E-Book, Deutsch, Band 3, 517 Seiten
Reihe: Die Chroniken der Akkadier
Bay Höllentrieb
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7386-3495-2
Verlag: BoD E-Short
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Chroniken der Akkadier 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 517 Seiten
Reihe: Die Chroniken der Akkadier
ISBN: 978-3-7386-3495-2
Verlag: BoD E-Short
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jordan Bay, Jahrgang 1984, fühlte sich schon als Kind von fantastischen Welten angezogen und malte, ehe sie mit dem Schreiben begann. 2011 erschien ihr Debütroman SEELENGOLD im Rahmen der Romance Fantasy-Reihe "Die Chroniken der Akkadier", gefolgt vom zweiten Band LICHTPFADE im Jahr darauf und HÖLLENTRIEB in 2015. Mit Kurzgeschichten zum Horrorserial HL Weens Schockstarre entdeckte die Autorin eine Vorliebe für blutige Gemetzel. Heute lebt Jordan Bay zusammen mit ihrem Mann, dem 2012 zur Welt gekommenen Sohn und zwei Nacktkatzen im altmärkischen Stendal und widmet sich neben dem Schreiben gern der Fotografie. HOMEPAGE www.jordanbay.de
Autoren/Hrsg.
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1
Schattenseite Enûmas, Gegenwart
Jolinas Locken blieben an einem Ast hängen. Sie rannte weiter, ohne den Schmerz zu beachten, hetzte durch die Dunkelheit des Waldes und riss sich Kleidung und Haut auf. Ihr Atem rasselte durch die Lungen, ihre Beine protestierten. Hinter ihr näherten sich die Lichter. Moali – so hatte Daman sie einst genannt. Mit einer dieser Kreaturen hatte Jolina bereits auf der Lichtseite des Götterreiches Bekanntschaft gemacht. Diese Fleischfresser projizierten Trugbilder bei ihren Opfern und machten sie damit gefügig, um sich genüsslich zu sättigen. Die Halbgöttin wusste, wie friedlich sich dieses Gefressen werden anfühlen konnte. Mit welcher Selbstverständlichkeit man die eingeflößten Bilder auf sich wirken ließ und alles um sich herum vergaß. Doch dieses Mal gab es keine besänftigenden Erinnerungen, die ihr in den Kopf gepflanzt wurden. Diesmal gab es eine Hetzjagd.
Jolina rannte durch den Wald, sprang über Baumstämme, duckte sich unter Ästen und verfluchte Bogen und Köcher, die bei jedem Schritt gegen ihren Rücken schlugen. Damit hatte sie keine Chance gegen die Meute. Helfen würde jetzt ein wutschnaubender Sator . Zum Beispiel jener, der sie auf die Kehrseite gebracht hatte. Doch Jolina war allein in dieser Finsternis angekommen. Von Daman und seinem Freund Goran, dem stierähnlichen Alimbû, fehlte jede Spur.
Das hatte sie nun davon. Abenteuer, eine Herausforderung hatte sie gesucht. Etwas vollkommen anderes, als die stupide Ahnentätigkeit als Tochter einer Kriegsgöttin, die seit zigtausend Jahren ihr Leben bestimmte. Ob das undankbar war? Natürlich war es das. Jolina hatte ihrer Mutter und den Brüdern, selbst ihren Akkadiern auf der Erde mit Durchschreiten des Tores Baskhardan den Rücken zugekehrt. Hatte sie alle im Stich gelassen. War freiwillig ins Exil gegangen. Wer zu solcher Dummheit fähig war, gehörte wohl hierher.
Dann war da noch die Sache mit dem Sator, besser gesagt dem König der Satoren, der sie nicht grundlos begleitet hatte. Denn nur ein Mann des Feuervolkes konnte die blauen Flammen zur Kehrseite überstehen und Jolina den Durchlass ermöglichen. Daman hatte fürchterliche Verbrennungen davongetragen, und Jolina sorgte sich ungeachtet ihrer eigenen Situation um ihn.
