E-Book, Deutsch, 0 Seiten
Baxter Zeitschiffe
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-15578-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
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ISBN: 978-3-641-15578-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach seiner Rückkehr aus der Zukunft will der Zeitreisende zurückkehren, um die Eloi Weena zu retten, die in den Flammen umgekommen ist. Doch bei einem neuerlichen Vorstoß in die Zukunft muss er feststellen, dass er sie durch seine Zeitreisen verändert hat: Die Morlocks haben eine hochtechnisierte Zivilisation errichtet und sind zu den Sternen aufgebrochen. Um das zu verhindern, wagt der Zeitreisende ein gefährliches Manöver: Er reist abermals in der Zeit zurück, um sein früheres Ich vor den Folgen der Zeitreise zu warnen. Doch auch das bleibt nicht ohne Folge …
Stephen Baxter, 1957 in Liverpool geboren, studierte Mathematik und Astronomie, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er zählt zu den international bedeutendsten Autoren wissenschaftlich orientierter Literatur. Etliche seiner Romane wurden mehrfach preisgekrönt und zu internationalen Bestsellern. Stephen Baxter lebt und arbeitet im englischen Buckinghamshire.
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1. KAPITEL
Zeitreise
Es gibt drei Dimensionen des Raumes, in denen man sich frei bewegen kann. Und die Zeit ist einfach eine Vierte Dimension: in jeder wichtigen Hinsicht identisch mit den anderen drei, bis auf die Tatsache, dass unser Bewusstsein dazu gezwungen ist, sich stetig in ihr weiterzubewegen, wie mein Stift über diese Seite.
Wenn man nur – so hatte ich bei meinen Studien zu den besonderen Eigenschaften des Lichts spekuliert – wenn man nur die vier Dimensionen von Raum und Zeit anders konfigurieren könnte – z.B. Länge durch Zeit ersetzen – dann könnte man so leicht durch die Korridore der Geschichte streifen wie mit einem Taxi in der Stadt herumfahren!
Das im Material der Zeitmaschine eingelagerte Plattnerit war der Schlüssel zu ihrer Funktionsfähigkeit; das Plattnerit ermöglichte es der Maschine, auf eine spezielle Art und Weise in eine neue Konfiguration der Raumzeit zu rotieren. Deshalb berichteten Augenzeugen, die den Start der Zeitmaschine verfolgt hatten – wie z.B. mein Schriftsteller –, dass sie gesehen hätten, wie das Gerät vor seinem Verschwinden aus der Jetztzeit erratisch rotiert hätte; und deshalb litt der Zeitreisende – also ich – an durch die Zentrifugal- und Corioliskraft induzierten Schwindelgefühlen, die mich glauben ließen, von der Maschine abgeworfen zu werden.
Aber trotz all dieser Effekte hatte der durch das Plattnerit verursachte Spin eine andere Qualität als ein normaler Wirbel oder die langsame Drehung der Erde. Die Wahrnehmung bei dieser Rotation unterschied sich grundlegend von den anderen Varianten, denn der Zeitreisende hatte die Illusion, absolut ruhig im Sattel zu sitzen, während die Zeit an der Maschine vorbeiraste – es war nämlich eine Rotation aus der Raumzeit heraus.
Als sich Dunkelheit über den Tag legte, fielen die verschwommenen Konturen des Laboratoriums von mir weg, so dass ich mich schließlich in der freien Luft befand. Ich reiste wieder durch diesen Abschnitt in der Zukunft, in dem das Laboratorium vermutlich zerstört worden war. Die Sonne schoss wie eine Kanonenkugel über den Himmel, viele Male in der Minute, und beleuchtete die schwache, skelettartige Suggestion eines Gerüstes um mich herum, das aber bald verschwand und mich am freien Hang zurückließ.
