Bayer | Helmut Kohl und die Deutsche Einheit | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Bayer Helmut Kohl und die Deutsche Einheit

Die Frage nach dem Verdienst
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-6473-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Frage nach dem Verdienst

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-7557-6473-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In den Jahren 1989 und 1990 überschlugen sich die politischen Ereignisse in einer rasanten Geschwindigkeit. Das Tor zu einer möglichen deutschen Wiedervereinigung stand nach dem 9.November 1989 nur einen kleinen Spalt weit offen. Nun lag es an den politisch Verantwortlichen diese historische Chance zu nutzen bevor sich das Tor wieder schließen würde. Welchen Anteil trägt der Kanzler der Einheit tatsächlich an der Wiedervereinigung? Wie bewertet er dies selbst? Was sagen seine politischen Gefährten und Rivalen? Wie beurteilen Gorbatschow, Thatcher, Mitterand und Bush sein Verdienst? Wo zeigen sich Parallelen und Widersprüche und wer trug letzten Endes nun tatsächlich wesentlich dazu bei, dass zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 Weltgeschichte geschrieben werden konnte?

Christian Bayer, Jg. 1983, ist Gymnasiallehrer in Bayern. Er studierte Englische Philologie, Geschichte und Soziologie an der Universität Regensburg.

Bayer Helmut Kohl und die Deutsche Einheit jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


