E-Book, Deutsch, Band 5, 336 Seiten
Reihe: Worschädl-Krimis
Baum Böse Hoffnung
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7099-8406-2
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 5, 336 Seiten
Reihe: Worschädl-Krimis
ISBN: 978-3-7099-8406-2
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Baums Kriminalromane zu lesen, fühlt sich an wie ein spannungsgeladener Kinoabend. Kein Wunder, denn der Autor und Supervisor hat bereits zahlreiche Theaterstücke und Drehbücher geschrieben, darunter der Kinohit 'In drei Tagen bist du tot'. In seinem neuesten Fall 'Böse Hoffnung' begegnen Worschädl und Schinagl Menschen, die für Geld bereit sind, alles zu tun.
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Als besonders sensibel hätte Straßenmeister Lorenz Furtner sich selbst wohl nicht beschrieben. Allerdings hatte ihn vor wenigen Minuten eine spürbare Unruhe erfasst. Seine innere Apparatur wurde von einem Dilemma auf Trab gehalten. Er befand sich in einer Entweder-Oder-Situation, die ihn heillos überforderte. Dabei galt er sonst wahrlich nicht als entscheidungsschwach. Wenn die jüngeren Kollegen beim Einsetzen eines Leitpfostens den Abstand zu den Nachbarpfosten auf den Millimeter genau bestimmen mussten, genügte ihm eine ungefähre Daumenpeilung, um den Standort festzulegen. Beim wöchentlichen Lottospiel überlegte er nicht lange, sondern kreuzte die entsprechenden Zahlenkästchen in Sekundenschnelle an. Zugegebenermaßen bis dato nicht unbedingt erfolgreich.
Doch heute, am Rand einer Landstraße, etwa 480 Meter über Linz, kam er beim Hin und Her zwischen der einen und der anderen Möglichkeit auf keinen grünen Zweig. Er tendierte zwar in eine Richtung, aber dem Einschlagen dieses Pfades stemmten sich seine moralischen Prinzipien entgegen. Seine aufkeimenden liederlichen und schurkischen Anteile wurden zurückgepfiffen von eingefleischten Glaubenssätzen. Als er den etwas gesetzteren Herrn und die junge Dame aus dem Wagen steigen sah und eine Polizistin auf sie zueilte, schloss er daraus sofort, dass die beiden eine wichtige Rolle spielten. Vermutlich Kriminalpolizei.
Die würden mit ihm reden wollen.
Die würden ihn fragen, was er gesehen hatte, und eine ehrliche und detaillierte Antwort erwarten.
Die konnte er ihnen jedoch nur geben, wenn er bereit war, auf eine einmalige Chance zu verzichten. Stimmt schon, Gelegenheit macht Diebe, und für einen Dieb wollte er keinesfalls gehalten werden. Zugleich gab es in so einem Menschenleben mitunter Gelegenheiten, die man auf keinen Fall versäumen sollte. Genau eine solche bot sich ihm jetzt überdeutlich an, und bestimmt würde er sich ewig in den Hintern beißen, wenn er sie nicht ergriff.
Andererseits hatte er sich als sonntäglicher Kirchgänger stets der Wahrheit verschrieben. Er verachtete die Lüge und wollte auch die Notlüge in keiner Weise tolerieren.
Wer lügt, sündigt.
Das war immer sein Credo gewesen, und bei dieser Ansicht war er auch geblieben, wenn er nach der Messe beim Frühschoppen schon vier Halbe intus hatte. Selbst beim ärgsten Zungenschlag und mit vom Alkohol gerötetem Gesicht ging ihm die Rechtschaffenheit über alles. Deshalb galt er in der Pfarrgemeinschaft als zwar manchmal betrunkene, doch moralisch stets einwandfreie Größe. Insofern lag es auf der Hand, dass man ihm aufgrund seiner ethischen Tadellosigkeit trotz seines augenscheinlichen Suchtverhaltens die Funktion des Pfarrgemeinderatsobmanns anvertraute. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass der Furtner Lorenz im städtischen Linienbus auch nur einmal schwarzgefahren wäre oder bei der Entnahme der Sonntagszeitung weniger als den vollen Betrag eingeworfen hätte.
Kein Mensch hätte angenommen, dass Furtner seine bereits verstorbene Frau jemals heimlich betrogen oder irgendwelche verbotenen Substanzen eingenommen hätte. Nicht ein einziges Pfarrgemeinderatsmitglied hätte vermutet, dass über die Lippen ihres Vorsitzenden Lorenz Furtner auch nur eine Halbwahrheit gekommen wäre.
Auch er selbst hätte sich noch vor etwa 45 Minuten, als er sofort nach dem schrecklichen Ereignis die Rettung verständigt hatte, keinesfalls gestattet, die Wahrheit zum eigenen Vorteil zurechtzubiegen.
Aber nun kokettierte er damit.
Unangenehm war ihm dabei, dass er angesichts des allgegenwärtigen Gottes keine privaten Gespräche führen konnte. Er wäre in dieser Angelegenheit vorerst einmal ganz gerne für sich allein geblieben.
Aber die Heilige Dreifaltigkeit hatte gewiss längst mitbekommen, dass sich der Lorenz Furtner anschickte, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen.
Hallo, du willst morgen wieder in den Spiegel schauen können, wies er sich zurecht. Du darfst unter keinen Umständen lügen.
