E-Book, Deutsch, Band 2, 276 Seiten
Reihe: Die Schweizer
Bay Der kleine Reset
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-7693-4436-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 276 Seiten
Reihe: Die Schweizer
ISBN: 978-3-7693-4436-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich bin wie eine Wand, die niemals bricht. Nach diesem Motto lebe und arbeite ich. Thomas Bay ist 1965, im Jahr des blauen Beatles-Album geboren. Aufgewachsen in der Kleinstadt Bingen am Rhein, einem ehemaligen Römerkastell. Nach seiner Schul- und Lehrzeit, die er in Stuttgart verbrachte, arbeitete er sieben Jahre in der Versicherungsmathematik eines bedeutenden Versicherungskonzerns. Der Wechsel in die Informatik war eine logische Folge für sein Faible für die Astronomie und die Raumfahrt. Nach 18 Jahren als Softwareentwickler wanderte er 2008 in die Schweiz aus und arbeitet dort bis heute in der Informatikbranche. Bereits seit 1979 verfiel er der Astronomie und beschäftigte sich unter anderem mit Raketentechnik und Raumflügen. Von 2005 an, entstand in über 15 Jahre ein spannendes Science-Fiction-Epos, das sich zu einem spannenden Fünfteiler entwickelt hat. Mit den neuen Romanen folgen nun zwei satirische und witzige Bücher, die in der Welt nicht unmöglich erscheinen.
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Kapitel 1
Seit nunmehr zwei Jahren lebten ehemalige Deutsche und Eidgenossen in der neuen Schweiz Seite an Seite. Es war wie bei einem alten Ehepaar, das sich noch nicht ganz sicher ist, ob es sich mag oder nur die Hypothek es zusammenhält. Natürlich war das Zusammenleben alles andere als einfach. Nicht nur die Sprache musste gelernt werden (Was zum Teufel ist ein „Chuchichäschtli“?). Auch das kulturelle Miteinander erforderte diplomatische Fähigkeiten eines UN-Generalsekretärs. Der oft vorlaute Deutsche musste manchmal schmerzhaft einsehen, dass die Weisheit nicht unbedingt immer deutsch war – eine Erkenntnis, die bei manchen zu existenziellen Krisen führte. Verletzte gab es nie, doch ab und zu vielleicht ein paar kleinere Rangeleien um die Frage, ob es nun „Brötchen“ oder „Weggli“ oder „Mütschli“ heisst.
Selbst der Schweizer Bundesrat hatte gelegentlich das Gefühl, sich mit dieser kleinen Eroberung vielleicht etwas übernommen zu haben. Es war so, wie bei jemandem, der spontan einen Welpen adoptiert und dann merkt, dass er eigentlich eine Dogge gekauft hat. Andererseits war die Schweiz zum grössten Wirtschaftsstandort der Welt geworden. Viele Deutsche, die anfangs sehr kritisch gewesen waren, fühlten sich nun bei einem Spitzensteuersatz von nur noch 20 % als das glücklichste Volk auf Erden. Man könnte sogar sagen: glücklicher als ein Rentner im Baumarkt an einem Regentag.
Endlich hatten sie all das, wonach sie sich nach langem Warten gesehnt hatten: ein schnelles Internet (ohne 56k-Modem-Nostalgie) und eine funktionierende Bahn, die tatsächlich wieder pünktlich war – eine wahre Sensation. Zudem sollte es die Möglichkeit geben, sich mit Abstimmungen gegen den Staat zu wehren, sollte etwas mal nicht so laufen, wie es das Volk gerne hätte. Wer hätte gedacht, dass Demokratie mehr Spass macht als das tägliche Reality-TV?
