E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Baur Sie sterben sehen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-99093-130-1
Verlag: Morawa Lesezirkel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Geschichte eines zufälligen Todes
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-99093-130-1
Verlag: Morawa Lesezirkel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wien, Frühling 1981. Nach dem Tod ihres Vaters entsteht eine innige Freundschaft zwischen der zwanzigjährigen Protagonistin und ihrem Studienkollegen Rainer. Mit dessen Freund Alex geht sie eine Liebesbeziehung ein. Kurz darauf erscheint Lilith auf der Bildfläche, in die sich Rainer verliebt hat. Lilith stellt mit ihren Ansichten und Forderungen das Leben der Erzählerin auf den Kopf. Zu viert erleben sie eine aufregende Zeit, bis es zur Katastrophe kommt.
Brigitte Baur wurde in Wien geboren. Sie studierte Deutsch, Geschichte und Theaterwissenschaften und arbeitet seit 1986 als AHS-Lehrerin. 2016 erschien ihr Buch "Liebe Frau Professor, liebe Brigitte!", das sie für ihre damalige Maturaklasse schrieb, 2017 die Erzählung "Die letzte Reise". "Mein Freund Erundich - Die Geschichte einer besonderen Freundschaft" (2020) widmete die Autorin ihren Kindern. Brigitte Baur lebt in Wien.
Autoren/Hrsg.
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TEIL 1 Wir waren eine eingeschworene Clique, wie man in den 80ern sagte, Rainer, Lilith, Alex und ich. Ich hatte Rainer während des Publizistikstudiums kennengelernt, und sein feiner Humor, seine natürliche Klugheit und seine spürbare Warmherzigkeit zogen mich an. Abgesehen davon sah er recht gut aus – er war mittelgroß, schlank, hatte dichtes, dunkelblondes Haar und graublaue, schelmisch blickende Augen. Vor allem faszinierten mich seine wunderschönen Hände; mäßig voll, über den Knöcheln der langen, schlanken Finger lagen kaum merklich gesenkte Grübchen, die wie Schatten wirkten. Ohne, dass es ihm bewusst war, riss er mich aus meiner Lethargie, denn kurz, bevor ich ihn kennengelernt hatte, war mein Vater überraschend gestorben. Sein Tod warf mich völlig aus der Bahn, noch dazu, da ich mich mit meiner Mutter nie besonders gut verstanden hatte. Seit Vaters Tod wurde ihre Traurigkeit bald zu einem Wesenszug unserer Wohnung, in der sie ständig auf und ab ging, unansprechbar und apathisch, ich schien nicht mehr für sie zu existieren. Ich weiß noch genau, wie sich Rainer nach einer Vorlesung zu mir an den kleinen, nicht ganz sauberen Tisch in der Mensa setzte. Wir hatten uns beide einen kleinen Braunen geholt. Rainer nahm einen Schluck, zog dann seine Augenbrauen in die Höhe und meinte sarkastisch: „Also der Kaffee hier ist eine bohnenlose Frechheit.“ Das erste Mal seit dem Tod meines Vaters musste ich herzlich lachen. Wir kamen ins Gespräch und stellten fest, dass wir denselben Musikgeschmack teilten; Mozart, Konstantin Wecker und The Clash zählten zu unseren Favoriten. Wir liebten dieselben Schriftsteller, allen voran Hermann Hesse, Franz Kafka und Thomas Bernhard und wir teilten ein ähnliches Schicksal. Er hatte seinen Großvater im Jahr zuvor verloren und ebenso geliebt wie ich meinen Vater. Jahre später hätte man von „Lebensmenschen“ gesprochen. Rainer war ein Sohn aus einem sogenannten „besseren Haus“, meine Mutter verwendete diesen Ausdruck gern, ich konnte ihn nicht leiden. Aber