E-Book, Deutsch, 0 Seiten
Baxter Flux
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-15161-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-15161-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dura und ihre Mitmenschen leben im Inneren eines Neutronensterns. Sie wissen, dass sie Geschöpfe der Urmenschen sind, riesigen Wesen, die einst von den Sternen kamen, und nach deren Ebenbild geschaffen wurden. Die Urmenschen sorgten dafür, dass ihre winzig kleinen Körper den extremen Bedingungen und der Strahlenhölle auf dem Neutronenstern angepasst wurden. Und sie gaben Duras Volk einen Auftrag – doch im Laufe der Zeit haben Dura und ihre Kameraden ihn vergessen. Als die Xeelee auftauchen und den Neutronenstern angreifen, erhalten so manche vergessenen Dinge wieder einen Sinn …
Stephen Baxter, 1957 in Liverpool geboren, studierte Mathematik und Astronomie, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er zählt zu den international bedeutendsten Autoren wissenschaftlich orientierter Literatur. Etliche seiner Romane wurden mehrfach preisgekrönt und zu internationalen Bestsellern. Stephen Baxter lebt und arbeitet im englischen Buckinghamshire.
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1DURA WURDE AUS DEM Schlaf gerissen.
Etwas stimmte nicht. Der Geruch der Photonen hatte sich verändert.
Sie sah fast nicht die Hand vor Augen, und sie krümmte die Finger. Plasma richtete sich in spiralförmigen Wirbeln an den Linien des Magfelds aus und spielte purpurfarben um die Fingerspitzen. Die Luft war warm und stickig, und alles, was sie sah, waren verschwommene Konturen.
Für einen Moment hing sie hier, zu einer Kugel zusammengerollt, im Griff des elastischen Magfelds.
In der Ferne hörte sie panische Stimmen. Sie kamen aus der Richtung des Netzes.
Dura schloss die Augen, legte die Arme um die Knie und versuchte, sich wieder in den Schlaf des Vergessens zu flüchten. Nie wieder. Beim Blut der Xeelee, fluchte sie lautlos, nicht noch einen Störfall; nicht noch einen Spin-Sturm. Sie wusste nicht, ob der kleine Stamm Menschlicher Wesen einen weiteren Sturm überleben würde … oder ob sie die Kraft besaß, eine erneute Katastrophe zu überstehen.
Nun lief ein Zittern durch das Magfeld, von dem sie umhüllt war. Sie spürte ein angenehmes Kribbeln auf der Haut, und sie passte sich dem Rhythmus des Feldes an, wie ein Kind, das in den Armen seiner Mutter gewiegt wird. Dann – was weniger angenehm war – spürte sie einen Stoß gegen den Rücken …
Nein, das war nicht das Magfeld. Sie streckte sich und dehnte dabei die Feldlinien. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und schüttelte den Kopf, um klare Sicht zu bekommen.
Die Knüffe, die sie im Rücken spürte, stammten von der Faust ihres Bruders Farr. Sie sah, dass er Latrinendienst gehabt hatte; er hielt noch den Plastikbeutel in der Hand, in dem sich der mit Neutronen angereicherte Kot befunden hatte, den er aus dem Netz entsorgt und in die Luft gekippt hatte. Sein hagerer, noch im Wachstum befindlicher Körper zitterte im instabilen Magfeld. Er schaute zu ihr auf, wobei er sein rundes Gesicht in drollige Sorgenfalten gelegt hatte. Er hatte sein Haustier an einer Flosse gepackt, ein Luft-Schwein – ein fettes Jungtier, das ungefähr die Größe von Duras Faust hatte und das noch zu jung war, um ihm die sechs Flossen zu perforieren. Das Tierchen, das wegen des Störfalls offensichtlich in Panik geraten war, zappelte in Farrs Griff, wobei es einen dünnen Strahl blauer, suprafluider Winde ausstieß.
So vernarrt, wie Farr in das Tier war, wirkte er sogar noch jünger als die zwölf Jahre, die er eigentlich zählte – Dura war dreimal so alt –, und er umklammerte das Ferkel, als ob er sich damit seine Kindheit bewahren wollte. Der Mantel war zwar groß und bot viel Platz, sagte Dura sich, aber er war kein Ort für Kinder. Farr musste schnell erwachsen werden.
Er hatte große Ähnlichkeit mit Logue, ihrem Vater.
Die noch immer schlaftrunkene Dura spürte plötzlich eine starke Zuneigung und Sorge um den Jungen; sie streichelte seine Wange und strich ihm sanft über die Stirn.
»Hallo, Farr«, begrüßte sie ihren Bruder lächelnd.
»Ich wollte dich nicht aufwecken.«
»Das hast du auch nicht. Der Stern hat mich geweckt, lange bevor du gekommen bist. Wieder ein Störfall?«
»Der schlimmste bisher, sagt Adda.«
»Lass Adda doch reden«, sagte Dura und strich ihm übers schlauchartige Haar, das wie immer wirr und struppig vom Kopf abstand. »Wir werden es überleben. Bisher haben wir es noch immer überlebt, stimmt’s? Du gehst jetzt zu deinem Vater zurück und sagst ihm, ich würde gleich kommen.«
»Geht in Ordnung.« Farr lächelte sie an, stieß sich ab und schwamm unbeholfen durchs Magfeld auf das Netz zu, wobei er noch immer die Flosse des Luft-Schweins umklammerte. Dura sah, wie die schlanke Gestalt im glitzernden, die Welt durchdringenden Feld verschwand.
Dura richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf, streckte sich und dehnte dabei das Magfeld. Dann machte sie mit offenem Mund Lockerungsübungen. Sie spürte, wie die Luft durch die Kehle in Lunge und Herz strömte und von den Kapillaren an die Muskeln abgegeben wurde; sie spürte die Energie in jeder Faser ihres Körpers.
