E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Bechtle Der Schatten von Tulum
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-627-02301-0
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-627-02301-0
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
J. R. Bechtle, 1943 in Belgien geboren und im Rheinland aufgewachsen, hat mit Der Schatten von Tulum einen packenden Finanzthriller und Abenteuerroman geschrieben. In der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen seine Romane Hotel van Gogh und 1965 - Rue de Grenelle, zuletzt sein Roman Burgkinder (FVA 2018). Er lebt in San Francisco.
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1.
Ungeduldig wartet Jake Friedman seit über einer Stunde auf den Anruf des mexikanischen Finanzministers. Spätestens fünf Uhr, hatte die Sekretärin des Ministers ihm heute Vormittag noch versichert. Unruhig streichen seine Finger über den Schreibtisch. Es ist kurz vor sechs. Seine Partner haben längst das Büro verlassen, nicht ungewöhnlich, er ist meist der Letzte abends in der Firma, wegen der späten Arbeitsgewohnheiten seiner Kunden in Mexiko. Selbst unzuverlässig, was dieser Finanzminister einmal mehr beweist, erwarten sie von ihm, dass er zu jeder Uhrzeit für sie strammsteht. Aber er muss jetzt dringend Schluss machen, um es rechtzeitig vor acht Uhr noch zur Wohltätigkeitsveranstaltung für die Renovierung der Carnegie Hall zu schaffen. Erst ein Konzert des Boston Symphony Orchesters unter seinem Dirigenten Seiji Ozawa, danach das Galadinner im . Ein gesellschaftlicher Höhepunkt in seinem an wichtigen Ereignissen wahrlich nicht armen New Yorker Leben. Natürlich im Smoking, vorher umziehen muss er sich also auch noch.
Vor kurzem hat Jake Friedman seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag gefeiert. Er ist Seniorpartner seiner Investmentbank. Er hat Glück gehabt, denn viele, mit denen er vor knapp dreißig Jahren hier begonnen hat, haben sich im rauen Alltag der Wall Street aufgerieben. Reich sind sie dennoch geworden, ein hart verdienter Lohn für die brutalen und nie endenden Grabenkämpfe in diesem Geschäft. Aber seit einiger Zeit spürt auch er den Druck, den Atem der aufstrebenden jüngeren Partner in seinem Rücken, denen der Senior bei ihrem ehrgeizigen Drang nach oben im Weg steht.
Er hat gut verdient, mehr, als er je für möglich gehalten hatte. Allerdings hat er nie zu den ganz großen Verdienern gehört, was an seiner Spezialisierung auf Lateinamerika und insbesondere Mexiko liegt. Wo niemand ihm so leicht etwas vormacht. Aber die wirklich dicken Geschäfte laufen eben in den USA, mit entsprechenden Honoraren, die erst einmal den an diesen Projekten beteiligten Partnern zugutekommen. Dabei ist er damals nach Abschluss des Studiums an der Columbia Business School ohne besonderen Enthusiasmus in das Investmentbanking eingestiegen. Das extrem analytische Finanzgeschäft war nie seine Sache. Umso verbissener hatte er sich von Anfang an bemüht, diese für sein Geschäft so gefährliche Schwäche zu vertuschen.
Sein Blick streift das auf seinem Schreibtisch aufgestellte silbergerahmte Foto seiner Familie, Sharon und ihre beiden Kinder Alex und Meredith. Das Abbild einer heilen Familie. Vor etwa zehn Jahren aufgenommen. Meredith, damals ein schwieriger Teenager, ist mittlerweile verheiratet, und Alex, sein Sohn, arbeitet heute ebenfalls an der Wall Street. Sharon lächelt in die Kamera: eine gepflegte, elegante Frau, die unverändert bis heute so aussieht wie damals. Dabei weiß er, dass man die kleinen Veränderungen, die sich mit den Jahren einschleichen, nicht wahrnimmt, wenn man gemeinsam durch die Zeit schwimmt und gemeinsam älter wird.
