E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Die Schweizer
Bay Der Tag an dem wir Schweizer wurden
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-3721-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Die Schweizer
ISBN: 978-3-6957-3721-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich bin wie eine Wand, die niemals bricht. Nach diesem Motto lebe und arbeite ich. Thomas Bay ist 1965, im Jahr des blauen Beatles-Albums, geboren. Aufgewachsen in der Kleinstadt Bingen am Rhein, einem ehemaligen Römerkastell. Nach seiner Schul- und Lehrzeit, die er in Stuttgart verbrachte, arbeitete er sieben Jahre in der Versicherungsmathematik eines großen Versicherungskonzerns. Der Wechsel in die Informatik war eine logische Folge für sein Faible für die Astronomie und die Raumfahrt. Nach 18 Jahren als Softwareentwickler wanderte er 2008 in die Schweiz aus und arbeitet dort bis heute in der Informatikbranche. Bereits seit 1979 verfiel ich der Astronomie und beschäftigte mich unter anderem mit Raketentechnik und Raumflügen. Von 2005 an entstand in über 15 Jahren eine spannende Science-Fiction-Serie, die sich zu einem spannenden Fünfteiler entwickelt hat. Mit den neuen Romanen folgen nun zwei satirische und witzige Szenarien, die in der Welt nicht unmöglich erscheinen.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
„Huärä verdammtä Schissdreck. Diese schiss Dütschen“, was so viel heisst wie „Verdammter Mist. „Diese elendigen Deutschen“, fluchte Remo Bäryswil am Amriswiler Stammtisch. Remo, ein genialer Mechatroniker, bekannt durch seine Werkstatt, in der er die unterschiedlichsten Oldtimer restaurierte.
Durch seine deutsche Frau, was ihn natürlich immer wieder mal veranlasst, in den ausgedehnten Kanton zu reisen, war Remo diesmal stinksauer und auf hundertachtzig.
„Bist du gestern wieder im grossen Kanton einkaufen gewesen?“, fragte ihn Beat Lüthi, der 1,65 Meter kleine und 40 Jahre alte Landwirt, der schon bei „Bauer, ledig, sucht …“ sein Glück suchte und sich damals nur Frauen auf den Hof einlud, die 1,80 Meter und grösser waren. Nicht, weil er etwas an den Augen hatte – nein, er stand einfach nur auf grosse und stattliche Frauen. Er war Landwirt mit Herz, einem unermesslichen Herz, und immer dachte er, er müsste zu viel für die Frauen machen. Das fing bereits damit an, dass er die Dame nicht einfach mit dem Auto abholte, sondern eine Kutsche organisierte und die örtliche Stadtkapelle, die sie bis zu seinem Hof begleitete. Meist beauftragte Beat eine gute Bekannte, die nicht nur das Zimmer dekorierte, sondern auch landestypische Gerichte kochte. Einmal hatte er sogar seine Freunde dazu überredet, alles zu filmen, damit er der Dame ein Stück Erinnerung mit auf den Heimweg geben konnte. Für viele seiner Dates ein No-Go und völlig inakzeptabel. Deshalb konnte er auch nie eine ernsthafte Beziehung eingehen. Dennoch konnten viele Frauen seinem Charme auch nicht widerstehen. Seine 20 Kühe, die er alle beim Namen nennen konnte, und die 500 Hühner, die er versorgte, füllten jeden seiner Tage aus. Eigentlich hatte Beat gar keine Zeit für eine Partnerin. Vielleicht lag es aber auch daran, dass es ihm oft wichtiger war, sich wieder mit seinen besten Freunden im Ortswirtshaus, dem ‚Blauen Bären‘, zum Saufen zu treffen.
