E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Bechtle Burgkinder
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-627-02260-0
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-627-02260-0
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
J. R. Bechtle, 1943 geboren, im Rheinland aufgewachsen und in München promovierter Volljurist, lebt heute als freier Schriftsteller in San Francisco. In der FVA erschienen seine Romane 'Hotel van Gogh' und '1965 - Rue de Grenelle'.
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1.
Der Fürst
Seit Wochen hat er nicht einen einzigen Satz geschrieben. Er, der erfolgreichste Schriftsteller seiner Zeit. Weit mehr als sechs Millionen verkaufter Bücher, da hält keiner mit, auch der Thomas Mann nicht, niemand.
Warum er gerade jetzt an Mann denkt, den selbstgefälligen Intellektuellen? Der ihn und seine Romane, wenn überhaupt, dann nur herablassend, mit einer demütigenden Bemerkung abtun würde? Ihre gegensätzlichen Visionen von Deutschland: seine die des kaiserlich-nationalistisch geprägten Bürgertums, Manns die einer neuen Republik; seine mit dem Ersten Weltkrieg zerstört und später den neuen Gegebenheiten opportunistisch angepasst, die von Mann verkommen zu einer politischen Illusion angesichts des Erfolgs der Nationalsozialisten.
Dennoch begibt er sich, wie jeden Tag, gegen zehn Uhr morgens in sein Arbeitszimmer. Jeder weiß, dass es dann ruhig sein muss in der Oberen Burg, auf Zehenspitzen an seinem Zimmer vorbei, auch sonst allenfalls ein Flüstern, die lärmenden Enkel abgeschirmt im unteren Stock. Nur Bismarck, seinen rauhaarigen Deutsch Drahthaar, duldet er bei sich schläfrig in seiner Ecke.
Niemand fragt ihn, woran er gerade hinter verschlossener Tür arbeitet. Er ist niemandem Rechenschaft schuldig. Manchmal ertappt er sich dabei, gedankenlos in die Stille zu horchen, Gott weiß wie lange, vergeblich nach einer der Stimmen seiner Söhne suchend, die ihm früher oft wieder neuen Auftrieb gaben: er, der hoch über allem schwebende Adler, sie, seine drei ungestümen Falken. Jetzt sind sie draußen an den Kriegsfronten verstreut, nur spärlich dringen Nachrichten von ihnen zu ihm, seit Langem sind es keine guten mehr.
Die Tischlampe wirft ein blasses Licht über seine Schreibmatte auf dem schweren dunkelbraunen Eichentisch. Unentschlossen steht er hinter seinem Arbeitssessel, abwesend streichen seine Hände über die glatte Lehne. Die Leere der vergangenen Wochen. Unfähig hat er nach Worten, nach einem Sinn gesucht, etwas neu zu sagen oder etwas wieder und diesmal eindringlicher auszudrücken. Seine Augen streifen über die Andenken und Ehrungen, die Bilder und Fotografien, Preise und Würdigungen, die dicht gedrängt den Schreibtisch füllen. Sein Blick verweilt auf dem Bild seiner blonden Frau, der Opernsängerin. Ungewollt breitet sich ein Lächeln über sein Gesicht aus bei der Erinnerung an ihren triumphalen ersten Auftritt in Berlin in der Rolle des Evchens in Wagners . Welten und Ewigkeiten liegt das zurück. Er denkt an ihre gemeinsam gefochtenen Schlachten auf dem Weg zu seinem Ruhm, dem unsicheren Ruhm des Künstlers, über dessen Vergänglichkeit ihn die erfolgreichen Jahrzehnte getäuscht haben.
Und doch war es rückblickend ein glückliches Leben, er will sich nicht beklagen, angetrieben von einem zähen Arbeitswillen und geleitet von festen, untrüglichen Idealen. Es wurde ihm nichts geschenkt, die unzähligen Klippen, die es immer wieder zu überwinden gab. Aber sein Optimismus, der Glaube an sich und vor allen Dingen seine Lebensfreude halfen ihm aus noch so verzweifelten Situationen heraus. Diese Burg am Rhein ist der Lohn für alles, sein Märchenschloss, der ruhende Pol seines unstet tastenden Lebens, in der Öffnung der Rheinebene zwischen Honnef und Unkel gelegen, mit dem Blick auf das Siebengebirge und den Drachenfels, dem Rolandsbogen auf dem gegenüberliegenden Rheinufer, ein Leben im Herzen der deutschen Sagen.
Das hat er sich alles selbst erschaffen, mit Hilfe seiner Frau, ja, aber sonst schuldet er niemandem etwas. Das Glück hat dabei eine Rolle gespielt. Das sprichwörtliche Glück des Hermann Fürst. Aber es kam nie ohne harte Arbeit und Selbstzweifeln. Sein Glück musste erst verdient werden.
Er lässt die Stuhllehne los und begibt sich hinüber ans Fenster. Sein Blick fällt in den winterlich kahlen Park. Kein Schnee, nur silbern der Reif der vergangenen Nacht. Graue Nebelschwaden haben sich in den Ästen der Buchen und Kastanien verfangen, regenschwarze Rinde umwickelt die Bäume, kalter Frost liegt auf dem Dach der Terrasse, die er vom ersten Stock der Burg aus übersieht. Es ist Ende Januar. Das Jahr 1945 steht mit dem Zusammenbruch der deutschen Verteidigung in den Ardennen unter einem schlechten Omen. Unversehens hat dieser Krieg ein anderes Gesicht bekommen.
Er lehnt in der Fenstereinbuchtung und horcht angestrengt nach draußen. Aber nur stumpfe winterliche Stille, der Park liegt leblos, er hört keinen Laut. Und doch, wie eine Ahnung, auch wenn seine Ohren es noch nicht fassen können, das anrollende Getöse der fremden Armeen. Nur noch die Eifel dazwischen, bis der Krieg mit all seiner ehrlosen Barbarei wieder am gegenüberliegenden Rheinufer steht. Zum zweiten Mal in seinem Leben.