Sie schaute sich um und roch die Photonen.
Duras Welt war der Mantel des Sterns, eine gigantische Höhle mit weißgelber Luft, die unten vom Quantenmeer und oben von der Kruste begrenzt wurde.
Die Kruste war eine dicke Matte, die mit purpurfarbenem Gras und Bäumen bewachsen war, welche aus der Ferne wie Haare wirkten. Wenn sie schielte – indem sie die Brennweite ihrer parabolischen Netzhaut veränderte –, erkannte sie dunkle Punkte, die sich um die Wurzeln der an der Unterseite der Kruste wachsenden Bäume versammelt hatten. Vielleicht handelte es sich um Rochen, eine Herde wilder Luft-Schweine oder andere Pflanzenfresser. Die Tiere waren zu weit entfernt, als dass Dura alle Einzelheiten hätte erkennen können, doch die Amphibien machten einen verwirrten Eindruck und wirbelten umeinander, wobei es immer wieder zu Zusammenstößen kam; fast glaubte sie, ihre Schreie zu hören.
Weit unter ihr bildete das purpurne Quantenmeer den Boden der Welt. Das amorphe und tödliche Meer war von einer Dunstschicht überzogen. Das Meer selbst war von dem Störfall nicht betroffen worden, wie sie erleichtert feststellte. Bisher existierte in Duras Erinnerung nur ein einziger Störfall, der so gravierend gewesen war, um ein Seebeben auszulösen. Beim Gedanken an dieses schreckliche Ereignis zitterte sie wie das Magfeld; sie war wohl so alt wie Farr gewesen, als die Neutrino-Geysire ausgebrochen waren und die Hälfte der Menschlichen Wesen – einschließlich Phir, Duras Mutter und Logues erster Frau – in den geheimnisvollen Raum jenseits der Kruste gespült hatten.
Die stahlblau glühenden Feldlinien umgaben sie wie ein Käfig. Die in einem Abstand von etwa zehn Mannhöhen verlaufenden Feldlinien füllten den Raum in einer hexagonalen Struktur aus; vom Ursprung weit oben – im Norden – legten sie sich wie die Flugbahnen riesiger Tieren um den Stern und vereinigten sich schließlich am pastellrot schimmernden Südpol, Millionen von Mannhöhen entfernt.
Sie hielt die Hände vors Gesicht und versuchte, wie mit einem Sextanten die aktuellen Abstände und Struktur der Feldlinien zu bestimmen.
Zwischen den Fingern sah sie das Lager, eine Insel quirligen Lebens – umherstreifende, ängstliche Luft-Schweine, geschäftige Menschen, das vibrierende Netz – inmitten der aufgewühlten Luftmassen. Farr mit seinem zappelnden Luft-Schwein glich einem Staubkorn, das an den unsichtbaren Feldlinien entlanggezogen wurde.
Dura versuchte, die kleine, chaotische Bastion der Menschheit zu ignorieren und sich auf das Feld zu konzentrieren.
Normalerweise war die Drift des Felds so gleichmäßig und berechenbar, dass die Menschen ihr Leben danach ausrichteten. Die in Richtung der Kruste wandernden Feldlinien wurden von zwei unterschiedlichen Schwingungen überlagert: spitze Amplituden, die einen Tag markierten und flachere, komplexere Oszillationen, anhand derer die Menschen die Monate zählten. In der Regel konnten die Menschen der Drift des Feldes leicht ausweichen; sie hatten immer reichlich Zeit, das Netz abzubauen und das Lager in einer anderen Ecke des leeren Himmels aufzuschlagen.
Dura wusste sogar, wodurch die Schwingungen der Feldlinien verursacht wurden; nur dass dieses Wissen ihr nicht viel nützte: der Stern hatte nämlich einen Trabanten, der sich weit jenseits der Kruste befand – einen Planeten, eine Kugel wie der Stern, nur kleiner und leichter –, der über ihren Köpfen rotierte und mit unsichtbaren Fingern an den Feldlinien zupfte. Und jenseits dieses Planeten wiederum – der sinnlose Gedanke stahl sich wieder in ihr Bewusstsein –, jenseits dieses Planeten waren die Sterne der Ur-Menschen, unendlich weit entfernt und ihrem Blick für immer verborgen.
Normalerweise waren sie im driftenden Feld so sicher wie in Abrahams Schoß; Menschen, Luft-Schweine und andere Lebewesen bewegten sich frei zwischen den Feldlinien, ohne dass sie irgendeiner Gefahr ausgesetzt gewesen wären …
Aber nicht bei einem Störfall.
Durch den aus den Fingern gebildeten Sextanten sah sie, dass die Struktur des Feldes durch die suprafluide Luft beeinflusst wurde, die danach strebte, sich an die veränderte Rotation des Sterns anzupassen. Instabilitäten – große, parallel verlaufende Wellenberge – wanderten bereits an den Feldlinien entlang und übertrugen die Nachricht vom erneuten Erwachen des Sterns vom geographischen Pol zum magnetischen Pol.
Die von den Feldlinien emittierten Photonen rochen bitter. Ein Spin-Sturm war im Anzug.
Dura hatte ihre Schlafstelle ungefähr fünfzig Mannhöhen vom Zentrum des Lagers der Menschlichen Wesen entfernt eingerichtet, an einer Stelle, wo das Magfeld besonders stark und sicher gewesen war. Nun schwamm sie auf das Netz zu. Durch die Bewegung wurde ein prickelnder Strom in ihrer Epidermis induziert, und sie hangelte sich wie an einer Leiter am unsichtbaren, elastischen Magfeld entlang. Wo sie nun den letzten Rest der...




