E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Beck Julians süßes Blut
5. Auflage 2015
ISBN: 978-3-945934-21-0
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-945934-21-0
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bei einem Autounfall verliert Julian seine Mutter. Verletzt und zutiefst verwirrt beschließt er, seinen Vater zu suchen. Doch der weiß nicht, dass sein Erzeuger der unsterbliche Geliebte des Vampirs Alexander de Dahomey ist. Erst zu spät wird ihm bewusst, in welche Gefahr er sich begeben hat. Teil 2 der Vampirtrilogie um Alexander de Dahomey
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Zwei
Von Anfang an
Seltsam vertraut
Anne Steinwart
Schweigend starrte er auf den Boden. Er hatte schon lange nicht mehr gesprochen. Sein Gaumen fühlte sich an, als wenn er nie wieder sprechen könnte. Er starrte auf seine zertrümmerte Hand. Er spürte sie unter dem dicken Gipsverband. Ein gutes Zeichen, hatten die Ärzte gesagt. Er fühlte ein dumpfes Pochen in seinem Kopf. In seinen Schläfen. Die dicke, wulstige Naht links über seinem Auge war heiß. Müde schloss er die Augen. Warum war das alles passiert? So gern hätte er jetzt geweint, aber seine Augen waren trocken. Er hatte keine Tränen mehr. Er öffnete die Augen wieder und starrte Monica an, die ihm gegenübersaß. Sah sie an, ihre langen schwarzen Haare, ihr zartes Puppengesicht, als sähe er sie zum ersten Mal.
Dann räusperte er sich. »Lass mich bitte allein.« Seine Stimme klang rau, leise.
Doch Monica schüttelte den Kopf. »Ich möchte, dass du mit zu mir kommst. Pack ein paar Sachen, und wir fahren zu mir.«
Zornig sah Julian sie an. »Nein, ich bleibe hier. Ich möchte hier allein sein.«
Monica zuckte mit den Schultern, blieb jedoch sitzen. Sie betrachtete das Zimmer mit roten, verschwommenen Augen. Sie sah, wie Julian sich humpelnd erhob.
»Geh jetzt bitte. Ich rufe dich an, wenn ich wieder jemanden sehen will.«
»Du kannst hier nicht allein bleiben, Julian«, sagte Monica sanft. Sie betrachtete seine zierliche Gestalt, den dicken Gipsverband und das blau angeschwollene Gesicht. »Du kannst dich nicht einmal selbst versorgen.«
Wütend starrte er sie an. Und plötzlich schrie er: »Raus hier, verdammt noch mal! Ich will allein sein!« Seine grünen Augen funkelten sie an.
Erschrocken stand Monica auf. »Beruhig dich erstmal«, sagte sie und machte einen Schritt auf ihn zu.
Doch er wich zurück. »Wenn du nicht sofort verschwindest, flippe ich aus.« Er sagte es leise, zischend. Er duldete keinen Widerspruch mehr.
Seufzend drehte Monica sich um und ging zur Wohnungstür. »Ruf mich an, wenn du mich brauchst, Julian.« Und dann sah sie ihn noch einmal prüfend an. »Und mach nichts Unüberlegtes.«
Julian schwieg. Keine Miene seines Gesichts verriet seine Gedanken. Leise schloss er die Tür hinter Monica und ließ sich dagegen fallen. Was war nur passiert? Was – um alles in der Welt – war nur passiert? Mühsam humpelte er zu seinem Sessel zurück. Er sah sie dort liegen, im Bett auf der Intensivstation des Krankenhauses. Ihr langes Haar lag aufgefächert auf dem weißen Kopfkissen. Sie hätten es fast abrasiert, für die Operation, aber dazu war es nicht mehr gekommen. Wie entspannt sie aussah, wie friedlich. Wären da nicht die Schläuche und Kabel gewesen und die entsetzlichen Geräusche der medizinischen Geräte. Er hatte an ihrem Bett gesessen, bis zum Schluss. Sie konnten ihn nicht daran hindern. Er war sofort zu ihr gegangen, als die Nachwirkungen seiner eigenen Narkose es zuließen. Ja, natürlich war es ihm gleichgültig, dass er eine Gehirnerschütterung hatte, dass er im Bett bleiben sollte. Er hatte geweint an ihrem Bett, bis seine Tränen versiegt waren, denn er wusste es schon vorher. Er hatte es gewusst, als er sie gesehen hatte. Sie würden sie nicht mehr operieren müssen.
Und er hatte bei ihr gesessen. Zum Glück hatte er bei ihr gesessen, als sie das letzte Mal die Augen aufschlug und ihn erkannte.
»Julian, mein Baby«, hatte sie gesagt. »Du siehst aus wie dein Vater.« Und er hatte Tränen in ihren Augenwinkeln gesehen. Denn auch sie wusste es.
»Sei stark, Julian. Ich liebe dich.« Und sie hatte die Augen geschlossen und nicht wieder geöffnet. Julian hörte nicht mehr, wie die Geräte alarmiert aufheulten. Sah nicht mehr, wie die Ärzte in das Zimmer stürzten, um doch nur noch ihren Tod feststellen zu können. Er war einen Teil des Weges mit ihr gegangen. Jetzt war er allein. Und er hatte geschwiegen. Hatte nichts mehr gesagt. Nicht die Tage, die er noch selbst im Krankenhaus verbrachte, nicht an dem Tag, als sie ihn entließen. Nicht auf ihrer Beerdigung. Bis eben. Er hatte Monica rausgeschmissen, die sich die ganze Zeit um ihn gekümmert hatte. Aber er musste allein sein. Endlich allein.
