Beaumont | Veni, vidi, Gucci | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Beaumont Veni, vidi, Gucci


1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-8387-0034-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-8387-0034-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sie kam, sah und siegte: Fran hat ein einzigartiges Talent, Stimmen zu imitieren. Als Synchronsprecherin machte sie Karriere und fand die große Liebe. Jetzt imitiert sie Stimmen zur Freude ihrer beiden Kinder - nur was sie selbst bewegt, hat sie verlernt zu sagen. Und es kommt noch schlimmer: Fran entdeckt, dass ihr Gatte eine Affäre mit der Marketingleiterin von Gucci hat. Wenn sie nicht zukünftig als Desperate Housewife Karriere machen möchte, sollte sie vielleicht häufiger ihrem Mann tief in die Augen schauen als den Boden ihres Weinglases zu betrachten. Point of no return? Mitnichten. Nach ein paar Umdrehungen zu viel schafft es Fran, ihr Leben in den Griff zu kriegen und die Konkurrenz liebevoll in die Tasche zu stecken...

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21


Ich bin so sehr in Gedanken versunken, dass ich, als ich das Gesicht der Frau wahrnehme, im ersten Moment Mitleid verspüre. Als mir gleich darauf klar wird, dass ich gerade mein eigenes Spiegelbild sehe, weicht das Mitleid purem, nacktem Entsetzen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich gehöre nicht einer Gemeinschaft wie den Amish People an, bei denen alles, worin man sich spiegeln kann, verboten ist. Ich weiß, wie ich aussehe; es ist nur so, dass ich es nicht glauben kann. Mein Spiegelbild hat mich eiskalt erwischt, und ich bin fassungslos. Die nach unten zeigenden Mundwinkel, die bläulich grauen Tränensäcke, der Ansatz eines Doppelkinns, die Haare … vor allem die Haare! Ich ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht, um die spröden Borsten, die zornig hervorragen, zu verdecken. Ich richte gerade meinen Kragen, der halb nach oben und halb nach unten geklappt ist, als mich eine Stimme zusammenfahren lässt.

»Ich sagte, Verzeihung«, bemerkt ein junger Mann – der noch ein Schuljunge sein könnte – offenbar nicht zum ersten Mal. Mir wird bewusst, dass ich mitten vor einem Ladeneingang stehe. »Alles in Ordnung?«, fragt er. Er trägt ein Namensschild. Ich nehme an, er arbeitet in diesem Geschäft. »Es ist nur so, dass Sie schon eine ganze Weile hier stehen und auf unser Schild starren.«

»Ach so, ja, sorry«, murmle ich, ohne zu wissen, wofür ich mich entschuldige und wovon er redet.

Dann sehe ich es. Hinter meinem Spiegelbild in der Schaufensterscheibe hängt ein Schild mit der Aufschrift »Räumungsverkauf«. In der Auslage liegen Sportschuhe. Allerdings verkaufen die hier keine richtigen Sportschuhe, sondern farbenfrohe Parodien mit mangelhaftem Knöchelschutz und Plateauabsätzen der Siebziger. Zum Totlachen. Weshalb soll ich darüber traurig sein, dass ein Laden schließt, der Pseudo-Turnschuhe mit Glitzersteinen und Schnürsenkeln in allen Regenbogenfarben verkauft? Ganz richtig, genau meine Meinung.

Erst letzte Woche habe ich wie eine Besessene den Schuhschrank ausgemistet und sämtliche Modeturnschuhe weggeworfen. Fünf Paar, zehn Schuhe. Danach fühlte ich mich wesentlich besser. Ich habe das getan, weil ich es wollte, und nicht, weil ein Kind in der Schule neulich genau solche Turnschuhe anhatte, wie ich sie auch besaß, und eine der anderen Mütter bemerkte, dass die »Schuhmode für Teenies« immer alberner werde.

»Übrigens, Ihre Mütze.« Der junge Verkäufer sieht mich immer noch an. »Limited Edition, nicht wahr? Für so eine würde meine Schwester glatt unsere Oma umbringen. Wo haben Sie die her?«

»Von Selfridges«, antworte ich und ziehe unbewusst den Schirm meiner strassbesetzten Missy-Elliott-Mütze tiefer ins Gesicht, um meine Lüge zu verbergen.