Meine Geschwindigkeit durch die Zeit erhöhte sich. Das Flackern von Tag und Nacht verschmolz zu einem tiefblauen Zwielicht, und ich konnte den Mond sehen, der seine Phasen durcheilte wie ein Kinderkreisel. Und als sich die Geschwindigkeit nochmals steigerte, verwandelte sich die Kanonenkugel-Sonne in einen Lichtbogen, der sich durch den Raum spannte, ein Bogen, der am Himmel auf und ab zuckte. Um mich herum spulten sich die Jahreszeiten ab, die durch sukzessives schneeweißes Gestöber und Frühlingsgrün markiert wurden. Schließlich erreichte die Beschleunigung ein Maximum, und ich trat in eine neue, tiefe Stille ein, in der nur die jährlichen Zyklen der Erde selbst – der Umlauf um die Sonne mit den Extremen der Sonnenwende – wie ein Herzschlag über der sich entwickelnden Landschaft pulsierten.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich in meinem ersten Bericht die außergewöhnliche Stille referiert habe, in die man bei einer Zeitreise eintaucht. Das Singen der Vögel, das entfernte Rattern des Verkehrs über das Kopfsteinpflaster, das Ticken der Uhren – sogar das schwache Atmen der Struktur eines Hauses selbst – all diese Dinge bilden einen komplexen und unbewussten Hintergrund unseres Lebens. Aber jetzt, herausgerissen aus der Zeit, wurde ich nur von meiner eigenen Atmung begleitet und von der Zeitmaschine, die unter meinem Gewicht wie ein Fahrrad leise quietschte. Das Gefühl der Isolation war überwältigend – es war, als ob ich in ein fremdes, unheimliches Universum gestürzt wäre, durch dessen Wände unsere eigene Welt nur wie durch verschmutzte Fensterscheiben zu sehen war – aber in diesem neuen Universum war ich das einzige lebende Wesen. Ein profundes Gefühl der Verwirrung ergriff Besitz von mir und erregte in Kombination mit der schwindelerregenden Wahrnehmung des freien Falls, die einen Sturz in die Zukunft immer begleitet, Gefühle tiefen Ekels und der Depression.
Aber jetzt wurde das Schweigen unterbrochen. Ein tiefes Murmeln, dessen Quelle ich nicht ausmachen konnte, schien meine Ohren anzufüllen; es war ein leises Rauschen, wie das Geräusch eines großen Flusses. Ich hatte das schon bei meinem ersten Flug bemerkt; ich konnte mir seinen Ursprung zwar nicht erklären, aber es schien mir so, als ob es sich hierbei um eine Begleiterscheinung meiner unziemlichen Reise durch den gemächlichen Lauf der Zeit handeln würde.
Aber wie sehr sollte ich mich da irren – wie schon so oft bei meinen hastig aufgestellten Hypothesen!
Ich schaute auf die vier chronometrischen Uhren und nahm eine Funktionsprüfung vor, indem ich mit dem Fingernagel auf jede tippte. Auch der Zeiger der zweiten Uhr, der die Tage in Tausender-Intervallen anzeigte, hatte sich schon aus seiner Ruhestellung wegbewegt.
Diese Uhren – treue, stumme Diener – waren denen von Dampfmaschinen entlehnt. Sie maßen eine bestimmte Scherspannung in einem mit Plattnerit dotierten Quarzbrocken, eine Spannung, die durch die Verzerrungseffekte der Zeitreise induziert wurde. Die Uhren zählten Tage – keine Jahre oder Monate oder Schaltjahre oder bewegliche Feiertage! – und das hatte auch seinen guten Grund.
Als ich meine Untersuchungen hinsichtlich der Durchführbarkeit von Zeitreisen begann und insbesondere der Notwendigkeit, dabei die Position der Maschine zu bestimmen, verbrachte ich eine beträchtliche Zeitspanne damit, eine brauchbare chronometrische Uhr anzufertigen, die gleichzeitig Jahrhunderte, Jahre, Monate und Tage darstellen konnte. Mir wurde bald klar, dass ich mit diesem Projekt wahrscheinlich länger zugange sein würde als mit der Konstruktion der Zeitmaschine selbst!
