E-Book, Deutsch, 690 Seiten
Becker Antonia
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95530-796-7
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Zwischen Kaiserwalzer und Preußens Gloria
E-Book, Deutsch, 690 Seiten
ISBN: 978-3-95530-796-7
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
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Gut Engelhartstetten am Fuße der Karpaten ist die Heimat der schönen, skrupellosen Antonia von Blumenthal. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln weiblicher Verführung und Intrigenkunst strebt sie nach Wien, an den Hof und in die erste Gesellschaft. nur auf Ihren Vorteil bedacht, bringt sie es zur Gräfin Bajar, zur Geliebten des Zaren, steht endlich im Mittelpunkt glanzvoller Soireen. Alexander von Kronburg, Offizier der preußischen Armee, begegnet in ihr der großen Leidenschaft seines Lebens. In Wien glaubt er, dem strengen Regime seines Vaters zu entfliehen, seine Freiheit und sein wahres Ich finden zu können...
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Vorspiel
Wien, Frühsommer 1882
»Die Ereignisse zwingen mich«, sagte die Hofrätin Petrouschek, »Sie auf das dringendste zu bitten, die uns miteinander verbindende Verwandtschaft geheimzuhalten.«
Die Stimme von Belinda Petrouschek, geborene Comtesse von Blumenthal, klang um ein weniges zu forciert.
»Ich erwidere Ihre Bitte mit der gleichen Dringlichkeit«, antwortete die Dame, die ihr gegenüber saß. »Oder würden Sie an meiner Stelle verwandtschaftliche Beziehungen mit einem zum Hoflieferanten avancierten Zuckerbäcker als erstrebenswert bezeichnen?«
Belinda Petrouschek erschien das Maß dessen, was man ihr an Unverfrorenheit zumuten konnte, erreicht. Sie erhob sich.
»Mademoiselle Antonia«, sagte sie empört, »ich bitte Sie, sich zu mäßigen!«
»Erstens«, entgegnete die schöne junge Frau, die in einem seidenen, handgestickten Sessel saß, »bin ich, wie Sie wissen, keine Mademoiselle, sondern die Gräfin Bajar, und zweitens«, Antonia stand nun ebenfalls auf, »dürfte es jetzt wohl an der Zeit sein zu gehen.«
Belinda antwortete nicht. Mit schnellen, heftigen Schritten ging sie zur Tür, ließ sich öffnen und verließ das Palais Bajar.
Diese Unterredung war das kaum beachtete Ende eines Skandals, der in diesem Jahr ganz Wien erschütterte.
32 Jahre früher. 17. Februar 1850. Engelhartstetten bei Preßburg. »Heißes Wasser! Frische Tücher! Schnell, schnell!«
In einer böhmischen Gutsherrenwohnung herrschte die bei Geburten übliche Aufregung.
Die Frauen übernahmen das Regiment, der Arzt beschwichtigte den ob seiner Nervosität und ungewollten Hilflosigkeit schier verzagenden Vater.
Öffnete sich die Tür zum Schlafzimmer, drang Wimmern, stöhnendes Aufschreien und ermattetes Weinen der Gebärenden an die Ohren des ersetzten werdenden Vaters. Anton von Blumenthal kannte keine derartige Situation. Es war sein erstes Kind, das ihm da von einer, wie ihm schien, schwerleidenden Frau geboren werden sollte.
Hier, in Engelhartstetten, am Fuße der Karpaten, war man noch bäuerlicher, bodenständiger als im nahen Preßburg, wo einige Damen der oberen Schichten sogar nach Wien in ein Spital gefahren waren, um ein Kind zur Welt zu bringen. Natürlich betrachtete man das als Skandal und ausgesprochene Unweiblichkeit, ganz zu schweigen von der Rücksichtslosigkeit angesehenen Familien gegenüber. Das sah ja geradewegs so aus, als habe man daheim nicht genügend Betttücher oder vertraue der Haushälterin nicht.
Nun: Hier, in Engelhartstetten, kannte man derlei Extravaganzen gottlob nicht, und nichts hätte der zarten, ein wenig unscheinbaren Frau Elisabeth von Blumenthal ferner gelegen, als Aufsehen zu erregen oder gar den von ihr mit großer Selbstverständlichkeit geliebten Gatten zu verärgern.
