E-Book, Deutsch, 0 Seiten
Baxter Anti-Eis
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-15158-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-15158-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anti-Eis ist eine vom Himmel gefallene seltsame Substanz, die als Antriebsmittel ungeheure Energie liefert. Ihre Entdeckung durch den britischen Forscher Sir Josiah Traveller hat England einen ungeahnten technologischen Schub beschert. Im Jahr 1870 ist das britische Empire eine unbezwingbare Supermacht, die die ganze Erde beherrscht. Doch Anti-Eis hat seine Tücken: Bei Minusgraden ist es ungefährlich, wird es aber erwärmt, explodiert es mit der Wucht einer thermonuklearen Bombe. Vor allem die französischen Partisanen, zu denen die junge Françoise gehört, die sich an einen Attaché im Auswärtigen Amt, Ned Vicars, heranmacht, sind hinter der begehrten Substanz her. Denn ohne Anti-Eis ist gegen die Übermacht der Engländer nichts auszurichten …
Stephen Baxter, 1957 in Liverpool geboren, studierte Mathematik und Astronomie, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er zählt zu den international bedeutendsten Autoren wissenschaftlich orientierter Literatur. Etliche seiner Romane wurden mehrfach preisgekrönt und zu internationalen Bestsellern. Stephen Baxter lebt und arbeitet im englischen Buckinghamshire.
Weitere Infos & Material
Prolog
Ein Brief an den Vater
7. Juli 1855
Vor Sewastopol
Mein lieber Vater,
Ich weiß kaum, wie ich Euch anreden soll nach dem schändlichen Vorfall, der mich dazu bewogen hatte, mein Elternhaus zu verlassen. Ich weiß sehr wohl, dass ein volles Jahr verstrichen ist, ohne dass ich Euch eine Nachricht habe zukommen lassen, und ich empfinde nur tiefe Scham wegen meines Schweigens. Ich kann Euch versichern, bei dem Gedanken, dass Ihr, Mutter und Ned vielleicht geglaubt habt, ich würde irgendwo im entferntesten Winkel Englands liegen, einsam, mittellos und dem Tode geweiht, fühle ich mich schuldig.
Nun, Sir, die Liebe und die Pflicht in Verbindung mit den außergewöhnlichen Ereignissen der letzten Tage haben mich dazu bewogen, mein Schweigen zu brechen. Vater, ich bin am Leben und gesund und kämpfe in der 90. Leichten Infanterie im Krimkrieg für die Sache des Empire! Ich beginne diesen Bericht in den Ruinen einer russischen Festung, die wir als Redan bezeichnen – so geheißen wegen ihres dem französischen ›Zahn‹ nachempfundenen Grundrisses. Ihr müsst wissen, dass es sich hierbei um ein schlichtes, jedoch wirkungsvolles Schanzwerk aus Sandsäcken und Erdwällen handelt – vor den Ruinen von Sewastopol. Es bestehen bei mir keine Zweifel daran, dass meine bisherigen Ausführungen Euch schon hinlänglich überrascht haben – und ich hege die Hoffnung, dass Euer Herz von der Kunde meines Überlebens bis zum heutigen Tage berührt wird – und nichtsdestoweniger solltet Ihr Euch für noch Erstaunlicheres wappnen, lieber Vater, im Verlauf der Geschichte, die ich zu erzählen habe. Sicherlich habt Ihr in Russells Meldungen an die Zeitung The Times von der kürzlich erfolgten Erstürmung der Festung Sewastopol durch diesen Traveller und seine infernalische Anti-Eis-Granate gelesen. Sir, ich habe das alles mit eigenen Augen gesehen. Und, angesichts meiner ewigen Schande, betrachte ich mein Überleben als ein unverdientes Geschenk des Herrn, wo so viele gute Kameraden – Franzosen und Türken ebenso wie Engländer – neben mir gefallen sind.
Ich schulde Euch eine Erklärung dafür, was mir widerfahren ist, seit ich Sylvan an jenem dunklen Tage im vergangenen Jahr verließ, und wie es mich an diese entfernten Gestade verschlagen hat.
