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E-Book, Deutsch, 80 Seiten

Beck Aliter loqueris, aliter uiuis

Senecas philosophischer Anspruch und seine biographische Realität
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8469-0201-1
Verlag: Edition Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Senecas philosophischer Anspruch und seine biographische Realität

E-Book, Deutsch, 80 Seiten

ISBN: 978-3-8469-0201-1
Verlag: Edition Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Ausgehend von der Taciteischen imago vitae suae als bleibendes Vermächtnis Senecas und der dazu in schärfstem Widerspruch stehenden antiken Kritik erfolgt eine Bewertung von Senecas Leben und Leistung, die in differenzierter Betrachtung vier Phasen seiner persönlichen wie philosophischen Entwicklung beschreibt. In einem Anhang ist auch die antike Stilkritik an Seneca berücksichtigt.

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I


lässt Tacitus den im Angesicht des Todes unerschrockenen, standhaften Seneca seine trauernden, klagenden Freunde fragen. Als Vermächtnis hinterlasse er ihnen das, was er als Einziges und doch Schönstes noch hätte, ; er hinterlasse ihnen ein Bild seines Lebens, – so Senecas letzte Worte in der großen Sterbeszene bei Tacitus in seinen ‘Annalen’.1 Das Bild seines Lebens als bleibendes Vermächtnis, das ist eine eindrucksvolle, eine einprägsame Formulierung und zugleich ein großer, vielleicht zu großer, zu selbstbewusster Anspruch, den der Taciteische Seneca sogar ein weiteres Mal für sich erhebt, wenn er den Gedanken an sein Leben zum wirksamsten Trost für seine scheinbar nur widerwillig überlebende Ehefrau erklärt ().

Natürlich ist all dieses kein nachweisbar wörtliches Zitat, es sind nicht unbedingt die Worte des historischen Seneca. Tacitus hat sie ihm in den Mund gelegt; es ist der wirkungsvolle Abschluss seines Seneca-Bildes, das er in den ‘Annalen’ seit Buch 12 mit immer wieder positiven Erwähnungen entworfen hat. Seneca war Tacitus sogar so wichtig, dass er ihm anlässlich seines eine große Rede gegeben hat. Die tatsächlich letzten Worte des bedeutenden Philosophen hat Tacitus dagegen nicht überliefert; sie seien allseits bekannt, und sind uns leider trotzdem verloren. So bleibt die Taciteische – ein Bild des Lebens als Abbild eines Toten, ganz gemäß der römischen Tradition der als Exempel, in Ehren gehaltene Totenbilder und -masken der Ahnen römischer .2 Es ist der Mensch, der Politiker Seneca mit seinem gelebten Leben, mit seiner aktiven Lebensleistung, die für Tacitus in seiner vorausgegangenen Darstellung wichtig ist, die er mit der großartigen Formulierung ausdrücklich zu würdigen und sogar über die direkte Wiedergabe von Senecas letztem philosophischen Bekenntnis zu stellen scheint.3 Und damit ist es nicht der Seneca, den wir heute mit viel zu eingeengtem Blick zu lesen gewohnt sind – Seneca als philosophischer Schriftsteller, wie er uns fast ausschließlich begegnet.

Natürlich ist der Bericht des Tacitus eine literarische Darstellung, es ist die nachträgliche Bearbeitung eines antiken Historikers; es ist kein authentisches Zeugnis, kein Augenzeugenbericht und auch nicht das wohlwollende Bekenntnis eines direkten Freundes oder gar Schülers unseres Seneca, wie sie nach Tacitus’ Erzählung seinen letzten Momenten beigestanden haben. Doch die Seneca zugeschriebenen Worte sind andererseits auch nicht einfach als bloße Fiktion oder gedankenlose Nachschrift einer zeitgenössischen Quelle abzutun, die man mit dem Seneca-freundlichen Fabius Rusticus identifiziert.4 Tacitus hat selbst unter einem schlechten gelitten, hat Tyrannei und Unterdrückung erlebt und ist durchaus in der Lage und willens, eigenständige Urteile abzugeben. Bei der Zeichnung seiner Personen, der dominanten Gestalten der Geschichte, ist oftmals eine negative Verzerrung festzustellen, die auf seine negative Einstellung dem Prinzipat gegenüber zurückzuführen ist. Zudem ist Tacitus selbst ein bedeutender Autor und für antike Verhältnisse bemühter Historiker, der Glaubwürdigkeit für seine Darstellung beansprucht und überzeugend, prägend auf seine Zeitgenossen wie auch auf die Nachwelt weiterwirken will. Wenn Tacitus nun in seiner Sterbeszene ein derart eindrucksvolles Bild von Seneca zeichnet, ihn gar für einen möglichen Nachfolger Neros auf dem römischen Kaiserthron hält,5 wenn er Senecas Leben, die , als bleibendes Denkmal in seinem Geschichtswerk festschreibt, muss er von der positiven Wirkung auf sein Publikum und von der nachvollziehbaren Richtigkeit seiner eigenen Worte überzeugt gewesen sein. Andernfalls hätte er sich und seiner Glaubwürdigkeit als Historiker mit einer solchen Szene nachhaltig geschadet. Seine positive Haltung Seneca gegenüber ist auch sonst stets zu spüren; kritische Bemerkungen sind selten, Ironisierung findet sich beim Taciteischen Seneca gerade nicht.6 Auch wenn Senecas als bleibendes Vermächtnis für uns ein Taciteischer Entwurf ist – weitere und direkt zeitgenössische Quellen wie eben Fabius Rusticus, aus denen Tacitus geschöpft haben mag, sind nicht erhalten –, ist es dennoch ein überaus wertvolles Zeugnis, das in unzweifelhafter Weise belegt, dass man in der Antike Senecas Biographie als vorbildhaft empfinden konnte.

