Bechtle | 1965: Rue de Grenelle | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Bechtle 1965: Rue de Grenelle


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-627-02227-3
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-627-02227-3
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Politische Intrigen, eine unmögliche Liebe und ein gefährliches Geheimnis führen den Leser in das dunkle Labyrinth des unterirdischen Paris des Jahres 1965. Oktober 1965: Steffen träumt von einem Studium an der renommierten Grand École Science Po in Paris. Für die Aufnahmeprüfung reist der Münchner in die französische Hauptstadt zu seinem Freund André, der ein großes Appartement in der Rue de Grenelle bewohnt. In diesem mit vergilbten Häkeldecken und Brokatvorhängen ausstaffiertem Reich, das André von seiner Tante, einer Gräfin, geerbt hat, scheint die Zeit stillzustehen. André jedoch ist wie ausgewechselt: Anstatt zu studieren, arbeitet er mit fieberhaftem Eifer an einem streng geheimen Projekt: eine Karte des berüchtigten Pariser Untergrunds. Feine Linien markieren uralte Wege und Stollen, in denen im zweiten Weltkrieg Widerstandskämpfer und vom Naziregime Verfolgte Zuflucht fanden. Und Steffen trifft Sarah, eine Jüdin, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Als André auf offener Straße von einem unbekannten Angreifer attackiert wird und immer neue unbekannte Gesichter in seiner Wohnung auftauchen, ahnt Steffen, dass die Karte einem Verbrechen dienen soll. Die Ereignisse überschlagen sich und führen Steffen in den Pariser Untergrund. Verloren im dunklen Geflecht der feuchten Gänge, wird ihm klar, er hat sich weit vorgewagt, vielleicht zu weit. Doch als kein Weg mehr zurückführt, hat er mit einem Mal ein klares Ziel vor Augen. Auf spannende Weise lässt J. R. Bechtle das Paris der 60er Jahre auferstehen. In lebendigen Szenen erzählt er von verdeckten politischen Intrigen, der Arbeit von Geheimdiensten und einer Liebe gegen alle Widerstände, die den Helden in ein weitverzweigtes Netz an Geheimnissen vordringen lässt.

J. R. Bechtle, 1943 geboren, im Rheinland aufgewachsen und in München promovierter Volljurist, lebt heute als freier Schriftsteller in San Francisco. Sein Debütroman »Hotel van Gogh« erschien 2013 in der FVA.
Bechtle 1965: Rue de Grenelle jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Freitag, 15. Oktober 1965


Steffen blickt aus dem Abteilfenster, als der Zug der französischen Grenze entgegenrast. Das ganze nächste Jahr in Paris, das kann er nach dieser Nacht doch kaum noch wollen!

Er nimmt nur unscharf die vorbeihuschende Landschaft wahr. Herbstlich gelb die Weite der Rheinebene, von der Sonne beschienene Wolkenballen schweben über den grünen Bergrücken des Schwarzwalds. Ob Claudia ihn überhaupt vermissen wird?

Er hat sie am letzten Tag des vergangenen Sommersemesters kennengelernt. Kurz danach ist er nach Hamburg gefahren, um sein dreimonatiges Praktikum bei einer Tageszeitung anzutreten. Erst als er vor wenigen Tagen nach München zurückgekommen ist, haben sie sich wiedergesehen. Sie haben die letzte Nacht miteinander verbracht.

»Ich sollte dich eigentlich nicht alleine verreisen lassen«, verabschiedete sie ihn am Morgen.

Unvermittelt hatte die Reise nach Paris, die dazu dienen sollte, die Aufnahmeprüfung an der Grande École Sciences Po abzulegen, ihre Bedeutung verloren. Auch einige Tage bei seinem Freund André werden ihn kaum dafür entschädigen, was er in dieser Zeit mit Claudia in München alles hätte erleben können. André hatte ihn zudem bereits vorgewarnt, dass der Besuch für ihn zeitlich ungünstig käme, da er im Augenblick wahnsinnig viel zu tun habe. Alles sprach gegen die Reise, nur dass er dies in München nicht hatte wahrhaben wollen, und jetzt kommt jede Einsicht zu spät. Missmutig drückt Steffen seine Stirn an das Fenster. Dabei hatte er sich das Studium in Paris an einer der französischen Eliteuniversitäten als Belohnung für den erfolgreichen Juraabschluss vorgestellt. Als er mit sechzehn als Austauschschüler zum ersten Mal bei Andrés Familie zu Besuch war, gab es für André und seine Freunde nur eine Zukunft: nach dem Baccalauréat, dem französischen Abitur, an der Sciences Po, der École Polytechnique oder einer der anderen erstrangigen Pariser Hochschulen zu studieren und danach eine Karriere als Diplomat, Beamter, Bankier oder Unternehmer anzustreben. Während dieser Zeit wollten sie natürlich weiterhin auf den Bänken im Jardin du Luxembourg über Literatur und Poesie diskutieren und lange Nächte in den verräucherten Jazzkellern in Saint-Germain-des-Prés verbringen. Unabhängig sein, angesehen und intellektuell, dafür konnte sich Steffen damals wie heute begeistern.