Sie stieß mit der Schulter gegen einen Baum und kam ins Straucheln. Ihre rechte Sandale verfing sich an einer Wurzel. Jolina stürzte und schlug mit dem Kopf gegen harte Rinde, versuchte sich wieder aufzurappeln und konnte in der Dunkelheit doch kaum etwas erkennen. Das röhrende Grunzen der Moali wurde lauter. Ihre Lichter kamen näher. Die Halbgöttin stolperte vorwärts, stützte sich an den Bäumen ab. Etwas Scharfes erwischte ihr linkes Bein. Jolina schrie auf, konnte aber entkommen.
Wo zum Teufel steckten Axt schwingende Alimbû und gehörnte Satoren, wenn man sie brauchte?!
Die Halbgöttin rannte so schnell, wie sie konnte. Doch plötzlich gab die Erde unter ihren Füßen nach. Die Bäume beugten sich nach außen und wurden eins mit dem Boden. Der Wald verformte sich, verschwand und wurde zu einer weitläufigen Ebene. Daman hatte es angekündigt – die Landschaft der Kehrseite besaß ein Eigenleben. Ob das von Vorteil war, würde sich noch zeigen.
Jolina tauchte von einem auf den anderen Moment in eiskaltes Wasser, das ihre Kleidung sofort durchdrang. Ein reißender Strom zerrte sie flussabwärts. Panisch versuchte sie, an der Oberfläche zu bleiben. Hatte nie zuvor schwimmen müssen. Ob sie unter Wasser atmen konnte, wusste sie nicht.
Jolina wurde um ihre eigene Achse gewirbelt. Die Moali hetzten auf allen vieren am Ufer entlang. Es mussten an die zwanzig sein. Lange krallenbesetzte Gliedmaßen saßen an einem knochigen, von schwarzer Lederhaut umspannten Körper. Die Köpfe glichen nackten Raubtierschädeln mit fangartigen Zähnen, und über leeren Augenhöhlen prangte das verführerische Licht. Doch bevor Jolina in dessen Bann gezogen wurde, zerrte sie der Fluss um eine Kurve und ließ sie untertauchen. Wasser flutete ihren zum Schrei geöffneten Mund, drang kalt in ihre Lungen und versetzte ihren Körper in Todesangst. Sie riss die Augen auf und sah nichts als Finsternis. Kämpfte sich hustend wieder hoch. Jolinas Kopf stieß gegen einen Stein, und das Wasser trieb die Luft aus ihren Lungen. Ihre Knie schrammten über den scharfkantigen Wassergrund. Ein letztes Mal noch sah sie die weißen Lichter. Dann stürzte der Fluss in die Tiefe.
Jolina fiel rückwärts ins Bodenlose. Kalter Wind peitschte über ihre nasse Haut. Sie sah die Wassermassen über sich, spürte ihre tonnenschwere Last. Und schlug mit dem Rücken auf Beton, so fühlte es sich an. Ein schriller Schmerz trieb ihren Adrenalinpegel an die Grenzen zur Bewusstlosigkeit. Dann verschwand das ohrenbetäubende Rauschen wie unter einer Glocke. Wasser schloss sich über ihr und drückte sie nach unten. Die Zeit kam zum Stillstand. Schwärze verschluckte sie. Sie hörte nichts. Atmete nicht. Verlor jegliche Kraft.
Jemand zerrte an ihrem Körper, zog sie aus dem Wasser auf kalten Sand. Als Jolina zu sich kam, lag sie am Ufer und hörte den Fluss tosen. Ihre Lungen verlangten panisch nach Luft und stießen das eingeatmete Wasser aus. Jolina beugte sich zur Seite. Spuckte und hustete. Ihr Rachen kratzte. Ihr Brustkorb schmerzte. Aber sie schien in Sicherheit zu sein.
Etwas schnaufte.
Jolina zuckte zusammen und hielt inne. Öffnete die Augen und sah zwei riesige Pfoten, deren dunkle Klauen sich langsam in den Boden gruben.
Es schnaufte erneut.