So wurde dann an jenem 17. Februar 1850 auf Gut Erwenlauh eine Tochter geboren. Sie erhielt den Namen Antonia Katharina Elisabeth Maria von Blumenthal, war äußerst zart und klein, aber schrie aus Leibeskräften.
Eine Geburt wie viele andere Geburten?
Gewiß. Niemand hätte etwas Besonderes dabei gefunden, daß diese Geburt die Mutter über die Maßen schwächte und der Arzt ihr schon nach kurzer Zeit mitteilen mußte, daß sie keinem zweiten Kind das Leben schenken könne. Anton von Blumenthal mußte die so heiß gehegte Hoffnung auf einen Sohn aufgeben.
Genau an jenem 17. Februar 1850 übte sich ein dreijähriges Kind im Anziehen einer jämmerlichen, zerfledderten Puppe. Das Kind hieß Lilly, und die Puppe war ein abgelegtes Spielzeug aus gutsherrlicher Nachbarschaft. Tagelöhnerkinder haben keine Puppen. Für Lilly, das fünfte Kind des Tagelöhners Jaskulke, war es ein Weihnachtsgeschenk gewesen.
Die Jaskulkes lebten mehr schlecht als recht von den Erträgnissen des Gutes Erwenlauh. Ihr Kinderreichtum war nicht gerade als Segen zu bezeichnen. Andererseits fanden Jaskulkes sich mit jedem neuen Erdenbürger ab. Lilly war, wie die anderen Kinder auch, gesund, rotbackig und von derber Statur.
Als Mutter Jaskulkes mit der Nachricht von der Geburt Antonias heimkam, machte sich Lilly, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Staube. Die Puppe unter dem Arm, marschierte sie geradewegs auf den Gutshof zu. Unbemerkt gelang es ihr, ins Haus zu kommen.
Das Rennen und Hasten hatte aufgehört. Ruhe war eingekehrt.
Für Lilly Jaskulke war es zu ruhig. Aus diesem Grunde begann sie zu singen. Laut und falsch schmetterte sie das einzig ihr bekannte Lied: »Maikäfer fliech! Dein Vater ist im Kriech! Mutter ist im Pommerland. Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer fliech!«
Da ihr die Worte ungenügend erschienen, ergänzte sie den Vers durch eine erhebliche Anzahl von Wiederholungen der Zeilen »Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer fliech!«
Dazu hopste sie auf dem blanken Steinboden der Halle. Es war entsetzlich!
Eine Tür öffnete sich, und Herr von Blumenthal sah in die Vorhalle. Von anderer Seite erschienen Köchin, Zofe und Hebamme mit hochroten Gesichtern.
»Ruhe! Zum Donnerwetter, Ruhe!« rief Anton von Blumenthal nun seinerseits etwas zu laut, während die Frauen in Abscheu ausdrückendes »Ts, ts, ts!« verfielen.
Lilly Jaskulke hörte sofort mit dem Singen und Hopsen auf. Statt- dessen begann sie zu heulen, laut, breitmäulig und mit sehr viel Wasser im Gesicht.
»Schafft dieses entsetzliche Gör weg!« befahl Blumenthal.
Die Zofe, eine etwas ältliche, dürre Person, nahm Lilly bei der Hand. Das beruhigte Lilly ein wenig, und sie hörte auf zu lärmen.
»Was willst du denn hier?« fragte die Zofe Minna.
»Das Mädchen sehen«, schluchzte Lilly.
»Später, später!« winkte Anton von Blumenthal die beiden aus der Halle. Dann ging er wieder in sein Arbeitszimmer.
Hebamme und Köchin verzogen sich ebenfalls.
»Wem gehörst du denn?« fragte Minna. Ihre Stimme klang mitleidig-
»Jaskulkes!« antwortete Lilly.
»Dann bring ich dich nach Hause!«
Minna lebte seit acht Jahren auf dem Gut. Die Jaskulkes sah sie nur zum Erntedankfest oder zur Gesindebescherung am 25. Dezember. Mit solchen Leuten hat man keinen Umgang.
