Bayer | Geschichten mit Marianne | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Bayer Geschichten mit Marianne


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-99027-175-9
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-99027-175-9
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Es beginnt immer bei Null, frisch und unschuldig, mit einem harmlosen Vorhaben, einer nicht ganz alltäglichen Aufgabe oder der Idee zu einem kleinen Abenteuer. Das kann ein Waldspaziergang sein, ein Ausflug zu einem Perchtenlauf, ein Besuch auf einem Flohmarkt oder in einem Swingerclub, eine Prüfung, die als Spiel nur schlecht getarnt ist. Und immer sind es dieselben zwei, er und Marianne, die sich am Ende einer Wirklichkeit ausgesetzt sehen, in die das Unerwartete mit dem ganzen Schrecken eines Alptraums einbricht, der blanke Horror, etwas, das sich ihrer Kontrolle entzieht und dem nicht zu entkommen ist. Auch wenn es sie das Letzte kosten könnte, sie riskieren es, als gäbe es auf dieser Welt nichts mehr zu verlieren.Xaver Bayer erzählt das Ungeheuerliche ohne Rührung und mit einer Neugier, die vor keinen Konsequenzen zurückschreckt. Dieser Kompromisslosigkeit verdankt sich eine Literatur, die unsere Haltung zum Leben und dem, woran wir angeblich hängen, auf Herz und Nieren prüft.

Geboren 1977, lebt in Wien.
Bayer Geschichten mit Marianne jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


I


Versteckt auf den Dächern und hinter manchen Fenstern in der Fußgängerzone im Zentrum der Altstadt, dort, wo die Dichte an Luxusartikelgeschäften, Banken und Nobelrestaurants am höchsten ist, haben seit heute acht Uhr Früh Scharfschützen begonnen, wahllos auf Passanten zu schießen. Außerdem haben Terroristen Geiseln genommen und sich mit diesen in anliegenden Geschäften, Lokalen und Hotels verschanzt. Vorsichtigen Schätzungen zufolge, wie es im Radio heißt, wurden bislang rund dreißig Menschen getötet, eine Zahl, die vermutlich untertrieben ist, denn allein in dem Bereich, der von der Wohnung von Mariannes Eltern, wo wir uns seit gestern Abend befinden, einsehbar ist, können wir einundzwanzig Tote zählen, und die Fußgängerzone verläuft rauf und runter viel weiter, als unser Blick reicht.

Eines der Häuser am Anfang des Einkaufsboulevards ist halb eingestürzt und steht in Flammen, weil sich ein Attentäter in die Luft gesprengt hat, als ein Sonderkommando der Polizei das Dach stürmen wollte. Niemand scheint zu wissen, wo überall Sniper postiert und wie viele Terroristen insgesamt an der Aktion beteiligt sind. Die Innenstadt ist abgeriegelt, es herrscht Ausgangssperre. Von unseren Fenstern aus sehen wir Blutlachen, wo Fußgänger niedergestreckt wurden, manche liegen noch da, andere hat man zu bergen versucht, aber auch auf die Rettungskräfte wird gefeuert, davon zeugt unter anderem ein ausgebrannter Ambulanzwagen. Auch einen toten Kameramann sehen wir. Hubschrauber kreisen seit Stunden über der Stadt. Angeblich haben die Terroristen in der Zwischenzeit einen von ihnen abgeschossen, darüber herrscht jedoch noch Unklarheit in den Medien. Hundertschaften von Polizisten in kugelsicherer Montur und beigezogene Militäreinheiten haben sich in den umliegenden Gassen postiert. Mehrere kleine Panzer haben mittlerweile in der Fußgängerzone Aufstellung genommen. Momentan verhalten sich die Angreifer still. Allerdings ist die Luft von Rauch und Sirenengeheul erfüllt, und immer wieder hören wir Schmerzensschreie von Verletzten.

Heute soll der heißeste Tag des Jahres werden, wie der Wetterbericht bereits seit einer Woche prophezeit, das kommt noch dazu. Der erlösende Regen wird gegen Abend erwartet oder gar erst in der Nacht. Gegenwärtig sind keine Wolken am Himmel. Marianne ist seit geraumer Zeit in der Küche, und ich habe es mir auf einem Sofa gemütlich gemacht. Nur hin und wieder gehe ich an die Fenster und teile ihr mit, wie die Lage ist. Wenn ich sie frage, ob ich ihr denn nicht behilflich sein solle, antwortet sie jedes Mal, es gehe schon, sie habe alles im Griff.

Eine Weile verfolge ich den Live-Stream eines Nachrichtensenders auf Mariannes Tablet, erkenne einmal kurz sogar unser Haus, aber dann denke ich mir, wie absurd, und dass ich das Ganze schließlich auch hautnah haben kann. Also stelle ich mich wieder an die Fenster, äuge auf das Dach und die Fassade des Gebäudes vis-à-vis, und als ich niemanden sehe, strecke ich meinen Kopf hinaus. In dem Augenblick macht einer der Sicherheitsleute vom Juwelier gegenüber dasselbe, er streckt seinen Kopf für einige Sekunden aus der Eingangstür, schon knallt es. Er bricht zusammen, weitere Schüsse fallen. Rauchkartuschen werden in die Mitte der Fußgängerzone geworfen und vernebeln den Abschnitt, offenbar will man den Mann bergen. Da bringt eine sehr laute Detonation ein paar von den Fenstern auf der gegenüberliegenden Häuserfront zum Bersten, Schreie, weitere Salven, und dazu unausgesetzt die Alarmsirenen irgendwelcher Nobelgeschäfte, was mich letztlich veranlasst, die Fenster zu schließen.

«Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?», rufe ich in die Küche.

