E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Beck Chicago in Flammen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96215-437-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-96215-437-0
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Eine Frau, die ihre Vergangenheit vergessen will. Ein Mann, der ein Geheimnis um jeden Preis zu wahren sucht. Ein Feuer, das alle zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Chicago 1871: Louisa ist eine von vielen deutschen Einwanderern - von ihrem tyrannischen Vater wurde sie als eines der berüchtigten Hurdy-Gurdy-Girls in die USA verkauft und muss sich in den Saloons der Goldgräberstädte verdingen. Jetzt aber soll sich alles ändern: Nach dem Tod des Vaters kommen endlich auch ihre Mutter und ihre kleine Schwester Cora zu ihr in die neue Welt. Außerdem hat sie gerade erst den vor kurzem eingetroffenen, charmanten Wilhelm kennengelernt. Was Louisa nicht weiß: Wilhelm ist ein Dieb und Betrüger und zieht sie unwissentlich in seinen Schlamassel mit hinein. Louisa findet sich vor Gericht wieder - und kurz darauf beginnt, was als »Great Chicago Fire« in die Geschichte eingehen wird. Louisa kämpft von nun an um ihr eigenes und das Leben ihrer Liebsten - und erhält dabei Hilfe von unerwarteter Seite ...
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Kapitel 1
Zwei Wochen vor Ausbruch des Feuers
»Damit erwecken wir die Schmetterlinge zum Leben. Die anderen Damen werden Sie beneiden.« Louisa deutete auf die Steine, die in einer Schatulle auf dem Intarsientisch lagen. Mrs Keenan lächelte und Louisa wusste, sie hatte den Auftrag. In diesem Moment klopfte es an der Tür und ein etwa dreißigjähriger Mann stürmte in den Salon.
»Ich suche Vater. Er benötigt juristischen Rat für irgendwelche geheimnisvollen Transaktionen.«
»Dein Vater ist zu Hause?« Mrs Keenan wandte sich Louisa zu. »Hat Sie jemand in die Villa kommen sehen?«
»Der Butler.«
Erleichtert legte Mrs Keenan die Hände auf die Lehnen des mit blauem Samt gepolsterten Rollstuhls. »Gut. Mein Gatte muss nicht erfahren, dass Sie hier sind. Wobei – Ihr Englisch ist hervorragend, kein deutscher Akzent. Allerdings entspricht Ihre Aussprache nicht ganz der hiesigen. Wie das?«
Mrs Keenans Interesse an ihrer Vergangenheit wollte sie bestimmt nicht wecken, daher blieb Louisa tunlichst vage.
»Ich habe eine Zeit lang im Westen gelebt.«
»Sind Sie unter die Goldgräber gegangen?«, fragte Mrs Keenans Sohn.
»Nein.«
Er hob eine Augenbraue. Sein Blick glitt von ihrem Gesicht über ihr bestes Kleid und blieb an dem orangefarbenen Garn hängen, das sie in Händen hielt. Er wandte sich zum Gehen, wohl um weiter nach seinem Vater zu suchen. Da bemerkte er die Schmuckschatulle auf dem Tisch.
»Was macht ihr hier eigentlich?«
»Louisa ist eine wahre Künstlerin mit Nadel und Faden, Marc«, antwortete Mrs Keenan. »Sie wird meine Abendrobe mit Schmetterlingen besticken. Durch die angenähten Smaragde und Rubine werden sie glänzen und wirken, als wären sie lebendig.«
Louisa sah geradezu, wie bei Marc die Alarmglocken schrillten. Das Geläut vom Turm der Feuerwache war nichts dagegen. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich neben seine Mutter.
»Darf ich nach Ihren Referenzen fragen, Louisa?«
»Ich habe für Miss Emma einen Schal bestickt. Sie war so freundlich, mich Ihrer Frau Mutter zu empfehlen.«
»Aha.« Marc Keenan lehnte sich zurück. »Und die Robe meiner Mutter wollen Sie mit diesen Juwelen bestücken.«
»Das ist korrekt.« Louisa blickte ihm direkt in die Augen.
»Nun, es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber Miss Emma ist eine sehr gutgläubige Person.«
»Sie unterstellen mir …«
»Ich unterstelle nichts. Die Steine sollten den Tresor nicht verlassen.«
»Dann wird es schwierig, sie anzunähen.« Louisa biss die Zähne zusammen. Das war ihre Gelegenheit, einen Fuß in die Tür der gehobenen Gesellschaft zu setzen, und dieser Marc Keenan vermasselte es ihr.