Das Kind ging still und artig an ihrer Hand.
Minna sah auf das kleine Ding herunter. Es gefiel ihr, daß es seine Hand in der ihren ließ.
Acht Jahre bei Blumenthals... acht Jahre Dienst als Zofe...
Dabei war sie gar keine Zofe. Sie hatte als Weißnäherin angefangen. Nicht etwa, daß sie schöne, neue Aussteuerware nähen durfte, weit gefehlt! Ausbessern durfte sie, Laken an den äußeren Kanten zusammennähen, wenn sie in der Mitte durchgescheuert waren, Kopfkissen flicken und, wenn es hoch kam, Leibchen für Kinder nähen.
Die Eltern waren froh gewesen, sie früh loszuwerden. Sie gefiel niemanden, und niemand gefiel ihr.
Sie hatte in verschiedenen Häusern Unterkunft gefunden. Ihre vertrocknete, dürre Gestalt half ihr dabei. »Die ißt nicht viel«, meinte die jeweilige Herrschaft und gewährte ihr Kost und Kammer. Jedesmal aber fand ihr Leben mit den zerschlissenen Leinentüchern der Herrschaft ein jähes Ende, wenn diese bemerkte, daß sie viel und heimlich aß.
»Die klaut ja Kartoffeln!« hieß es auf der letzten Stelle mit Entsetzen.
Als Minna nach Erwenlauh kam, war sie nicht mehr ganz so hungrig wie in früheren Jahren, deswegen kam sie mit ihren Leuten besser aus.
Die Dienerschaft im Gutshaus war beinahe ärmlich zu nennen: Eine Köchin, eine Magd und ein Mädchen für alles. Zu flicken und nähen gab’s nicht viel, und weil Frau von Blumenthal eine hochnäsige Schwägerin in Baden bei Wien hatte, wurde Minna zur Zofe ernannt. Das bedeutete, daß sie nun Haken und Ösen an die Toilette der Frau von Blumenthal zu nähen hatte ... gelegentlich auch Hosenknöpfe für den Herrn des Hauses, daß sie Kleider sauber und paßgerecht zu halten und allerlei Handreichungen zu verrichten hatte.
Kein schweres Leben, gewiß, aber ein freudloses. Liebschaften oder gar eine Heirat waren ausgeschlossen. Sie war arm, unansehnlich und hatte keinerlei Gelegenheit, mit einem ernsthaften Bewerber bekannt zu werden. Außerdem genügte ihr das Leben in Engelhartstetten. An diesem 17. Februar also lernte Minna die Familie Jaskulke besser kennen.
Frau Jaskulke kochte eine Kanne Feigenkaffee mit Kuhmilch und braunem Zucker und bot ihr ein Glas Selbstgebrannten Rübenschnaps an, der gar nicht so schlecht schmeckte. Minna wurde nicht etwa deswegen so gut bewirtet, weil sie das Kind zurückgebracht hatte, sondern weil sie, die Feinere und Bessere, sich den Weg bis in das Gesindehaus gemacht hatte.
Lilly war still und zupfte an ihrer Puppe herum. Manchmal betrachtete sie Minna mit einem langen, verträumten Kinderblick.
Und Minna fand das kleine Ding keineswegs so entsetzlich, wie es Herrn von Blumenthal erschienen war.
Das verhältnismäßig kleine Gut der Blumenthals war wenig ergiebig. Vom eleganten Leben in der Stadt konnten die Blumenthals nur träumen. So schön Preßburg auch sein mochte, für die Blumenthals schien es unerreichbar, ganz zu schweigen von dem fernen, glänzenden, strahlenden Wien.
Nur wenige Tage nach der Geburt Antonias schrieb Anton von Blumenthal an seinen Bruder Berthold nach Baden bei Wien:
»... würdest Du Deine liebe Schwägerin noch derart schwächlich vorfinden, daß Du erschrecken möchtest! So haben wir uns dann entschlossen, mit der Taufe zu warten, bis meine liebste Elisabeth wieder ganz auf den Beinen ist. Wir haben...




