Baumeister | Das Zittern der Witwen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 244 Seiten

Baumeister Das Zittern der Witwen


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-3660-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 244 Seiten

ISBN: 978-3-7412-3660-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Nur wer in Angst war, findet Ruhe.' Sören Kierkegaard, Furcht und Zittern Dieses Buch zu schreiben, war ein Trost für die Autorin nach dem Tod ihres Mannes, im Juli 2012, und vielleicht auch für andere Betroffene, die sich darin wiederspiegelt sehen. Aber es ist kein Belehrungsbuch und gibt keine Ratschläge zur Bewältigung der Trauerarbeit. Die Gedichte im Schlussteil enthalten die intimsten Gefühle der Autorin angesichts des Todes. Ansonsten versucht sie in ihrer Prosa auch fiktionale Elemente einzubeziehen und neben sich selbst viele Arten von Witwen in verschiedenen Situationen zu beschreiben, wie eine Witwe in Paris nach dem Terroranschlag vom November 2015, die religiöse Witwe, die eitle Witwe eines Professors, die Witwe eines Alzheimerpatienten, die noch junge Witwe und die Witwen Indiens als Krönung eines schrecklichen Schicksals... Ohne mein Einverständnis beschlossen, als wäre ich unmündig, schwachsinnig. Vertragsänderung vom Telefon ausfüllen, von Versicherungen, Antrag auf Hinterbliebenen- Rente, Kündigung seiner Leserdaten der Bibliothek. Überall tödlicher Abmeldungsgesang. Er, gestrichen, nicht aktuell. In den Papieren lebe ich jetzt mehr, und mein Name erscheint auf Kontoauszügen allein zu meiner schmerzlichen Verwunderung. Aber dafür lebe ich viel weniger. Kein einziges Wort dieses neuen Lebensentwurfs habe ich mitgeschrieben.

Pilar Baumeister, 1948 in Barcelona, Spanien, geboren, lebt seit 1975 in Deutschland. Sie studierte deutsche, englische und russische Philologie. Nach ihren Werken 'Estados Interiores' und 'El Antro de los Extraños' auf Spanisch schreibt sie seit vielen Jahren auf Deutsch. Sie hält häufig Vorträge in Schulen und Kulturzentren von Madrid und Segovia in Spanien. In Deutschland tritt sie bei Tagungen des Verbandes Deutscher Schriftsteller, bei Lesungen im Dunkeln und Lesungen mit zweisprachigen, zugewanderten AutorInnen auf. Seit 2006 leitet sie ein NRW-weites Projekt: Lesungen von AutorInnen mit Migrationshintergrund in deutscher Sprache. Hierzu gehört das 'Festival der multikulturellen Literatur NRW' in Köln, das vom 31. August bis 2. September 2015 zum ersten Mal stattgefunden hat. Außerdem ist sie seit 1999 Sprecherin der Schriftsteller mit Migrationshintergrund im VS NRW. Pilar Baumeister schreibt vorwiegend Kurzgeschichten, aber auch Lyrik, Romane und literarische Essays. Thematisch bezieht sie sich oft auf ihre Blindheit und die Reaktionen der Gesellschaft darauf, auf ihre doppelte Heimat (Deutschland und Spanien), auf Zweisprachigkeit, Multikulturalität, Krisensituationen und das Zusammenleben mit Familie, Freunden oder Fremden. Publikationen (Auswahl): 'Leichte psychische Störungen', Norderstedt, 2016 'Getrübte Beziehungen', Norderstedt, 2015 'Die Gedankenleserin - eine fantastische Novelle', Norderstedt, 2015 'Bis morgen - Geschichten über Wiederholungsrituale', Norderstedt, 2015 'Me escondí, pero gritaba para que me oyesen. Poemas de Minerva y otras voces' (auf Spanisch), Norderstedt, 2015 'A pesar de Franco... Los mejores momentos' (auf Spanisch), Norderstedt, 2015 'Exotische Geschichten: Wo komme ich her?', Norderstedt, 2014 'Das Schiff Pardis für alle, auch für die Blinden', zweisprachiges Märchen (Deutsch-Spanisch), Bonn, 2011 'Wir schreiben Freitod... Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten', Frankfurt am Main, 2010 'Lyrikbrücken, Zehn blinde Dichter aus zehn Ländern Europas', Berlin, 2009 'Zwei Länder, die sich lieben. Geschichten aus Spanien und Deutschland', Bonn, 2006 'Die Erfindung des Erlebten. Geschichten über Behinderung, Erotik, Jenseits', Essen, 2000 www.pbaumeister-andreo.de
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Autoren/Hrsg.


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Die Überlebende


Ich gefalle mir gar nicht, seitdem ich diese Katastrophe überlebt habe.

Es ist als hätte ich mich in einem Ausnahmezustand selbst geboren, mich zur Überraschung aller meine Zellen verdoppelt, vervielfacht. Ohne Niederkunft, aus den alten Knochen der Vergangenheit entsprungen, aber ohne jegliche Ähnlichkeit mit mir, ist dieses neue Geschöpf in meine unheimliche Welt eingedrungen. Eine komische Mutter bist du, aus Kunststoff. Es ist ein seltsames, fremdes Produkt daraus entstanden, wie eine leblose Plastikpflanze.

