E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Beck Vinz Solo
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7844-8450-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8450-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vinzenz Karl Bachmeier, 1968 geboren in Artlhofen bei Landshut, unendlich weit entfernt von der Weltstadt München, ist Vollwaise, verhinderter Rockgitarrist, Beziehungstrottel und unehrenhaft entlassener Oberministrant. Vinz kämpft sich durch die späte Pubertät – im Grunde immer nur auf der Suche nach der einen großen Liebe. Eine Jugend in den 1980er-Jahren mitten in der tiefsten bayerischen Provinz, dort wo Kirche und Wirtshaus das Leben dominieren und wo die Oberlinke, die von Ihrem Hof aus einen Drogengroßhandel betreibt, genauso dazugehört wie Hochwürden "Onkel Willi", der Spendengelder veruntreut. Ob die drei Wünsche, die Vinz quälen, am Ende überhaupt noch eine Rolle spielen? Ob seine Suche nach einem Leben, das sich zu leben lohnt, ihn erwachsener gemacht hat? Schau ma moi, dann seng ma's scho ...
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Schnitzel
»Also ins Trash«, sagte Simmerl, als er sich auf den Beifahrersitz fallen ließ und seine Beine aufs Armaturenbrett wuchtete. Er trug wie immer Ledersandalen samt Socken und dazu die kurze Hose mit Gürtel. Schon mit 15 konnte er sich einen Vollbart stehen lassen, was ihn zehn Jahre älter aussehen ließ, dafür fraßen sich jetzt Geheimratsecken in seine blonden Locken. Nach allen Regeln der Coolness war Simmerl maximal uncool. Doch für ihn galten eigene Maßstäbe.
Simmerl und ich waren seit der ersten Klasse Freunde. Damals schenkte er mir als Beweis seiner Zuneigung eine Ratte, die er im Kuhstall gefangen und dann auf den Namen Otto getauft hatte, weil er ein Fan von Otto Waalkes war. Meine Mutter brachte sie noch am selben Tag in einer Schuhschachtel zurück. »Bei den Schmalhofers draußen geht es zu wie bei den Asozialen, die fressen ohne Gabel und Löffel«, raunzte mein Vater. Ich aber beneidete Simmerl fast so sehr wie später den Rainer, weil er alles machen durfte, was bei uns verboten war. Er fuhr mit dem Bulldog über die Felder, fischte im Weiher und schoss mit dem Luftgewehr Tauben ab. In der Küche der Schmalhofers herrschte seine Mutter über einen unendlichen Vorrat an Schmalznudeln, abends holte sein Vater die Ziehharmonika raus und sang Gstanzl, wenn er gut drauf war. Und er war oft gut drauf.
Bei uns Bachmaiers dagegen war meistens tote Hose. Im Sommer fuhren wir immer für eine Woche zum Wandern ins Fichtelgebirge, wo außer uns nur Menschen Urlaub machten, die sich beim Essen Geschichten von der Inflation 1923 in die Hörgeräte schrien.
Simmerl und ich blieben sogar Freunde, als er auf die Realschule wechseln musste, weil seine Eltern befürchteten, als Abiturient werde ihr Sohn sich zu fein für die Hofnachfolge sein. Er war frei von all den Selbstzweifeln, die mich Tag und Nacht heimsuchten. Ihm ging es vor allem um Gaudi, und die hatte bei ihm fast immer was mit Bier und AC/DC zu tun.
Ich war jetzt doch ein bisschen stolz auf meinen Commodore, aber Simmerl interessierte sich nicht dafür. Er kurbelte das Fenster runter und hielt den Arm raus.
»Wir brauchen eine richtige Band, nicht so einen Pfarrjugendmist. Dann wird’s auch mit den Mädels was«, schrie er gegen den Fahrtwind an.
»Ich glaube, ich bin im Moment nicht offen für eine Beziehung«, schrie ich zurück. Das war gelogen.
»Hä? Du betest doch die Tussi aus Herford an.«
»Ich habe drüber nachgedacht. Eine Beziehung würde mich in meiner Freiheit zu sehr einschränken.« Das war wieder gelogen, aber ich hatte den Satz so ähnlich zuvor im Fernsehen gehört und fand, dass er sich sehr reif anhörte.