„Hör uff“, fauchte Remo zurück, was einem „Lass gut sein“ entsprach. „Stell dir vor“, beschwerte sich Remo und hielt einen Brief in der Hand. „Jetzt haben sie mich doch erwischt und wollen 150 Euro von mir haben.“
„Mensch, Remo. Das haben wir dir doch immer gesagt. Fahre nie mit 100 Sachen durch Konstanz. Das kommt nicht gut an“, ärgerte ihn Urs Siegenthaler, der 55 Jahre alte Stadtpräsident, der seine dritte Stange (0,33 l) Feldschlösschen austrank. „Du kennst doch die Schwaben – grosse Klappe und nichts dahinter. Die würden hier genauso fahren, wenn wir nicht so eine hohe Busse verlangen würden“, beruhigte er Remo.
„Ich bin doch gar nicht zu schnell gefahren. Hab das Auto halt gelegentlich mal falsch abgestellt. Das war alles. Und sonst verlangen sie ja auch nur 10 Euro dafür“, verteidigte sich Remo.
„Tja, Remo, dann darfst du halt auch nicht mit deinem roten Ford Mustang GT nach Deutschland fahren. Du weisst doch, wie neidisch die Deutschen sind, seitdem sie sich nur noch auf Dacias und diese Öko-Kisten beschränken müssen. Da fällt ein echtes Auto natürlich auf“, antwortete Beat und grinste über beide Wangen.
Remos grosse Leidenschaft waren Oldtimer aus den USA, und diese restaurierte er in seiner eigenen Werkstatt so gut, dass sie einem Neuwagen in nichts nachstanden. Und gerade in der Schweiz, wo nicht unbedingt die ärmsten Menschen wohnen, machte er damit ein prächtiges Geschäft. Gerne hätte er mehr Verbindungen in die USA, aber alles konnte man nicht haben. Mit seinen 37 Jahren hatte er bereits die 14. Freundin, und oft liefen die Wetten, ob er, bis er die 40 erreichte, die Zwanzig vollbekommen würde. Neben seinen Oldtimern und den vielen Frauen hatte Remo noch ein ganz besonderes Hobby: Er sammelte Whiskys aus der ganzen Welt und besass bestimmt 600 Flaschen. Seine trinkfreudigen und dem Bier verschworenen Freunde lud er nur selten ein, denn sie verwechselten den Genuss eines Whiskys oft mit dem einer Stange Bier, und an guten Tagen schafften sie gut dreissig Flaschen davon an einem Abend. Beim letzten Mal dauerte es drei Tage, bis sie wieder nüchtern waren, und ihre Frauen suchten sie zwei Tage lang im gesamten Thurgau. Ja, die Frauen hatten es mit ihren vier Männern wirklich nicht leicht.
„Ja, ja, Beat. Lästere du nur weiter. Nicht jeder fährt einen 25 Jahre alten Corsa mit Anhänger und versucht, die 1,90 Meter grosse Beatrice reinzustopfen, so dass sie das Schiebedach öffnen muss, um sich nicht den Nacken zu brechen“, lachte Remo.
Urs, der das Amt des Stadtpräsidenten von Amriswil besass, sowie Thomas Brendl, der 39-jährige Feuerwehrhauptmann, fingen an zu grölen und konnten sich nicht mehr einkriegen.
Thomas war der Feuerwehrhauptmann in Person. Wenn es irgendwo brannte, egal wie schlimm, Thomas bekam den Brand gelöscht. Man erzählte, dass, wenn er 500 Gramm Chili con Carne seiner geliebten Heidi ass, er selbst mit einem Furz den heftigsten Brand auspusten könnte, zum Leid der herumstehenden Personen. Urs dagegen war der stille und selbstbewusste Staatsangestellte in Person. Er war bereits zum zweiten Mal in sein Amt gewählt worden, möglicherweise auch aufgrund seines engagierten Einsatzes für die Anliegen seiner Mitbürger.. Am besten schaffte er das, wenn es darum ging, das eine oder andere Bier im ‚Blauen Bären‘ auszugeben.
„Darf ich euch noch etwas bringen?“, fragte die junge Brünette in die Runde.
„Siehste? Selbst die Bedienung ist bereits eine Dütsche. Die überrennen uns noch“, schimpfte Remo. „Noch eine Runde für uns“, rief er hinterher.