auf sie übten Menschen aus gutbürgerlichen Verhältnissen, vor allem jene, die Geld hatten, einen mir nicht nachvollziehbaren Zauber aus. Ich machte mir nichts aus Besitz, da ich immer alles verlor und außerdem keine Verantwortung tragen wollte. Rainer und ich begannen, miteinander auszugehen, fassten Vertrauen zueinander, freundeten uns an, aber, als hätten wir es uns heimlich abgemacht, wir schliefen nicht miteinander. Ich hatte Angst, wir könnten uns etwas zerstören, ich fürchtete mich vor dem Schmerz der Zurückweisung. Der Satz „If you win a love, you loose a friend“ spukte mir durchs Hirn, und Rainer war mir so ans Herz gewachsen, dass ich alles andere wollte, als ihn zu verlieren. Ich hatte auch keine Lust, mich gleichzeitig auf freundschaftlicher und sexueller Ebene mit ihm auseinanderzusetzen, denn das zu differenzieren, hätte meine Selbstreflexion und meine Kommunikationsfähigkeit überfordert. Wäre es die Sexualität wert gewesen, unsere Freundschaft komplizierter zu machen? Für mich war die Antwort völlig klar: Nein. Dass unsere Freunde sich hinterrücks den Kopf zerbrachen, was wir für eine seltsame Beziehung hätten – ich übernachtete immer wieder bei ihm – oder auch annahmen, wir seien Geheimniskrämer und hätten sicher etwas miteinander, belustigte uns beide und es machte uns Spaß, den Tratsch zu nähren. Eines Tages erzählte mir Rainer von seinem Freund Alex, den er mir lange vorenthalten hatte. Ich war ein wenig verwundert, dass er ihn mir noch nicht vorgestellt hatte, denn von den anderen hatte ich gehört, Alex sei der Star jeder Gesellschaft, charmant, witzig, beliebt. Am Abend desselben Tages sollte ich ihn kennenlernen, da er ausdrücklich uns beide zu einer Party eingeladen hatte. Ich bat Rainer, mir Alex kurz zu beschreiben und erinnere mich genau, dass er, für meinen Geschmack, seltsam reagierte. „Mach dir dein eigenes Bild!“, kam ihm etwas schroff über die Lippen. Und dann noch: „Es ist schrecklich, mit ihm zusammen auszugehen. Kaum erscheint er auf der Bildfläche, bin ich für niemanden mehr existent.“ Ich war verwirrt. „Aber er ist doch dein Freund?“ Darauf lächelte er. „Klar.“ Gemeinsam fuhren wir zu der Party, die in der Villa von Alex‘ Eltern stattfand. Das weiße Haus lag in einem noblen Vorort, von einem großen, gepflegten Garten umrahmt. Mir fielen als Erstes die hohen Tannen auf, in denen der Wind rauschte und die vielen Rosenstöcke, die den Weg zur Eingangstür säumten. Weiter hinten entdeckte ich einen Swimmingpool. „Nicht schlecht, was?“ sagte Rainer, aber ich zuckte nur die Achseln. Und dann sah ich Alex das erste Mal. Seine Schönheit tat mir fast weh, das markante Gesicht, die dunklen, blitzenden Augen, die vollen, dunkelroten Lippen, die hohe Stirn, frei für unbezähmbare Gedanken und Phantasien. Bevor er mich umarmte, fuhr er sich noch schnell mit der Hand durch sein schwarzes Haar, die kleine Geste fand ich sympathisch. „Da bist du also!“, sagte er lachend, „endlich sehe ich dich einmal!“ Seine Berührung empfand ich wie einen elektrischen Stoß, ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt irgendein Wort über die Lippen brachte. Er hatte ein Feuer, das mich wohlig wärmte, eine Sinnlichkeit, vor der ich mich nicht zu schützen vermochte und wollte, gleichzeitig aber auch eine Offenheit, die mir sofort Vertrauen einflößte. Er zog mich an der Hand in das Haus hinein, in dem es schon hoch her ging. Ich blickte noch über die Schulter zu Rainer, der mir still zulächelte, mit einem Ausdruck wie: „Ich habe es dir ja gesagt!