»Bachmaier, du bist einfach ein verklemmter, feiger Hund. Deshalb redest so viel Mist daher.«
Simmerl zog unter seinem Hintern eine Kassette meines Vaters hervor. Laut las er »Marschmusik aus vier Jahrhunderten«, dann warf er sie aus dem Fenster.
Das Trash gab es schon seit Anfang der Siebzigerjahre, seit der Dorfwirt von Eberfing aufgegeben hatte. Sein Ruf war seitdem konstant schlecht, jedenfalls unter Opelfahrern. Ein Münchner Anwalt hatte damals das Anwesen gekauft und es ausgerechnet an Wolfi Zollner verpachtet, den Sohn von Landrat Theodor Zollner von der Bayernpartei. Wolfi galt schon mit Mitte zwanzig als dubiose Existenz. Erst hatte er den Wehrdienst verweigert, danach studierte er in München ein Semester Politik und Soziologie und anschließend auch noch Jura, bis er nach Eberfing zurückkehrte, den Dorfwirt in Trash umbenannte und hinten im Stadel Rockkonzerte veranstaltete.
Jedes Mal, wenn wir auf dem Weg zu Tante Mechthild daran vorbeifuhren, redete sich mein Vater in Rage. Das Trasch, wie er es mangels Englischkenntnissen nannte, sei eine Absteige für Gammler, Hascher, Hippies und Arbeitsscheue. Der Wolfi, dieser ungewaschene Baader-Meinhof-Sympathisant, habe seinen Eltern Schande gemacht und sogar noch im Wahlkampf gegen den eigenen Vater gehetzt. Kein Wunder, dass der Theo jetzt ein gebrochener Mann sei. Meine Mutter ergänzte an der Stelle gerne, die Weiberleut in der Drecksbude hätten nicht einmal einen BH an. Ich fand, das klang sehr geil und sehr furchterregend zugleich. »Lass dich da bloß nie erwischen«, drohte mein Vater. »Sonst kannst du dein Zeug packen.«
Als ich den Commodore in eine Parklücke an der Stadelwand bugsierte, beschlich mich für einen Moment das Gefühl, eine Sünde zu begehen: Du sollst nicht mit dem Auto deines Vaters ins Trash fahren und so sein Andenken beschmutzen. Würde er noch leben, so würde er dich völlig zu Recht rausschmeißen. Verheimliche es wenigstens deiner leidgeprüften Mutter und sag einfach, du wärst mit Simmerl im Don-Bosco-Club in Landshut gewesen. Da freut sie sich gewiss.
Drinnen im Stadel war es voll, dunkel und vor allem laut. Ein paar Deckenscheinwerfer beleuchteten die Bühne, auf der die Punkband Rotten System ihr Konzert gab. Hinter ihr spannte sich ein meterlanges Transparent. Nein zur WAA, stand darauf.
Simmerl und ich drückten uns durch die Menge zur Bar. Vorne schubste und rempelte sich das Publikum gegenseitig zur Musik. Wenn einer dabei zu Boden ging, wurde er von den anderen mit Bier überschüttet. Fast alle trugen Springerstiefel, auch Silke, die Sängerin. Ich erkannte sie wieder, obwohl sie ganz anders aussah als damals in der fünften Klasse des Gymnasiums, das sie nach der Probezeit verlassen musste. Ihr Kopf war kahl rasiert, und auch sonst entsprach Silke ziemlich genau den Vorstellungen, die meine Mutter von den Weiberleuten im Trash hatte. Was Silke ins Mikro brüllte, vermischte sich mit Gitarre, Bass und Schlagzeug zu einem Inferno aus Rückkopplungen und Verzerrungen.
Simmerl deutete auf einen Mann, der sich am Rand der Bühne hinter den Lautsprechern postiert hatte.
»Der Wolfi!«
Das war er also. Ein Typ mit Metallbrille, steinalt, mindestens so um die vierzig. Die graubraunen Haare hingen ihm bis auf die Schultern herab. Schweiß tropfte von seiner Nase. Unter dem weißen T-Shirt wölbte sich eine Wampe, die vorne über den Gürtel seiner Jeans quoll. Er hatte beide Hände in den Hosentaschen vergraben und nickte mit dem Kopf im Rhythmus des Schlagzeugs. Und weil Rotten System nur schnelle Beats spielte, sah es aus, also ob Wolfi unter nervösen Zuckungen litte.