Den Pfoten folgten muskulöse Vorderläufe, die in einen breiten Brustkorb übergingen. Den Hals stolz gereckt, schaute eine Kreatur auf sie herunter, von der sie bislang nur gehört hatte. Das dunkle Fell verdichtete sich am Kopf zu Federn. Und über einen massigen Schnabel hinweg blickten sie zwei aufgeweckte Vogelaugen an.
Der Löwengreif schnaufte warme Luft in ihr Gesicht, drehte den Kopf in einem unnatürlichen Winkel und blinzelte mehrmals. Über sich hörte Jolina die Moali grölen. Sie hockten geifernd an der Klippe und schienen nur darauf zu warten, dass der Fluss wieder verschwand. Dann gäbe es einen Kampf ums Futter – Anzu gegen Moali. Wer durfte die Halbgöttin zum Frühstück verspeisen?
Jolina versuchte sich zu teleportieren. Wohin, war egal. Doch etwas hinderte sie. Natürlich, die Kehrseite stellte ein Vakuum im Raum dar. Man konnte weder davonfliegen noch sich zur Lichtseite durchgraben und schon gar nicht fort teleportieren.
Prima.
Der Anzu kam einen neugierigen Schritt auf sie zu, sodass sein Schnabel fast ihre Wange berührte. Sie spürte seinen Atem auf der Haut. Das Herz schlug ihr in der Kehle. Reichten ihre Kräfte, um den Greif auf Abstand zu halten oder würde sie die Lage damit nur verschlimmern?
Plötzlich fuhr das Tier herum, als hätte es ein Geräusch gehört. Baute sich in Angriffsstellung vor ihr auf und breitete seine Flügel zur vollen Spannweite aus. Der Schwanz schlug hin und her, sodass Jolina ihm ausweichen musste. An dem muskelbepackten Körper vorbei warf sie einen Blick auf den angrenzenden Wald. Womöglich stellte der Anzu keine schlechte Alternative zu dem dar, was dort kommen mochte.
Der Greif gab ein Fauchen von sich und bauschte das Fell. Er schüttelte die Flügel und kreischte so laut, dass es Jolina durch Mark und Bein fuhr. Als Antwort bekam er das Brüllen eines Kolosses. Eine riesige Gestalt sprang aus dem Unterholz und landete donnernd vor ihnen. Schwarz und unheilvoll stellte sich der Mann dem Ungetüm wie eine Wand entgegen, starrte es aus silbrigen Augen an und richtete die hellen Hörner gen Himmel.
Da war er, ihr Sator.
Daman hatte sich noch nicht oft einem jungen Löwengreif in den Weg gestellt. Aber seine kleine Göttin hatte sich nach ihrer Ankunft auf der Kehrseite direkt ins Unheil gestürzt. Gehörte zu ihren Talenten. Das hatte er auf ihrer gemeinsamen Reise schon bemerkt. Zum Glück befand sich zwischen ihnen und den Moali ein Fluss.
Vollkommen durchnässt saß Jolina hinter dem schönen Anzu und wusste vermutlich nicht, dass ihre schwarze Bluse dank der Nässe Brüste und Nippel schamlos zu Schau stellte. Auch so ein Talent – dem Sator den Kopf verdrehen. Sie blickte ihn hoffnungsvoll an. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten wie Sonnenlicht und betonten die langen, dunkelroten Wimpern. Ihre Wangen glühten vor Anstrengung, die Unterlippe zitterte. Und ihre Brust hob und senkte sich gehetzt, sodass Damans Blick unwillkürlich tiefer rutschte.
„Weißt du eigentlich, mit wem du dich da angelegt hast?“, rief er über das Rauschen des Wasserfalls hinweg.
Sie schaute zwischen ihm und dem Anzu hin und her, wirkte vollkommen verunsichert.
Daman ignorierte den Schmerz seiner Verbrennungen und ging langsam auf das Tier zu. Es schüttelte seine Flügel und neigte den Kopf, blinzelte neugierig. Der Sator streckte eine Hand aus und berührte den Greif vorsichtig unterhalb des...