Er gibt sich einen Ruck und steht von seinem Schreibtisch auf, wirft wie gewohnt einen letzten Blick auf den Kalender: der 25. Februar! Für einen kurzen Augenblick hält er inne: Ist das die Erklärung für die seltsame Unruhe, die er den ganzen Tag über verspürt hat? Vor genau dreißig Jahren, an ebendiesem 25. Februar, hat er Mexiko verlassen. Oder ist vor Mexiko geflohen und gerade noch einmal davongekommen.
Die Schlange schwarzer Limousinen bewegt sich schleppend die 57th Street hoch. Der Fahrer setzt Jake und Sharon gerade noch rechtzeitig vor der Konzerthalle ab. Alles, was Rang und Namen im gesellschaftlichen Leben von New York hat, ist bei dem Konzert und dem danach stattfindenden festlichen Abendessen anwesend. Keiner kann sich erlauben, bei diesem Ereignis nicht gesehen zu werden. Jake bietet Sharon zuvorkommend den Arm beim Überqueren des Gehsteigs zum Halleneingang. Ihr dunkles Haar fällt weich über den Kragen des schwarzen Pelzmantels.
Ruckartig hält er an, wäre fast auf den kleinen, silbrig schimmernden Gegenstand auf dem Boden vor ihm getreten. Er hebt ihn auf, unter dem erstaunten Blick Sharons.
»Nein, nichts Besonderes, aber es hätte ja auch eine Diamantbrosche sein können, so wie das glitzerte.«
Neugierig geworden, reibt er die kleine Plakette an seinem dunkelblauen Kaschmirmantel blank. Beim Entziffern des Namens stockt ihm der Atem:
»Und?« Sharon blickt ihn fragend an.
»Der Anhänger eines Hotelschlüssels. Ein Hotel in Mexiko.«
Jake presst die Lippen aufeinander. Er behält die Plakette fest in seiner Hand umschlossen. Tulum ging damals an jenem 25. Februar auch mit unter. Er muss sich beruhigen, hier kein Zeichen zu vermuten, natürlich ist es reiner Zufall. Es fällt ihm dennoch schwer, sich auf die Musik zu konzentrieren. Zudem ist es ein Stück von Elliott Carter, einem Komponisten, zu dem er nie einen rechten Zugang gefunden hat. Eindeutig ein Liebling der Dirigenten und Kritiker, als ob sich bei der Programmgestaltung niemand um das Publikum scherte.
Abwesend reibt er über die kleine Plakette, drückt sie in seinen Handballen, bis es schmerzt. Er kennt das nicht, in Tulum gab es damals keine Hotels. Aber er erinnert sich, Zamas war vor der Ankunft der Spanier im Yucatán der ursprüngliche Maya-Name für die Meeresfestung dort. Seine Gedanken schweifen weiter ab. Das Schicksal lässt sich nicht in die Karten schauen. Letztlich entwickeln sich die Dinge wie von höherer Hand gesteuert. Diese Einsicht hatten ihm damals die Maya im Yucatán vermittelt. Und die Dinge haben sich für ihn extrem gut entwickelt. Vor die Wahl gestellt, würde er heute nichts in seinem Leben ändern, mit nichts und niemandem wollte er tauschen.
In der Pause unterhalten sich Sharon und Jake mit Bekannten. Man lobt die Musik, das Orchester, den Klang. Als würde jeder außer ihm Elliott Carter verstehen, denkt Jake. Der deutsche Generalkonsul nimmt ihn zur Seite.