Selbst der Freistaat Bayern, welcher sich zur gleichen Zeit unabhängig gemacht und Uli Hoeness als neuen Präsidenten vereidigt hatte, war mit seiner neuen Rolle im Weltgeschehen zufrieden. Uli Hoeness hatte es tatsächlich geschafft, seine Bratwürste und Brezeln sogar weltweit zu vermarkten – ein kulinarischer Imperialismus der besonderen Art. Selbst im tiefsten Afrika lagen seine Bratwürste auf dem Grill. In seinen fast täglich laufenden Werbespots konnte man seine politisch nicht ganz korrekten Slogans hören, wie: „Selbst die Reisfresser lieben Ulis Würste“ – ein Slogan, der bei der Political-Correctness-Polizei zu spontanem Kopfschütteln führte.
Doch schwer verärgert waren die Bayern, weil die Schwaben sich der neuen Schweiz angeschlossen hatten und nicht mit dem Freistaat ein Bündnis eingegangen waren. Natürlich kam es zu keiner offenen Konfrontation, da die Atmosphäre viel zu entspannt war. Aber es folgte täglich eine regelrechte Werbeschlacht zwischen dem Kanton Schwabenland und dem Freistaat Bayern – ein Krieg, der ausschliesslich mit Backwaren geführt wurde.
So wurde zum Beispiel gegen die Echtheit der bayerischen Brezel eine schwäbische Gegenoffensive gestartet, die an Dramatik einem Hollywood-Blockbuster gleichkam. Es folgten Werbespots wie: „Beissen Sie in eine bayerische Brezel und Sie werden Ihr blau-weisses Wunder erleben – bei einer schwäbischen Brezel werden Sie mit Tränen der Freude beschert.“ Bayern antwortete prompt mit einem knappen: „Stark und bayerisch oder schwach und verheult. Eine echte Breze kennt keine Heulsusen.“ Ein Slogan, der vermutlich von der Bayerischen Akademie für Poesie stammen musste.
Die Eidgenossen verfolgten diese amüsanten Rangeleien wie bei einem Fussballspiel – nur mit deutlich weniger Alkohol und dafür mit mehr Butter. Das Schönste daran aber war, dass man über sie sprach. Natürlich war auch unseren vier Helden aus Amriswil dieser Konkurrenzkampf zwischen den beiden Ländern nicht entgangen. Die Prioritäten lagen bei ihnen zurzeit woanders, denn es hatte sich in den letzten zwei Jahren viel verändert. Die schleichenden Veränderungen in der Welt, die eher im Hintergrund stattfanden, bemerkten sie natürlich nicht – sie waren schliesslich keine Verschwörungstheoretiker, sondern ganz normale Schweizer mit einem gesunden Misstrauen gegen alles und jeden. Doch beginnen wir der Reihe nach.
Unser ehemaliger Frauenjäger und leidenschaftlicher Landwirt Beat hatte seine Petra bereits sechs Monate nach der grossen Feier in London geheiratet – eine Geschwindigkeit, die selbst bei Formel-1-Rennen beeindruckend gewesen wäre. Sogar eine Glückwunschkarte der beiden englischen Prinzenpaare hatten sie erhalten. Petra stellte dieses Bild in einen Bilderrahmen, neben ihr Hochzeitsfoto – ein Schrein, der jeden Royal-Fanclub neidisch gemacht hätte. Beat war seitdem der glücklichste Bauer auf diesem Planeten. Petra unternahm alles für ihn und er setzte alles um, damit seine Petra sich ebenfalls so glücklich fühlte wie seine Kühe – eine Symbiose, die biologisch faszinierend war.
Dagegen hatte Thomas, unser Feuerwehr-Hauptmeister, weniger Glück – eigentlich gar keines, wenn man es genau nimmt. Bereits zwei Monate nach der englischen Siegesfeier liess Heidi sich scheiden. Sie hatte im versprochenen Urlaub in England, den Thomas selbstverständlich eingelöst hatte, einen walisischen Lord kennengelernt und kurzerhand die Reissleine ihrer Beziehung gezogen. Ihr waren die Eskapaden ihres Mannes eindeutig zu viel gewesen – verständlich, wenn man bedenkt, dass Thomas' Hobbys hauptsächlich aus Biertrinken und „Heldengeschichten“ erzählen bestanden. Thomas hatte sich mit der neuen Situation schnell arrangiert (Männer sind da pragmatisch). Er war sofort nach Berlin gefahren, wo er die neue Ständerätin und ehemalige Servicekraft Andrea vernaschte, die ihn bereits in London angebaggert hatte.