»Sie machen einen Witz, nicht? Die Kollektion war doch sofort ausverkauft. Haben Sie vielleicht besondere Connections oder so?«

Gestatten, Fran Clark, Muse von Missy Elliott. Es ist nur wenigen bekannt, dass Missy (wie ihre engsten Freunde sie nennen) das Design der exklusiven, mit Strass verzierten Baseballmütze anhand eines Modells von Frans Kopf entworfen hat.

Wohl kaum.

Die Wahrheit ist, dass mein Mann sich die Mütze unter den Nagel gerissen hat, um sie mir zu schenken (wie auch meine ganzen »Turnschuhe«, die ich weggeschmissen habe). Er arbeitet nämlich für eine Marketingfirma, zu deren Kunden Adidas zählt – deren Werbepartnerin Missy Elliott ist. Schon paradox, dass ein Designerstück aus einer limitierten Sonderkollektion, das für – und zwar ausschließlich für – modebewusste Teens entworfen wurde, auf dem Kopf einer nicht mehr ganz so jungen Mutter landet. Meine unverdienten Privilegien waren mir auf einmal peinlich. Die Schwester dieses Jungen würde bereitwillig eine enge Verwandte umbringen für ein modisches Accessoire, um das ich nie gebeten hatte und das ich – wie Trinny und Susannah immer hämisch bemerken – definitiv nicht tragen sollte.

Einen Moment lang überlege ich, ob ich sagen soll, dass ich tatsächlich über die richtigen »Connections« (Modedealer, nicht Drogendealer) verfüge, lasse es dann aber. Ich murmle schließlich: »Nein, ich hatte wohl Glück, schätze ich.«

Der Junge grinst mich an und zeigt mir seine Zahnspange. Wie alt mag er sein? »Und Sie sind sicher, dass alles in Ordnung ist?«, fragt er. »Sie wirken nämlich ein bisschen, na ja, verloren.«

Ich sehe ihn an, und er wirkt so niedlich und verletzlich, dass mir die Ungerechtigkeit dieser Welt mit einem Mal bitter aufstößt. Er trägt eine Zahnspange, und in Kürze – wahrscheinlich sobald das letzte Paar Schuhe zum Schleuderpreis verramscht wurde – wird er arbeitslos sein.

»Hier, nehmen Sie.« Ich nehme die Mütze ab, ohne mich um meine Frisur zu kümmern. »Geben Sie sie Ihrer Schwester.«

»Sie verarschen mich, oder?«

»Nein, im Ernst. Außerdem bin ich dafür schon zu alt.«

Ich schenke ihm ein Lady-Di-Lächeln mit gesenktem Blick und leicht schräger Kopfhaltung und warte darauf, dass er sich wie ein Kavalier verhält.

»Aber so eine Mütze können auch ältere Frauen tragen. Missy Elliott ist ja selbst das beste Beispiel dafür.«

Während er lacht, denke ich kurz über seine Bemerkung nach. In der Tat, er hat mich soeben eine ältere Frau genannt. Wer auch immer gesagt hat, dass die Jugend von den Jugendlichen vergeudet wird, war höchstwahrscheinlich schon älter. Bis dieser Knabe hier weiß, wie man »Kavalier« buchstabiert, wird er seine hingeworfene Bemerkung, die der »älteren Frau« einen schlimmen Stich versetzt hat, längst vergessen haben. Mit einem Mal komme ich mir total dämlich vor und möchte nur noch rasch verschwinden. Ich drücke dem Jungen die Mütze in die Hand.

»Aber Sie können sie mir doch nicht einfach schenken«, sagt er und streicht ehrfürchtig über den schwarzen Filz, als würde er die Hiphop-Queen höchstpersönlich streicheln.

»Betrachten Sie es einfach als ein Geschenk von einer Fremden«, sage ich in meiner besten Marlene-DietrichImitation. Fragen Sie nicht, warum. Es schien mir an dieser Stelle passend. Danach drehe ich mich um und trete wieder aus seinem Leben.