Wie Ihr wisst, hatte ich nur ein paar Schillinge in der Tasche. Ich verachtete mich selbst, Sir, und schämte mich; in dem Bestreben, meinen Fehler wieder gutzumachen, bestieg ich die Schwebebahn nach Liverpool und meldete mich dort beim 90. Regiment. Ich trat als einfacher Soldat ein; ich verfügte natürlich nicht über die Mittel, einen Offizierstitel zu erwerben, und überhaupt hatte ich beschlossen, in die Niederungen der Gesellschaft hinabzusteigen, mich unter die Niedrigsten der Niedrigen zu mischen, um mich so von meinen Sünden reinzuwaschen.
Eine Woche nach meiner Ankunft in Liverpool wurde ich nach Clatham abkommandiert und verbrachte dort einige Monate, um eine Ausbildung als Soldat des Empire zu absolvieren. Dann, entschlossen, mein Leben dem Willen des Herrn zu überantworten, meldete ich mich im Februar dieses Jahres freiwillig bei der 90. Leichten Infanterie, um hier, im Türkischen Krieg, eingesetzt zu werden.
Als ich auf meinen Transport wartete, in der Überzeugung, dass auf den entfernten Schlachtfeldern der Krim nur der Tod meiner harrte, war mein Verlangen, Euch zu schreiben, am heftigsten; aber mein Mut – der mich hier durch die grausamsten Gemetzel gerettet hat – schwand angesichts einer so trivialen Aufgabe, und so verließ ich England ohne ein Wort.
Nach fünfzehn Tagen erreichten wir Balaclava, und dann hatten wir noch einen mehrtägigen Marsch auf der Straße nach Norden zu den alliierten Stellungen um Sewastopol vor uns.
Ich bitte Euch um Geduld, wenn ich die Situation beschreibe, die ich dort vorfand; wenn auch Korrespondenten wie Russell die Heimat schon erschöpfend über den Feldzug unterrichtet haben, wird Euch vielleicht doch die Perspektive eines gemeinen Infanteristen des Heeres – denn ein solcher bin ich, und zwar mit Stolz – interessieren.
Sir, Ihr wisst, weshalb wir hier sind.
Unser Empire umspannt die ganze Welt. Und unser Dominion wird zusammengehalten durch Verbindungen, die unsere Lebensadern darstellen: Straßen, Eisenbahnen, Schwebebahnen und Seewege.
Zar Nikolaus hatte auf der Suche nach einem Mittelmeerhafen seinen neidischen Blick auf das zerfallende Ottomanische Reich geworfen. Also bedrohte er Konstantinopel selbst – und unsere Verbindungen nach Indien. Bald hatte der Zar den Türken zu Lande und zu Wasser geschlagen; und so erklärten wir ihm, die Franzosen an unserer Seite, den Krieg.
Wir traten unter dem Oberbefehl von Lord Raglan in den Krieg ein, der damals unter Wellington bei Waterloo gekämpft hatte. Vater, ich erblickte diesen großen Herrn höchstselbst, als er auf dem Wege zu einer Besprechung mit seinem französischen Kollegen Canrobert durch unser Lager ritt. Sir, der Anblick von Raglan an jenem Tage, wie er kerzengerade auf seinem Grauen saß, den leeren Ärmel in den Mantel geschoben hatte (die Franzosen hatten ihm damals den Arm weggeschossen) und uns aus aristokratischen, vor Sorge müden Falkenaugen musterte, der gleiche Blick, mit dem er seinerzeit Bonaparte selbst bezwang – ich kann Euch sagen, dass ich nicht der einzige war, der aus vollem Herzen jubelte und die Mütze in die Luft warf!
Aber schon seit dem Tage meiner Ankunft wurde hinter vorgehaltener Hand über Raglan geredet.
Raglan träumte noch von den ruhmreichen Tagen des Kampfes gegen den Korsen und bezeichnete die Russen anscheinend als ›Franzosen‹! Und natürlich gab es auch Kritik an Raglans Kompetenz als Feldherr. Schließlich lag unser erstes Gefecht mit den Russen bei Alma bereits zehn Monate zurück, bei dem wir es den Mannen des Zaren ordentlich gegeben hatten. Welch ein Schauspiel das nach übereinstimmender Meinung gewesen war; die Linien der Alliierten waren ein bunter Wald, der durch das Glitzern der Bajonette angestrahlt wurde, und die Ohren wurden von einem Tohuwabohu aus Lärm, Trommeln und Hörnern aller Art betäubt, alles vor dem Hintergrund des endlosen Summens einer marschierenden Armee. Ein Kamerad beschreibt eine Attacke einer Einheit der Grauen, deren hohe Bärenfellmützen den Feind weit überragten, während sie Rücken an Rücken kämpften und mit ihren Säbeln um sich schlugen …
Ich bedauere nur, dass ich den ganzen Spaß versäumt habe!