Er erhob sich. »Ich glaube, es ist besser, wenn Sie uns nun verlassen.«
»Ich wollte nicht respektlos sein, Sir.« Gerade jetzt brauchte sie den Auftrag so dringend. Sie suchte Unterstützung bei seiner Mutter. »Es tut mir leid, Mrs Keenan. Ich habe mich nur für einen Moment vergessen.«
Marc räusperte sich.
»Mrs Keenan, bitte!«
»Du bist doch ebenfalls oft impulsiv, Marc.«
»Mutter – ich halte das für keine gute Idee. Dein Kleid ist auch so äußerst prachtvoll.«
»Ja, aber …«, wandte Mrs Keenan ein.
»Louisa könnte ein Taschentuch besticken, bevor du sie an die teure Robe aus Paris lässt.«
»Das klingt nach einer ausgezeichneten Lösung«, stimmte Mrs Keenan zu.
Louisa war erleichtert. Er setzte sie nicht vor die Tür. Allerdings konnte sie von einem bestickten Tuch nicht leben. Sie kramte in ihrem Korb, zog eine der Arbeitsproben hervor und reichte sie ihm.
»Exquisit. Doch woher weiß ich, dass die Rosenknospen auf diesem Taschentuch von Ihnen stammen?« Er fixierte sie wie ein Kojote den Hasen. Die Blicke kannte sie. Hörte das nie auf?
»Ich bin überzeugt, Marc. Und mein Kleid wäre einzigartig.«
»Mutter, wir werden einer Frau, die wir nicht kennen, auf keinen Fall Edelsteine anvertrauen.«
»Wie soll sie die sonst auf die Robe nähen?«
»Überhaupt nicht.«
»Mrs Keenan.« Louisa fasste das Naheliegende in Worte, auch wenn sie das Gefühl hatte, daran zu ersticken. »Ich verziere das Gewand in meiner Nähstube mit den Schmetterlingen. Die Smaragde und Rubine bringe ich hier an – unter Aufsicht.«
»So handhaben wir das, Marc, ja?«, fragte Mrs Keenan.
Er verschränkte die Arme vor der Brust.
Irgendetwas musste Louisa einfallen.
»Ich habe eine Idee!« Sie sprang auf. Sofort stellte sich Marc vor seine Mutter. Hatte er Angst, dass sie ihr etwas antat? Louisa kniete sich neben sie.
»Warum Ihren Rollstuhl verstecken? Es erfordert Mut, aber wir können die Räder mit Seidenstoff in der Farbe Ihres Abendkleids bespannen und besticken. Sobald der Stuhl fährt, scheinen die Schmetterlinge zu fliegen.«
Mrs Keenan legte ihrem Sohn die Hand auf den Arm. »Marc, ruft da nicht dein Vater nach dir?«
Louisa hatte nichts gehört. Die Standuhr schlug fünf Mal. Marc schob seinen Stuhl zurück an den Tisch und durchquerte den Salon. Die Klinke bereits in der Hand, drehte er sich um. »Wie unhöflich von mir. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Marc Keenan, Richter Marc Keenan.«
Nachdem Mrs Keenans Sohn den Salon verlassen hatte, besprach Louisa mit ihr die offenen Fragen. Fast verzweifelte sie darüber, wie ausführlich die Dame des Hauses alles bereden wollte. Endlich waren sämtliche Details geklärt und sie schlug die kostbare Robe sorgsam in ein Tuch. In ihrem Bauch kribbelte es, als flatterte dort einer der Schmetterlinge herum, von denen sie den ganzen Nachmittag gesprochen hatten. Sie hatte den Auftrag!
Eines von Mrs Keenans Dienstmädchen erschien mit einem Tageskleid und einigen Blusen, die sie zusätzlich ausbessern sollte. Louisa verstaute die Kleidungsstücke in ihrem Korb. Aus dem Obergeschoss drangen Männerstimmen in den Raum. Mrs Keenan rollte Richtung Tür und lauschte angestrengt.
