrhundert vergangen, seit diese wohl gemeinten Ratschläge für die perfekte Ehefrau veröffentlicht wurden. Und doch scheint es so, als hätte die moderne, selbstbewusste und gleichberechtigte Frau des 21. Jahrhunderts etliche dieser Verhaltensregeln noch immer verinnerlicht. Geduldig lauscht sie den Ausführungen ihres Partners und stellt das eigene Redebedürfnis zurück. Lieber beißt sie sich auf die Zunge, als in einer Diskussion standhaft ihre Meinung zu vertreten und zu riskieren, dass das Gespräch in einen Streit ausartet. Innerlich tobend räumt sie stillschweigend zum tausendsten Mal die schmutzige Wäsche hinter dem Lebensgefährten her. Ihn zu stark zu beanspruchen, hieße, den Haussegen in eine unerwünschte Schieflage bringen.
In der U-Bahn toleriert sie, dass der Sitznachbar mit der Bierfahne seinen Schenkel unangemessen eng an sie drückt. Sie schluckt es herunter, dass der Chef die Gehaltserhöhung einem unerfahrenen männlichen Mitarbeiter zuspricht, obwohl längst sie an der Reihe wäre. Und sie beschwert sich nicht, wenn der Nachbar nachts wieder einmal lautstark Punkmusik hört. Auch ihren Geschlechtsgenossinnen gegenüber verhält sich die starke Frau dieser Tage häufig wie ein sanftes Schaf. Kritisiert Sie Ihre angeblich beste Freundin auch ständig? "Findest du diese Kombination nicht etwas zu figurbetont?" Oder andersherum: Das Outfit Ihrer Bekannten sitzt peinlich bis vulgär eng, Sie aber sagen nichts, um keine Auseinandersetzung zu provozieren. Ihre Schwiegermutter lädt sich jedes Wochenende unaufgefordert zum Essen ein, ohne ein einziges Mal zu fragen, ob Sie eigene Pläne haben? Sie stellen sich an den Herd und zaubern ein Dreigängemenü - insgeheim in der blutrünstigen Vision schwelgend, wie der alte Drachen an den Hühnerbeinen erstickt. Die faule Kollegin bittet Sie zum wiederholten Mal, ein paar Unterlagen für den Chef zu kopieren, weil sie auf ein "mega-wichtiges" Meeting muss? Sie dackeln zum Kopierer und fragen sich, ob Sie für diese Handlangerarbeiten Ihren Doktortitel haben erwerben müssen - und ob hierzulande wirklich die meisten Morde unentdeckt bleiben. Die Nachbarin nervt Sie mit aufdringlichen Fragen zu Ihrem Herrenbesuch neulich Abend? Sie fühlen sich bemüßigt, ihr zu erklären, das sei nur ein Kollege gewesen, mit dem Sie eine Präsentation vorbereiten mussten. Warum wünschen Sie ihr eigentlich keinen guten Tag und zeigen ihr, dass sie das wahrlich nichts angeht? Ihre Eltern halten es für selbstverständlich, dass Sie immer noch alle Weihnachts- und Osterfeste bei ihnen verbringen, obwohl Sie längst eine eigene Familie haben. Jedes Jahr verwerfen Sie die eigenen Wünsche und traben mit Sack und Pack an, damit bloß die Familienharmonie gewahrt bleibt.
Sind wir also immer noch das schwächere Geschlecht - sanftmütig, hilfsbereit, verzeihend, aufopfernd, duldsam, harmoniebedürftig? Es gibt tatsächlich viele Beispiele, die einen das vermuten lassen. Zu oft geben Frauen nach, setzen sich nicht durch, machen keinen Gebrauch von ihrer Willenskraft.