Wie er gealtert ist! Kein Verteidigungswille regt sich in ihm, kein wütendes Aufbäumen, allenfalls Resignation, aber auch das nicht einmal. Er hält den Atem an, um besser zu hören. Die Front ist über hundert Kilometer entfernt, und dennoch, der Lärm des Kriegs hat ihn erreicht. Zu trügerisch ist die Stille dieses winterlich vor sich hindämmernden Dorfs am Rhein. Er hat die Verwüstungen im vorigen Krieg erlebt, die aufgerissenen Körper, die erstickten Hoffnungen in den ausgebrannten Städten. Er weiß, dass es diesmal endgültig das Ende seiner Welt bedeuten wird.
Vergeblich sucht er den Drang in sich, der ihn zum Schreibtisch zwingen würde, endlich seine Feder zu ergreifen, seine Waffe, um mit seinen aufwühlenden Aufrufen einen letzten verzweifelten Widerstand in der Bevölkerung zu wecken. Wie anders war das, war er, im vorigen großen Krieg, in dem er unermüdlich in den Schützengräben oder hinter der Front, wohin immer er gerufen wurde, seine mitreißenden Verse über Vaterland, Familie und Freiheit vorgetragen hatte. Spontan verfasste er vor den einfachen Soldaten in vorderster Linie Gedichte über die Helden um ihn und ihre Heldentaten. In seinen erhabensten Stunden begleitete er den Kaiser an die Front und deklamierte seine Aufrufe. Damals wusste er, wofür er kämpfte, wofür all die ehrbaren Helden in seinen Büchern standen. Nichts davon ist geblieben, an das er sich jetzt noch klammern könnte.
Dass ihm gerade heute Thomas Mann nicht mehr aus dem Kopf gehen will! Er erinnert sich noch deutlich, wie er ihn damals im Jahre 1933 verurteilt hatte, als Mann Deutschland den Rücken kehrte. Hermann Fürst hatte ihm keine Träne nachgeweint, so anders in seiner schriftstellerischen Auffassung als er und dann dieser stechende Hochmut. Aber es lag auch eine Verunsicherung in der Aburteilung des anderen: Mann hatte sich bekannt und die Konsequenz daraus gezogen, er stand zu seinen Überzeugungen, genau wie die aufrechten Protagonisten in Hermann Fürsts Büchern ohne Zögern immer alles für die Verteidigung ihrer Werte einsetzten. Aber Hermann Fürst hatte in diesem Moment geschwankt, das weiß er, hatte sich dann die nationalsozialistische Fahne übergestreift, übereifrig und laut. Vielleicht auch aus Sorge, und das war ihm so auch angedeutet worden, dass andernfalls seine Bücher, die das Hehre und Aufrichtige verteidigen sollten, auf die Liste der Verfemten gesetzt und öffentlich verbrannt werden würden. Er war sich erst sicher, dass man seiner Bekehrung Glauben geschenkt hatte, als ihm der Führer im Dezember 1934 zu seinem sechzigsten Geburtstag ein Glückwunschtelegramm sandte.
Aus dem holländischen Exil hatte ihm damals auch der Kaiser seine Glückwünsche übermittelt. Für Hermann Fürst bestand, trotz seiner äußeren Wendung, nie ein Zweifel, wo er hingehörte: Seine großen Romane waren während der Kaiserzeit entstanden, und er hielt diese Zeit später in seinen Büchern in der Person des energischen Industrieherrn oder des strebsamen Besitzbürgers aufrecht. Dort gehörte er hin, das war sein Deutschland.
Er schüttelt langsam den Kopf. Seine Augen wandern ziellos über den frostigen Burgpark vor ihm. Als ob das, wofür er sich mit all seiner Energie eingesetzt hatte, brutal vor seinen Augen zerstört worden wäre.
Lange steht er so gedankenverloren am Fenster. Schließlich wendet er sich wieder dem Schreibtisch zu. Aber er wird auch an diesem Morgen kein Wort zu Papier bringen. Unentschlossen begibt er sich in seine in einer erkerartigen Ausbuchtung im rückwärtigen Teil des Raums gelegene Bibliothek. Seine Bücher, Gedichtbände und Theaterstücke, mit Übersetzungen in vielen Sprachen, füllen eine ganze Regalwand. Liebevoll streichen seine Finger über die Buchrücken. , das erste Buch, mit dem er Aufsehen erregt hatte, , und , sein größter Erfolg. Er nimmt sich die Prunkausgabe zur fünfhunderttausendsten Auflage von heraus. Er hatte das Buch im Jahr 1916 noch in den Schützengräben begonnen, die Geschichte des deutschen Stahls, der Krupps und der Möglichkeiten menschlicher Leistung. Wenn es ihm gegeben gewesen wäre, nur ein einziges Buch zu schreiben, dann .
Er setzt sich in einen der schweren schwarzen Ledersessel am Kaffeetisch in der Sitzecke linksseitlich in seinem Zimmer. In der Mitte des Tischs in einem silbernen Bilderrahmen das Porträt Adolf Hitlers, das ihm anlässlich eines Empfangs in Berlin vom Führer persönlich überreicht worden war. Es steht auf einer runden Häkeldecke, die, wie ihm erstmals auffällt, an den Fransen angegilbt ist. Die muss er schnellstens auswechseln lassen, bevor er die nächsten Besucher hier empfängt, denkt er, man kann heute nicht vorsichtig genug sein, um eventuellen Rückschlüssen vorzubeugen.
Er öffnet und liest laut den...