„Na, wenn es euch nicht passt, dann müsst ihr Deutschland halt erobern und uns alle zu Schweizern machen“, motzte Andrea zurück und ging zurück zum Zapfhahn.
Andrea Müller, die 1,87 Meter grosse Brünette aus Frankfurt (Oder), wanderte bereits mit 21 Jahren in die Schweiz aus und war nach 10 Jahren kurz davor, sich einbürgern zu lassen. Mit dem Schweizerdeutsch hatte sie sich nie so richtig angefreundet, verstand aber neben Französisch und Italienisch fast alle deutschsprachigen Mundarten. Sie hatte zwar ein Studium in Flugzeugtechnik, doch hatte sie nie die Chance erhalten, einen entsprechenden Job zu bekommen. So jobbte sie sich als Servicekraft durch die ganze Schweiz und verdiente dabei mehr als mancher Manager in Deutschland.
„Hey, Remo. Das ist doch die Idee des Tages. Und dann noch von 'ner Deutschen“, sagte Beat und applaudierte.
„Rede keinen Quatsch, Beat“, antwortete Thomas, „du bist ja schon total besoffen.“
„Genau. Aber so was von. Zum Erobern brauchst du keine Armee“, sagte Andrea, die plötzlich wieder am Tisch stand und die vier Stangen Bier servierte. „Meine Landsleute sind so doof, da kannst du ja sogar ohne Pass einreisen. Du musst aber bei einem vergessenen Angelschein aufpassen, denn dafür gibt’s eine Busse.“
„Ein Hoch auf die grossartige Andrea“, sagte der fast zwei Köpfe kleinere Beat, der ein Auge auf die schöne Deutsche geworfen hatte.
„Streng dich nicht an. Ich stehe nicht auf Bauern“, flirtete Andrea und lies den verdutzten Beat zurück.
„Das sass. Und eigentlich bin ich doch der Landwirt“, lachte Beat und kassierte einen Klaps auf seinen Hinterkopf.
Sie kippten ein Bier nach dem anderen und lästerten herzhaft über den deutschen Michel, der für fünf Kilometer Autobahnerneuerung über zehn Jahre brauchte und jeden ausländischen Hilfsschüler als Fachkraft bezeichnete. Irgendwann, viel später an diesem warmen Abend, als Remo vollkommen betrunken plötzlich die Idee bekam, er könne mit seinem Mustang in drei Stunden nach Frankfurt am Main hin und zurück fahren und dabei schneller sein als jede Radaranlage, beendete Ändu Friedli, der 57-jährige Wirt des ‚Blauen Bären‘, das Trinkgelage.
„Jetzt aber raus und ab nach Hause, ihr verrückten Stammgäste“, schimpfte Ändu, was die Abkürzung von André bedeutete. Er war seit 30 Jahren stolzer Besitzer des 'Blauen Bären' und schaffte es mit seinem gut bürgerlichen Ambiente, Essen und Trinken durch jede Wirtschaftskrise.
Singend, mit der schweizerischen Flagge über ihre Schultern gelegt, die sie beim Wirt aus dem Gasthaus hatten mitgehen lassen, wankten sie über die Hauptstrasse. In einer Mischung aus deutscher, englischer und schweizerischer Nationalhymne, die sie sangen, konnten ihre Frauen sie schon von weitem hören.
Am nächsten Morgen, und glaubt mir, keiner der vier kam schnell aus dem Bett, standen die Partner und Ehefrauen der Weltverbesserer in der Küche und waren sichtlich verstimmt.
„Na? „Kann man wieder nicht aus den Augen schauen“, sagte Heidi, Thomas Freundin.
Die 35-jährige Heidi zeigte wahrlich viel Geduld mit ihrem Herumtreiber, aber heute war sie froh, wenn sie ins Büro der Gemeindeverwaltung gehen konnte und ihn erst einmal nicht sah. Auf die kleinen Augen, die jede Art von Licht plötzlich blendeten, und den...