Eigentlich habe ich zu tun, und vor einem Schaufenster über mein Spiegelbild grübeln steht sicher nicht auf meinem Tagesprogramm. Haha, mein Tagesprogramm. Das habe ich bereits umgeworfen. Ich sollte im Moment nämlich ganz woanders sein, doch offensichtlich bin ich dort nicht. Aber es macht keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, oder? Schließlich ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Nein, am besten, ich gehe einfach weiter. Und genau das mache ich gerade. Ich entferne mich von dem Sportschuhladen und nähere mich Geschäften, in denen ich vielleicht fündig werde. Nachdem ich mein Vormittagsprogramm komplett über den Haufen geworfen habe, besteht meine einzige Hoffnung, den Tag noch zu retten, darin, wenigstens ein paar nützliche Einkäufe zu erledigen. Meine Einkaufsliste:

Geschenk für Richards Schwester
Winterjacke für Molly
Party-Outfit für mich

Natürlich in dieser Reihenfolge.

Vor einer halben Stunde stand ich kurz davor, für Richards Schwester ein Geschenk zu kaufen. Mein Plan war, kurz bei Liberty hineinzuhuschen und meiner schrecklichen Schwägerin irgendwas zu kaufen, das möglichst teuer aussieht. Aber als ich vor dem Laden stand, zog mich die Carnaby Street magisch an, wie ein Staubsauger.

Der Mensch, der ich früher war, liebte die Carnaby Street – in den guten alten Zeiten. Vor zehn Jahren arbeitete Richard in einem gläsernen Büroturm gleich um die Ecke auf der Great Pultney Street. Durch meine Arbeit war ich häufig in Soho, und dann trafen wir uns immer in der Mittagspause … Wie gesagt, der Mensch, der ich früher war. Eine Frau, die unbefangen trendige Baseballcaps trug, ohne sich um die Blicke der anderen zu kümmern.

Aber diese Frau ist eine Million Meilen weit weg von der, die sich über Turnschuhe mit Plateausohlen lustig macht und sich fragt, was aus der Welt geworden ist. Während ich mich zwinge, zu Liberty zurückzugehen, wird mir bewusst, dass nicht die Welt sich verändert hat, sondern ich mich. Vor zehn Jahren habe ich viel Geld für alberne Klamotten ausgegeben, um meine Individualität auszudrücken. Damals stand das Aussehen noch an zweiter oder dritter Stelle auf meiner Prioritätenliste. »Waschmittel kaufen« tauchte übrigens noch gar nicht auf.

Nachdem ich mich einmal dazu durchgerungen habe, ist es ganz einfach, ein Geschenk für Fiona zu finden: zu Liberty gehen, ein völlig überteuertes (Fiona legt auf so etwas Wert), ledergebundenes Fotoalbum aussuchen, es als Geschenk verpacken lassen – Mission erfüllt. Mollys Jacke ist sogar noch einfacher. Ich betrete H & M in der Absicht, mir die erste pinkfarbene Plüschjacke zu schnappen, die mir ins Auge sticht. Fünf Minuten später verlasse ich den Laden wieder und gratuliere mir insgeheim dazu, dass es mir gelungen ist, eine Jacke zu finden, die sowohl plüschig als auch pinkfarben ist. Nun habe ich sogar noch Zeit, um nach einem Outfit für mich zu schauen, bevor ich die Kinder von der Schule abholen muss. Kurz darauf stehe ich vor Karen Millen – wo ich sicherlich keine modischen Geschmacksverirrungen finden werde, wie ich sie früher getragen habe, aber wenn ich schon einmal hier bin, kann ich doch auch mal nach etwas Vernünftigem Ausschau halten, oder?

Doch offensichtlich hat das keinen Zweck. Ich starre auf die unbestreitbar schöne und elegante Kleidung in der Auslage und gerate stark ins Zweifeln. An einem Model mögen solche Sachen ja gut aussehen, aber an mir?

Vielleicht sollte ich mir die Idee, ein neues Kleid zu kaufen, wieder aus dem Kopf...



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