Nach wie vor scheint es vielen Frauen schwer zu fallen, ihre innere Stärke im Umgang mit anderen einzusetzen. Woran liegt das? Haben Frauen Angst, eine bissige Zicke genannt zu werden, eine Furie mit Haaren auf den Zähnen, eine freudlose Kampf-emanze? Sehr vielen scheint es schwer zu fallen, die goldene Mitte zu finden und eine selbstbewusste Frau zu sein, die für sich einsteht und trotzdem harmonische Beziehungen pflegt. Eine Frau, die sich nicht unterbuttern lässt, aber auch nicht wie eine Dampfwalze über andere hinwegrollt. Eine Frau, die selbstsicher ihre Stärke zeigt und ihre schwachen Seiten dennoch nicht verleugnen muss. Eine Frau, die gerade wegen dieser Stärke beliebt ist. Das muss keine Utopie bleiben.
Das Handwerkszeug dafür bringt jede Frau mit:
oein wenig Selbsterkenntnis und Klarheit über die eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Stärken und Schwächen;
odas Recht und die Pflicht, die Verantwortung für ihr Leben selbst zu übernehmen;
oein wenig Mut und Disziplin, sich gegenüber den Erwartungen der lieben Mitmenschen zu behaupten;
ogenug Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen, um auch in kniffligeren Situationen nicht sofort das Handtuch zu werfen und einen Konflikt nicht nur auszuhalten, sondern konstruktiv zu bewältigen;
odie innere Stärke, auch einmal Zivilcourage zu zeigen, sich gegen Übergriffe souverän zu wehren und Grenzen zu setzen.
Das haben Sie alles nicht, sagen Sie? Oh doch, haben Sie. Mit dieser Stärke ist jeder Mensch von Geburt an ausgestattet, auch wenn Erziehung, Anpassung, Erfahrung und mangelnde Übung einiges davon verschüttet haben. Ein hungriges Baby schreit sich so lange die Seele aus dem Leib, bis es endlich bekommt, was es braucht. Das tut es selbstsicher und ungeachtet der genervten Reaktionen seiner Umwelt. Und der Wortschatz von Kleinkindern in der Trotzphase scheint ausschließlich aus Nein! und Ich will aber! zu bestehen.
Raus aus der Harmoniefalle. Vielleicht fehlten Ihnen für die nötige Durchsetzungskraft einfach nur das Gewusst-wie und etwas Praxis. Das Know-how dazu finden Sie in den folgenden Kapiteln. Bei der Umsetzung der Handlungsstrategien müssen Sie lediglich ein wenig üben. Im Folgenden wird das - übersteigerte - Harmoniebedürfnis unter die Lupe genommen. Ein Praxisteil mit Fragebogen hilft Ihnen dabei, Ihre schwachen und Ihre starken Seiten zu analysieren. Ein Trainingsprogramm unterstützt Sie dabei, sukzessive Ihre innere Stärke (wieder) zu entdecken, zu entfalten und im Umgang mit anderen positiv einzusetzen. Sie werden lernen, Ihre Fähigkeiten weiter zu entwickeln: einzustehen für das, was Sie wirklich wollen, Grenzen zu setzen, mit Kritik souverän umzugehen, Konflikte konstruktiv zu bewältigen, mit unangenehmen Gefühlen fertig zu werden. Sie werden Gegenstrategien zum Umgang mit schwierigen Zeitgenossen finden, die versuchen, Sie mit ausgebufften Manövern zu manipulieren. Weder sanftes Schaf noch bissige Zicke - leben Sie Ihr Leben als ausgeglichene, selbstsichere Frau.
Noch eine Anmerkung, bevor es losgeht: Harmoniesucht kann sich, wenn tiefgreifende Probleme hinzukommen, zu einer ernsthaften psychischen Störung auswachsen, die allein nicht mehr zu bewältigen ist. Wenn ein Mensch Panikattacken bekommt, weil eine Diskussion etwas heftiger wird; wenn auf sanfte Kritik ein depressiver Anfall folgt; wenn allein die Vorstellung, nein sagen zu müssen, zu Schweißausbrüchen führt; wenn aus Angst vor zwischenmenschlichen Störungen Kontakte zwanghaft vermieden werden - dann ist es sicherlich sinnvoller, die professionelle Hilfe eines Therapeuten in Anspruch zu nehmen.