Man sagt, ich sei sehr mutig, aber eigentlich bin ich sehr arm, unempfindlich und spirituell eine Null.

Da ich die Hand eines geliebten Menschen jetzt nicht mehr drücken darf, schlafe ich meistens mit zusammengepressten Händen und versuche von dem Kontakt mit mir selbst etwas Wärme zu erzeugen, was natürlich lächerlich ist. Aber ich tue das instinktiv, und beim Wachwerden merke ich immer wieder diese verzweifelte Position meiner beider Hände, meine linke Handfläche auf meinem rechten Handrücken liegend in Wartestellung auf unsichtbare Streicheleinheiten von jemandem, der nicht mehr da ist.

Ein Mann steht vor mir an meiner Wohnungstür. Ich weiß nicht, warum ich ihm aufgemacht habe, ohne ihn zu kennen. Es hätte ein zweites Attentat werden können. Vielleicht hatte ich die geheime Hoffnung, dass auch er ein Terrorist wäre und die schmutzige Arbeit für mich erledigen würde, meinem Lebensrest ein Ende zu setzen. Nein, lieber nicht. Ich erteile keine Genehmigung. Dafür bin nur ich selbst zuständig.

Er sagt mit sichtlichem Unbehagen, ungemütlich und stotternd: „Sie kennen mich doch, Madame. Ich habe Sie ein paar Mal im Krankenhaus besucht.“

„Nun gut... Und was möchten Sie jetzt?“

„Es tut mir so leid, Odile! Meine herzliche Anteilnahme zum Tod Ihres Mannes.“

„Danke, aber Sie wiederholen sich. Im Krankenhaus und bei der Gedenkfeier bekam ich schon die Anteilnahme von so vielen Menschen.“

„Und wie geht es ihrem Sohn?“

„Unverändert schlecht. Die Verbrennungen dritten Grades am ganzen Körper schmerzen ihn; er wird nie ein normales Leben führen können.“

Der Mann klammert sich sofort an das Positive und flüstert: „Wenigstens haben Sie es beide zusammen überlebt. Sie können sich gegenseitig helfen und sich Mut machen.“

Ich bin nicht davon überzeugt. Louis liegt meistens im Krankenhaus und ich kann nichts für ihn tun. Aber warum sollte dieser Fremde so viel von mir erfahren?

„Was ist der Grund Ihres Besuchs?“

„Wie ich Ihnen schon damals erzählte... Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe schon seit Jahren an einer Geschichte zum Terrorismus.“

Wenn man allein lebt, braucht man nur die eigene Tasse und den eigenen Teller zu spülen, und immer wird die Arbeit weniger. Heutzutage spüle ich alles nur noch mit heißem Wasser. Wofür sollte ich aus hygienischen Gründen Spülmittel benutzen? Ich nehme nur meine eigenen Bakterien auf, wenn ich von meinem Geschirr esse oder trinke. Herr Unbekannter, misstrauen Sie immer den allein lebenden Menschen. Sollte ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen, müssten Sie sich in Acht nehmen, dass ich Ihnen nicht meine eigene Tasse gebe. Aber nein, mein Schrank ist voll von gründlich gespültem Geschirr, von der Zeit, als mein Mann vor sieben Monaten noch lebte.

„Terrorismus!“, rufe ich gequält aus. „Dann haben Sie viel zu schreiben.“

„Ja, die Anschläge häufen sich immer mehr. Am Anfang wollte ich besonders minuziös sein, aber jetzt - bei dieser großen Menge - geht jede Gründlichkeit verloren. Dürfte ich ein paar Fragen an Sie stellen?“

„Nein, nicht jetzt. Ich möchte mit niemandem sprechen.“

„Könnten Sie mir dann einen Termin für nächste Woche einräumen?“

„Nein. Ich habe keinen Terminkalender.“

„Doch, in der Wohnung haben Sie bestimmt einen, auf dem Schreibtisch.“

„Aber ich will nicht, dass Sie eintreten. Lassen Sie mich in Ruhe. Ich kenne Sie nicht.“

„Doch, im Krankenhaus... Ihre Frau Mutter war auch dabei und die Schwester Ihres Mannes.“

„Ich habe es aber vergessen, ich habe alles vergessen. Außerdem notiere ich keine Termine mehr, weil mich keiner besucht. Sie sind der einzige, der komischerweise nach mir fragt.“

„Gibt es denn keinen Journalisten, der die Einzelheiten des Attentats mit Ihnen durchsprechen möchte?“

„Nein. Nach sieben Monaten ist das Interesse verflogen, und es waren so viele unter uns...“

Ich will ihm schon die Tür vor der Nase zuschlagen. Er hat kaum noch Zeit mir mit einem Seufzer seine Karte zu geben und zu flüstern: „Rufen Sie mich an, sobald Sie wiederhergestellt sind. Wir könnten zusammenarbeiten.“

