Beck | Das Laute im Leisen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Beck Das Laute im Leisen

Roman | Ein authentischer, berührender Roman über Freundschaft und die Grenzen, an die sie stößt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6100-0
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Ein authentischer, berührender Roman über Freundschaft und die Grenzen, an die sie stößt

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-7517-6100-0
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Weimar 1979. Als Renée zum Architekturstudium zugelassen wird, kann sie ihr Glück kaum fassen. Die Plätze sind heiß begehrt, die Zulassungsbedingungen hoch. Von Beginn an ist unter ihren Mitstudierenden ein Mädchen, das sie besonders fasziniert. Uta, die Tochter des erfolgreichen Rostocker Stadtarchitekten, ist das größte Zeichentalent des Jahrgangs und mit unbändiger Energie und überbordender Fantasie gesegnet. Renée, die aus einfachen Verhältnissen kommt, lässt sich nur zu gern von ihr zeigen, wie scheinbar unüberwindliche Grenzen zu sprengen sind. Doch etwas stimmt nicht in dieser Freundschaft. Über Uta scheint ein Schatten zu liegen, der immer größer wird ...



Michaela Beck hat wie ihre Protagonistin Renée in Weimar Architektur studiert. Heute arbeitet sie als Autorin, Dramaturgin und Dozentin. 2023 erschien bei Lübbe ihr großer Familienroman DAS LICHT ZWISCHEN DEN SCHATTEN. Sie lebt mit ihrem Mann in Berlin.

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2. HOFFNUNG


Wenig später schaute Renée von ein paar Stufen herab in einen kreisrunden, ziemlich verqualmten Gewölbekeller, in dem mehrere Leute in lockeren Grüppchen mit gläsernen Bierhumpen herumstanden und sich angeregt unterhielten. Das war also der Studentenklub Kasseturm, Lilo hatte ihr auch von ihm vorgeschwärmt, von den Festen, den Konzerten, den Lesungen, und erzählt, dass sich hier früher vorzugsweise die Architekturstudenten getroffen hatten. Das Gewölbe war aus grob behauenen Quadern gemauert, und unter der Decke hingen alte, verbeulte Emailleschilder mit den bekannten Aufforderungen, die Schuhe sauber abzuputzen, die Hausordnung zu beachten und die Türen geschlossen zu halten. Oder mit den üblichen kategorischen Verboten gegenüber Hausierern, Musikanten und Bettlern. Solche Schilder hatte auch Robert in seiner Bude an den Wänden hängen. Auf nächtlichen Streifzügen heimlich aus den alten Hauseingängen der Mietskasernen in Prenzlauer Berg abgeschraubt und in witzigen Zimmerschmuck umfunktioniert, manchmal auch an Leute verhökert, die sich selbst nicht trauten, sie zu klauen.

Zu ihrer Rechten befand sich ein hoher, langer Tresen. In einer Art Nische, die das meterdicke Mauerwerk des Turms offenbarte, war ein kleines Podium eingebaut, darauf ein verlassenes Schlagzeug, und ein paar Gitarren und Rasseln lagen auch herum. Großartig bewegen würden sich die Musiker auf der kleinen Bühne nicht können. Auf einem Bein stehen schon.

Renée wusste nicht, was sie tun sollte. Sie konnte nicht ewig hier oben auf dem Absatz stehen bleiben und im wahrsten Sinne des Wortes auf die anderen herabschauen. Sie wollte unbedingt da runter, doch sie kannte niemanden und bis zum Ausschank am Tresen erschien es ihr unendlich weit. Sie müsste sich durch all die lässigen Leute schlängeln und darum bitten, sie vorbeizulassen. Bestimmt würde man sie wie einen Fremdkörper anstarren, wenn man sie überhaupt eines Blickes würdigte, feindlich und abweisend. Was will die denn hier?

Vor lauter Aufregung begann sie zu schwitzen. Sie hatte das noch nie gekonnt, unter Beobachtung anderer etwas zu tun, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Deshalb war sie beim Sport gescheitert, bei dem sie vor einer Schwimmhalle voller Zuschauer ganz allein einen Sprung hatte vorführen müssen. Und deshalb konnte sie auch nicht vorsingen oder gar Gedichte in der Öffentlichkeit rezitieren. Allein die Vorstellung, auf einer Bühne zu stehen, ließ ihre Haut heiß werden und kribbeln, und sie bekam butterweiche Knie. In der Schule war ihr sogar regelmäßig die Stimme versagt, wenn der Chorleiter sie bei der Probe nur angesehen hatte. Jedes Mal glaubte sie, dass das ein Hinweis war, zu laut oder falsch zu singen, und sie rechnete fest damit, hinterher zu ihm gerufen und rausgeschmissen zu werden.