Er quälte sich wieder aus seinem Sessel, um die Katzen zu füttern. Er würde sie hüten wie seine Augäpfel, die Katzen seiner Mutter. Dann kehrte er humpelnd in das Wohnzimmer zurück und öffnete die kleine, verborgene Schreibtischschublade. Das schmale rote Büchlein lag schwer in seiner Hand. Er hatte das Gefühl, es nicht halten zu können. Doch er nahm es mit sich, setzte sich wieder in den Sessel und schlug das Buch auf. Tat er etwas Verbotenes? Aber er musste es einfach wissen. Musste wissen, wer sein Vater war. Musste in Erfahrung bringen, warum er ihn nicht kennenlernen durfte.
Langsam begann er zu lesen.
13.11.96
Ich beginne wieder mit dem Schreiben, da mir merkwürdige Dinge widerfahren sind, in der letzten Zeit. Ach, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Es ist jetzt vielleicht ein halbes Jahr her, dass ich mich von Thomas getrennt habe. Gott, was bin ich froh darüber, endlich diesen Schritt gewagt zu haben. Ich kann wieder atmen. Zunächst dachte ich, die Einsamkeit halte ich nicht aus, doch mittlerweile ist es sehr angenehm.
Und nun beginnt eigentlich der unglaubwürdige Teil der Geschichte. Ich habe jemanden kennengelernt, Alexander ist sein Name. Er ist – ach, ich kann ihn nicht beschreiben. Verführerisch, dunkel, sanft und schön. Und er ist kein Mensch, auch wenn er so aussieht. Eines Nachts stand er in meinem Zimmer. Ich war so erschrocken – ich dachte: das ist mein Ende. Ich dachte wirklich, er bringt mich um. Doch als er mich das erste Mal in seinen starken Armen hielt und ich seinen unverwechselbaren Geruch einsog, da war es um mich geschehen. Und jetzt sitze ich hier und erwarte ihn. Erwarte ihn in freudiger Erregung. Jeden Abend wünsche ich ihn herbei. Ein Kribbeln überzieht meinen Körper, wenn ich an ihn denke. Ich – ich wünschte, er käme in mein Bett. Wenn ich doch nur seine kühlen Hände auf meinem Körper spüren könnte.
Julian spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Wie merkwürdig es war, solche Gedanken seiner Mutter zu erfahren. Niemals hatten sie über dieses Thema gesprochen. Nur an dem Tag, als Virginia den feuchten Fleck in seinem Bettlaken gesehen hatte. Er hatte sich unglaublich geschämt, doch sie hatte ihm alles ruhig und sachlich erklärt. Hatte ihm gesagt, wie das passieren konnte und dass es nicht Schmutziges war. Und bei der Gelegenheit hatte sie ihm auch erklärt, wo die Babys herkamen. Er hatte ihr still gegenübergesessen, mit puterrotem Kopf.
18.11.96
Ich glaube, ich habe Monica ganz schön vor den Kopf gestoßen. Denn als sie neulich anrief, habe ich sie einfach abgewürgt. Ach, ich hatte keine andere Wahl, Alex war plötzlich in meiner Wohnung aufgetaucht. Ich hoffe, sie ist nicht allzu gekränkt. Ich habe ihr gesagt, dass ich jemanden kennengelernt habe. Vielleicht verzeiht sie meinen Geisteszustand. Ich bin so aufgekratzt, weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Alex besucht mich abends, doch es ist noch nichts passiert. Ich sehne mich nach seinem Körper. Wenn wir uns nah sind, wenn er ES tut, fühle ich die Stärke, die Festigkeit seines schlanken Körpers. Dann vergehe ich fast vor Lust. So etwas habe ich noch nie gespürt, nicht einmal, wenn ich mit Thomas geschlafen habe.
Julian hielt verwundert inne. Was bedeutete ES? Sie hatte geschrieben, dass sie nicht mit diesem Alex im Bett gewesen war. Was um alles in der Welt bedeutete dann ES?
Er legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch und wischte sich mit der gesunden Hand über die Augen. Dann stand er auf und holte sich eine Dose Cola aus dem Kühlschrank. Asrael, der große getigerte Kater, folgte ihm und ließ sich auf Julians Schoß nieder, als dieser sich setzte. Als Julian das weiche Fell des Katers spürte, rollte eine Erinnnerungswelle über ihn hinweg. Er spürte einen stechenden Schmerz in seinem Innern und schluckte krampfhaft. Die Cola reizte seinen rauen Hals, und er hustete nach dem ersten Schluck erschöpft.
Dann nahm er das rote Buch wieder zur Hand. War es noch schwerer geworden, seit er es das letzte Mal aus der Hand gelegt hatte?
Ich bin völlig durcheinander, weiß nicht einmal genau, was ich schreiben soll. In ein paar Stunden sehe ich ihn wieder. Ich bin verwirrt – werde ich verrückt?
Ich befürchtete schon, in einer Traumwelt zu leben. In einer Welt, die ich mir selbst ausgedacht habe. Natürlich ist die Trennung von Thomas nicht spurlos an mir vorübergegangen.
Was läge da näher, als sich einen Traummann zusammenzufantasieren? Einen, der mich fasziniert, der mein Leben erfüllt? Doch – der Traum macht mich müde, lässt mich blass aussehen. Mit fiebriger Erwartung sitze ich nun hier, zähle fast die Minuten, bis ich ihn wiedersehe. Oh Gott, ich weiß, dass er kein Mensch ist. Ich weiß es – sehe es in seinen Augen. Habe ich mich auf den Teufel eingelassen? Ach, was rede ich.
Ich brenne vor Sehnsucht nach ihm. Jeden Abend warte ich, jede Nacht hoffe ich, dass er mich in meinem Traum besucht. Kommt er nicht, ist die Enttäuschung schmerzhaft. Was ist...