Doch nach dem Sieg bei Alma versäumte es Raglan, dem Feind nachzusetzen.
Vielleicht hätten wir die Russkis vor uns hertreiben, von der Halbinsel jagen und an Weihnachten schon wieder zuhause sein können! Aber es sollte nicht sein, und den Rest der Geschichte kennt Ihr ja selbst: Die großen Schlachten bei Balaclava und Inkerman, wobei vor Balaclava die noble Leichte Brigade unter dem Earl of Cardigan vollständig aufgerieben wurde. (Vater, ich sollte in diesem Zusammenhang vielleicht noch erwähnen, dass ich Anfang Mai die Gelegenheit hatte, jenes berühmte Nordtal hinaufzureiten, fast bis unter die russischen Geschütze, die das Ziel der Brigade gewesen waren. Der Boden war üppig mit Blumen bewachsen und leuchtete warm und golden im Licht der untergehenden Sonne; der Grund war mit Schrapnell und Granatsplittern übersät, und Blumen wuchsen zwischen den rostigen Fragmenten. Ich fand einen Pferdeschädel, an dem kein Fleisch mehr war und der einen von links nach rechts verlaufenden Durchschuss aufwies. Wir sahen keine Spur von menschlichen Überresten. Aber ich hörte, dass ein Kamerad einen Kieferknochen gefunden hatte – vollständig erhalten und ausgebleicht, mit einem perfekten, regelmäßigen Gebiss.)
Auf jeden Fall konnten die Russen sich halten und hatten sich – an Weihnachten – in der Festung Sewastopol verschanzt.
Nun, Vater, Sewastopol ist der bedeutendste Flottenstützpunkt der Russen in dieser Gegend. Wenn es uns gelang, diese Stadt einzunehmen, wäre die Bedrohung Konstantinopels hinfällig, und die mediterranen Ambitionen des Zaren hätten sich erledigt. Und so waren wir hier in großer Zahl aufmarschiert, mit unseren Schützengräben, Erdwällen und Minen; und – seit Weihnachten – belagerten wir die Stadt.
Diese Belagerung war – oder zumindest kam es mir so vor – eine Farce. Die Russen waren bestens mit Munition versorgt, und wir hatten keine Möglichkeit, eine Seeblockade zu verhängen – und so versorgten die Schiffe des Zaren die Stadt fast täglich mit allem Notwendigen!
Aber Raglan beschränkte sich darauf, die Russen in einen gemütlichen Stellungskrieg zu verwickeln. Und natürlich weigerte er sich standhaft, die Anti-Eis-Waffe auch nur ansatzweise in Betracht zu ziehen; ein Mann von seiner Ehre wollte mit derartigen Monstrositäten nichts zu schaffen haben.
Und in der Zwischenzeit warteten und warteten wir …
Ich kann einem zu gütigen Erlöser nur danken, dass ich Unwürdiger erst nach den schlimmsten Gemetzeln des Winters hier eintraf. Die Kameraden, die überlebt hatten, wussten alle eine Geschichte zu erzählen. Die Sommermonate waren noch angenehm gewesen, wisst Ihr, wo man gute Verpflegung hatte und sogar Zeit fand, Cricket zu spielen, improvisiert zwar, aber streng nach Reglement! Aber der Winter verwandelte die Straßen und Schützengräben in Schlamm. Es gab nur Zeltplanen – falls überhaupt –, und wenn die Männer etwas Schlaf finden wollten, mussten sie sich dazu in den knietiefen, gefrierenden Schlamm legen. Selbst die Offiziere lebten höchst unkommod; wie kolportiert wird, mussten sie in den Schützengräben ihre Säbel tragen, dass...