Irgendwann sah sie endlich eine Chance, unbeobachtet zum Ausschank zu gelangen. Hinter ihr war ein Mädchen aus den Toiletten gekommen und wahnsinnig selbstsicher an ihr vorbei die Treppe hinunter in den Keller gegangen. Sofort richteten sich alle Augen auf sie, folgten ihr zu einem Grüppchen Männer, anscheinend die Musiker, denn einer hatte ein Mundharmonikagestell um den Hals und ein anderer einen Gitarrengurt quer über der Brust hängen. Sollten sie nicht eigentlich diejenigen sein, die von den anderen bewundert und ehrfürchtig angestarrt wurden?

Renée setzte sich in Bewegung, nahm Stufe um Stufe hinab in den Keller, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Doch alle Blicke waren weiterhin nur auf eine einzige Person gerichtet, auf das schlanke, brünette Mädchen, das sich zu den Musikern gestellt hatte. Sie war in Renées Alter und hatte, wie Renée jetzt vom Tresen aus sehen konnte, sehr ebenmäßige Züge in einem hübschen ovalen Gesicht, das ganz offensichtlich das Objekt der Begierde aller Anwesenden war, besonders von einem der Musiker. Er kroch fast in das Mädchen hinein, während es ihm aufgeregt etwas zu erklären versuchte, dazu wild mit seinen schönen, schmalen Händen gestikulierte und jedes Mal hell auflachte, wenn der Musiker ihr etwas ins Ohr flüsterte. Dabei warf das Mädchen übermütig den Kopf nach hinten und zeigte eine Reihe gerader, strahlend weißer Zähne und zartes rosa Zahnfleisch, rollte aber gleichzeitig belustigt die Augen, als würde der Musiker kompletten Nonsens von sich geben.

Das Mädchen war der faszinierende Mittelpunkt des Kellers, links und rechts hätten Bomben niedergehen können, keiner hätte es mitbekommen, und alle, einschließlich Renée, schauten gebannt auf dieses Mädchen, das sich so ungezwungen mit den Musikern unterhielt. Renée konnte gar nicht anders, als wieder einmal diesen Neid zu spüren, der sie häufig beim Anblick solch gut aussehender, selbstbewusster Mädchen überkam. Wie mochte es sich wohl anfühlen, so makellos, so anziehend, sich seiner selbst so sicher zu sein und damit die Aufmerksamkeit sämtlicher Männer zu erregen?

Renée wollte jedoch nicht mehr neidisch sein. Schließlich war sie jetzt selbst jemand, der zu beneiden war. Eine Architekturstudentin. Bald schon würde sie Häuser entwerfen und auch bauen. Sie hatte immerhin ihren Traum gegen den großen Widerstand ihrer Lehrer und deren Planzahlen durchgesetzt. Architekten bräuchte der Sozialismus nicht, hatten sie allesamt behauptet, Lehrerinnen oder Offiziere hingegen schon.

Auch ihre Mutter war anfangs von ihrem Berufswunsch nicht begeistert gewesen. Sie hätte es viel lieber gesehen, wenn Renée eine Friseurin geworden wäre, sodass sie nicht jedes Mal erneut um einen Termin »bei diesen hochnäsigen Friseusen« betteln müsste. Nun aber schien sie stolz auf sie zu sein, hatte mit Renées Studienplatz im Friseursalon angegeben, und wenn es Renée genau bedachte, hatte ihre Mutter ihr mit dem ungeliebten Vornamen sogar ein bisschen dabei geholfen.

