Beck | Liebe auf den letzten Blick | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Beck Liebe auf den letzten Blick

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8412-0370-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0370-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vier Umzüge und ein Todesfall.

Eigentlich sind die vier die perfekte Besetzung für das, was sie vorhaben: Mathilde Opitz, patente Chefbuchhalterin in Frührente, die gut konservierte Star-Stylistin Irma, der gemütliche Gustl, der endlich den Tod seiner Frau überwinden will, und die lebenslustige Amelie, die ihm nur zu gern dabei behilflich wäre. Sie bringen alles mit, was eine WG in ihrer Altersklasse braucht: Erfahrungen mit den Kommunen der 68er, Kochkünste und die Erkenntnis, dass Altwerden nichts für Feiglinge ist. Und schließlich sollte man mit sechzig doch so abgeklärt sein, dass das Zusammenleben leichter fällt als in Sturm-und-Drang-Zeiten. Doch im Gegenteil: Schon bald gerät die WG in die Krise, und Mathilde ist auf der Suche nach zahlungskräftigen Mitbewohnern. Ausgerechnet dann taucht ein Mann auf, der sie so begeistert, dass ihr ihre Hitzewallungen wie Kinderkram erscheinen. Allerdings ist der noch nicht einmal fünfzig. Aber geht nicht der Trend zum jüngeren Mann?



Lilli Beck lebt zurzeit in München. Ihr größter Traum ist es jedoch, im Alter selbst einmal in einer rosa Villa am See zu wohnen. Mit dem Gesetz ist sie aber noch nicht in Konflikt geraten. Im Aufbau Taschenbuch Verlag sind ihre Romane 'Liebe auf den letzten Blick', 'Liebe verlernt man nicht' und 'Geld oder Liebe' lieferbar.Mehr zur Autorin unter www.lilli-beck.de

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2


Sechs Uhr zeigen die Ziffern meines digitalen Weckers an. Ich muss zwar nicht mehr ins Büro hetzen, aber meine innere Uhr denkt gar nicht daran, sich umzustellen.

Mit halb geöffneten Lidern drehe ich das Kopfkissen um und genieße die angenehme Kühle der Unterseite. Wieder einzuschlafen gelingt mir jedoch nicht. Vermutlich hat mich bereits die senile Bettflucht fest im Griff. Senil oder nicht – dabei fällt mir ein, was heute für ein Tag ist.

Mein Sechzigster!

Wie auf Kommando kriecht mir eine heftige Hitzewelle über den Körper und steigert sich zum Schweißausbruch, als mir zu allem Übel auch noch einfällt, der Jubiläumsfeier zugestimmt zu haben. Irma hat im Gegenzug versprochen, ihre Umzugskisten wegzuräumen und endlich zu putzen. Amelie ist in die Birkenstocks gestiegen und wollte unbedingt in den Baumarkt sausen, um die Liegestühle zu besorgen. Gustl konnte es gerade eben verhindern, da er zu bedenken gab, dass es im April noch nicht heiß genug zum Nacktsonnen wäre. Wie ich sie kenne, wird sie früher oder später das geeignete Mondphasenargument finden, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Träge steige ich aus dem Bett. Na, wenigstens schlafen noch alle und ich kann ungestört die Zeitung lesen.

Meine Mitbewohner sind begeistert, dass ich als Frühaufsteherin immer schon Kaffee koche. Ab halb acht ist mit Irma zu rechnen, die zwar ein paar Tage Urlaub hat, aber den gewohnten Weckrhythmus auch nicht aus dem System kriegt. Und sobald Amelie auftaucht, ist es vorbei mit der Ruhe. Dann wird die tägliche Tarotkarte gezogen, stundenlang rumgedeutet und über Schicksal oder Zufall gerätselt. Endlos lange dauert dieses Ritual, wenn sie direkte Fragen stellt und die Karten ihr einfach keine eindeutige Antwort geben wollen. Dann mischt sie das Spiel immer und immer wieder und zieht so lange neue Karten, bis das Ergebnis taugt. Notfalls pendelt sie auch über dem Kartenspiel.

Vorsichtig, jedes Geräusch vermeidend, steige ich in die schwarzen Filzpuschen und schlüpfe in den schwarzweiß gemusterten Morgenmantel. Im Flur lausche ich in die morgendliche Stille. Aus dem Zimmer zu meiner Linken, wo Gustl schläft, glaube ich ein leises Schnarchen zu vernehmen. Ansonsten ist alles ruhig. Auch rechts neben mir, aus Amelies Märchenburg, wie sie es nennt, ist kein Mucks zu hören. Ich schleiche durch den langen Korridor, öffne so geräuschlos wie möglich die Wohnungstür und husche zum Briefkasten, in dem die Zeitung steckt.