Das Wintersemester in München würde unmittelbar nach seiner Rückkehr von dieser Reise beginnen. Sein siebtes Semester, ein Jahr war es noch bis zum ersten juristischen Staatsexamen, und dann wartete Paris. Er hat sich einen anspruchsvollen Studienplan vorgenommen, es musste ein Jahr ohne jede Ablenkung sein, und nun erhielten seine guten Vorsätze durch Claudia bereits den ersten Dämpfer.

Als der Zug in den Hauptbahnhof von Straßburg einrollt, verspürt er trotzdem wieder diese Aufregung, die ihn noch jedes Mal bei der Ankunft in Frankreich befallen hat. Er atmet tief durch, seine Stimmung hebt sich. Die Ortsansage auf Französisch, das »Bourg« länger gezogen und weicher als das deutsche »Burg«. Er schnappt französische Wortfetzen auf, sieht farbige Werbeplakate für Gitanes-Zigaretten und Pernod, das überdimensionale Bild von Johnny Hallyday auf einem Anschlag der , ein Plakat des neuesten Films von Alain Delon. Ein anderes Land, es duftet anders, fühlt sich anders an, die Stimmung wandelt sich, ist plötzlich ungezwungen und lebhaft, so erscheint es Steffen jedenfalls. Auch er selbst fühlt sich, wie bei jedem Frankreichbesuch, verändert, als ob er in eine neue Haut schlüpfe, die diesseits der Grenze auf ihn wartet.

Neue Reisende steigen zu. Er bemerkt, wie ihn der Mann auf dem Sitz gegenüber mustert.

»Deutscher?« Eher eine Feststellung.

Steffen nickt, antwortet mit einem kurz angebundenen »Ja«. Dabei spürt er, wie er die Blicke der anderen Fahrgäste auf sich zieht. Der Mann trägt einen gestreiften grauen Anzug, der Stoff eigentlich zu schwer für den warmen Herbsttag. Sein Gesicht ist fahl und faltig, das angegraute Haar glatt zurückgekämmt. Abgestandener Zigarettengeruch hängt an ihm.

»Wohin fahren Sie?«, erkundigt er sich nach einer Weile.

»Paris.«

»Sie sind Student?«

»Ich studiere in München.«

»Wo haben Sie Französisch gelernt?«

»Ich bin häufig in Frankreich gewesen, in Paris, aber auch im Süden.«

»Es gefällt Ihnen wohl hier?«

Er scheint keine Antwort zu erwarten, gedankenverloren wiegt er den Kopf. Schließlich öffnet er seine Zeitung. Buchhalter oder Angestellter, schätzt Steffen, zum Manager hat es wohl nicht gereicht. Dabei denkt er an seinen Vater, erfolgreich als Exportmanager einer Werkzeugmaschinenfabrik in Stuttgart. Beide dürften im selben Alter sein, aber sein Vater macht einen weniger verbrauchten Eindruck. Vielleicht sind es die französischen Zigaretten, die den Unterschied machen.

Hinter Straßburg gehen die Ausläufer der Stadt in eine hügelige Landschaft über. Abgeerntete Felder im Mittagsdunst, die sattgrünen Wiesen sind mit in den Himmel schießenden Pappeln und hängenden Weiden gesäumt. Ein Bild zeitloser Zufriedenheit. Die kleinen Dörfer der Vogesen mit ihren roten Schieferdächern, die sich schützend an die spitz aufragenden Kirchtürme schmiegen. Deutsch klingende Orte wie Marlenheim oder Stephansfeld. Manchmal kann Steffen im Vorbeifahren nur die Namensenden »-dorf« oder »-weiher« erkennen. Er bemerkt, dass sein Gegenüber über den Zeitungsrand hinweg auch aus dem Fenster blickt.