3 Urteil der Hauptakteure
3.1 François Mitterand
Laut Mitterand sei in der jüngeren Geschichte kein Ereignis so bedeutsam wie der Zusammenbruch des Sowjetimperiums gewesen. Außerdem habe er selbst diese Entwicklung bereits Anfang der achtziger Jahre vorausgesehen. So habe er auch gegenüber dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt geäußert, dass die Vereinigung Deutschlands ein logischer Verlauf der Geschichte sein würde.179 In der Tat hatte sich Mitterand bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Helmut Kohl am 3. November 1989 im Rahmen eines deutsch-französischen Gipfels positiv zur Frage einer möglichen deutschen Wiedervereinigung geäußert, solange diese friedlich und demokratisch verlaufe. Nach eigenem Bekunden habe er dies bereits im Juli 1989 vor fünf europäischen Journalisten bekräftigt.180 Bei der Frage nach dem Verdienst an der deutschen Einheit stellt Mitterand zum einen Gorbatschow heraus, der von Anfang an auf Gewalt verzichtet habe. Darüber hinaus komme dem deutschen Volk im Osten große Bedeutung zu: „Das Volk hatte die Macht seiner Herren und ihres Apparats gebrochen, es hatte seine Ängste besiegt, war seinen vielfältigen Wachhunden […] entwischt.“181 Dies waren nach Mitterands Einschätzung nun die grundlegenden Voraussetzungen, die der deutschen Einheit den Weg ebnen sollten. Bundeskanzler Helmut Kohl komme bei der politischen Umsetzung während des Prozesses zur Einheit eine große Bedeutung zu. In diesem Kapitel stehen freilich die von Mitterand (bewusst) hinterlassenen Quellen im Vordergrund, in denen er sich explizit gegenüber der Öffentlichkeit zum Prozess der deutschen Einheit äußerte. Dennoch soll auch an mancher Stelle auf Widersprüche hingewiesen werden, die bei Mitterand besonders auffällig sind. Dass Mitterand seine tatsächlichen Ansichten nicht immer offen und ehrlich ansprach, war bereits bekannt. Die 2010 von der britischen Regierung veröffentlichten „Documents on British Policy Overseas“ verdeutlichen aber, dass das Ausmaß der Diskrepanz zwischen Mitterands öffentlichen Äußerungen und seinen tatsächlichen Ansichten noch weitaus größer war als bisher angenommen. Zuweilen stehen seine durchaus deutschlandfreundlichen Äußerungen gegenüber Kohl in fundamentalem Widerspruch zu dem, was der frühere französische Präsident beispielsweise gegenüber Premierministerin Thatcher äußerte. 3.1.1 Menschliches und der gemeinsame europäische Gedanke Sowohl die deutsche als auch französische Presse sprachen des Öfteren davon, die Beziehung zwischen Kohl und Mitterand sei in den Jahren 1989 und 1990 oftmals sehr angespannt gewesen. Laut Mitterand sei dies Unsinn. Trotz mancher, jedoch nur weniger politscher Differenzen habe man stets in vertraulicher Weise miteinander zusammengearbeitet.182 Mitterand habe Helmut Kohl nicht nur politisch, sondern vor allem menschlich geschätzt. Der französische Präsident stand durch seine politische Gesinnung der Sozialdemokratie freilich sehr viel näher als der politischen Überzeugung des aus Rheinland-Pfalz stammenden konservativen Unionspolitikers Kohl. Dennoch habe der deutsche Bundeskanzler durch seine Menschlichkeit bei Mitterand überaus große Sympathie hervorgerufen und die Zusammenarbeit habe prächtig funktioniert. „Ich war für seinen etwas rauhen Menschenverstand empfänglich, war beeindruckt von seiner Menschenkenntnis und von seiner Fähigkeit, Schläge einzustecken, beeindruckt auch von seiner Intelligenz, deren Schärfe von zu vielen Intellektuellen unterschätzt wurde.“183 Diese Beziehung sei vor allem auch durch den gemeinsamen Willen eines starken und geeinten Europas gefestigt worden. Trotz mancher Meinungsverschiedenheit sei in den 80er Jahren die Beziehung Deutschland-Frankreich stärker als jemals zuvor gewesen. Zu keinem anderen Zeitpunkt hätten ein französischer Staatspräsident und ein deutscher Bundeskanzler so eng zusammengearbeitet und derart enge persönliche Beziehungen gehegt wie unter Mitterand und Kohl.184 Rückblickend auf die Jahre 1989/90 müsse man natürlich vielen Beteiligten großen Dank zollen, insbesondere sei aber Helmut Kohl zu nennen. „Er war für mich, so kann man sagen, ein Gefährte, der mir bei der handwerklichen Arbeit wie beim schöpferischen Denken zur Seite stand, da der Zufall es wollte, da[ss] wir zwölf Jahre politische Verantwortung teilten. Sie sollen wissen, da[ss] ich für seine Zeichen von Freundschaft und zuweilen Zuneigung empfänglich bin, da[ss] sie mich nicht kalt noch gleichgültig lassen. Für mich kann die politische Verantwortung auf affektive Momente nicht verzichten. Man baut nicht nur mit Steinen und Zement.“185 Explizit nennt Mitterand Kohls menschliche Züge und seine Fähigkeit, nachhaltige Freundschaften aufzubauen. Bekanntermaßen hat Mitterand und Kohl die Idee eines geeinten Europas in der Tat miteinander verbunden, sodass die Äußerungen Mitterands sicherlich sein grundlegendes Empfinden gegenüber Kohl widerspiegeln. Auch im Interview mit „L’Express“ im Jahre 1994 äußerte Mitterand noch einmal das Vertrauen in Kohls europäische Ambitionen. Es gebe keinen Zweifel daran, dass „Helmut Kohl ein Europäer von großer Überzeugung [sei].“186 Kohl sei stets jemand gewesen, der Brücken bauen konnte. Die Freundschaft mit Helmut Kohl sei gerade für die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 entscheidend gewesen.187 Der europäische Gedanke und die Europäische Union seien der Boden, auf dem auch künftig zwischen Deutschland und Frankreich „eine enge Beziehung gedeihen [könne]“.188 Auch in den turbulenten Monaten des Einigungsprozesses und der enormen Arbeitsbelastung habe Kohl mehr denn je das europäische Unternehmen im Auge gehabt. Stets habe er mit Kohl die gleichen Ansichten über den Aufbau Europas geteilt, deren Ziel schließlich den Eckstein ihres gemeinsamen Handelns gebildet habe.189 Durch die menschliche Nähe und gegenseitige Sympathie scheint also ein gutes Fundament gelegt gewesen zu sein, auf dem eine konstruktive und erfolgreiche deutsch-französische Zusammenarbeit aufgebaut wurde, die für die Wiedervereinigung mitentscheidend war. 3.1.2 Politische Ansichten 3.1.2.1 Der Zehn-Punkte-Plan In Mitterands „Über Deutschland“ fällt das Urteil über Kohls Zehn-Punkte-Plan insgesamt ausgesprochen positiv aus. Generell habe der Kanzler während des gesamten Prozesses der Wiedervereinigung besonnen und mit Weitblick gehandelt und sei stets behutsam vorgegangen. Fast klingt es so, als sei Kohls Initiative die einzig logische Konsequenz der Umstände im November 1989 gewesen. So erläutert Mitterand, dass die politischen Rahmenbedingungen und die Entwicklungen im Osten den Kanzler förmlich dazu gezwungen hätten, mit einem Programm die Initiative zu ergreifen und aktiv zu werden. Kohl habe eingreifen müssen bevor ihm andere das Heft aus der Hand hätten nehmen können. Ebenso dementiert Mitterand Presseberichte aus dem Jahr 1989, die besagen, dass er Kohls Zehn-Punkte-Plan kritisiert habe.190 Generell sei oft in Bezug auf die Beziehung und Zusammenarbeit zwischen ihm und Kohl viel Unwahres berichtet worden. Eine deutsch-französische Krise habe es niemals gegeben. Freilich habe es etliche Diskussionen und Debatten gegeben und reine Harmonie sei ja nie vorherbestimmt. Die Presse habe allerdings maßlos übertrieben. Besonders hervorzuheben sei, dass er selbst nie den Wunsch geäußert habe, die zur „Gewissheit gewordene Einheit der Deutschen aufzuhalten.“191 Eine aufmerksame Lektüre der Zehn-Punkte würde zeigen, dass Kohl niemanden habe verunsichern wollen. Zwar sei es nicht Mitterands Absicht, etwaige Meinungsverschiedenheiten gänzlich abzustreiten. Man könne insgesamt aber nicht davon sprechen, dass er die Politik Kohls kritisiert habe. Nie habe er das Recht des Kanzlers bestritten, initiativ zu werden. Kohl habe seine Figuren auf dem Schachbrett sehr geschickt bewegt, dabei aber nie gegen die Spielregeln verstoßen. In den deutsch-französischen Beziehungen habe es zu dieser Zeit keinerlei Dissens gegeben.192 Man habe sich auf Kohl und die Bundesregierung in Bonn, die während des gesamten Einigungsprozesses stets mit großer Vorsicht gehandelt habe, zu jeder Zeit verlassen können.193 Mit dem Zehn-Punkte-Plan habe sich Kohl, ein „deutscher Patriot“, zur rechten Zeit an die Spitze der Einigungsbewegung gestellt und gleichzeitig „klug“ vermieden, einen genauen Zeitplan aufzustellen und zu benennen.194 Mitterand habe sich nie für eine Fortdauer der deutschen Teilung ausgesprochen. Die deutsche Einheit habe den Frieden in Europa ja nie...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.