Renée hatte endlich ein Bier in der Hand. An dem würde sie sich festhalten, bis die Aufregung in ihrem Körper nachließ. Sie suchte sich einen Platz am Rand des Kellers, von dem sie einen guten Überblick hatte, und schaute sich um. Erstaunt betrachtete sie die Schlipse und seidenen Krawatten, die zwischen den verbeulten Emailleschildern von der Decke hingen, und überlegte, was es damit auf sich hatte. Das wäre vielleicht eine Frage, über die sie mit dem Mädchen dort ins Gespräch kommen könnte, wenn die Musiker wieder zu spielen begannen. Doch da sah sie, dass das Mädchen den Musikern auf das Podium folgte und die Querflöte zur Hand nahm. Es blickte sich lächelnd nach dem Schlagzeuger um, nickte ihm zu, offensichtlich das Zeichen für ihn, den Takt einzuzählen. Dann holte es tief Luft, setzte die silberne Flöte an die Lippen und blies, wie Ian Anderson höchstpersönlich, hinein. Nicht nur Renée war sofort verzaubert. My God, sie improvisiert tatsächlich My God, dachte Renée. Niemals hätte sie gedacht, dass eine Frau so gut Flöte spielen konnte!

Wahrscheinlich war sie eine Musikstudentin. Ein Junge aus Renées Parallelklasse hatte sich damals an der Musikhochschule Weimar beworben und war nicht angenommen worden, obwohl er in der Schule lange Jahre als Wunderknabe an der Geige galt. Dieses Mädchen hier hatte die Aufnahmeprüfung bestimmt mit Leichtigkeit bestanden und die Aufnahmekommission sofort in ihren Bann gezogen, nicht nur mit ihrem Spiel, sondern mit ihrem ganzen Wesen. Ihr Körper bog sich zu den Flötentönen so leicht und folgerichtig, als bestünde er statt aus Knochen und Muskeln aus einem besonderen Stoff, durch den die Musik wie Wasser hindurchfloss.

Der Applaus war gewaltig. Weitere Zugaben wurden gefordert. So spielten die Musiker mehrmals erneut locomotiv breath an, um sich gleich darauf wieder zu verneigen. Aber der Applaus wurde nur stärker und forderte erneute Zugaben, bis das Mädchen einfach ihre Querflöte auseinanderdrehte und die sich darin angesammelte Spucke unter allgemeinem Gelächter und Gegröle demonstrativ in einen leeren Bierhumpen kippte. Der Gewölbekeller hatte sich weiter gut gefüllt, und Renée fragte sich, wieso so viele zu spät zu diesem Konzert gekommen waren. Doch es stellte sich heraus, dass das gar kein Konzert war, sondern nur eine für alle offene Probe, bei der sich jeden Sonntagabend Studenten in anderer Zusammensetzung trafen, um gemeinsam zu musizieren.

»Jeder, der ein Instrument spielen oder singen kann, ist eingeladen«, sagte der Bassist ins Mikrofon und sah zu einem blonden, schlaksigen Typ am Tresen, neben dem ein Geigenkasten lag.

»Nee! Danke, ich verzichte, blamier mich doch nicht freiwillig nach so ’ner professionellen Nummer«, erklärte er abwinkend, und alle johlten auf, während das Mädchen mit ihrem Flötenetui unter erneutem Jubel und Geklatsche vom Podium stieg und sich zum Ausschank begab. Der Junge hinterm Tresen zeigte auf ein paar Humpen frisch gezapften Biers, die bereits auf die Musiker warteten.

Renée versuchte, das Mädchen im Auge zu behalten, sie war wie gefesselt, konnte sich einfach nicht losreißen, aber es war inzwischen so voll, dass ihr die Leute den Blick verstellten. Deshalb drängelte sie sich, nun schon mutiger, zur Treppe durch. Zwei Stufen über dem Boden hatte sie wieder einen guten Überblick auf den Raum und den Tresen, wo das Mädchen gerade mit großer Geste einen halben Liter Bier hinunterstürzte, als hätte sie tagelang nichts getrunken. Und gleich darauf nahm sie ein weiteres Bier in Angriff. Dafür bekam das Mädchen ebenfalls anerkennende Pfiffe, und als würde sie das noch mehr anfeuern, griff sie nach einem dritten Humpen und nahm einen tiefen Zug, trank ihn aber diesmal nicht vollends aus, sondern knallte das halb volle Glas so fest auf den Tresen, dass ein Teil seines Inhalts überschwappte. Anschließend wischte...


Beck, Michaela
Michaela Beck hat wie ihre Protagonistin Renée in Weimar Architektur studiert. Heute arbeitet sie als Autorin, Dramaturgin und Dozentin. 2023 erschien bei Lübbe ihr großer Familienroman DAS LICHT ZWISCHEN DEN SCHATTEN. Sie lebt mit ihrem Mann in Berlin.



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