Ausgehend von Tacitus’ markanten Worten sei somit hier ein weiteres Mal die Frage gestellt, wie die von Tacitus gemeint ist und wie sie von Seneca gemeint sein könnte, wenn er selbst eine solche Formulierung ausgesprochen hätte. In konzentrierter Form sei im Folgenden das Leben des für uns so bedeutenden Philosophen nicht lediglich nachvollzogen,7 sondern bewertet und so eine gezielte Auseinandersetzung mit Senecas Anspruch und gelebter Realität versucht8 – ein altes, umstrittenes, viel diskutiertes Thema, das nach wie vor bei einem Mann von höchster Bedeutung ist, der zweifellos als einer der ganz Großen der Antike gilt. Die bekannte Berliner Doppelherme, der einzige antike Beleg für Senecas Aussehen, zeigt auf der anderen Seite das Abbild des Sokrates.9 Selbst wenn Senecas Darstellung nicht der Realität entsprechen sollte, ist die ihn zusammen mit Sokrates zeigende Plastik ein bezeichnender Beleg für seine Wertschätzung.

1 Tac. ann. 15,62,1ff. [-], , 67,3 .

2 Vgl. Mayer (1991/2008) S. 142/300 „That a model is being created Seneca himself observes […] when he says to his wife: . […] in death Seneca crowned his lifelong practice of referring to , by himself becoming one. There is […] something essentially Roman in his aspiration“, Schönegg (1999) S. 28f. „verweist auf den römischen Totenkult. […] Abdruck der Erinnerung […] hinterlässt das Bildnis seines Lebens doppelt: im Wachs der Erinnerung, im Gipsabdruck seiner Schriften. […] unstofflich, […] stofflich“.

3 Vgl. z. B. Griffin (1976) S. 444 „there is a Seneca in whom Tacitus has no interest: the philosopher Seneca“.

4 Koestermann (1968) S. 298 erkennt in den mit Seneca speisenden Freunden (Tac. ann. 15,60,4 ) den Arzt Statius Annaeus und Fabius Rusticus; vgl. im Anschluss 61,3 . Einen Beleg dafür gibt es jedoch nicht.

5 Tac. ann. 15,65,1 ; vgl. als Bestätigung Juv. 8,211ff.

6 Die Sympathie des Tacitus ist ein ehrendes und keineswegs selbstverständliches Werturteil angesichts seiner sonst eher ablehnenden, typisch römischen Haltung gegen ein zu großes Bekenntnis zur Philosophie (vgl. z. B. Agr. 4,3 , 42,5 … ). Die sympathische Behandlung Senecas in Neronischer Zeit ist für den Leser bereits bei seiner ersten Erwähnung unmissverständlich vorgegeben (ann. 12,8,2 …) und erfährt durch die Darstellung seines Todes eine großartige Abrundung (vgl. auch ann. 15,23,4 für Seneca, Thrasea). Seneca ist – zusammen mit Burrus – die positive Gestalt der späten ‘Annalen’-Bücher als Gegengenwicht zu Agrippina bzw. Nero gemäß der Gegenüberstellung von Germanicus und Tiberius am Anfang seines Werkes. Vereinzelte Spitzen sind typisch Taciteisch und nicht überzubewerten (so selbst gegen Germanicus ann. 1,4,5).
Für Tacitus’ Seneca-Bild vgl. z. B. Alexander (1952), Trillitzsch (1971), Griffin (1976), Abel (1985, 1991), D’Anna (2003) mit weiterer Literatur, für die Sterbeszene zuletzt Brinkmann (2002), Zimmermann (2005); ersterer S. 113 mit ausdrücklicher Ablehnung von...



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