Am 13. November 2015 war es, als in Paris 130 Menschen starben und so viele verletzt wurden. Und am 27. November hatten wir die Trauerfeier auf den Ehrenhof des Invalidendoms. Über 1000 Menschen, darunter die Angehörigen und sogar einige Verletzte, einige davon in Rollstühlen, nahmen daran teil. Ich war auch dort, aber ohne Rollstuhl. Trotz Schmerzen und Verwirrung im Kopf konnte ich noch ganz gut stehen und sogar knien. Ich kniete dreimal auf dem staubigen Boden des Doms, um mich auf die Probe zu stellen. Alle hatten verweinte Gesichter, alle sahen sehr schwach, übernächtigt und ramponiert aus. Ja, im Vergleich zu den anderen ging es mir wahrscheinlich blendend. Im Krankenhaus lag ich auch nicht mehr. Dort war ich nur in den ersten fünf Tagen und hauptsächlich deswegen, weil ich unter Schock stand, und besonders, damit ich in den ersten kritischen Stunden in der Nähe meines Sohnes sein konnte.

Zehn Minuten lang wurden die Namen aller vom Terrorismus Getöteten verlesen. Mehr Tränen konnte es gar nicht geben. Wir waren ein Kollektiv des Elends, und es half wenig zu denken, dass die anderen auch ähnliche Verluste erlitten hatten. Opfer aus 17 Ländern, die zwei Schwestern Kreuz in einem Restaurant, eine Doktorandin aus Venedig. Die meisten fanden ihren Tod im Konzertsaal Bataclan, 89. Habe ich nur davon in der Zeitung gelesen? Oder es tatsächlich selbst erlebt?

Den Namen meines Mannes konnte ich auf jeden Fall unter so vielen nicht hören. Ich glaube, ich war auf der Trauerfeier zu nervös und irgendwie schwerhörig geworden. Ich hörte nur Glocken, Seufzer und Flüssigkeit, auch wenn es nicht regnete. Wahrscheinlich waren es die Tränen. Und ich hörte seinen Namen tatsächlich, ununterbrochen, von Anfang an. Aber er kam nicht von den Mikrophonen, sondern von meinem eigenen Herzen. Das ist so bei den Überlebenden. Man ist nicht mehr sicher, was stimmt und was nicht. Man kann nicht mehr mit selbstsicherer Miene behaupten: „Ich heiße Odile. Und ich liebe mein Leben.“

Ich hätte diesen Schriftsteller fragen sollen, ob er auch ein Überlebender ist. Aber wahrscheinlich nicht. Er schreibt nur über Terrorismus, ohne diese grauenvollen Szenen je gesehen zu haben. Na ja, im Fernsehen nachträglich schon, aber nicht selbst erlebt, im Augenblick, als es geschah. Doch im Grunde ist es bei mir das gleiche. Ich war nicht direkt da, als es passierte und erfuhr es in den Nachrichten, und dann musste ich die Folgen tragen, mich auf die Suche nach meinen zwei geliebten Menschen begeben und an Panik und Unwohlsein beinahe sterben. Ich wurde tatsächlich sehr krank davon, vorübergehend unzurechnungsfähig, wahnsinnig. Dieser Schriftsteller dagegen gehört nicht zu den Betroffenen, Kranken, weil er nicht das unmittelbare Opfer der Katastrophe ist. Tue ich ihm vielleicht Unrecht? Vielleicht hat er dieses Thema gewählt, weil er besessen davon ist und nicht mehr vergessen kann, was er in irgendeinem der zahlreichen Attentate der Welt durchgemacht hat.

Ich habe noch seine Visitenkarte in der Hand und wähle schnell seine Handynummer. Nach ein paar Minuten ist er schon wieder bei mir und diesmal lasse ich ihn hereinkommen. Ich lasse ihn sogar bei mir sitzen und eine Tasse Tee trinken aus einer der alten, schon vor Monaten gespülten Tassen. So inkonsequent bin ich. Aber eine Überlebende hat halt wenige Chancen gut funktionierende Zusammenhänge herzustellen.

„Es ist schön, dass Sie auch einige Fragen an mich haben, Madame. Fragen Sie ruhig und ohne Bedenken.“

„Warum schreiben Sie an einer Geschichte des Terrorismus?“ „Das Thema ist längst hinfällig. Es gibt überall so viele Opfer und die Zahl der Terrorattacken aus den verschiedensten Richtungen wächst immer mehr. Was am Anfang nur ein erschreckendes, isoliertes Phänomen war wie die Flugzeugsentführungen der 70er Jahre (damit begann das ganze, glaube ich), ist jetzt zum Alltag vieler unglücklicher Bürger und ihrer Familien geworden. Zwar haben schon einige über die unterschiedlichen Hintergründe geschrieben, aber nicht genug. Ich habe alle Artikel gesammelt, zum Beispiel, über Israelis und Palästinenser, die Geschichte Libanons, die IRA, Irish Republic Army, mit den vielen Terroranschlägen in den...



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