»In dieser Gegend habe ich gegen die Deutschen gekämpft. Gerade erst zwanzig Jahre ist das her.« Er wendet den Blick nicht von der Landschaft ab. »Wie viel Blut hier geflossen ist, genau wie schon im Ersten Weltkrieg.«

Steffen erinnert sich an einen Ausflug vor über fünf Jahren zum Hartmannsweilerkopf, irgendwo hier in der Nähe. Sein Vater wollte ihm und seiner jüngeren Schwester die Überbleibsel der Kriege als Mahnung fürs Leben zeigen. Schützengräben und Bombentrichter ohne Ende, aufgewühlte Erde, Stacheldraht und verrostetes Blech. Und die makellos und gleichförmig angelegten Kriegsgräberfelder. Aber wie seltsam fern und unvorstellbar dies alles beim Blick auf die Gegenwart für ihn war. Ihm fällt seine kleine Schwester ein, damals gerade zwölf Jahre alt, die sich, gelangweilt auf dem Rundgang im Nebel, unvermittelt an ihn wandte. »Weißt du, wie viele hier tot sind?«

»Keine Ahnung«, brummte er, während er über die scheinbar bis ins Unendliche reichenden weißen Kreuze blickte.

»Alle!« Sie lachte ihm ins Gesicht, unbefangen angesichts der bedrückenden Vergangenheit und trotz des missbilligenden Blickes des Vaters.

»Wo war Ihr Vater im Krieg?« Der Mann blickt ihn plötzlich prüfend an.

Steffen ist die aufgezwungene Unterhaltung lästig. Die beiden anderen Mitreisenden in ihrem Abteil, ein biederes Ehepaar, verfolgen ihr Gespräch.

»In Nordafrika, er wurde dort von den Engländern gefangen genommen und hat den Rest des Krieges in verschiedenen Gefangenenlagern in der Wüste verbracht.«

»In Nordafrika unter Rommel? Das war ein Stratege und Soldat, wie es ihn selten gibt, aber am Ende hat er doch verloren, erst in Nordafrika und später in Frankreich.«

In seiner Stimme schwingt Hochachtung mit, aber auch eine gewisse Selbstzufriedenheit. Steffen nickt ihm zu, ohne weiter darauf einzugehen. Er hatte nicht gewusst, dass Rommel auch in Frankreich war. Aber für ihn ist dieser Krieg sowieso abgehakt, Geschichte. Heute, 1965, geht es längst um anderes.

»Ich war auch Kriegsgefangener, bei euch. Nicht lange, aber es war eine schlimme Zeit. Und nun überrollt ihr Deutschen unser Land mit euren Autos, als hättet ihr den Krieg gewonnen. Was studieren Sie denn?«

Zu Steffens Erleichterung greift der Ehemann, der ihm schräg gegenübersitzt, in das Gespräch ein.

»Lassen Sie die Vergangenheit Vergangenheit sein, Deutschland und Frankreich sind heute die Säulen eines vereinten Europas. Die Zukunft unserer Jugend ist eine gemeinschaftliche. Deutsche und Franzosen haben dieselben Interessen.« Seinem Akzent nach stammt der Mann aus dem Elsass. »Mein Sohn arbeitet bei der Niederlassung einer deutschen Firma, in der Nähe von Colmar. Also bitte! Das ist heute alles ganz normal.«

Seine Frau nickt beifällig. Steffens Gegenüber macht eine beschwichtigende Geste.

Steffen ist es seit jeher schwergefallen, die Kriege zwischen Deutschen und Franzosen nachzuvollziehen. André ist sein bester Freund, mit ihm hatte er sich vom ersten Moment an bestens verstanden. Von ihrer Art her sind ihm die Franzosen sympathischer als die Deutschen, wobei er allerdings Frankreich nur von der angenehmen Seite her kennt, das waren Ferien ohne Zwang, ohne Erwartungen, denen er entsprechen musste.

Er blickt wieder aus dem Fenster, die düsteren Wälder der Vogesen ziehen vorbei. Das bedrohliche Dunkel scheint plötzlich gerade hier, trotz allem, bedrückend nah.

»Sie haben recht, und dennoch …«, antwortet sein Gegenüber nach einem Moment des Schweigens. »Nach vier Monaten Kriegsgefangenschaft ließen sie mich wieder frei. Vor dem Krieg war ich Eisenbahner, und sie brauchten die Züge, für ihren Krieg und ihre Transporte, Menschen in Viehwaggons gepfercht. Wir ahnten, wo die Reise hinging, aber wir konnten nicht helfen, hinter uns die SS, bei dem geringsten Hilfeversuch wurde scharf geschossen. Keiner hat eine noch so kleine Geste Menschlichkeit gewagt. Ob jemand Essensreste oder Wasser verteilte, auch bei unerlaubtem Anhalten auf offener Strecke wurde sofort...


J. R. Bechtle, 1943 geboren, im Rheinland aufgewachsen und in München promovierter Volljurist, lebt heute als freier Schriftsteller in San Francisco. Sein Debütroman »Hotel van Gogh« erschien 2013 in der FVA.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.