»Ich hoffe, wir sehen dich morgen bei der Aufsichtsratssitzung der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer, Hans?«
Der Generalkonsul ist der Einzige, der ihn in New York mit seinem deutschen Vornamen Hans anspricht, für alle anderen ist er Jake. Jake A. Friedman. Er unterschlägt die Tatsache, dass er ursprünglich bis zu seiner Einbürgerung vor etlichen Jahren Deutscher war. Man hört es ihm auch nicht an, sein Vater, ein Amerikaner, war nach dem Krieg in München hängen geblieben, hat dort eine Deutsche geheiratet und an einem Gymnasium Englisch unterrichtet. Daher auch Friedman mit nur einem N, was in Deutschland natürlich seltsam ankam, in New York dafür umso mehr passte. Geschäftlich verbindet ihn wenig mit Deutschland, trotzdem hat Jake vor ein paar Jahren den Vorsitz im Aufsichtsrat der Handelskammer übernommen. Als erfolgreicher Wall-Street-Banker mit deutscher Herkunft und einem festen Platz in der New Yorker Gesellschaft entsprach er genau dem Wunschprofil für dieses Ehrenamt.
Während er sich mit dem Generalkonsul unterhält, entdeckt er am anderen Ende des Foyers Jerry Greene, den Managing Direktor seiner Investmentbank, im Gespräch mit dem Chairman der Citibank, gleichzeitig auch Vorsitzender des Verwaltungsrats der Carnegie Hall. Jake vermutet sofort, dass sie über die Übernahme von Bancogran, der Banco Grande Nacional de Mexico, durch die Citibank sprechen. Verdammt, erregt er sich, hier handelt es sich um meinen Deal, ich habe diesen Auftrag persönlich Ricardo Fernandoz, dem Eigentümer von Bancogran, abgerungen, allein auf meine Reputation in Mexiko und meine Kontakte dort geht das Projekt zurück. Jerry Greene ist bei Bancogran überhaupt nicht auf dem Laufenden, und jetzt spielt er sich vor dem Chairman von Citibank damit auf. Impulsiv drängt es ihn zu den beiden hin, gleichzeitig spürt er, dass sie nicht von ihm gestört werden wollen. Dieses plötzliche Gefühl, als sei er doch nicht ganz auf ihrem gesellschaftlichen Niveau, als baue sich eine unsichtbare Wand zwischen ihnen auf.
Als er sich endlich vom Generalkonsul freimacht, sieht er, wie Isaac Stern zu den beiden hinzutritt. Der weltberühmte Geiger, der sich vor ein paar Jahren in einer Einmanndemonstration der Abbruchkolonne in den Weg gestellt hat und so die Carnegie Hall und ihre Tradition als bedeutendste Konzerthalle New Yorks vor dem Aus rettete. Jetzt fühlt sich Jake erst recht ausgeschlossen, um Mexiko kann es kaum mehr gehen, und Isaac Stern kennt er persönlich nicht. Was, wenn Isaac Stern ihn nach seiner Meinung zu dem gerade gespielten Stück von Elliott Carter befragen würde?
Nach der Pause steht die von Berlioz auf dem Programm, eine Glanznummer des Stardirigenten Seiji Osawa. Verstohlen blickt er zu Sharon, die ganz in die Musik versunken ist. Selbstverständlich müssen sie gesellschaftlich hinter niemandem zurückstehen. Und dennoch hat er diese Wand empfunden, eine momentane gesellschaftliche Unsicherheit, er spürt sie immer noch. Eine Wand wie aus Glas, aber eben doch eine Wand.
Er bemerkt, wie er achtlos mit der Hotelmarke in seiner Hand spielt. So etwas wirft man nicht einfach weg, überlegt er, nach dem langen Weg von der karibischen Küste Yucatáns nach New York. Und dann stößt gerade er auf sie.
Vor dreißig Jahren lebten in Tulum nur Maya und ein paar Hippies. Seitdem hat sich diese Gegend wie alles an der Maya-Riviera durch riesige Touristikprojekte verändert. Und er, er hatte nie ein Interesse verspürt, noch einmal dorthin zurückzukehren.
* * *
Vor zwei Tagen war Hans Friedman in Tucson angekommen. Es war Mitte Januar, und doch roch es hier überall nach...