»Mein Gatte.«
Louisa verabschiedete sich und eilte aus dem Salon ins Foyer. Eine Etage höher schien ein heftiger Wortwechsel stattzufinden. Wenn Marc bei seinem Vater so provokant war wie bei ihr, wunderte sie das nicht. Eine Tür wurde aufgerissen. »Ist dir klar, dass diese Unterlagen auch mich betreffen? Ich bringe sie jetzt sofort in unseren Banktresor, Vater. Wie kannst du sie nur hier im Haus aufbewahren?«
Unwillkürlich hob Louisa den Blick. Eine breite Treppe mit glatt poliertem Handlauf aus Eichenholz führte in den ersten Stock. An deren Fuß stand auf einem runden Tisch eine grau marmorierte Vase, gefüllt mit glutroten Dahlien. Auf dem Treppenabsatz wurden zwei Hosenbeine sichtbar. Marc stürmte nach unten. Da stolperte er und drohte, die Stufen hinabzustürzen. Im letzten Moment ließ er die Papiere in seiner Hand los und fing sich am Geländer. Blätter flatterten in die Eingangshalle. Er fluchte.
Louisa unterdrückte ein Schmunzeln. Das gönnte sie dem selbstgerechten Richter Marc Keenan. Doch dann stellte sie ihren Korb nieder und sammelte die Zettel ein, die auf dem orientalisch gemusterten Teppich gelandet waren. Ein Blatt mit einer Zeichnung darauf hatte sich zwischen den Dahlien verfangen. Sie fischte es heraus. Es handelte sich um einen Plan, auf dem Gebiete unterschiedlich schraffiert waren.
Marc eilte die restlichen Stufen herab.
»Danke schön!« Er riss ihr die Dokumente aus der Hand.
Verblüfft blickte sie ihn an. »Gern geschehen.«
Dem Mann konnte man wirklich nichts recht machen. Louisa bückte sich nach ihrem Korb. Durch die offene Salontür sah sie Mrs Keenan, die ängstlich herausspähte, wobei ihre Aufmerksamkeit dem Obergeschoss galt. Louisa nickte ihr zu und verließ die Villa.
Nun aber rasch zum Hafen. Wenn alles gut ging, würde sie heute Abend feiern. Keinen Gedanken wollte sie mehr an diesen Marc und seine ach so wichtigen Papiere verschwenden.
* * *
An der Reling des Segelschiffs, das mit sanftem Auf und Ab durch die Wellen pflügte, stand Wilhelm. Die unter der Schildkappe hervorlugenden blonden Strähnen und die abgetragene Jacke flatterten im Wind. Die Wassermassen vor ihm erstreckten sich bis zum Horizont. Dieser Lake Michigan war ein richtiges Süßwassermeer.
In der Ferne tauchte Land auf, darauf Häuser, klein wie Spielzeuggebäude. Er beugte sich vor, um die neue Heimat genauer zu betrachten.
Viele Wochen waren vergangen, seit er in Bremen an Bord gegangen war. In New York hatte Wilhelm das erste Mal amerikanischen Boden betreten. Sobald er die Einwanderungspapiere in der Hand hatte, schiffte er sich mit etlichen anderen deutschen Auswanderern erneut ein. Und nun, etliche Tage später, war es so weit. In Kürze würden sie in Chicago anlegen. Immer mehr Menschen drängten an Deck, um einen ersten Blick auf die Stadt zu erhaschen. Wortfetzen flogen hin und her, Kinder zeigten mit ausgestreckten Armen auf die Möwen, Frauen beschatteten ihre Augen, um besser sehen zu können. Nicht nur die Passagiere des Zwischendecks, auch die wenigen, die in den Kabinen die Reise zurückgelegt hatten, deuteten sichtlich erfreut auf das Häusermeer vor ihnen.
Wilhelm erspähte die vollschlanke Piano-Dame. Bereits beim Einschiffen in New York war sie ihm aufgefallen. Sorgfältig hatte sie das Verladen ihres Klaviers überwacht. Während der Fahrt war sie immer wieder in den Laderaum gegangen, begleitet von einem der Offiziere. Vermutlich hatte sie Angst, dass Wasser ihrem Instrument Schaden zufügen könnte.
Unweit von ihm lehnte sie sich an die Reling. Über dem taubengrauen Reisekleid trug sie eine Perlenkette. Samtig weiß schimmerte sie im Sonnenlicht. Seit ihrer Abreise juckte es Wilhelm in den Fingern, sobald er...