Ich entwickelte eine immense Aversion gegen die Eigenheiten unseres antiken kalendarischen Systems, die aus einer Reihe von fehlerhaften Anpassungen herrühren: von den Versuchen, die Zeit für die Aussaat und die Wintermitte zu fixieren, die bis zu den Anfängen der menschlichen Gesellschaft zurückreichen. Unser Kalender ist eine historische Absurdität, die nicht einmal den mildernden Umstand der Präzision verdient – zumindest nicht im Rahmen der kosmologischen Zeitspannen, die ich überbrücken wollte.
Ich schrieb empörte Briefe an die Philosophical Transactions und später noch an die Times, in denen ich mit Reformvorschlägen aufwartete, die es uns ermöglichen würden, präzise und eindeutig auch in solchen Messbereichen zu arbeiten, die für den modernen Wissenschaftler wirklich von Interesse sind. Zunächst einmal schlug ich vor, dieses unsinnige Hantieren mit den Schaltjahren zu vergessen. Das Jahr hat annähernd dreihundertfünfundsechzigeinviertel Tage; und dieses unglückliche Viertel ist der Grund für diese ganze lächerliche Scharade mit dem Schaltjahresausgleich. Ich bot zwei Alternativmodelle an, um mit dieser Absurdität aufzuräumen. Wir könnten z.B. den Tag als Basiseinheit festsetzen und dann den Monat und das Jahr als ein Vielfaches des Tages definieren: beispielsweise ein Dreihundert-Tage-Jahr mit zehn Monaten zu je dreißig Tagen. Natürlich würde dann bald die Synchronisierung des Jahreszeitenzyklus mit der Jahresstruktur auseinanderbrechen, aber in einer so entwickelten Zivilisation wie der unseren würde das wohl kaum ein größeres Problem darstellen. So könnte z.B. das Royal Observatory in Greenwich jedes Jahr einen Kalender mit den verschiedenen Sonnenständen herausgeben – Tag- und Nachtgleiche etc. – wie schon 1891 alle Kalender die beweglichen Feiertage der christlichen Kirchen aufgeführt hatten.
Wenn auf der anderen Seite der Jahreszeitenzyklus als Basiseinheit genommen würde, müssten wir einen Neuen Tag als den exakten Bruchteil – z.B. ein Hundertstel – des Jahres definieren. Das würde allerdings bedeuten, dass der Tagesrhythmus, unsere Hell-Dunkel-Perioden, an jedem Neuen Tag auf andere Zeiten fallen würde. Aber was würde das schon ausmachen? Wie ich schon sagte, arbeiteten viele Städte bereits auf einer Vierundzwanzig-Stunden-Basis. Und was den menschlichen Aspekt betrifft, so lässt sich das Führen eines schlichten Tagebuches leicht erlernen; mit Hilfe korrekter Aufzeichnungen bräuchte man seine Schlaf- und Wachphasen höchstens ein paar Tage im Voraus festzulegen, ohne den Lebensrhythmus an sich zu beeinträchtigen.
Schließlich regte ich noch an, dass wir einmal zu dem Tag schauen sollten, an dem sich das Bewusstsein der Menschen von seinem Neunzehntes-Jahrhundert-Blickwinkel auf das Hier und Jetzt erweitert hat, und überlegen, wie die Dinge aussehen könnten, wenn wir in Zeiträumen von zehntausenden Jahren denken. Ich stellte mir einen neuen Kosmologischen Kalender vor, der auf der Präzession der Tag- und Nachtgleiche beruht – dem langsamen Taumeln der Achse unseres Planeten unter dem schwankenden gravitationalen Einfluss von Sonne und Mond – ein Zyklus, der fünfundzwanzigtausend Jahre umfasst. Mit einem solchen ›Großen Jahr‹ könnten wir unser Schicksal eindeutig und präzise messen, jetzt und für alle Zeit.
Die symbolische Bedeutung einer derartigen Korrektur, so argumentierte ich, würde weit über ihren bloßen Nutzeffekt hinausgehen – sie wäre eine geeignete Maßnahme, das heraufziehende neue Jahrhundert zu markieren – denn sie würde der gesamten Menschheit signalisieren, dass...