“ Eine Sekunde schmerzte es, dann verschwand er aus meinem Blickfeld. Alex sah mich immer wieder an und redete in einem fort. Er vermittelte mir das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein und ich war überwältigt, dass ein derartig gutaussehender junger Mann sein Interesse an mir so offen bekundete. Im Hintergrund lief gerade „London Calling“ von The Clash, die Stimmung war unbeschwert, übermütig, bei „I live by the river“ stimmten alle mit ein. Alex brachte mir etwas zu trinken, und als Rainer sich mir näherte, meinte er scherzhaft: „Wieso hast du sie so lang nicht mitgenommen?“ Doch bevor Rainer antworten konnte, führte mich Alex hinaus auf die Terrasse und lud mich ein, mich neben ihn auf die Hollywoodschaukel zu setzen, „weil sie gerade frei ist!“, wie er breit grinsend feststellte. Und dann begann er mir von sich zu erzählen. Er machte auf mich einen aufrichtigen und unkomplizierten Eindruck, für einen reichen jungen Mann fast bescheiden; er sagte mir, dass er gern Graham Greene und Ernest Hemingway las und Anhänger der Sozialdemokraten sei. Er studierte Jus und erklärte mir, es sei so wie Wildwasserfahren, es bleibe immer spannend. Außerdem reizten ihn die guten Einkommenschancen, das hohe soziale Ansehen und die Gewissheit, einen sicheren Job zu haben. Auch die Aussicht, die Anwaltskanzlei seines Vaters zu übernehmen, lag nahe. Ich hörte ihm zu, betrachtete ihn von der Seite und fühlte mich einfach wohl. Alles schien ihm Genuss zu bereiten, er wirkte so, als könnte kein Wölkchen am Horizont seine Lebensfreude trüben, und die Redewendung, mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden zu sein, kam mir in den Sinn. Sie traf auf ihn zu. Bei alldem aber hatte er keinen Funken von Arroganz an sich. Seine Gesten, seine Art, zu sprechen, sein Lächeln, seine Blicke waren so liebenswert und auf eine kindliche Art fröhlich, dass ich bereits das verräterische Ziehen in der Herzgegend verspürte, das mir so vertraut war und gegen dessen Aufkeimen ich mich bei Rainer gekonnt verwehrt hatte. Bei Alex war es einfach nicht möglich. Er riss mich, wie einen dünnen Schilfhalm, mit in seinen Lebensfluss; ich wollte gern darin baden, schwimmen, vielleicht auch untergehen. Es gab keinen logischen Gedanken mehr. Ich wollte nur mehr fühlen. Ich wollte mich endlich wieder spüren. Als wir hinein gingen, hatte jemand „Hotel California“ von den Eagles aufgelegt, Alex und ich tanzten dazu, und als er mich im Arm hielt, war mir klar, dass ich mich bereits in ihn verliebt hatte. Es war wie ein Schmerz, der nicht wehtat. Natürlich dachte ich zwischendurch an Rainer, aber ich setzte mich darüber hinweg. Immerhin – wir waren beste Freunde, was hatte Alex damit zu tun? Als ich aber mitbekam, dass Rainer bereits gegangen war, ohne sich von mir zu verabschieden, streifte mich doch der Hauch eines schlechten Gewissens. Und schon verscheuchte mir Alex meinen Trübsinn. „Rainer geht es gut, mach dir keine Sorgen. Er ist manchmal so, dass er einfach abrauscht, ohne etwas zu sagen. Ist schon in Ordnung.“ Es rührte mich, dass er meine Gedanken erraten hatte. „Soll ich dich heimbringen?“ Einige Tage später traf ich mich mit Rainer. Ich hatte nichts von ihm gehört und mir...