»Ich habe mir den irgendwie anders vorgestellt«, sagte ich. »Der hat doch studiert und ist Anwalt.«
»Der ist ein Intellektueller«, sagte Simmerl. »Die schauen alle ein bisserl ungesund aus.«
Während unten die Menge tobte, standen oben die Musiker von Rotten System steif herum. Ich war mir nicht sicher, ob es bloß Unvermögen oder doch ein Teil ihrer Show war.
»Das nächste Stück heißt: Wir spucken auf den Atomstaat!«, rief Silke ins Gejohle hinein. Es waren die ersten Worte von ihr, die ich verstand, seit ich den Stadel betreten hatte. Wieder hob der rasende Rhythmus an, Wolfi zuckte mit dem Kopf, die Menge schubste sich auf dem glitschigen Boden hin und her.
»Wir scheißen auf euch! Wir kotzen auf euch! Wir spucken auf euch!«, lautete der Refrain. Um die Bedeutung der Zeilen noch zu verstärken, spuckte Silke tatsächlich in Richtung Publikum.
Einige aus der torkelnden Menge spuckten sogleich zurück in Richtung Silke, die nun doch überrascht wirkte, als habe sie nicht mit einer solch prompten Reaktion gerechnet. Sie blickte auf einmal ziemlich angewidert drein. In diesem Moment kam von ganz hinten, wo die Tische standen, in hohem Bogen etwas Dunkles über die Köpfe des Publikums geflogen. Es sah aus wie ein Putzlappen, aber als das Geschoss Silke im Scheinwerferlicht genau an der Stirn traf, da konnten alle sehen, dass es ein Schnitzel Wiener Art war, das im Trash für 7,90 Mark inklusive Kartoffelsalat, Pommes und wahlweise Preiselbeersauce oder Ketchup auf der Speisekarte stand. Es gab ein riesiges Gejohle, und einen Augenblick später flog schon das nächste Schnitzel auf die Bühne. Es verfehlte die Silke aber knapp und streifte das Schlagzeugbecken.
»Saustark, jetzt geht’s richtig los«, freute sich Simmerl. Mir dagegen war so mulmig zumute, als ob ich bei einer verbotenen Demonstration mitmarschieren würde, und ich erinnerte mich wieder an die Mahnung meines Vaters.
Silke schrie auf, die Musik brach ab. Der Schlagzeuger, ein dürrer Kerl mit nacktem Oberkörper, stieß das Standtom zur Seite, sprang von der Bühne und stürmte in Richtung der Schnitzelwerfer. Er kam aber nicht weit, weil er sogleich in ein Handgemenge mit dem Publikum geriet. Als der Gitarrist zu Hilfe eilte, sah alles nach einer Massenschlägerei aus. Silke war verschwunden, nur der Bassist mit dem rosa Irokesenschnitt und der grauen Bomberjacke stand noch da und glotzte teilnahmslos auf das Durcheinander.
Jetzt watschelte Wolfi zum Mikro. Die Hände behielt er noch immer in den Hosentaschen. »Erdinger Weißbier« prangte auf seinem T-Shirt, das vom Schweiß durchsichtig geworden war. Er sprach fast so ruhig wie Onkel Willi bei der Predigt in der Sonntagsmesse.
»Ihr da hinten. Mit Schnitzel wird hier nicht geschmissen. Und ihr da vorne, ihr hört jetzt sofort auf, sonst muss ich die Bullen holen.« Ein Pfeifkonzert hob an. »So, jetzt ist Pause«, sagte Wolfi noch. »Und die Liste für den Bus am Pfingstsamstag nach Wackersdorf liegt an der Theke.«
Die große Stadeltür ging auf. Kühle Luft zog durch den Saal. Nur der Schlagzeuger regte sich schon wieder fürchterlich auf und drosch nach allen Seiten um sich.
»Halt mal.« Simmerl drückte mir sein Bier in die Hand. Mein Gott, was musste sich der jetzt auch noch einmischen. Er ging zum Schlagzeugwicht, packte ihn mit der einen Hand hinten am Gürtel und drehte ihm...