, verkündet die Schlagzeile auf der ersten Seite. Oh, oh, wenn Amelie das liest, rennt sie noch vor dem Frühstück in den Baumarkt.

Als ich die Küche betrete, weiche ich zurück. Schmutzige Töpfe und Pfannen stapeln sich im Spülbecken, auf dem Tisch stehen Teller mit Resten vom Abendessen, und es müffelt nach Stinkesocken. Als Verursacher dieses peinigenden Odeurs identifiziere ich ein Stück zerfließenden Limburger.

Amelie und Irma! Statt wie versprochen Ordnung zu schaffen, haben sie gepichelt, wie ich an den zwei leeren Flaschen Prosecco erkenne. Irma hat mich wieder mal ausgetrickst. Ich solle mal den WG-Feldwebel nicht so raushängen lassen, hat sie gegrinst und mich ins Bett geschickt.

Während ich meine zehn Jahre alte Kaffeemaschine mit Filter und Kaffeemehl befülle, entspanne ich mich wieder ein bisschen. Unsere hauseigene Esoterikerin Amelie hat das Ding beim Einzug ausgependelt und behauptet, wir würden mit Elektrosmog verseucht – worauf sie die Maschine umgehend entsorgen wollte. Einzig das Argument, ausschließlich würde beim Kaffeezubereiten versmogt, konnte die Maschine retten.

Ich liebe das leise Blubbergeräusch, bei dem ich mich wie eine Figur aus einem Joghurt-Werbespot fühle. Wenn die Sonne durchs Fenster fällt, der Tag noch jung ist und seine Überraschungen bereithält. Auch wenn das Blubbern einfach nur das fällige Entkalken verkündet. Sollte meine Maschine demnächst tatsächlich den Geist aufgeben, kann Amelie einen esoterisch korrekten Ersatz mit rechtsdrehendem Karma anschaffen. Vielleicht hat ja irgendein Alt-Hippie bereits ein Gerät konstruiert, das den Kaffeesatz zum Tageshoroskop umwandelt. Aber im Moment ist noch alles gut, freue ich mich und angle eine Tasse aus dem Schrank. Als ich den Kühlschrank öffne, um die Milch herauszunehmen, schrecke ich zusammen. Wie jeden Morgen seit einer Woche – seit da ein Wasserglas steht, in dem ein halbes Gebiss schwimmt! Oder mich anlacht. Je nachdem, wie schmerzfrei man eine schwimmende Zahnprothese betrachtet. Jedenfalls ist der Anblick extrem skurril. Wer bitte schön bewahrt seine dritten Zähne im Kühlschrank auf? Und warum? Bisher ist es mir noch nicht gelungen, das Geheimnis zu lüften. Üblicherweise begebe ich mich nämlich ins Bad, um meine Zähne zu putzen, solange der Kaffee durchläuft. Wenn ich dann zurückkomme und nachschaue, ist das Glas verschwunden.

Auch heute ist das wieder der Fall.

Kopfschüttelnd nehme ich mir meinen Kaffee und trolle mich mit der Zeitung in mein Zimmer. Dort ist es wenigstens sauber und aufgeräumt.

Ich mache es mir mit zwei Kissen im Rücken bequem und setze die Lesebrille auf. Während ich meinen Milchkaffee genieße, blättere ich zum Klatschteil, der für mich ein rezeptfreier Stimmungsaufheller ohne Nebenwirkungen ist. Ich amüsiere mich jedes Mal, wenn alternde Playboys sich mit jungen Gespielinnen zeigen und behaupten, jeden Tag Sex zu haben, natürlich mehrmals. Logisch. Aber ich kann einfach nicht glauben, dass 80-Jährige ihre Schrumpelschniedel zu anderen Zwecken als zum Pinkeln aus dem Stall holen. Aber wer weiß, vielleicht können bald selbst 80-jährige Frauen noch Kinder gebären.

Heute präsentiert man dem geneigten Leser jedoch keine Sexbeichten von tattrigen Ladykillern oder unmündigen Silikonbarbies, sondern tatsächlich Wissenswertes: Otto Goldbach wurde für eine seiner Arbeiten als Regisseur an einem Theater in London für den »Shakespeare«, einen englischen Theaterpreis, nominiert. Als einer seiner großen Fans drücke ich Otto natürlich ganz fest die Daumen und hoffe, dass er die Konkurrenz auf die unteren Plätze verweist.