«Ist bald fertig, danke!», kommt Mariannes Antwort.

Also nehme ich ihr Tablet, verbinde es mit den Lautsprechern und wähle eine ihrer Playlists aus. Es ertönen die ersten Takte der von Edward Elgar. Ich schalte wegen des Lärms von draußen lauter, dann schlendere ich ein bisschen durch die Räume der weitläufigen Wohnung. Hohe Plafonds, alles großzügig eingerichtet, hauptsächlich mit alten chinesischen Möbeln, orientalischen Teppichen und indischen Stoffen, hölzernen und steinernen Skulpturen aus Südamerika, afrikanischer Stammeskunst. An den Wänden hängen Bilder bekannter Maler der europäischen und amerikanischen Moderne, und in jedem Zimmer gibt es mindestens eine Regalwand mit Büchern, deren Wert man schon an ihren Rücken zu erkennen glaubt.

Marianne hat sich für diesen Tag sichtlich gut vorbereitet. «Voilà, hier ist das heutige Menü», höre ich sie knapp neben mir und erschrecke, weil ich sie wegen der Musik gar nicht kommen gehört habe. Sie reicht mir ein gefaltetes Blatt Büttenpapier. Ich öffne es und lese den Menüplan, der, in kalligraphischen Lettern geschrieben, eher an eine alte Staatsurkunde oder einen Kodex erinnert:

Dazu gibt es begleitend ausgewählte Weiß-, Rot- und Schaumweine, abschließend Likör und Kaffee, wie ich lesen kann. Zigarren werden gereicht.

«Nicht übel», sage ich und pfeife anerkennend durch die Zähne.

«Du kannst schon Platz nehmen», meint Marianne und verschwindet wieder in der Küche. Ich begebe mich in den Salon, wo der Tisch bereits gedeckt ist. Auch hier werfe ich einen kurzen Blick durch die Fenster, doch nichts hat sich draußen geändert, außer dass jetzt auch noch Paramilitärs beteiligt zu sein scheinen. Man sieht einige vermummte Gestalten umherlaufen, die Phantasieuniformen tragen, Hooligans vielleicht, denke ich.

Und schon ist Marianne mit zwei Champagnerkelchen da. Ich bedanke mich, wir lächeln und stoßen auf unser Wohl an. Marke und Jahrgang flüstert mir Marianne ins Ohr.

«Unvergleichlich», antworte ich, ebenfalls flüsternd, dann setzen wir uns an den Tisch und beginnen mit dem Mahl.

Ich bin überwältigt. Jeder Gang von Mariannes Menü scheint den vorherigen zu übertrumpfen. Wie sie das gemacht hat, ist mir ein Rätsel, die Speisen sind ideal temperiert, und stets ist mein Glas voll. Von allem ist gerade so viel auf dem Teller, dass man des Gerichtes nicht überdrüssig wird.

«Ich habe gar nicht gewusst, dass du so phantastisch kochen kannst», lobe ich Marianne.

«Ich auch nicht», erwidert sie.

Zwischen dem letzten Hauptgericht und der ersten Nachspeise frage ich dann, ob sie mir nicht einmal erzählt habe, dass ihr Vater ein paar Gewehre besitze.

«Und ob.» Sie lacht und führt mich ins Schlafzimmer ihrer Eltern, zieht die Bettlade heraus, und darin liegt ein halbes Dutzend Jagdgewehre, von denen ich zwei an mich nehme.

«Und die Munition?», frage ich.

«Hier, bitteschön, alles voll», sagt Marianne, öffnet den begehbaren Kleiderschrank ihrer Mutter und drückt mir einen Louis-Vuitton-Koffer in die Hand.

«Dankeschön», antworte ich und trage die Gewehre und den Koffer in den Salon.

Während Marianne die Radetzky-Kipferl aus der Küche holt, inspiziere ich die Gewehre. Es handelt sich um zwei Mannlicher Schönauer im Kaliber 6,5×54, österreichisches Qualitätsfabrikat, in tadellosem Zustand, und die Patronen in dem Koffer sind sogar Vollmantelgeschosse. Mittlerweile hat die Musik aus dem Nebenzimmer zum zweiten Lied der von Maurice Ravel gewechselt.

Als Marianne mit den nächsten zwei Tellern wiederkommt, lege ich die Waffen beiseite, wir essen bedächtig und lauschen der Musik. Als wir bei der letzten Nachspeise angelangt sind, durchschlägt eine Kugel eines der Fenster und durchbohrt ein Bild von Franz Marc, das über dem Tisch hängt, an dem wir sitzen; das Projektil geht genau durch die Brust des darauf dargestellten Pferdes. Und wenig später klirrt wieder eine Scheibe, und diesmal durchbohrt das Projektil einen Andy Warhol weiter links an der Wand, einen aus der Serie .

«Was für ein komischer Zufall», sage ich, und Marianne nickt.

Sie geht ein weiteres Mal in die Küche und kehrt mit einer kleinen Tasse Kaffee zurück, die sie vor mich auf den Tisch stellt.

«Danke», sage ich und nippe daran.

«Mit Kardamom», fügt sie hinzu.

«Danach schaffe ich aber wirklich keinen Bissen mehr», stöhne ich und wische mir nach dem letzten Schluck mit der Serviette über die...


Bayer, Xaver
Xaver Bayer, geboren 1977 in Wien. Mehrere Auszeichnungen, u.a. Hermann-Lenz-Preis 2008, Österreichischer Buchpreis 2020, Robert-Musil-Stipendium 2023. Zuletzt erschienen: »Poesie« (2023), »Heute könnte ein glücklicher Tag sein« (2025, Neuausgabe seines Debütromans).

Geboren 1977, lebt in Wien.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.