Der Straßenmeister schwankte hin und her. Wie ein steuerloses Schiff auf turbulenter See. Bis er sich nun doch fix vornahm, den beiden Beamten in Zivilkleidung, die gerade auf ihn zukamen, alles, wirklich alles, wahrheitsgetreu zu schildern.
Hundertprozentig glaubwürdig erschien der Straßenmeister dem Chefinspektor aber nicht, als er kurz danach erzählte, wovon er rein zufällig Zeuge geworden war.
Es stimmte natürlich, dass vor Furtners Augen nicht jeden Tag ein schlimmer Unfall, geschweige denn ein hundsgemeiner Mord passierte, aber für ein gestandenes Mannsbild Ende 50 hinterließ er doch einen übertrieben schockierten Eindruck. Als ob er auf einer Bühne stünde und mit dramatisiertem Pathos und gefühlsbetonten Pausen für Wirkung beim Publikum sorgen müsste.
Interessant, dass Schinagl es ähnlich empfand. Ihr fiel sofort die Vorstellung eines ländlichen Sommertheaters ein, die sie vor Jahren besucht und in der Pause wegen Effekthascherei und mieser Pointen fluchtartig verlassen hatte.
„Ja, also zuerst ist das Motorrad wie der Blitz, ich sage noch einmal, wie der Blitz an mir vorbeigerast, gleich danach dieses unglaublich fette Auto … ebenfalls mörderisch schnell … Und wenn ich mörderisch sage, dann meine ich mörderisch … meine Wenigkeit hat sich hinter den Büschen gerade vom Reparieren eines Leitpfostens erholt.“
„Der Leitpfosten da vorn?“
„Ja, genau der.“
„Und was passierte dann?“
„Plötzlich … ich sage Ihnen … plötzlich macht es einen Tuscher, und ich sehe gerade noch, wie es den Motorradfahrer in einer Art Salto aus dem Sattel schleudert. Was heißt schleudert? Torpediert! Und dann hat es ihn auf den Asphalt gedroschen. Mein Gott, dieser arme Kerl. Ich habe alles fallen gelassen, wollte hinrennen, aber dann gibt dieser Verbrecher wirklich Gas, fährt über den Verletzten, legt den Retourgang ein und überrollt ihn im Zurücksetzen gleich noch einmal.“ Der Straßenmeister schlug beide Hände vor dem Gesicht zusammen. „Alles mit voller Absicht. Schrecklich. Danach ist dieses … Verzeihung … Dreckschwein einfach davongerast. Entsetzlich, oder? Mein Gott, wie kriege ich diese erschütternden Bilder wohl jemals wieder aus dem Kopf?“
Zur zittrig gewordenen Stimme fasste sich der Schmierenkomödiant auch noch theatralisch an die Stirn. Bei Worschädl und Schinagl erzeugte er damit allerdings nicht einmal einen Hauch von Mitgefühl.
„Furchtbar“, murmelte Worschädl mit geheuchelter Empathie.
„Sie haben einiges durchgemacht“, fügte Schinagl hinzu. „Automarke und Kennzeichen haben Sie sich hoffentlich gemerkt.“
Erstaunlich, dass menschliche Vorsätze oft ein äußerst kurzes Leben haben. Kaum zur Welt gekommen, können sie schon wieder in sich zusammenbröseln. Straßenmeister Lorenz Furtner beschloss jedenfalls von einer Sekunde auf die andere, sich nun doch ein wenig bedeckt zu halten.
„Mein Gott, die Marke … das ist alles so schnell gegangen. Das war eines von diesen wuchtigen amerikanischen Autos, die man eigentlich verbieten sollte.“
„Ein SUV?“, rätselte Schinagl.
„Ja, richtig – ein SUV.“
„Na also. Welche Farbe?“
„Tut mir leid … meine Kurzsichtigkeit …“
„Was jetzt?“, mischte sich Worschädl mürrisch ein.
„Gelb, grün, orange?“
„Dunkel. Ja, das beschreibt es wohl am besten.“
„Dunkelgrün, dunkelblau …“
„Nein. Dunkel im Schwarz-Grau-Bereich.“
Bei dieser Antwort bemerkte Schinagl in Furtners Gesicht einen Anflug von Verschlagenheit. Seine Augen wichen den ihren aus, als wollten sie etwas verbergen. Möglicherweise war es nur ein Anzeichen von Unsicherheit oder Überforderung, weil Furtner der existenziellen Dimension des erlebten, tragischen Ereignisses nicht gewachsen war. Oder es gab Informationen und Details, die er ihnen unterschlug.
„Gibt es sonst noch etwas, das uns weiterhelfen könnte?“, fragte Schinagl argwöhnisch.
„Nein, das war alles. Ich müsste mich jetzt auch wieder an die Arbeit machen.“
„Aber freilich, selbstverständlich“, erwiderte Worschädl und nahm sich vor, dieses sich so entgegenkommend und auskunftsfreudig gebärdende Straßenmeisterchen genau im Auge zu behalten. Wer sich so scheinheilig benahm, konnte durchaus etwas zu verheimlichen haben.
Der Chefinspektor wartete, bis sich Furtner entfernt hatte und außer Hörweite war.
„Der ist ein ausgesprochen schlechter Lügner.“
„Was immer er uns aufgetischt hat … ich kümmere mich um alle in Linz und Umgebung zugelassenen dunklen SUVs“, kündigte Schinagl an.
„Ruf bitte auch die Werkstätten durch. Wir müssen wissen, ob jemand so einen Wagen zur...