Ein leises Klopfen an meine Tür unterbricht meine Lektüre.

»Morgen, Mathilde. Happy Dreißig.« Irma lehnt barfuß in einem knielangen Shirt mit Entenaufdruck am Türrahmen.

Wer Irma als erfolgreiche Hairstylistin aus dem »Chez Schorschi« kennt, erlebt sie immer tipptopp frisiert, geschminkt und ausschließlich in Designerklamotten. In Wahrheit ist sie ein klassischer Fall von: draußen hui, zu Hause pfui. Sie selbst bezeichnet das als: Stylingpause. Auch Irmas Vorliebe für Enten, ein Überbleibsel aus ihrer Hippiezeit, passt nichts ins durchgestylte Bild.

»Guck mal.« Irma schwenkt den vermeintlich gestohlenen Staubwedel. »Dein Geschenk.«

Entgeistert starre ich über meine Brille hinweg auf die rosa Schicht in ihrem Gesicht. »Hast du Ausschlag?«

»Das ist eine Kaviarextrakt-Maske!« Sie lacht mich an. »Damit ich zur Feier faltenfrei antanze. Jetzt wollte ich bei dir mal durchwirbeln. Das Wohnzimmer ist bereits staubfrei.«

»Nicht nötig, aber danke … Auch fürs Wohnzimmer. Dann hast du ja Zeit, das hier zu lesen.« Ich halte ihr die Zeitung entgegen.

Irma kommt angeschlurft, lässt sich am Fußende des Betts nieder und schnappt sich die Zeitung, die sie noch immer ohne Brille lesen kann.

Murmelnd überfliegt sie den Artikel. »Hoffentlich klappt es diesmal.« Sie seufzt besorgt. »Otto war schon zwei Mal für diese Auszeichnung nominiert. Ich finde, seine Inszenierungen sind wirklich gut. Erinnerst du dich an das Stück von diesem österreichischen Autor?«

»Ja, das war schön schräg. Wie hieß es gleich noch mal? Irgendwas mit Leber …«

»Ganz genau kann ich mich auch nicht mehr erinnern«, sagt Irma. »Aber ich glaube: «

»Klasse Titel«, entgegne ich und prophezeie zuversichtlich, dass Otto den Preis bekommen wird. »Aller guten Dinge sind …«

Ein gellender Schrei unterbricht mich. Erschrocken sehen wir uns an und murmeln einstimmig: »Amelie!«

Irma rennt los, ich springe aus dem Bett und sause hinterher.

Schon ertönt der nächste Schrei. Besorgt reißen wir die Zimmertür auf – und finden Amelie auf einem Sessel stehend.

In einem kurzen bunten Fummel bibbernd, starrt sie uns mit schreckgeweiteten Augen an. Ihrem Panikschrei nach zu urteilen, ist sie mindestens vor einer Riesenratte von der Größe einer Hauskatze in die Höhe geflüchtet.

»Wer brüllt denn hier so laut?«, ertönt eine dunkle Stimme aus dem Flur.

Gustl, lediglich bekleidet mit seinem MAKE-LOVE-Shirt und Unterhose und mit braunen Lederpantoffeln an den Füßen, gesellt sich dazu.

»Da!«, piepst Amelie und deutet mit spitzem Zeigefinger auf ihr rosageblümtes Polsterbett. Beim nächsten Atemzug springt sie vom Stuhl auf Gustl zu und wirft sich ihm mit dem schrillen Ruf »Eine Spinneee!« an den Hals.

Er klopft ihr beruhigend auf den Rücken, befreit sich sanft aus ihrer Umarmung, zieht seinen rechten Schlappen aus und murmelt ungerührt: »Das haben wir gleich.«

Irma und ich können uns vor Lachen nicht mehr halten und prusten los.

»Ihr glaubt mir wohl nicht?«, mault Amelie beleidigt und zeigt einen Kreis von der Größe eines Kuchentellers. »Die war sooo groß. Bestimmt eine Vogelspinne. Ich wusste es ja, meine Tarotkarten haben mir gestern eine unangenehme Überraschung vorhergesagt.«

»Na, dann hast du das Schlimmste überstanden und kannst dich jetzt entspannen«, entgegnet Irma ungerührt.

Schlappenkrieger Gustl inspiziert derweil das Bett, das zwischen den zwei geöffneten...



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