Leider war die Freude nur von kurzer Dauer. Denn Andrea bekam das Angebot von einem gewissen Maus Waab, beim Young Global Leadership einzusteigen. Dieses Angebot klang ungefähr so verlockend wie eine Einladung zur Steuerprüfung. Nur widerwillig trennten sie sich, gaben sich aber das Versprechen, alles nachzuholen (was auch immer das bedeuten sollte). So begab sich Thomas erneut nach Amriswil, wo der wiedergewählte Stadtrat Bernd Siegenthaler erleichtert war, nicht mehr alleine im ‚Blauen Bären‘ zu sein. Denn Einsamkeit und Bier vertragen sich nämlich nicht besonders gut.
Bernd hatte während der letzten Amtsperiode alles richtig gemacht. Dies ist eine Seltenheit in der Politik, die eigentlich festgehalten werden sollte. Mit überragender Mehrheit wurde er ein Jahr später auch wiedergewählt. Sein Freund Beat kam nur noch selten an den vereinsamten Stammtisch. War es doch jetzt seine Frau Petra, die ihm sein Leben versüsste, sodass ihm der ‚Blaue Bär‘ nicht mehr so wichtig war – ein Phänomen, das Psychologen als „Glückliche-Ehe-Syndrom“ bezeichnen. An Bernds Privatleben hatte sich nichts Entscheidendes verändert. Die Strafe, den wieder angepflanzten Garten weiterhin zu pflegen, hatte ihm Sabine erlassen – ein Gnadenakt, der in die Annalen der Beziehungsgeschichte eingehen sollte.
Der Einzige, den es in die Ferne getrieben hatte, war unser Oldtimer-Restaurator Remo, der das Angebot einer amerikanischen Autofirma angenommen hatte. Die Aussicht, ein ganz neues Leben zu beginnen, hatte ihn dazu bewogen, nach Gatesville, Texas, in die USA zu ziehen. Dieser Ortswechsel war ungefähr so dramatisch wie von der Sahara in die Antarktis zu ziehen. Helene, die anfangs grosse Existenzängste und Zweifel hatte, willigte schliesslich ein und entspannte sich recht schnell im „State of Sunshine“ (geografisch nicht ganz korrekt, aber emotional zutreffend). Trunfeld Dump hatte Remos Einreise mit einem unbegrenzten Visum ermöglicht, nachdem Remo bei der Eroberung von Deutschland aktiv mitgeholfen hatte. Seine Dankesurkunde von Queen Elisabeth hatte er in seiner Werkstatt aufgehängt – ein Schmuckstück, das jeden Handwerker neidisch machte. Helene liess es sich nicht nehmen, ihn immer wieder mal zu provozieren. Denn zur Eroberung hatte er ausser viel Bier zu trinken nicht viel beigetragen – eine Wahrheit, die schmerzhafter war als ein Hammer auf den Daumen.
Andrea, unsere gutaussehende Servicekraft aus dem ‹Blauen Bären› und heimliche Spionin des Schweizer Bundesrates, wurde nach dem Zusammenschluss beider Länder als Ständerätin des neuen Kantons ‹Berlin-Brandenburg› gewählt. Aus diesem Kanton machte Andrea in den ersten zwei Jahren einen fast bürokratiefreien und technisch modernen Kanton – ein Wunder, das normalerweise nur in Märchen vorkommt. Dieser Erfolg blieb dem Chef des FEW, Maus Waab, nicht verborgen. Deshalb warb er sie umgehend für das Young-Global-Leadership-Pro-gramm an. Es ist eine Ehre, die bisher nur CEOs grosser Firmen oder Staatschefs erhalten hatten – oder Menschen, die das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.
Anfangs völlig blauäugig startete Andrea ihre ersten Seminare. Die Ernüchterung über die...




